Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Stock, Ch. L.: Grundzüge der Verfassung des Gesellenwesens der deutschen Handwerker in alter und neuer Zeit. Magdeburg, 1844.

Bild:
<< vorherige Seite

kranke Mitglieder vorhanden, so traten die Meister hülflich
hinzu. *) Die Verstorbenen wurden von der gesammten Brü-
derschaft zur Erde bestattet; zu dem Ende unterhielten in großen
Städten die Zimmergesellen, Maurer, die Tuchmacher, Schuh-
macher, Schneider etc. eigenes Leichengeräthe. Ihr öffentliches
Betragen sollte anständig seyn, zu dem Ende durfte keiner un-
sauber gekleidet auf der Straße erscheinen, **) Trunkenheit ver-
meiden, nicht mit verdächtigen Frauenzimmern umgehen oder sie
auf die Herberge bringen, bei der Abreise aus der Stadt keine
Schulden hinterlassen, widrigenfalls wurde ihnen nachgeschrieben
und sie so lange verfolgt, bis sie solche berichtiget hatten; sich
gegenseitig nicht verläumden, überhaupt offen und redlich mit
einander umgehen; von dem, was bei der Auflage vorkam, nicht
gegen Fremde sprechen, endlich die Gewohnheiten und Gebräuche
fortpflanzen, Handwerksgewohnheit stärken und nicht
schwächen
, sagten die Maurer und Seiler. Der Verdacht,
noch mehr aber eine bekannt gewordene schlechte Handlung,
Diebstahl, absichtlicher Betrug u. dgl. schloß den Betheiligten
bis nach erfolgter Entscheidung, von der Brüderschaft in jeder
Stadt aus; ungünstige vollstreckte obrigkeitliche Urtheile hatten
für sie dieselben harten Folgen wie bei den Meisterschaften, wo
ein erwiesener und bestrafter Diebstahl oder dem ähnliches Ver-
brechen den Verlust der Innung oder Gilde nach sich zog.


*) Die Statuten bewilligten eigentlich nur Vorschüsse, welche die Wie-
dergenesenen erstatten sollten; befanden sie sich dazu außer Stande,
besonders wenn sie aus Mangel an Arbeit reisen mußten, so wurden
sie ihnen erlassen. Starb der Kranke unter der Pflege der Gesell-
schaft: so fiel seine Verlassenschaft an Kleidern, Geld etc. dieser an-
heim, wenn seine Verwandten sie durch Erstattung der Verpflegungs-
kosten nicht auslös'ten.
**) Und wie er sich in Allem der Ehrbarkeit befleißigen soll, sagen die
Raschmacher in Quedlinburg, also soll er auch nicht mit unbedecktem
Haupt und entblößten Füßen über die Straße gehen oder mit Knaben
und Jungen spielen etc. (Prov.-A. in Magdeb.) Auch den Bäckerge-
sellen in Erfurt wurde verboten, auf der Straße baarschenkelig
zu erscheinen. Die Glaser in Magdeburg verboten in der Vorsage
dem neuen Gesellen, aus der Tasche zu naschen etc.

kranke Mitglieder vorhanden, ſo traten die Meiſter hülflich
hinzu. *) Die Verſtorbenen wurden von der geſammten Brü-
derſchaft zur Erde beſtattet; zu dem Ende unterhielten in großen
Städten die Zimmergeſellen, Maurer, die Tuchmacher, Schuh-
macher, Schneider ꝛc. eigenes Leichengeräthe. Ihr öffentliches
Betragen ſollte anſtändig ſeyn, zu dem Ende durfte keiner un-
ſauber gekleidet auf der Straße erſcheinen, **) Trunkenheit ver-
meiden, nicht mit verdächtigen Frauenzimmern umgehen oder ſie
auf die Herberge bringen, bei der Abreiſe aus der Stadt keine
Schulden hinterlaſſen, widrigenfalls wurde ihnen nachgeſchrieben
und ſie ſo lange verfolgt, bis ſie ſolche berichtiget hatten; ſich
gegenſeitig nicht verläumden, überhaupt offen und redlich mit
einander umgehen; von dem, was bei der Auflage vorkam, nicht
gegen Fremde ſprechen, endlich die Gewohnheiten und Gebräuche
fortpflanzen, Handwerksgewohnheit ſtärken und nicht
ſchwächen
, ſagten die Maurer und Seiler. Der Verdacht,
noch mehr aber eine bekannt gewordene ſchlechte Handlung,
Diebſtahl, abſichtlicher Betrug u. dgl. ſchloß den Betheiligten
bis nach erfolgter Entſcheidung, von der Brüderſchaft in jeder
Stadt aus; ungünſtige vollſtreckte obrigkeitliche Urtheile hatten
für ſie dieſelben harten Folgen wie bei den Meiſterſchaften, wo
ein erwieſener und beſtrafter Diebſtahl oder dem ähnliches Ver-
brechen den Verluſt der Innung oder Gilde nach ſich zog.


