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Stock, Ch. L.: Grundzüge der Verfassung des Gesellenwesens der deutschen Handwerker in alter und neuer Zeit. Magdeburg, 1844.

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nannte; er vergalt also dadurch die Wohlthat der Brüderschaft
sogleich wieder.

Der Umschau steht entgegen das Zuschicken. Es war
bei den Schneidern und Schuhmachern gebräuchlich, in der
neuesten Zeit sollen es auch die Tischler angenommen haben.
Es verhält sich so damit: Die Meister, welche Gesellen zu ha-
ben wünschen, zeigen es auf der Herberge an, und der Wirth ist
schuldig, den Meister, welcher sich zuerst bei ihm gemeldet hat,
und so fort nach der Ordnung zu benachrichtigen, wenn reisende
Gesellen ankommen, oder, nach genommener Abrede, sogleich ihm
zuzuschicken. Auch Zuführen wurde es genannt, welches
bei den Schuhmachern ein armer Meister als Handwerksbote
verrichtete, und dafür einige Groschen von den Gesellen erhielt.
Die Gesellen der Hufschmiede holten sich das Geschenk selbst
und baten zugleich um Arbeit.

Unter allen Arten, wie die wandernden Gesellen ein Unter-
kommen erhielten, war die Umschau die beste, wenn sie auch mit
einigen Ausgaben und Zeitversäumniß verknüpft war. Höchst
schädlich für sie ist dagegen die Verfassung, wo sie sich selbst
Arbeit suchen müssen, besonders in großen Städten. Sie bringt
sie um die wenigen Groschen Reisegeld, die sie vielleicht noch
besitzen, sie zwingt die notorisch armen zum Betteln oder Fech-
ten, wie sie es nennen, entmuthigt und verschlechtert sie, die be-
reits zum Betteln geneigten finden darin eine gar nicht zu
hindernde Gelegenheit dazu und ihrem Trieb zum Nichtsthun zu
folgen. Sie können in einer großen Stadt mehrere Tage, unter
dem Vorwand, einen Meister zu suchen, umherschleichen und
betteln. Diese Befürchtungen beseitigte aber die Umschau nicht
allein, sie übte noch eine andere bedeutende moralische Kraft auf
die jungen Leute, nehmlich die Gewöhnung an Gastfreundschaft,
an thätige Theilnahme an dem Schicksal eines leidenden Bru-
ders. Der arme Handwerksbursche, wenn er sich selbst ein Un-
terkommen in einer großen Stadt suchen muß, läuft einsam in
den Straßen umher, ohne besondere oder wohl gar unangenehme
Theilnahme zu erregen; der, welcher vom Zuschicken abhängt, ist
der Willkühr des Handwerksboten oder des Herbergswirths hin-

nannte; er vergalt alſo dadurch die Wohlthat der Brüderſchaft
ſogleich wieder.

Der Umſchau ſteht entgegen das Zuſchicken. Es war
bei den Schneidern und Schuhmachern gebräuchlich, in der
neueſten Zeit ſollen es auch die Tiſchler angenommen haben.
Es verhält ſich ſo damit: Die Meiſter, welche Geſellen zu ha-
ben wünſchen, zeigen es auf der Herberge an, und der Wirth iſt
ſchuldig, den Meiſter, welcher ſich zuerſt bei ihm gemeldet hat,
und ſo fort nach der Ordnung zu benachrichtigen, wenn reiſende
Geſellen ankommen, oder, nach genommener Abrede, ſogleich ihm
zuzuſchicken. Auch Zuführen wurde es genannt, welches
bei den Schuhmachern ein armer Meiſter als Handwerksbote
verrichtete, und dafür einige Groſchen von den Geſellen erhielt.
Die Geſellen der Hufſchmiede holten ſich das Geſchenk ſelbſt
und baten zugleich um Arbeit.

