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Schreiner, Olive (Übers. Helene Lobedan): Peter Halket im Mashonalande. Berlin, 1898.

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Nacht über ihm, die Stille der Steppe rings um ihn her bedrückte ihn. Wenn in der Ferne doch wenigstens ein Schakal oder selbst ein größeres Raubtier gebrüllt hätte, oder er wünschte daß der Wind etwas lauter gepfiffen hätte, statt so leise ächzend um die Steine zu streichen. Er sah nach seinem Gewehr; es lag schußbereit rechts neben ihm an der Erde; und ab und zu griff er mechanisch nach den Patronen in seinem Gürtel. Dann streckte er wieder die kleinen knochigen Hände gegen das Feuer um sie zu wärmen. Es war erst halb elf Uhr; dennoch schien es ihm, als habe er mindestens schon zehn Stunden hier gesessen.

Nach einer Weile warf er zwei größere Knubben in das Feuer und zog die Flasche heraus, betrachtete sie genau bei dem Feuerschein, um zu sehen, wie viel sie enthalte. Dann nahm er einen kleinen Schluck, sah sich wieder an, wie weit die Flüssigkeit gefallen sei und steckte sie in die Brusttasche zurück.

Und nun fing er an seinen Gedanken nachzuhängen.

Das war etwas Seltenes bei ihm. Auf der Feldwache oder wenn er mit den Kameraden um das Lagerfeuer saß, hatte er keine Zeit zum Grübeln; Nachdenken war überhaupt niemals Peters Sache gewesen. Er war ein träger Schüler in der Dorfschule gewesen, und als er aus dieser entlassen war, hatte seine Mutter zwar dem Dorfapotheker viel

Nacht über ihm, die Stille der Steppe rings um ihn her bedrückte ihn. Wenn in der Ferne doch wenigstens ein Schakal oder selbst ein größeres Raubtier gebrüllt hätte, oder er wünschte daß der Wind etwas lauter gepfiffen hätte, statt so leise ächzend um die Steine zu streichen. Er sah nach seinem Gewehr; es lag schußbereit rechts neben ihm an der Erde; und ab und zu griff er mechanisch nach den Patronen in seinem Gürtel. Dann streckte er wieder die kleinen knochigen Hände gegen das Feuer um sie zu wärmen. Es war erst halb elf Uhr; dennoch schien es ihm, als habe er mindestens schon zehn Stunden hier gesessen.

Nach einer Weile warf er zwei größere Knubben in das Feuer und zog die Flasche heraus, betrachtete sie genau bei dem Feuerschein, um zu sehen, wie viel sie enthalte. Dann nahm er einen kleinen Schluck, sah sich wieder an, wie weit die Flüssigkeit gefallen sei und steckte sie in die Brusttasche zurück.

Und nun fing er an seinen Gedanken nachzuhängen.

Das war etwas Seltenes bei ihm. Auf der Feldwache oder wenn er mit den Kameraden um das Lagerfeuer saß, hatte er keine Zeit zum Grübeln; Nachdenken war überhaupt niemals Peters Sache gewesen. Er war ein träger Schüler in der Dorfschule gewesen, und als er aus dieser entlassen war, hatte seine Mutter zwar dem Dorfapotheker viel

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[9/0009] Nacht über ihm, die Stille der Steppe rings um ihn her bedrückte ihn. Wenn in der Ferne doch wenigstens ein Schakal oder selbst ein größeres Raubtier gebrüllt hätte, oder er wünschte daß der Wind etwas lauter gepfiffen hätte, statt so leise ächzend um die Steine zu streichen. Er sah nach seinem Gewehr; es lag schußbereit rechts neben ihm an der Erde; und ab und zu griff er mechanisch nach den Patronen in seinem Gürtel. Dann streckte er wieder die kleinen knochigen Hände gegen das Feuer um sie zu wärmen. Es war erst halb elf Uhr; dennoch schien es ihm, als habe er mindestens schon zehn Stunden hier gesessen. Nach einer Weile warf er zwei größere Knubben in das Feuer und zog die Flasche heraus, betrachtete sie genau bei dem Feuerschein, um zu sehen, wie viel sie enthalte. Dann nahm er einen kleinen Schluck, sah sich wieder an, wie weit die Flüssigkeit gefallen sei und steckte sie in die Brusttasche zurück. Und nun fing er an seinen Gedanken nachzuhängen. Das war etwas Seltenes bei ihm. Auf der Feldwache oder wenn er mit den Kameraden um das Lagerfeuer saß, hatte er keine Zeit zum Grübeln; Nachdenken war überhaupt niemals Peters Sache gewesen. Er war ein träger Schüler in der Dorfschule gewesen, und als er aus dieser entlassen war, hatte seine Mutter zwar dem Dorfapotheker viel

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Zitationshilfe: Schreiner, Olive (Übers. Helene Lobedan): Peter Halket im Mashonalande. Berlin, 1898, S. 9. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/schreiner_halket_1898/9>, abgerufen am 30.09.2020.