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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889.

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IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.
bei dem niederländischen Gesammtstaate ihre Rechnung nicht gefunden;
er war keineswegs, wie Castlereagh einst gehofft, ihr demüthiger Client
geworden, sondern ihr mit seinen Zöllen und Rheinschifffahrtsgesetzen
sehr rücksichtslos entgegengetreten. Die alte Freundschaft bestand längst
nicht mehr, und niemals hätte die aufgeregte öffentliche Meinung dem
Cabinet gestattet, um dieses ungeliebten Nachbarn willen einen Krieg
gegen das hochgepriesene Volk der Juli-Revolution heraufzubeschwören.
Der eiserne Herzog mußte sich fügen. Schon um Mitte Septembers
wußte man in Berlin genau, daß England auf keinen Fall zur Ver-
theidigung seines alten "Bollwerks" die Waffen ziehen werde.*)

Ebenso vorsichtig verfuhr der Wiener Hof. Bei der ersten ernst-
lichen Gefährdung unseres Rheinlands ward sogleich offenbar, wie gänz-
lich dies neue Oesterreich seit dem Verluste seiner westlichen Provinzen
aus Deutschland hinausgewachsen war. Metternich klagte zwar nach seiner
Gewohnheit über den neuen Krater des rastlos arbeitenden Vulkans der
Revolution; sogar eine selbständige Verwaltung für Belgien, die er früher-
hin selber dem Könige der Niederlande angerathen, fand er jetzt hochbe-
denklich, da sie durch einen Aufruhr ertrotzt würde.**) Doch er erklärte
auch von vornherein sehr nachdrücklich, Kaiser Franz stehe in diesem
Streite nur in zweiter Reihe; für einen rheinischen Feldzug hatte Oester-
reich nur ein Hilfsheer übrig, seine beste Kraft mußte sich gegen den
Süden, gegen die drohende Erhebung der Italiener wenden. Verstimmt
und entmuthigt, wie er jetzt war, sah Metternich die belgischen Dinge im
trübsten Lichte und gestand seinem Kaiser schon am 11. October: "der
Proceß in den Niederlanden ist rein verloren."

Um so schwieriger war die Lage Preußens, das den belgischen Wirren
fast ebenso nahe stand wie England. Persönliche Theilnahme konnte der
König der Niederlande von Deutschland nicht verlangen; denn unter den
vielen unleidlichen Nachbarn Preußens war er sicherlich der böseste, und
unter allen deutschen Fürsten hatte keiner seine Bundespflichten so scham-
los mit Füßen getreten. Welche lange Reihe häßlicher Händel, von den
ersten Grenzstreitigkeiten an bis zu der Sperrung der Rheinschifffahrt
und dem dreisten Versuche, die Bundesfestung Luxemburg den deutschen
Truppen zu verschließen! Und wie hochmüthig hatte er nach dem Aachener
Congresse den preußischen Nachbarn abgewiesen, als dieser sich erbot zum
Schutze Belgiens ein stehendes Beobachtungsheer am Niederrhein aufzu-
stellen!***) Trotz alledem war Friedrich Wilhelm's Gutherzigkeit an den
Oraniern nicht irr geworden, man behandelte sie in Berlin noch immer
fast wie Glieder des königlichen Hauses. König Wilhelm war der Schwager

*) Bernstorff's Bericht an den König über die Lage der Niederlande, 17. Sep-
tember 1830.
**) Maltzahn's Bericht, 12. September 1830.
***) s. o. II. 472.

IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede.
bei dem niederländiſchen Geſammtſtaate ihre Rechnung nicht gefunden;
er war keineswegs, wie Caſtlereagh einſt gehofft, ihr demüthiger Client
geworden, ſondern ihr mit ſeinen Zöllen und Rheinſchifffahrtsgeſetzen
ſehr rückſichtslos entgegengetreten. Die alte Freundſchaft beſtand längſt
nicht mehr, und niemals hätte die aufgeregte öffentliche Meinung dem
Cabinet geſtattet, um dieſes ungeliebten Nachbarn willen einen Krieg
gegen das hochgeprieſene Volk der Juli-Revolution heraufzubeſchwören.
Der eiſerne Herzog mußte ſich fügen. Schon um Mitte Septembers
wußte man in Berlin genau, daß England auf keinen Fall zur Ver-
theidigung ſeines alten „Bollwerks“ die Waffen ziehen werde.*)

Ebenſo vorſichtig verfuhr der Wiener Hof. Bei der erſten ernſt-
lichen Gefährdung unſeres Rheinlands ward ſogleich offenbar, wie gänz-
lich dies neue Oeſterreich ſeit dem Verluſte ſeiner weſtlichen Provinzen
aus Deutſchland hinausgewachſen war. Metternich klagte zwar nach ſeiner
Gewohnheit über den neuen Krater des raſtlos arbeitenden Vulkans der
Revolution; ſogar eine ſelbſtändige Verwaltung für Belgien, die er früher-
hin ſelber dem Könige der Niederlande angerathen, fand er jetzt hochbe-
denklich, da ſie durch einen Aufruhr ertrotzt würde.**) Doch er erklärte
auch von vornherein ſehr nachdrücklich, Kaiſer Franz ſtehe in dieſem
Streite nur in zweiter Reihe; für einen rheiniſchen Feldzug hatte Oeſter-
reich nur ein Hilfsheer übrig, ſeine beſte Kraft mußte ſich gegen den
Süden, gegen die drohende Erhebung der Italiener wenden. Verſtimmt
und entmuthigt, wie er jetzt war, ſah Metternich die belgiſchen Dinge im
trübſten Lichte und geſtand ſeinem Kaiſer ſchon am 11. October: „der
Proceß in den Niederlanden iſt rein verloren.“