Unter allen Arten, wie die wandernden Geſellen ein Unter-
kommen erhielten, war die Umſchau die beſte, wenn ſie auch mit
einigen Ausgaben und Zeitverſäumniß verknüpft war. Höchſt
ſchädlich für ſie iſt dagegen die Verfaſſung, wo ſie ſich ſelbſt
Arbeit ſuchen müſſen, beſonders in großen Städten. Sie bringt
ſie um die wenigen Groſchen Reiſegeld, die ſie vielleicht noch
beſitzen, ſie zwingt die notoriſch armen zum Betteln oder Fech-
ten, wie ſie es nennen, entmuthigt und verſchlechtert ſie, die be-
reits zum Betteln geneigten finden darin eine gar nicht zu
hindernde Gelegenheit dazu und ihrem Trieb zum Nichtsthun zu
folgen. Sie können in einer großen Stadt mehrere Tage, unter
dem Vorwand, einen Meiſter zu ſuchen, umherſchleichen und
betteln. Dieſe Befürchtungen beſeitigte aber die Umſchau nicht
allein, ſie übte noch eine andere bedeutende moraliſche Kraft auf
die jungen Leute, nehmlich die Gewöhnung an Gaſtfreundſchaft,
an thätige Theilnahme an dem Schickſal eines leidenden Bru-
ders. Der arme Handwerksburſche, wenn er ſich ſelbſt ein Un-
terkommen in einer großen Stadt ſuchen muß, läuft einſam in
den Straßen umher, ohne beſondere oder wohl gar unangenehme
Theilnahme zu erregen; der, welcher vom Zuſchicken abhängt, iſt
der Willkühr des Handwerksboten oder des Herbergswirths hin-

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[52/0062] nannte; er vergalt alſo dadurch die Wohlthat der Brüderſchaft ſogleich wieder. Der Umſchau ſteht entgegen das Zuſchicken. Es war bei den Schneidern und Schuhmachern gebräuchlich, in der neueſten Zeit ſollen es auch die Tiſchler angenommen haben. Es verhält ſich ſo damit: Die Meiſter, welche Geſellen zu ha- ben wünſchen, zeigen es auf der Herberge an, und der Wirth iſt ſchuldig, den Meiſter, welcher ſich zuerſt bei ihm gemeldet hat, und ſo fort nach der Ordnung zu benachrichtigen, wenn reiſende Geſellen ankommen, oder, nach genommener Abrede, ſogleich ihm zuzuſchicken. Auch Zuführen wurde es genannt, welches bei den Schuhmachern ein armer Meiſter als Handwerksbote verrichtete, und dafür einige Groſchen von den Geſellen erhielt. Die Geſellen der Hufſchmiede holten ſich das Geſchenk ſelbſt und baten zugleich um Arbeit. Unter allen Arten, wie die wandernden Geſellen ein Unter- kommen erhielten, war die Umſchau die beſte, wenn ſie auch mit einigen Ausgaben und Zeitverſäumniß verknüpft war. Höchſt ſchädlich für ſie iſt dagegen die Verfaſſung, wo ſie ſich ſelbſt Arbeit ſuchen müſſen, beſonders in großen Städten. Sie bringt ſie um die wenigen Groſchen Reiſegeld, die ſie vielleicht noch beſitzen, ſie zwingt die notoriſch armen zum Betteln oder Fech- ten, wie ſie es nennen, entmuthigt und verſchlechtert ſie, die be- reits zum Betteln geneigten finden darin eine gar nicht zu hindernde Gelegenheit dazu und ihrem Trieb zum Nichtsthun zu folgen. Sie können in einer großen Stadt mehrere Tage, unter dem Vorwand, einen Meiſter zu ſuchen, umherſchleichen und betteln. Dieſe Befürchtungen beſeitigte aber die Umſchau nicht allein, ſie übte noch eine andere bedeutende moraliſche Kraft auf die jungen Leute, nehmlich die Gewöhnung an Gaſtfreundſchaft, an thätige Theilnahme an dem Schickſal eines leidenden Bru- ders. Der arme Handwerksburſche, wenn er ſich ſelbſt ein Un- terkommen in einer großen Stadt ſuchen muß, läuft einſam in den Straßen umher, ohne beſondere oder wohl gar unangenehme Theilnahme zu erregen; der, welcher vom Zuſchicken abhängt, iſt der Willkühr des Handwerksboten oder des Herbergswirths hin-

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Zitationshilfe: Stock, Ch. L.: Grundzüge der Verfassung des Gesellenwesens der deutschen Handwerker in alter und neuer Zeit. Magdeburg, 1844, S. 52. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stock_gesellenwesen_1844/62>, abgerufen am 27.06.2019.