einer gemeinsamen Gruppe vereinigen, noch andern Gruppen an- schliessen lassen. Dort finden wir die Keiowäh, die Paduca, die Caddo oder Cadodaquiu, zu denen die Tejas oder Texas ge- hörten, endlich die merkwürdigen Natchez am untern Mississippi.
b. Die Jägerstämme in Südamerika.
Höhere Gesittungen dürfen wir im südlichen Festlande nur auf und an den Anden suchen. In Brasilien, den Guyanagebieten und in Venezuela sitzen dagegen lauter sogenannte Jägerstämme, die zum Theil noch auf den niedrigsten Stufen der geselligen und geistigen Entwickelung verharren. Ihre Sprachen sind noch mehr zersplittert als in Nordamerika, doch hat bis jetzt noch kein Kenner ernstlich versucht, in dieses Getümmel einige Ordnung zu bringen. Aeltere Sprachenkarten haben den Irrthum genährt, als herrsche in ganz Brasilien nur eine einzige, die allgemeine Indianer- sprache (lingoa geral) oder das Guarani. Hr. v. Martius zeigte dagegen zuerst, dass diese Sprache der Tupi zwar von Einzelnen in jeder brasilianischen Horde verstanden wird, aber nur auf zwei weit von einander entlegenen Gebieten wirklich herrscht, nämlich zwischen den Nebenflüssen des Amazonas Tapajos und Xingu und in der Provinz Chiquitos. Sonst finden wir eine dichtere Tupibevölkerung noch in Paraguay, auf einer Strecke am rechten Ufer des mittleren Parana. Einzelne Tupihorden wiederum sind bis zur atlantischen Küste geschwärmt, wie überhaupt nur in we- nigen Provinzen Brasiliens ihre Spuren vermisst werden. Nördlich vom Amazonas fehlen sie dagegen völlig.
Ausserdem vereinigt Martius zu einer Gruppe die Lenguas oder Zungenindianer, so geheissen, weil sie die Unterlippe durch- bohren. Sie führen bei den Tupi den Namen Guaycuru oder Schnellläufer, bewohnen die westlichen Ufer des Parana und Pa- raguay und sind durch ihre Rohheit berüchtigt. Anderen Stämmen zwischen dem Quellengebiete des Parana und des Madeira gibt Martius den Sammelnamen Parexis oder Poragi, was Oberländer bedeutet. Das ungeheuere Wassergebiet des Tocantins erfüllen die Ges, auch Cräns, das heisst "Häupter" oder "Söhne" ge- heissen. Sie unterscheiden sich von den Tupi dadurch, dass sie nicht wie diese in einer Hängematte, sondern stets auf einem niederen Gestell schlafen. Ihnen nahe stehen die Cren oder
Die amerikanische Urbevölkerung.
einer gemeinsamen Gruppe vereinigen, noch andern Gruppen an- schliessen lassen. Dort finden wir die Keiowäh, die Paduca, die Caddo oder Cadodaquiu, zu denen die Tejas oder Texas ge- hörten, endlich die merkwürdigen Natchez am untern Mississippi.
b. Die Jägerstämme in Südamerika.
Höhere Gesittungen dürfen wir im südlichen Festlande nur auf und an den Anden suchen. In Brasilien, den Guyanagebieten und in Venezuela sitzen dagegen lauter sogenannte Jägerstämme, die zum Theil noch auf den niedrigsten Stufen der geselligen und geistigen Entwickelung verharren. Ihre Sprachen sind noch mehr zersplittert als in Nordamerika, doch hat bis jetzt noch kein Kenner ernstlich versucht, in dieses Getümmel einige Ordnung zu bringen. Aeltere Sprachenkarten haben den Irrthum genährt, als herrsche in ganz Brasilien nur eine einzige, die allgemeine Indianer- sprache (lingoa geral) oder das Guarani. Hr. v. Martius zeigte dagegen zuerst, dass diese Sprache der Tupi zwar von Einzelnen in jeder brasilianischen Horde verstanden wird, aber nur auf zwei weit von einander entlegenen Gebieten wirklich herrscht, nämlich zwischen den Nebenflüssen des Amazonas Tapajos und Xingu und in der Provinz Chiquitos. Sonst finden wir eine dichtere Tupibevölkerung noch in Paraguay, auf einer Strecke am rechten Ufer des mittleren Paraná. Einzelne Tupihorden wiederum sind bis zur atlantischen Küste geschwärmt, wie überhaupt nur in we- nigen Provinzen Brasiliens ihre Spuren vermisst werden. Nördlich vom Amazonas fehlen sie dagegen völlig.
