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Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889.

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jedesmal brummte der junge Malemeritus von Ame¬
lungsborn und Relegatus von Holzminden:

"Sauberer Stall! Infames Cachot! Noch der
selbige Geruch -- pfui Teufel -- Brrrr! Na, euch
gönnte ich schon noch ein halb Dutzend Male dem
Broglio und seinen Schuften zum Quartier."

Er bezwang sich merkwürdig. Er trat weder die Pforte
der Sekunda, noch die der Prima ein; und vor der Thür
der Quinta stieg auch ihm doch sogar ein melancholisch
Gefühl auf und mit einem Seufzer sagte er:

"Der alte Herr! der alte Buchius! ... Dahinter
haben sie ihn sein ganzes liebes Leben ihnen und uns
Lümmeln zum Spaß gehalten! Und ich habe meinen
Spaß mit an ihm gehabt."

Er hob den Hut vom Kopfe und behielt ihn in der
Hand.

"Vivat der Magister Buchius, und -- der Herrgott
erlasse mir meine Sünden an ihm, wie der Alte sie mir
zu hunderttausend malen erlassen hat. Ach Gott, ach
Gott, so kommt der tollste Schüler von Amelungsborn
zu dem überflüssigsten, bespotteten Präceptor, so kommt
Bartel vom Mostholen mit zerbrochenem Kruge. O virga,
o ferula! O merces doctrinae!
Hoffentlich hat er
jetzo, nachdem auch das andere Hundepack wieder still
geworden ist, sein Licht noch nicht ausgeblasen."

Im nächsten Augenblicke klopfte er leise und schüch¬
tern an die Thür des letzten wirklichen Cisterciensers
von Kloster Amelungsborn. Mit dem Wort meinen

jedesmal brummte der junge Malemeritus von Ame¬
lungsborn und Relegatus von Holzminden:

„Sauberer Stall! Infames Cachot! Noch der
ſelbige Geruch — pfui Teufel — Brrrr! Na, euch
gönnte ich ſchon noch ein halb Dutzend Male dem
Broglio und ſeinen Schuften zum Quartier.“

Er bezwang ſich merkwürdig. Er trat weder die Pforte
der Sekunda, noch die der Prima ein; und vor der Thür
der Quinta ſtieg auch ihm doch ſogar ein melancholiſch
Gefühl auf und mit einem Seufzer ſagte er:

„Der alte Herr! der alte Buchius! ... Dahinter
haben ſie ihn ſein ganzes liebes Leben ihnen und uns
Lümmeln zum Spaß gehalten! Und ich habe meinen
Spaß mit an ihm gehabt.“

Er hob den Hut vom Kopfe und behielt ihn in der
Hand.

„Vivat der Magiſter Buchius, und — der Herrgott
erlaſſe mir meine Sünden an ihm, wie der Alte ſie mir
zu hunderttauſend malen erlaſſen hat. Ach Gott, ach
Gott, ſo kommt der tollſte Schüler von Amelungsborn
zu dem überflüſſigſten, beſpotteten Präceptor, ſo kommt
Bartel vom Moſtholen mit zerbrochenem Kruge. O virga,
o ferula! O merces doctrinae!
Hoffentlich hat er
jetzo, nachdem auch das andere Hundepack wieder ſtill
geworden iſt, ſein Licht noch nicht ausgeblaſen.“

Im nächſten Augenblicke klopfte er leiſe und ſchüch¬
tern an die Thür des letzten wirklichen Ciſtercienſers
von Kloſter Amelungsborn. Mit dem Wort meinen

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[93/0101] jedesmal brummte der junge Malemeritus von Ame¬ lungsborn und Relegatus von Holzminden: „Sauberer Stall! Infames Cachot! Noch der ſelbige Geruch — pfui Teufel — Brrrr! Na, euch gönnte ich ſchon noch ein halb Dutzend Male dem Broglio und ſeinen Schuften zum Quartier.“ Er bezwang ſich merkwürdig. Er trat weder die Pforte der Sekunda, noch die der Prima ein; und vor der Thür der Quinta ſtieg auch ihm doch ſogar ein melancholiſch Gefühl auf und mit einem Seufzer ſagte er: „Der alte Herr! der alte Buchius! ... Dahinter haben ſie ihn ſein ganzes liebes Leben ihnen und uns Lümmeln zum Spaß gehalten! Und ich habe meinen Spaß mit an ihm gehabt.“ Er hob den Hut vom Kopfe und behielt ihn in der Hand. „Vivat der Magiſter Buchius, und — der Herrgott erlaſſe mir meine Sünden an ihm, wie der Alte ſie mir zu hunderttauſend malen erlaſſen hat. Ach Gott, ach Gott, ſo kommt der tollſte Schüler von Amelungsborn zu dem überflüſſigſten, beſpotteten Präceptor, ſo kommt Bartel vom Moſtholen mit zerbrochenem Kruge. O virga, o ferula! O merces doctrinae! Hoffentlich hat er jetzo, nachdem auch das andere Hundepack wieder ſtill geworden iſt, ſein Licht noch nicht ausgeblaſen.“ Im nächſten Augenblicke klopfte er leiſe und ſchüch¬ tern an die Thür des letzten wirklichen Ciſtercienſers von Kloſter Amelungsborn. Mit dem Wort meinen

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Zitationshilfe: Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Leipzig, 1889, S. 93. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/raabe_odfeld_1889/101>, abgerufen am 27.09.2020.