sprünglich, sondern durch ihren Nerven zu: denn da im Zustande der Gesundheit der Reiz der Muskelfaser empfun- den werden kann, so muß in solchem Falle der Eindruck, welchen er in sie machet, durch den Nerven bis zum Ge- hirn fortgepflanzet werden, §. 35. und die Lebensgeister, welche die Muskelfaser befeuchten, müssen also mit denen in der Substanz des Nerven einen unmittelbaren Zusam- menhang haben, und mit ihnen gleichsam einen ununter- brochenen Strom ausmachen, das heißt, die Muskelfaser wird durch die ihr einverleibte Substanz ihres Nerven thie- risch belebet; der Reiz, der sie in eine thierische Bewegung bringt, ist ein äußerer sinnlicher Eindruck in ihren Nerven, und ihre Reizbarkeit ist ihr nicht als einer Muskelfaser, sondern als einer solchen, die durch ihren Nerven äußerer sinnlicher Eindrücke fähig ist, eigen.
§. 385.
3. "Die Thiere, die weder Gehirn, noch Rückenmark, "noch Nerven haben, z. E. die Vielfüße und andre Jn- "sekten, werden gleichwohl von jedem Reize thierisch bewe- "get, und beweisen dadurch, daß der bloße Bau der Mus- "keln, auch ohne Nerven, zur thierischen Bewegung hin- "reiche. Hierher gehöret auch die Uebereinstimmung der "Pflanzen, deren verschiedene ihre Blumen und Blätter, "nach dem verschiedenen Grade der Kälte und Wärme, er- "öffnen oder zusammenziehen, und zwar einige so geschwind, "daß sie auch den Thieren darinn nichts nachgeben." H. P. 402. 407.
Wenn die Fäsergen, welche bey Jnsekten, sobald sie berühret werden, thierische Bewegungen hervorbringen, keine solche Nerven sind, wie wir und alle mit Gehirn ver- sehene Thiere haben, so sind auch ihre Muskeln keine solche, wie unsre, weil Nerven wesentlich dazu gehören, die sich in ihnen verlieren müssen. §. 161. Die Fäsergen, deren Berührung die Jnsekten zu thierischen Bewegungen reizet, sind demnach weder solche Nerven, noch solche Muskeln,
wie
1 Kap. Die Nervenkraͤfte uͤberhaupt.
ſpruͤnglich, ſondern durch ihren Nerven zu: denn da im Zuſtande der Geſundheit der Reiz der Muskelfaſer empfun- den werden kann, ſo muß in ſolchem Falle der Eindruck, welchen er in ſie machet, durch den Nerven bis zum Ge- hirn fortgepflanzet werden, §. 35. und die Lebensgeiſter, welche die Muskelfaſer befeuchten, muͤſſen alſo mit denen in der Subſtanz des Nerven einen unmittelbaren Zuſam- menhang haben, und mit ihnen gleichſam einen ununter- brochenen Strom ausmachen, das heißt, die Muskelfaſer wird durch die ihr einverleibte Subſtanz ihres Nerven thie- riſch belebet; der Reiz, der ſie in eine thieriſche Bewegung bringt, iſt ein aͤußerer ſinnlicher Eindruck in ihren Nerven, und ihre Reizbarkeit iſt ihr nicht als einer Muskelfaſer, ſondern als einer ſolchen, die durch ihren Nerven aͤußerer ſinnlicher Eindruͤcke faͤhig iſt, eigen.
§. 385.
3. „Die Thiere, die weder Gehirn, noch Ruͤckenmark, „noch Nerven haben, z. E. die Vielfuͤße und andre Jn- „ſekten, werden gleichwohl von jedem Reize thieriſch bewe- „get, und beweiſen dadurch, daß der bloße Bau der Mus- „keln, auch ohne Nerven, zur thieriſchen Bewegung hin- „reiche. Hierher gehoͤret auch die Uebereinſtimmung der „Pflanzen, deren verſchiedene ihre Blumen und Blaͤtter, „nach dem verſchiedenen Grade der Kaͤlte und Waͤrme, er- „oͤffnen oder zuſammenziehen, und zwar einige ſo geſchwind, „daß ſie auch den Thieren darinn nichts nachgeben.“ H. P. 402. 407.