*) Die Statuten bewilligten eigentlich nur Vorſchüſſe, welche die Wie-
dergeneſenen erſtatten ſollten; befanden ſie ſich dazu außer Stande,
beſonders wenn ſie aus Mangel an Arbeit reiſen mußten, ſo wurden
ſie ihnen erlaſſen. Starb der Kranke unter der Pflege der Geſell-
ſchaft: ſo fiel ſeine Verlaſſenſchaft an Kleidern, Geld ꝛc. dieſer an-
heim, wenn ſeine Verwandten ſie durch Erſtattung der Verpflegungs-
koſten nicht auslöſ’ten.
**) Und wie er ſich in Allem der Ehrbarkeit befleißigen ſoll, ſagen die
Raſchmacher in Quedlinburg, alſo ſoll er auch nicht mit unbedecktem
Haupt und entblößten Füßen über die Straße gehen oder mit Knaben
und Jungen ſpielen ꝛc. (Prov.-A. in Magdeb.) Auch den Bäckerge-
ſellen in Erfurt wurde verboten, auf der Straße baarſchenkelig
zu erſcheinen. Die Glaſer in Magdeburg verboten in der Vorſage
dem neuen Geſellen, aus der Taſche zu naſchen ꝛc.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0020" n="10"/>
kranke Mitglieder vorhanden, &#x017F;o traten die Mei&#x017F;ter hülflich<lb/>
hinzu. <note place="foot" n="*)">Die Statuten bewilligten eigentlich nur Vor&#x017F;chü&#x017F;&#x017F;e, welche die Wie-<lb/>
dergene&#x017F;enen er&#x017F;tatten &#x017F;ollten; befanden &#x017F;ie &#x017F;ich dazu außer Stande,<lb/>
be&#x017F;onders wenn &#x017F;ie aus Mangel an Arbeit rei&#x017F;en mußten, &#x017F;o wurden<lb/>
&#x017F;ie ihnen erla&#x017F;&#x017F;en. Starb der Kranke unter der Pflege der Ge&#x017F;ell-<lb/>
&#x017F;chaft: &#x017F;o fiel &#x017F;eine Verla&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft an Kleidern, Geld &#xA75B;c. die&#x017F;er an-<lb/>
heim, wenn &#x017F;eine Verwandten &#x017F;ie durch Er&#x017F;tattung der Verpflegungs-<lb/>
ko&#x017F;ten nicht auslö&#x017F;&#x2019;ten.</note> Die Ver&#x017F;torbenen wurden von der ge&#x017F;ammten Brü-<lb/>
der&#x017F;chaft zur Erde be&#x017F;tattet; zu dem Ende unterhielten in großen<lb/>
Städten die Zimmerge&#x017F;ellen, Maurer, die Tuchmacher, Schuh-<lb/>
macher, Schneider &#xA75B;c. eigenes Leichengeräthe. Ihr öffentliches<lb/>
Betragen &#x017F;ollte an&#x017F;tändig &#x017F;eyn, zu dem Ende durfte keiner un-<lb/>
&#x017F;auber gekleidet auf der Straße er&#x017F;cheinen, <note place="foot" n="**)">Und wie er &#x017F;ich in Allem der Ehrbarkeit befleißigen &#x017F;oll, &#x017F;agen die<lb/>
Ra&#x017F;chmacher in Quedlinburg, al&#x017F;o &#x017F;oll er auch nicht mit unbedecktem<lb/>
Haupt und entblößten Füßen über die Straße gehen oder mit Knaben<lb/>
und Jungen &#x017F;pielen &#xA75B;c. (Prov.-A. in Magdeb.) Auch den Bäckerge-<lb/>
&#x017F;ellen in Erfurt wurde verboten, auf der Straße <hi rendition="#g">baar&#x017F;chenkelig</hi><lb/>
zu er&#x017F;cheinen. Die Gla&#x017F;er in Magdeburg verboten in der Vor&#x017F;age<lb/>
dem neuen Ge&#x017F;ellen, <hi rendition="#g">aus der Ta&#x017F;che zu na&#x017F;chen</hi> &#xA75B;c.</note> Trunkenheit ver-<lb/>
meiden, nicht mit verdächtigen Frauenzimmern umgehen oder &#x017F;ie<lb/>
auf die Herberge bringen, bei der Abrei&#x017F;e aus der Stadt keine<lb/>
Schulden hinterla&#x017F;&#x017F;en, widrigenfalls wurde ihnen nachge&#x017F;chrieben<lb/>
und &#x017F;ie &#x017F;o lange verfolgt, bis &#x017F;ie &#x017F;olche berichtiget hatten; &#x017F;ich<lb/>
gegen&#x017F;eitig nicht verläumden, überhaupt offen und redlich mit<lb/>
einander umgehen; von dem, was bei der Auflage vorkam, nicht<lb/>
gegen Fremde &#x017F;prechen, endlich die Gewohnheiten und Gebräuche<lb/>