Um ſo ſchwieriger war die Lage Preußens, das den belgiſchen Wirren
faſt ebenſo nahe ſtand wie England. Perſönliche Theilnahme konnte der
König der Niederlande von Deutſchland nicht verlangen; denn unter den
vielen unleidlichen Nachbarn Preußens war er ſicherlich der böſeſte, und
unter allen deutſchen Fürſten hatte keiner ſeine Bundespflichten ſo ſcham-
los mit Füßen getreten. Welche lange Reihe häßlicher Händel, von den
erſten Grenzſtreitigkeiten an bis zu der Sperrung der Rheinſchifffahrt
und dem dreiſten Verſuche, die Bundesfeſtung Luxemburg den deutſchen
Truppen zu verſchließen! Und wie hochmüthig hatte er nach dem Aachener
Congreſſe den preußiſchen Nachbarn abgewieſen, als dieſer ſich erbot zum
Schutze Belgiens ein ſtehendes Beobachtungsheer am Niederrhein aufzu-
ſtellen!***) Trotz alledem war Friedrich Wilhelm’s Gutherzigkeit an den
Oraniern nicht irr geworden, man behandelte ſie in Berlin noch immer
faſt wie Glieder des königlichen Hauſes. König Wilhelm war der Schwager

*) Bernſtorff’s Bericht an den König über die Lage der Niederlande, 17. Sep-
tember 1830.
**) Maltzahn’s Bericht, 12. September 1830.
***) ſ. o. II. 472.
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[44/0058] IV. 1. Die Juli-Revolution und der Weltfriede. bei dem niederländiſchen Geſammtſtaate ihre Rechnung nicht gefunden; er war keineswegs, wie Caſtlereagh einſt gehofft, ihr demüthiger Client geworden, ſondern ihr mit ſeinen Zöllen und Rheinſchifffahrtsgeſetzen ſehr rückſichtslos entgegengetreten. Die alte Freundſchaft beſtand längſt nicht mehr, und niemals hätte die aufgeregte öffentliche Meinung dem Cabinet geſtattet, um dieſes ungeliebten Nachbarn willen einen Krieg gegen das hochgeprieſene Volk der Juli-Revolution heraufzubeſchwören. Der eiſerne Herzog mußte ſich fügen. Schon um Mitte Septembers wußte man in Berlin genau, daß England auf keinen Fall zur Ver- theidigung ſeines alten „Bollwerks“ die Waffen ziehen werde. *) Ebenſo vorſichtig verfuhr der Wiener Hof. Bei der erſten ernſt- lichen Gefährdung unſeres Rheinlands ward ſogleich offenbar, wie gänz- lich dies neue Oeſterreich ſeit dem Verluſte ſeiner weſtlichen Provinzen aus Deutſchland hinausgewachſen war. Metternich klagte zwar nach ſeiner Gewohnheit über den neuen Krater des raſtlos arbeitenden Vulkans der Revolution; ſogar eine ſelbſtändige Verwaltung für Belgien, die er früher- hin ſelber dem Könige der Niederlande angerathen, fand er jetzt hochbe- denklich, da ſie durch einen Aufruhr ertrotzt würde. **) Doch er erklärte auch von vornherein ſehr nachdrücklich, Kaiſer Franz ſtehe in dieſem Streite nur in zweiter Reihe; für einen rheiniſchen Feldzug hatte Oeſter- reich nur ein Hilfsheer übrig, ſeine beſte Kraft mußte ſich gegen den Süden, gegen die drohende Erhebung der Italiener wenden. Verſtimmt und entmuthigt, wie er jetzt war, ſah Metternich die belgiſchen Dinge im trübſten Lichte und geſtand ſeinem Kaiſer ſchon am 11. October: „der Proceß in den Niederlanden iſt rein verloren.“ Um ſo ſchwieriger war die Lage Preußens, das den belgiſchen Wirren faſt ebenſo nahe ſtand wie England. Perſönliche Theilnahme konnte der König der Niederlande von Deutſchland nicht verlangen; denn unter den vielen unleidlichen Nachbarn Preußens war er ſicherlich der böſeſte, und unter allen deutſchen Fürſten hatte keiner ſeine Bundespflichten ſo ſcham- los mit Füßen getreten. Welche lange Reihe häßlicher Händel, von den erſten Grenzſtreitigkeiten an bis zu der Sperrung der Rheinſchifffahrt und dem dreiſten Verſuche, die Bundesfeſtung Luxemburg den deutſchen Truppen zu verſchließen! Und wie hochmüthig hatte er nach dem Aachener Congreſſe den preußiſchen Nachbarn abgewieſen, als dieſer ſich erbot zum Schutze Belgiens ein ſtehendes Beobachtungsheer am Niederrhein aufzu- ſtellen! ***) Trotz alledem war Friedrich Wilhelm’s Gutherzigkeit an den Oraniern nicht irr geworden, man behandelte ſie in Berlin noch immer faſt wie Glieder des königlichen Hauſes. König Wilhelm war der Schwager *) Bernſtorff’s Bericht an den König über die Lage der Niederlande, 17. Sep- tember 1830. **) Maltzahn’s Bericht, 12. September 1830. ***) ſ. o. II. 472.

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 4: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. Leipzig, 1889, S. 44. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte04_1889/58>, abgerufen am 22.09.2019.