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Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803.

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mit. Die Bibliothek und das Kabinet der Benedikti¬
ner sind ansehnlich genug, und könnten bey den Ein¬
künften des Klosters noch weit besser seyn. Im Mu¬
seum finden sich einige hübsche Stücke von Guido
Reni und, wie man behauptet, von Raphael. Mehrere
griechische Inschriften sind an den Wänden umher.
Eine auf einer Marmortafel ist so gelehrt, dass sie, wie
man sagte, auch die gelehrtesten Antiquare in Italien
nicht haben erklären können: auch Viskonti nicht.
Ich hatte nicht Zeit; und was wollte ich Rekrut nach
diesem athletischen Triarier. Doch kam es mir vor,
als ob sie in einem späteren griechischen Stile das
Märterthum der heiligen Agatha enthielte. Wenn Du
nach Katanien zu den Benediktinern kommst, magst
Du dein Heil versuchen. In der Bibliothek bewirthete
man mich, als einen Leipziger, aus Höflichkeit mit den
Actis eruditorum, die in einer Klosterbibliothek in Ka¬
tanien auch wirklich eine Seltenheit seyn mögen. Die
Byzantiner waren alle mit Caute in Verwahrung ge¬
setzt, und werden nicht jedem gegeben. einen einen,
sehr grossen Schatz zeigte man mir eine ausserordent¬
lich schön geschriebene Vulgata. Ich las etwas darin,
und verschüttete die gute Meinung der Herren fast
durch die voreilige Bemerkung, es wäre Schade, dass
der Kopist gar kein Griechisch verstanden hätte. Man
sah mich an; ich war also genöthigt zu zeigen, dass
er aus dieser Unwissenheit vieles idiotisch und falsch
geschrieben habe. Die guten Leute waren verlegen
und legten ihr Heiligthum wieder an seinen Ort, und
ihre Mienen sagten, dass solche Schätze nicht für Pro¬
fane wären. Der Pater Sekretär, ein feiner gebildeter

mit. Die Bibliothek und das Kabinet der Benedikti¬
ner sind ansehnlich genug, und könnten bey den Ein¬
künften des Klosters noch weit besser seyn. Im Mu¬
seum finden sich einige hübsche Stücke von Guido
Reni und, wie man behauptet, von Raphael. Mehrere
griechische Inschriften sind an den Wänden umher.
Eine auf einer Marmortafel ist so gelehrt, daſs sie, wie
man sagte, auch die gelehrtesten Antiquare in Italien
nicht haben erklären können: auch Viskonti nicht.
Ich hatte nicht Zeit; und was wollte ich Rekrut nach
diesem athletischen Triarier. Doch kam es mir vor,
als ob sie in einem späteren griechischen Stile das
Märterthum der heiligen Agatha enthielte. Wenn Du
nach Katanien zu den Benediktinern kommst, magst
Du dein Heil versuchen. In der Bibliothek bewirthete
man mich, als einen Leipziger, aus Höflichkeit mit den
Actis eruditorum, die in einer Klosterbibliothek in Ka¬
tanien auch wirklich eine Seltenheit seyn mögen. Die
Byzantiner waren alle mit Caute in Verwahrung ge¬
setzt, und werden nicht jedem gegeben. einen einen,
sehr groſsen Schatz zeigte man mir eine auſserordent¬
lich schön geschriebene Vulgata. Ich las etwas darin,
und verschüttete die gute Meinung der Herren fast
durch die voreilige Bemerkung, es wäre Schade, daſs
der Kopist gar kein Griechisch verstanden hätte. Man
sah mich an; ich war also genöthigt zu zeigen, daſs
er aus dieser Unwissenheit vieles idiotisch und falsch
geschrieben habe. Die guten Leute waren verlegen
und legten ihr Heiligthum wieder an seinen Ort, und
ihre Mienen sagten, daſs solche Schätze nicht für Pro¬
fane wären. Der Pater Sekretär, ein feiner gebildeter

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[277/0303] mit. Die Bibliothek und das Kabinet der Benedikti¬ ner sind ansehnlich genug, und könnten bey den Ein¬ künften des Klosters noch weit besser seyn. Im Mu¬ seum finden sich einige hübsche Stücke von Guido Reni und, wie man behauptet, von Raphael. Mehrere griechische Inschriften sind an den Wänden umher. Eine auf einer Marmortafel ist so gelehrt, daſs sie, wie man sagte, auch die gelehrtesten Antiquare in Italien nicht haben erklären können: auch Viskonti nicht. Ich hatte nicht Zeit; und was wollte ich Rekrut nach diesem athletischen Triarier. Doch kam es mir vor, als ob sie in einem späteren griechischen Stile das Märterthum der heiligen Agatha enthielte. Wenn Du nach Katanien zu den Benediktinern kommst, magst Du dein Heil versuchen. In der Bibliothek bewirthete man mich, als einen Leipziger, aus Höflichkeit mit den Actis eruditorum, die in einer Klosterbibliothek in Ka¬ tanien auch wirklich eine Seltenheit seyn mögen. Die Byzantiner waren alle mit Caute in Verwahrung ge¬ setzt, und werden nicht jedem gegeben. einen einen, sehr groſsen Schatz zeigte man mir eine auſserordent¬ lich schön geschriebene Vulgata. Ich las etwas darin, und verschüttete die gute Meinung der Herren fast durch die voreilige Bemerkung, es wäre Schade, daſs der Kopist gar kein Griechisch verstanden hätte. Man sah mich an; ich war also genöthigt zu zeigen, daſs er aus dieser Unwissenheit vieles idiotisch und falsch geschrieben habe. Die guten Leute waren verlegen und legten ihr Heiligthum wieder an seinen Ort, und ihre Mienen sagten, daſs solche Schätze nicht für Pro¬ fane wären. Der Pater Sekretär, ein feiner gebildeter

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Zitationshilfe: Seume, Johann Gottfried: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Braunschweig u. a., 1803, S. 277. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/seume_syrakus_1803/303>, abgerufen am 08.08.2020.