fortpflanzen, <hi rendition="#g">Handwerksgewohnheit &#x017F;tärken und nicht<lb/>
&#x017F;chwächen</hi>, &#x017F;agten die Maurer und Seiler. Der Verdacht,<lb/>
noch mehr aber eine bekannt gewordene &#x017F;chlechte Handlung,<lb/>
Dieb&#x017F;tahl, ab&#x017F;ichtlicher Betrug u. dgl. &#x017F;chloß den Betheiligten<lb/>
bis nach erfolgter Ent&#x017F;cheidung, von der Brüder&#x017F;chaft in jeder<lb/>
Stadt aus; ungün&#x017F;tige voll&#x017F;treckte obrigkeitliche Urtheile hatten<lb/>
für &#x017F;ie die&#x017F;elben harten Folgen wie bei den Mei&#x017F;ter&#x017F;chaften, wo<lb/>
ein erwie&#x017F;ener und be&#x017F;trafter Dieb&#x017F;tahl oder dem ähnliches Ver-<lb/>
brechen den Verlu&#x017F;t der Innung oder Gilde nach &#x017F;ich zog.</p>
          </div><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[10/0020] kranke Mitglieder vorhanden, ſo traten die Meiſter hülflich hinzu. *) Die Verſtorbenen wurden von der geſammten Brü- derſchaft zur Erde beſtattet; zu dem Ende unterhielten in großen Städten die Zimmergeſellen, Maurer, die Tuchmacher, Schuh- macher, Schneider ꝛc. eigenes Leichengeräthe. Ihr öffentliches Betragen ſollte anſtändig ſeyn, zu dem Ende durfte keiner un- ſauber gekleidet auf der Straße erſcheinen, **) Trunkenheit ver- meiden, nicht mit verdächtigen Frauenzimmern umgehen oder ſie auf die Herberge bringen, bei der Abreiſe aus der Stadt keine Schulden hinterlaſſen, widrigenfalls wurde ihnen nachgeſchrieben und ſie ſo lange verfolgt, bis ſie ſolche berichtiget hatten; ſich gegenſeitig nicht verläumden, überhaupt offen und redlich mit einander umgehen; von dem, was bei der Auflage vorkam, nicht gegen Fremde ſprechen, endlich die Gewohnheiten und Gebräuche fortpflanzen, Handwerksgewohnheit ſtärken und nicht ſchwächen, ſagten die Maurer und Seiler. Der Verdacht, noch mehr aber eine bekannt gewordene ſchlechte Handlung, Diebſtahl, abſichtlicher Betrug u. dgl. ſchloß den Betheiligten bis nach erfolgter Entſcheidung, von der Brüderſchaft in jeder Stadt aus; ungünſtige vollſtreckte obrigkeitliche Urtheile hatten für ſie dieſelben harten Folgen wie bei den Meiſterſchaften, wo ein erwieſener und beſtrafter Diebſtahl oder dem ähnliches Ver- brechen den Verluſt der Innung oder Gilde nach ſich zog. *) Die Statuten bewilligten eigentlich nur Vorſchüſſe, welche die Wie- dergeneſenen erſtatten ſollten; befanden ſie ſich dazu außer Stande, beſonders wenn ſie aus Mangel an Arbeit reiſen mußten, ſo wurden ſie ihnen erlaſſen. Starb der Kranke unter der Pflege der Geſell- ſchaft: ſo fiel ſeine Verlaſſenſchaft an Kleidern, Geld ꝛc. dieſer an- heim, wenn ſeine Verwandten ſie durch Erſtattung der Verpflegungs- koſten nicht auslöſ’ten. **) Und wie er ſich in Allem der Ehrbarkeit befleißigen ſoll, ſagen die Raſchmacher in Quedlinburg, alſo ſoll er auch nicht mit unbedecktem Haupt und entblößten Füßen über die Straße gehen oder mit Knaben und Jungen ſpielen ꝛc. (Prov.-A. in Magdeb.) Auch den Bäckerge- ſellen in Erfurt wurde verboten, auf der Straße baarſchenkelig zu erſcheinen. Die Glaſer in Magdeburg verboten in der Vorſage dem neuen Geſellen, aus der Taſche zu naſchen ꝛc.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/stock_gesellenwesen_1844
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/stock_gesellenwesen_1844/20
Zitationshilfe: Stock, Ch. L.: Grundzüge der Verfassung des Gesellenwesens der deutschen Handwerker in alter und neuer Zeit. Magdeburg, 1844, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/stock_gesellenwesen_1844/20>, abgerufen am 21.10.2019.