"ohne von der Stelle zu kommen. Während dieser Be- "wegung kam aus dem einen Klumpen ein Thierchen halb "zum Vorscheine, und bald darauf aus dem andern eben- "falls. Beyde bemüheten sich, gleichsam aus dem Ge- "fängnisse zu entkommen, welches ihnen auch endlich ge- "lung, so daß ich sie nunmehr frey betrachten konnte. -- "Anfangs waren sie gleichsam noch betäubt und einfältig, "und bewegeten ihren Körper ungemein langsam. Diese "Langsamkeit verlor sich aber zusehends, und sie wurden "nach einer halben Stunde eben so hurtig, als andre Jn- "fusionsthierchen, und schienen solche an guter Form noch "zu übertreffen. Bey andern bemerkete ich eben dieselben "merkwürdigen Abwechselungen. Noch andre gaben an- "fangs nicht das geringste Merkzeichen von Leben von sich. "Nach Verlauf von fünf Viertelstunden fiengen sie erst an "sich etwas zu schütteln. Dieß Schütteln währete eine "Stunde, und nahm immer zu, darauf fiengen sie an sich "vom Platze zu begeben, und sich unter die andern, die be- "reits in der Jnfusion schwommen, zu mischen, so daß ich "sie aus dem Gesichte verlor. -- Was den Körper dieser "Thierchen betrifft, so wurde er nach dem Auskriechen et- "was größer, blieb aber allezeit ungestaltet." Spallan- zani phys. Abh. S. 167.
§. 649.
Das Gehirn ist bey beseelten Thieren selbst nicht ein- mal gleich anfänglich sobald sie für sich bestehen, im Zu- stande seiner vollkommnen Ausbildung. Es wird unstrei- tig in der Periode des Wachsthums größer und fester, und erhält bey Thieren, die Athem holen, eine Bewegung, die es zuvor nicht hatte, §. 24. und welche auf die wirkliche Anwendung der thierischen Seelenkräfte einen Einfluß zu haben scheint. §. 634. Auch bey diesen beseelten Thieren wachsen die Nerven nach der Geburt nicht weniger fort, als bey den unbeseelten. §. 647. Es erzeuget sich bey ihnen neues empfindliches und reizbares Fleisch an Stellen, die
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4 Kap. Das thieriſche Leben.
„ohne von der Stelle zu kommen. Waͤhrend dieſer Be- „wegung kam aus dem einen Klumpen ein Thierchen halb „zum Vorſcheine, und bald darauf aus dem andern eben- „falls. Beyde bemuͤheten ſich, gleichſam aus dem Ge- „faͤngniſſe zu entkommen, welches ihnen auch endlich ge- „lung, ſo daß ich ſie nunmehr frey betrachten konnte. — „Anfangs waren ſie gleichſam noch betaͤubt und einfaͤltig, „und bewegeten ihren Koͤrper ungemein langſam. Dieſe „Langſamkeit verlor ſich aber zuſehends, und ſie wurden „nach einer halben Stunde eben ſo hurtig, als andre Jn- „fuſionsthierchen, und ſchienen ſolche an guter Form noch „zu uͤbertreffen. Bey andern bemerkete ich eben dieſelben „merkwuͤrdigen Abwechſelungen. Noch andre gaben an- „fangs nicht das geringſte Merkzeichen von Leben von ſich. „Nach Verlauf von fuͤnf Viertelſtunden fiengen ſie erſt an „ſich etwas zu ſchuͤtteln. Dieß Schuͤtteln waͤhrete eine „Stunde, und nahm immer zu, darauf fiengen ſie an ſich „vom Platze zu begeben, und ſich unter die andern, die be- „reits in der Jnfuſion ſchwommen, zu miſchen, ſo daß ich „ſie aus dem Geſichte verlor. — Was den Koͤrper dieſer „Thierchen betrifft, ſo wurde er nach dem Auskriechen et- „was groͤßer, blieb aber allezeit ungeſtaltet.“ Spallan- zani phyſ. Abh. S. 167.
