Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Urzustände des Menschengeschlechtes.
die Eingebornem von ihrem Erbe hinweg zu cultiviren und den
Racenmord als einen Sieg der Gesittung zu betrachten.

Andre Schriftsteller, berauscht von Darwinischen Glaubens-
sätzen, wollten Bevölkerungen entdecken, die einen ehemaligen
thierischen Zustand gleichsam zur Belehrung unsrer Zeit noch fest-
gehalten hätten. So sollen nach den Worten einer Schöpfungs-
geschichte im Modegeschmack unserer Tage "in Süd-Asien und
Ost-Afrika Menschen in Horden beisammen leben, grösstentheils
auf Bäumen kletternd und Früchte verzehrend, die das Feuer nicht
kennen und als Waffen nur Steine und Knittel gebrauchen, wie es
auch die höheren Affen zu thun pflegen." Diese Behauptungen
sind nachweisbar aus der Schrift eines Bonner Gelehrten über den
Zustand der wilden Völker 1) geschöpft worden und beruhen dort
auf den Aussagen eines afrikanischen Sklaven von den Doko,
einem angeblich zwergartigen Volke im Süden von Schoa 2), oder
sie beziehen sich auf Mittheilungen bengalischer Pflanzer 3) oder
Erlebnisse eines Jagdabenteurers, dass in Indien einmal Mutter
und Tochter, ein anderes Mal Mann und Frau in halb thierischem
Zustande angetroffen worden waren 4). Völkerschaften dagegen
oder nur Horden in affenähnlichen Zuständen ist nirgends ein
glaubwürdiger Reisender der Neuzeit begegnet. Es sind viel-
mehr selbst diejenigen Menschenstämme, welche nach den ersten
oberflächlichen Schilderungen tief unter unsere eigene Gesittungs-
stufe gestellt worden waren, bei genauerer Bekanntschaft den ge-
bildeten Völkern merklich wieder näher gerückt worden. Noch
soll irgend ein Bruchtheil des Menschengeschlechts entdeckt wer-
den, bei welchem nicht ein mehr oder weniger reicher Wortschatz
mit Sprachgesetzen, bei welchem nicht künstlich geschärfte Waffen
und mannigfaltige Geräthe, sowie endlich die Kenntniss der Feuer-
bereitung angetroffen worden wäre.

Wohl hat ein in England gefeierter Anthropolog, Sir John
Lubbock, in seinem Buche über die vorgeschichtlichen Zeiten
etlichen Bewohnern der Inseln des stillen Meeres jeden Umgang
mit dem Feuer abgesprochen, aber nicht ohne Unwillen bemerken

1) Archiv für Anthropologie. Bd. 1. Braunschw. 1866. S. 166--68.
2) Krapf, Reisen in Ostafrika. Bd. 1. S. 76--79.
3) G. Pouchet, The plurality of the human race. London 1864. p. 18.
4) Ausland 1860. S. 935.

Die Urzustände des Menschengeschlechtes.
die Eingebornem von ihrem Erbe hinweg zu cultiviren und den
Racenmord als einen Sieg der Gesittung zu betrachten.

