Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Savigny, Friedrich Carl von: System des heutigen Römischen Rechts. Bd. 5. Berlin, 1841.

Bild:
<< vorherige Seite

Buch II. Rechtsverhältnisse. Kap. IV. Verletzung.
auf unbestimmtere Gegenstände von mannichfaltiger Art.
Die neueste Rechtsbildung endlich ergab die Einführung
der bonae fidei actiones, die den zuletzt genannten Con-
dictionen verwandt waren, und in Freyheit des Verfah-
rens und Unbestimmtheit der Gegenstände nur noch einen
Schritt weiter giengen.

Zeugnisse für eine solche historische Entwicklung der
Rechtsinstitute sind niemals beygebracht worden, und es
hat wohl zur Annahme derselben nur die scheinbare Na-
türlichkeit eines allmäligen, in der Zeit fortschreitenden,
Übergangs vom Strengen zum Freyen, vom Bestimmten
zum Unbestimmten, hingeführt. Allein es ist überall ge-
fährlich, solchen abstracten Begriffen in historischen Unter-
suchungen zu vertrauen. Im vorliegenden Fall können
wir zwar die angegebene historische Succession eben so wenig
durch unmittelbare Zeugnisse widerlegen, als sie durch
solche erwiesen worden ist. Allein es spricht dagegen so-
wohl der praktische Sinn der Römer, welchem eine so
ungenügende Behandlung, wie sie hier für die frühere Zeit
vorausgesetzt wird, zu keiner Zeit zusagen konnte, als auch
der Schluß, welcher aus einzelnen sicheren Thatsachen äl-
terer Zeit gezogen werden kann. Und so sind wir berech-
tigt, jene Behauptung nicht blos als unbegründet, sondern
auch als ganz unwahrscheinlich zu verwerfen (b).

Dagegen ist eine historische Entwicklung anderer Art
nicht blos als wahrscheinlich, sondern als völlig gewiß

(b) Beylage XIII. Num. XIII., Beylage XIV. Num. XLVII.

Buch II. Rechtsverhältniſſe. Kap. IV. Verletzung.
auf unbeſtimmtere Gegenſtände von mannichfaltiger Art.
Die neueſte Rechtsbildung endlich ergab die Einführung
der bonae fidei actiones, die den zuletzt genannten Con-
dictionen verwandt waren, und in Freyheit des Verfah-
rens und Unbeſtimmtheit der Gegenſtände nur noch einen
Schritt weiter giengen.

Zeugniſſe für eine ſolche hiſtoriſche Entwicklung der
Rechtsinſtitute ſind niemals beygebracht worden, und es
hat wohl zur Annahme derſelben nur die ſcheinbare Na-
türlichkeit eines allmäligen, in der Zeit fortſchreitenden,
Übergangs vom Strengen zum Freyen, vom Beſtimmten
zum Unbeſtimmten, hingeführt. Allein es iſt überall ge-
fährlich, ſolchen abſtracten Begriffen in hiſtoriſchen Unter-
ſuchungen zu vertrauen. Im vorliegenden Fall können
wir zwar die angegebene hiſtoriſche Succeſſion eben ſo wenig
durch unmittelbare Zeugniſſe widerlegen, als ſie durch
ſolche erwieſen worden iſt. Allein es ſpricht dagegen ſo-
wohl der praktiſche Sinn der Römer, welchem eine ſo
ungenügende Behandlung, wie ſie hier für die frühere Zeit
vorausgeſetzt wird, zu keiner Zeit zuſagen konnte, als auch
der Schluß, welcher aus einzelnen ſicheren Thatſachen äl-
terer Zeit gezogen werden kann. Und ſo ſind wir berech-
tigt, jene Behauptung nicht blos als unbegründet, ſondern
auch als ganz unwahrſcheinlich zu verwerfen (b).

Dagegen iſt eine hiſtoriſche Entwicklung anderer Art
nicht blos als wahrſcheinlich, ſondern als völlig gewiß