§. 649.
Das Gehirn iſt bey beſeelten Thieren ſelbſt nicht ein- mal gleich anfaͤnglich ſobald ſie fuͤr ſich beſtehen, im Zu- ſtande ſeiner vollkommnen Ausbildung. Es wird unſtrei- tig in der Periode des Wachsthums groͤßer und feſter, und erhaͤlt bey Thieren, die Athem holen, eine Bewegung, die es zuvor nicht hatte, §. 24. und welche auf die wirkliche Anwendung der thieriſchen Seelenkraͤfte einen Einfluß zu haben ſcheint. §. 634. Auch bey dieſen beſeelten Thieren wachſen die Nerven nach der Geburt nicht weniger fort, als bey den unbeſeelten. §. 647. Es erzeuget ſich bey ihnen neues empfindliches und reizbares Fleiſch an Stellen, die
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4 Kap. Das thieriſche Leben.
„ohne von der Stelle zu kommen. Waͤhrend dieſer Be-
„wegung kam aus dem einen Klumpen ein Thierchen halb
„zum Vorſcheine, und bald darauf aus dem andern eben-
„falls. Beyde bemuͤheten ſich, gleichſam aus dem Ge-
„faͤngniſſe zu entkommen, welches ihnen auch endlich ge-
„lung, ſo daß ich ſie nunmehr frey betrachten konnte. —
„Anfangs waren ſie gleichſam noch betaͤubt und einfaͤltig,
„und bewegeten ihren Koͤrper ungemein langſam. Dieſe
„Langſamkeit verlor ſich aber zuſehends, und ſie wurden
„nach einer halben Stunde eben ſo hurtig, als andre Jn-
„fuſionsthierchen, und ſchienen ſolche an guter Form noch
„zu uͤbertreffen. Bey andern bemerkete ich eben dieſelben
„merkwuͤrdigen Abwechſelungen. Noch andre gaben an-
„fangs nicht das geringſte Merkzeichen von Leben von ſich.
„Nach Verlauf von fuͤnf Viertelſtunden fiengen ſie erſt an
„ſich etwas zu ſchuͤtteln. Dieß Schuͤtteln waͤhrete eine
„Stunde, und nahm immer zu, darauf fiengen ſie an ſich
„vom Platze zu begeben, und ſich unter die andern, die be-
„reits in der Jnfuſion ſchwommen, zu miſchen, ſo daß ich
„ſie aus dem Geſichte verlor. — Was den Koͤrper dieſer
„Thierchen betrifft, ſo wurde er nach dem Auskriechen et-
„was groͤßer, blieb aber allezeit ungeſtaltet.“ Spallan-
zani phyſ. Abh. S. 167.
§. 649.
Das Gehirn iſt bey beſeelten Thieren ſelbſt nicht ein-
mal gleich anfaͤnglich ſobald ſie fuͤr ſich beſtehen, im Zu-
ſtande ſeiner vollkommnen Ausbildung. Es wird unſtrei-
tig in der Periode des Wachsthums groͤßer und feſter, und
erhaͤlt bey Thieren, die Athem holen, eine Bewegung, die
es zuvor nicht hatte, §. 24. und welche auf die wirkliche
Anwendung der thieriſchen Seelenkraͤfte einen Einfluß zu
haben ſcheint. §. 634. Auch bey dieſen beſeelten Thieren
wachſen die Nerven nach der Geburt nicht weniger fort, als
bey den unbeſeelten. §. 647. Es erzeuget ſich bey ihnen
neues empfindliches und reizbares Fleiſch an Stellen, die
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Unzer, Johann August: Erste Gründe einer Physiologie der eigentlichen thierischen Natur thierischer Körper. Leipzig, 1771, S. 665. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/unzer_erstegruende_1771/689>, abgerufen am 22.02.2025.
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