Ausserdem vereinigt Martius zu einer Gruppe die Lenguas oder Zungenindianer, so geheissen, weil sie die Unterlippe durch- bohren. Sie führen bei den Tupi den Namen Guaycuru oder Schnellläufer, bewohnen die westlichen Ufer des Paraná und Pa- raguay und sind durch ihre Rohheit berüchtigt. Anderen Stämmen zwischen dem Quellengebiete des Paraná und des Madeira gibt Martius den Sammelnamen Parexis oder Poragi, was Oberländer bedeutet. Das ungeheuere Wassergebiet des Tocantins erfüllen die Gês, auch Cräns, das heisst „Häupter“ oder „Söhne“ ge- heissen. Sie unterscheiden sich von den Tupi dadurch, dass sie nicht wie diese in einer Hängematte, sondern stets auf einem niederen Gestell schlafen. Ihnen nahe stehen die Cren oder
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Die amerikanische Urbevölkerung.
einer gemeinsamen Gruppe vereinigen, noch andern Gruppen an-
schliessen lassen. Dort finden wir die Keiowäh, die Paduca, die
Caddo oder Cadodaquiu, zu denen die Tejas oder Texas ge-
hörten, endlich die merkwürdigen Natchez am untern Mississippi.
b. Die Jägerstämme in Südamerika.
Höhere Gesittungen dürfen wir im südlichen Festlande nur auf
und an den Anden suchen. In Brasilien, den Guyanagebieten und
in Venezuela sitzen dagegen lauter sogenannte Jägerstämme, die
zum Theil noch auf den niedrigsten Stufen der geselligen und
geistigen Entwickelung verharren. Ihre Sprachen sind noch mehr
zersplittert als in Nordamerika, doch hat bis jetzt noch kein
Kenner ernstlich versucht, in dieses Getümmel einige Ordnung zu
bringen. Aeltere Sprachenkarten haben den Irrthum genährt, als
herrsche in ganz Brasilien nur eine einzige, die allgemeine Indianer-
sprache (lingoa geral) oder das Guarani. Hr. v. Martius zeigte
dagegen zuerst, dass diese Sprache der Tupi zwar von Einzelnen
in jeder brasilianischen Horde verstanden wird, aber nur auf zwei
weit von einander entlegenen Gebieten wirklich herrscht, nämlich
zwischen den Nebenflüssen des Amazonas Tapajos und Xingu
und in der Provinz Chiquitos. Sonst finden wir eine dichtere
Tupibevölkerung noch in Paraguay, auf einer Strecke am rechten
Ufer des mittleren Paraná. Einzelne Tupihorden wiederum sind
bis zur atlantischen Küste geschwärmt, wie überhaupt nur in we-
nigen Provinzen Brasiliens ihre Spuren vermisst werden. Nördlich
vom Amazonas fehlen sie dagegen völlig.
Ausserdem vereinigt Martius zu einer Gruppe die Lenguas
oder Zungenindianer, so geheissen, weil sie die Unterlippe durch-
bohren. Sie führen bei den Tupi den Namen Guaycuru oder
Schnellläufer, bewohnen die westlichen Ufer des Paraná und Pa-
raguay und sind durch ihre Rohheit berüchtigt. Anderen Stämmen
zwischen dem Quellengebiete des Paraná und des Madeira gibt
Martius den Sammelnamen Parexis oder Poragi, was Oberländer
bedeutet. Das ungeheuere Wassergebiet des Tocantins erfüllen
die Gês, auch Cräns, das heisst „Häupter“ oder „Söhne“ ge-
heissen. Sie unterscheiden sich von den Tupi dadurch, dass sie
nicht wie diese in einer Hängematte, sondern stets auf einem
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Peschel, Oscar: Völkerkunde. Leipzig, 1874, S. 450. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/peschel_voelkerkunde_1874/468>, abgerufen am 19.11.2024.
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