Wenn die Faͤſergen, welche bey Jnſekten, ſobald ſie beruͤhret werden, thieriſche Bewegungen hervorbringen, keine ſolche Nerven ſind, wie wir und alle mit Gehirn ver- ſehene Thiere haben, ſo ſind auch ihre Muskeln keine ſolche, wie unſre, weil Nerven weſentlich dazu gehoͤren, die ſich in ihnen verlieren muͤſſen. §. 161. Die Faͤſergen, deren Beruͤhrung die Jnſekten zu thieriſchen Bewegungen reizet, ſind demnach weder ſolche Nerven, noch ſolche Muskeln,
wie
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1 Kap. Die Nervenkraͤfte uͤberhaupt.
ſpruͤnglich, ſondern durch ihren Nerven zu: denn da im
Zuſtande der Geſundheit der Reiz der Muskelfaſer empfun-
den werden kann, ſo muß in ſolchem Falle der Eindruck,
welchen er in ſie machet, durch den Nerven bis zum Ge-
hirn fortgepflanzet werden, §. 35. und die Lebensgeiſter,
welche die Muskelfaſer befeuchten, muͤſſen alſo mit denen
in der Subſtanz des Nerven einen unmittelbaren Zuſam-
menhang haben, und mit ihnen gleichſam einen ununter-
brochenen Strom ausmachen, das heißt, die Muskelfaſer
wird durch die ihr einverleibte Subſtanz ihres Nerven thie-
riſch belebet; der Reiz, der ſie in eine thieriſche Bewegung
bringt, iſt ein aͤußerer ſinnlicher Eindruck in ihren Nerven,
und ihre Reizbarkeit iſt ihr nicht als einer Muskelfaſer,
ſondern als einer ſolchen, die durch ihren Nerven aͤußerer
ſinnlicher Eindruͤcke faͤhig iſt, eigen.
§. 385.
3. „Die Thiere, die weder Gehirn, noch Ruͤckenmark,
„noch Nerven haben, z. E. die Vielfuͤße und andre Jn-
„ſekten, werden gleichwohl von jedem Reize thieriſch bewe-
„get, und beweiſen dadurch, daß der bloße Bau der Mus-
„keln, auch ohne Nerven, zur thieriſchen Bewegung hin-
„reiche. Hierher gehoͤret auch die Uebereinſtimmung der
„Pflanzen, deren verſchiedene ihre Blumen und Blaͤtter,
„nach dem verſchiedenen Grade der Kaͤlte und Waͤrme, er-
„oͤffnen oder zuſammenziehen, und zwar einige ſo geſchwind,
„daß ſie auch den Thieren darinn nichts nachgeben.“ H. P.
402. 407.
Wenn die Faͤſergen, welche bey Jnſekten, ſobald ſie
beruͤhret werden, thieriſche Bewegungen hervorbringen,
keine ſolche Nerven ſind, wie wir und alle mit Gehirn ver-
ſehene Thiere haben, ſo ſind auch ihre Muskeln keine ſolche,
wie unſre, weil Nerven weſentlich dazu gehoͤren, die ſich in
ihnen verlieren muͤſſen. §. 161. Die Faͤſergen, deren
Beruͤhrung die Jnſekten zu thieriſchen Bewegungen reizet,
ſind demnach weder ſolche Nerven, noch ſolche Muskeln,
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Unzer, Johann August: Erste Gründe einer Physiologie der eigentlichen thierischen Natur thierischer Körper. Leipzig, 1771, S. 383. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/unzer_erstegruende_1771/407>, abgerufen am 21.11.2024.
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