(b) Beylage XIII. Num. XIII., Beylage XIV. Num. XLVII.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0130" n="116"/><fw place="top" type="header">Buch <hi rendition="#aq">II.</hi> Rechtsverhältni&#x017F;&#x017F;e. Kap. <hi rendition="#aq">IV.</hi> Verletzung.</fw><lb/>
auf unbe&#x017F;timmtere Gegen&#x017F;tände von mannichfaltiger Art.<lb/>
Die neue&#x017F;te Rechtsbildung endlich ergab die Einführung<lb/>
der <hi rendition="#aq">bonae fidei actiones,</hi> die den zuletzt genannten Con-<lb/>
dictionen verwandt waren, und in Freyheit des Verfah-<lb/>
rens und Unbe&#x017F;timmtheit der Gegen&#x017F;tände nur noch einen<lb/>
Schritt weiter giengen.</p><lb/>
            <p>Zeugni&#x017F;&#x017F;e für eine &#x017F;olche hi&#x017F;tori&#x017F;che Entwicklung der<lb/>
Rechtsin&#x017F;titute &#x017F;ind niemals beygebracht worden, und es<lb/>
hat wohl zur Annahme der&#x017F;elben nur die &#x017F;cheinbare Na-<lb/>
türlichkeit eines allmäligen, in der Zeit fort&#x017F;chreitenden,<lb/>
Übergangs vom Strengen zum Freyen, vom Be&#x017F;timmten<lb/>
zum Unbe&#x017F;timmten, hingeführt. Allein es i&#x017F;t überall ge-<lb/>
fährlich, &#x017F;olchen ab&#x017F;tracten Begriffen in hi&#x017F;tori&#x017F;chen Unter-<lb/>
&#x017F;uchungen zu vertrauen. Im vorliegenden Fall können<lb/>
wir zwar die angegebene hi&#x017F;tori&#x017F;che Succe&#x017F;&#x017F;ion eben &#x017F;o wenig<lb/>
durch unmittelbare Zeugni&#x017F;&#x017F;e widerlegen, als &#x017F;ie durch<lb/>
&#x017F;olche erwie&#x017F;en worden i&#x017F;t. Allein es &#x017F;pricht dagegen &#x017F;o-<lb/>
wohl der prakti&#x017F;che Sinn der Römer, welchem eine &#x017F;o<lb/>
ungenügende Behandlung, wie &#x017F;ie hier für die frühere Zeit<lb/>
vorausge&#x017F;etzt wird, zu keiner Zeit zu&#x017F;agen konnte, als auch<lb/>
der Schluß, welcher aus einzelnen &#x017F;icheren That&#x017F;achen äl-<lb/>
terer Zeit gezogen werden kann. Und &#x017F;o &#x017F;ind wir berech-<lb/>
tigt, jene Behauptung nicht blos als unbegründet, &#x017F;ondern<lb/>
auch als ganz unwahr&#x017F;cheinlich zu verwerfen <note place="foot" n="(b)">Beylage <hi rendition="#aq">XIII.</hi> Num. <hi rendition="#aq">XIII.,</hi> Beylage <hi rendition="#aq">XIV.</hi> Num. <hi rendition="#aq">XLVII.</hi></note>.</p><lb/>
            <p>Dagegen i&#x017F;t eine hi&#x017F;tori&#x017F;che Entwicklung anderer Art<lb/>
nicht blos als wahr&#x017F;cheinlich, &#x017F;ondern als völlig gewiß<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[116/0130] Buch II. Rechtsverhältniſſe. Kap. IV. Verletzung. auf unbeſtimmtere Gegenſtände von mannichfaltiger Art. Die neueſte Rechtsbildung endlich ergab die Einführung der bonae fidei actiones, die den zuletzt genannten Con- dictionen verwandt waren, und in Freyheit des Verfah- rens und Unbeſtimmtheit der Gegenſtände nur noch einen Schritt weiter giengen. Zeugniſſe für eine ſolche hiſtoriſche Entwicklung der Rechtsinſtitute ſind niemals beygebracht worden, und es hat wohl zur Annahme derſelben nur die ſcheinbare Na- türlichkeit eines allmäligen, in der Zeit fortſchreitenden, Übergangs vom Strengen zum Freyen, vom Beſtimmten zum Unbeſtimmten, hingeführt. Allein es iſt überall ge- fährlich, ſolchen abſtracten Begriffen in hiſtoriſchen Unter- ſuchungen zu vertrauen. Im vorliegenden Fall können wir zwar die angegebene hiſtoriſche Succeſſion eben ſo wenig durch unmittelbare Zeugniſſe widerlegen, als ſie durch ſolche erwieſen worden iſt. Allein es ſpricht dagegen ſo- wohl der praktiſche Sinn der Römer, welchem eine ſo ungenügende Behandlung, wie ſie hier für die frühere Zeit vorausgeſetzt wird, zu keiner Zeit zuſagen konnte, als auch der Schluß, welcher aus einzelnen ſicheren Thatſachen äl- terer Zeit gezogen werden kann. Und ſo ſind wir berech- tigt, jene Behauptung nicht blos als unbegründet, ſondern auch als ganz unwahrſcheinlich zu verwerfen (b). Dagegen iſt eine hiſtoriſche Entwicklung anderer Art nicht blos als wahrſcheinlich, ſondern als völlig gewiß (b) Beylage XIII. Num. XIII., Beylage XIV. Num. XLVII.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/savigny_system05_1841
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/savigny_system05_1841/130
Zitationshilfe: Savigny, Friedrich Carl von: System des heutigen Römischen Rechts. Bd. 5. Berlin, 1841, S. 116. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/savigny_system05_1841/130>, abgerufen am 23.10.2019.