Andre Schriftsteller, berauscht von Darwinischen Glaubens-
sätzen, wollten Bevölkerungen entdecken, die einen ehemaligen
thierischen Zustand gleichsam zur Belehrung unsrer Zeit noch fest-
gehalten hätten. So sollen nach den Worten einer Schöpfungs-
geschichte im Modegeschmack unserer Tage „in Süd-Asien und
Ost-Afrika Menschen in Horden beisammen leben, grösstentheils
auf Bäumen kletternd und Früchte verzehrend, die das Feuer nicht
kennen und als Waffen nur Steine und Knittel gebrauchen, wie es
auch die höheren Affen zu thun pflegen.“ Diese Behauptungen
sind nachweisbar aus der Schrift eines Bonner Gelehrten über den
Zustand der wilden Völker 1) geschöpft worden und beruhen dort
auf den Aussagen eines afrikanischen Sklaven von den Doko,
einem angeblich zwergartigen Volke im Süden von Schoa 2), oder
sie beziehen sich auf Mittheilungen bengalischer Pflanzer 3) oder
Erlebnisse eines Jagdabenteurers, dass in Indien einmal Mutter
und Tochter, ein anderes Mal Mann und Frau in halb thierischem
Zustande angetroffen worden waren 4). Völkerschaften dagegen
oder nur Horden in affenähnlichen Zuständen ist nirgends ein
glaubwürdiger Reisender der Neuzeit begegnet. Es sind viel-
mehr selbst diejenigen Menschenstämme, welche nach den ersten
oberflächlichen Schilderungen tief unter unsere eigene Gesittungs-
stufe gestellt worden waren, bei genauerer Bekanntschaft den ge-
bildeten Völkern merklich wieder näher gerückt worden. Noch
soll irgend ein Bruchtheil des Menschengeschlechts entdeckt wer-
den, bei welchem nicht ein mehr oder weniger reicher Wortschatz
mit Sprachgesetzen, bei welchem nicht künstlich geschärfte Waffen
und mannigfaltige Geräthe, sowie endlich die Kenntniss der Feuer-
bereitung angetroffen worden wäre.

Wohl hat ein in England gefeierter Anthropolog, Sir John
Lubbock, in seinem Buche über die vorgeschichtlichen Zeiten
etlichen Bewohnern der Inseln des stillen Meeres jeden Umgang
mit dem Feuer abgesprochen, aber nicht ohne Unwillen bemerken

1) Archiv für Anthropologie. Bd. 1. Braunschw. 1866. S. 166—68.
2) Krapf, Reisen in Ostafrika. Bd. 1. S. 76—79.
3) G. Pouchet, The plurality of the human race. London 1864. p. 18.
4) Ausland 1860. S. 935.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0157" n="139"/><fw place="top" type="header">Die Urzustände des Menschengeschlechtes.</fw><lb/>
die Eingebornem von ihrem Erbe hinweg zu cultiviren und den<lb/>
Racenmord als einen Sieg der Gesittung zu betrachten.</p><lb/>
          <p>Andre Schriftsteller, berauscht von Darwinischen Glaubens-<lb/>
sätzen, wollten Bevölkerungen entdecken, die einen ehemaligen<lb/>
thierischen Zustand gleichsam zur Belehrung unsrer Zeit noch fest-<lb/>
gehalten hätten. So sollen nach den Worten einer Schöpfungs-<lb/>
geschichte im Modegeschmack unserer Tage &#x201E;in Süd-Asien und<lb/>
Ost-Afrika Menschen in Horden beisammen leben, grösstentheils<lb/>
auf Bäumen kletternd und Früchte verzehrend, die das Feuer nicht<lb/>
kennen und als Waffen nur Steine und Knittel gebrauchen, wie es<lb/>
auch die höheren Affen zu thun pflegen.&#x201C; Diese Behauptungen<lb/>
sind nachweisbar aus der Schrift eines Bonner Gelehrten über den<lb/>
Zustand der wilden Völker <note place="foot" n="1)">Archiv für Anthropologie. Bd. 1. Braunschw. 1866. S. 166&#x2014;68.</note> geschöpft worden und beruhen dort<lb/>
auf den Aussagen eines afrikanischen Sklaven von den Doko,<lb/>
einem angeblich zwergartigen Volke im Süden von Schoa <note place="foot" n="2)"><hi rendition="#g">Krapf</hi>, Reisen in Ostafrika. Bd. 1. S. 76&#x2014;79.</note>, oder<lb/>
sie beziehen sich auf Mittheilungen bengalischer Pflanzer <note place="foot" n="3)">G. <hi rendition="#g">Pouchet</hi>, The plurality of the human race. London 1864. p. 18.</note> oder<lb/>
Erlebnisse eines Jagdabenteurers, dass in Indien einmal Mutter<lb/>
und Tochter, ein anderes Mal Mann und Frau in halb thierischem<lb/>
Zustande angetroffen worden waren <note place="foot" n="4)">Ausland 1860. S. 935.</note>. Völkerschaften dagegen<lb/>
oder nur Horden in affenähnlichen Zuständen ist nirgends ein<lb/>
glaubwürdiger Reisender der Neuzeit begegnet. Es sind viel-<lb/>
mehr selbst diejenigen Menschenstämme, welche nach den ersten<lb/>
oberflächlichen Schilderungen tief unter unsere eigene Gesittungs-<lb/>
stufe gestellt worden waren, bei genauerer Bekanntschaft den ge-<lb/>
bildeten Völkern merklich wieder näher gerückt worden. Noch<lb/>
soll irgend ein Bruchtheil des Menschengeschlechts entdeckt wer-<lb/>
den, bei welchem nicht ein mehr oder weniger reicher Wortschatz<lb/>
mit Sprachgesetzen, bei welchem nicht künstlich geschärfte Waffen<lb/>
und mannigfaltige Geräthe, sowie endlich die Kenntniss der Feuer-<lb/>
bereitung angetroffen worden wäre.</p><lb/>
          <p>Wohl hat ein in England gefeierter Anthropolog, Sir John<lb/>
Lubbock, in seinem Buche über die vorgeschichtlichen Zeiten<lb/>
etlichen Bewohnern der Inseln des stillen Meeres jeden Umgang<lb/>
mit dem Feuer abgesprochen, aber nicht ohne Unwillen bemerken<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[139/0157] Die Urzustände des Menschengeschlechtes. die Eingebornem von ihrem Erbe hinweg zu cultiviren und den Racenmord als einen Sieg der Gesittung zu betrachten. Andre Schriftsteller, berauscht von Darwinischen Glaubens- sätzen, wollten Bevölkerungen entdecken, die einen ehemaligen thierischen Zustand gleichsam zur Belehrung unsrer Zeit noch fest- gehalten hätten. So sollen nach den Worten einer Schöpfungs- geschichte im Modegeschmack unserer Tage „in Süd-Asien und Ost-Afrika Menschen in Horden beisammen leben, grösstentheils auf Bäumen kletternd und Früchte verzehrend, die das Feuer nicht kennen und als Waffen nur Steine und Knittel gebrauchen, wie es auch die höheren Affen zu thun pflegen.“ Diese Behauptungen sind nachweisbar aus der Schrift eines Bonner Gelehrten über den Zustand der wilden Völker 1) geschöpft worden und beruhen dort auf den Aussagen eines afrikanischen Sklaven von den Doko, einem angeblich zwergartigen Volke im Süden von Schoa 2), oder sie beziehen sich auf Mittheilungen bengalischer Pflanzer 3) oder Erlebnisse eines Jagdabenteurers, dass in Indien einmal Mutter und Tochter, ein anderes Mal Mann und Frau in halb thierischem Zustande angetroffen worden waren 4). Völkerschaften dagegen oder nur Horden in affenähnlichen Zuständen ist nirgends ein glaubwürdiger Reisender der Neuzeit begegnet. Es sind viel- mehr selbst diejenigen Menschenstämme, welche nach den ersten oberflächlichen Schilderungen tief unter unsere eigene Gesittungs- stufe gestellt worden waren, bei genauerer Bekanntschaft den ge- bildeten Völkern merklich wieder näher gerückt worden. Noch soll irgend ein Bruchtheil des Menschengeschlechts entdeckt wer- den, bei welchem nicht ein mehr oder weniger reicher Wortschatz mit Sprachgesetzen, bei welchem nicht künstlich geschärfte Waffen und mannigfaltige Geräthe, sowie endlich die Kenntniss der Feuer- bereitung angetroffen worden wäre. Wohl hat ein in England gefeierter Anthropolog, Sir John Lubbock, in seinem Buche über die vorgeschichtlichen Zeiten etlichen Bewohnern der Inseln des stillen Meeres jeden Umgang mit dem Feuer abgesprochen, aber nicht ohne Unwillen bemerken 1) Archiv für Anthropologie. Bd. 1. Braunschw. 1866. S. 166—68. 2) Krapf, Reisen in Ostafrika. Bd. 1. S. 76—79. 3) G. Pouchet, The plurality of the human race. London 1864. p. 18. 4) Ausland 1860. S. 935.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/157
Zitationshilfe: Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 139. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/157>, abgerufen am 19.05.2019.