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Reichspost. Nr. 233, Wien, 12.10.1897.

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Wien, Dienstag Reichspost 12. October 1897 233

[Spaltenumbruch]
120.)
Der Postillon.
Ein Roman aus verklungener Zeit.

Den gemeinschastlichen Bemühungen des Postillons
und des Fremden gelang es, den auf der Erde sich
Wehrenden festzumachen.

Plötzlich ertönte das Hallali der Jäger. Lichter
wurden im Hintergrunde sichtbar, Hundegebell und
Laute krästiger Männerstimmen vermischten sich mit
dem Klange der Hörner.

Die Lichter, Laternen, von Männern getragen,
kamen allgemach näher, die Scene belebte sich und in
einem Nu wimmelte der Platz von Jägern und Trei-
bern, welche jetzt ganz die Scene betrachteten, bis einer
der Jäger näher und auf den glücklich Befreiten, dessen
abgeschossenes Gewehr auf der Erde lag, zuschritt und
ihn freundlich bewillkommte.

Der Gefesselte wandte jetzt seinen Kopf, ein
Lichtstrahl fiel auf sein verwildertes gebräuntes Ge-
sicht, welches dem Postillon einen Aufschrei entlockte:
"Der Rankl!"

Aber auch der Gefesselte hatte ihn erkannt und
knirschte mit den Zähnen.

"Jetzt -- hat a Räuber den andern g'fangt,"
stieß er höhnisch hervor und lachte, trotzdem er sich
kaum bewegen konnte, auf eine Art, daß die sämmt-
lichen Jäger, die anfänglich noch nicht recht wußten,
um was es sich hier handle, auf den auf der Erde
Liegenden aufmerksam wurden.

Der Postillon stand bleich und keines Wortes
mächtig da.

Er starrte immer nur auf einen Punkt, und in
diesem concentrirten sich alle seine Empfindungen und
Gefühle.

Jetzt bewillkommte jeder einzelne der Jäger den
Geretteten; aber einer unter ihnen, ein behäbiger, dicker
alter Herr, trat beim Laternenschein näher, um sich den
couragirten Burschen anzusehen und ihm das Lob zu-
zuerkennen, das ihm gebühre dafür, daß er den Rankl
dingfest gemacht.


[Spaltenumbruch]

Der Postillon hatte diesen Herrn schon früher be-
obachtet, dieser eben war jener vorhin erwähnte Gegen-
stand, auf den er hinstarrte.

Langsam war derselbe auf den Peterl zugegangen,
noch standen sich die Beiden etwa drei Schritte ent-
fernt, da stürzte der Postillon auf die Knie zu dessen
Füßen.

"Gnade, Herr Postmeister, Gnade!" mehr brachte
der Peterl nicht heraus.

Die Zunge klebte ihm schier am Gaumen, die
Rede blieb ihm im Halse stecken.

"Unglückseliger, Sie auch hier? Wo kommen Sie
auf einmal daher? Sie haben Verbrechen auf Ver-
brechen gehäuft!"

Der Postmeister wollte noch weiter sprechen, doch
der auf der Erde liegende Rankl unterbrach ihn.

"Sie wollen, Herr Postmeister, wissen, woher der
Peterl kommt; das kann ich Ihnen besser sagen: der
kommt justament directe vom Ranklbuab'n seiner Banda."

Der Postmeister vermochte vor Aufregung nicht zu
sprechen, er wandte sich an einen der anwesenden Förster
mit dem Ersuchen, denselben festzunehmen, da dies der
entlaufene Postdieb sei, dann wandte er dem Peterl den
Rücken und trat zu dem Geretteten.

"Wissen Sie, Herr Graf, wer Ihr Retter ist",
flüsterte ihm der Postmeister zu; "haben Sie ihn nicht
erkannt, haben Sie sich diesen Unglücksmenschen noch
nicht betrachtet?"

"Allerdings kommt mir die Stimme noch etwas
bekannt vor, doch weiß ich mich factisch nicht mehr zu
erinnern, von wo," erwiederte der Gefragte.

"Der Postillon ist's, der so schön blasen kann."

"Nicht möglich, Herr Postmeister!"

"Und doch er ist's; ich könnte mir um diesen
Menschen die Haare ausraufen."

Der Graf schüttelte das Haupt und blickte mit-
leidsvoll auf den Postillon: dann wandte er sich zu
dem Jäger.

"Georges!" rief er.

Der Bediente trat aus dem Hintergrunde hervor
zu seinem Herrn hin.

"Hast Du Herrn Bittermann geseh'n?"


[Spaltenumbruch]

"Der Herr, den Euer Gnaden mitgenommen, nicht
wahr?"

"Ja, derselbe; wo ist er?"

"Er ist bei der anderen Partie, die auf der ent-
gegengesetzten Seite streift."

"Hat man mit denen keinen Anschluß?"

"Es liegt der Mühlgraben dazwischen, Euer
Gnaden!"

"Ist gut, nimm die Hunde mit Dir und das
Reservegewehr und geh' nach Hause."

Dann wandte er sich wieder an den Postmeister.

"Herr, Sie sind ein charmanter, edler Mann, wie
ich Sie doch schon durch Jahre die Ehre zu kennen
habe, erweisen Sie mir, wenn Sie in die Lage kommen
sollten, über das Betragen des Postillons bei dieser
Lebensrettungsaffaire gefragt zu werden, die Freund-
schaft und rühmen Sie die Unerschrockenheit, den Muth
und das an den Tag gelegte wackere Benehmen des
jungen Menschen, es wird vielleicht zur Milderung
seiner Strafe etwas beitragen. Er ist's auch, der den
berüchtigten Räuber dingfest gemacht hat; Schade um
den Menschen, aus dem wäre eine tüchtiger und braver
Soldat geworden."

"Ich bedauere nur seine arme alte Mutter," warf
der Postmeister ein; "die alte Frau hat ihren Sohn
vergöttert; er hat ihr zwar auch immer nur Liebes
und Gutes gethan, das muß man ihm zur Ehre nach-
sagen, und doch -- nein, 's ist unbegreiflich!"

"Auch eine gute Pflaze artet manchmal aus,"
bemerkte der Graf; "ist das seine rechte Mutter?"

"O nein, Herr Graf, der Postillon ist ein Ge-
meindekind, nach dem Jahre 1859 haben ihn ein paar
Bauern aus der Umgebung als kleinen Jung' mitge-
bracht und der eine hat ihn eine Zeit lang bei sich
behalten, dann ist er ihm lästig geworden und eines
schönen Tages hat man den armen fünfjährigen Buben
halb nackt und halb verhungert mitten im Spätherbst
auf der Gasse gefunden; da haben ihn ein paar mit-
leidige Leut' auf die Gemeindestube gebracht und die
alte Bäbel aus dem sogenannten Holzhackerdörfel hat
sich um das Buberl angenommen."

(Fortsetzung folgt.)




[irrelevantes Material]


Druck, Heransgabe und Verlag Ambr. Opitz, Wien. -- Verantwortlicher Redacteur Hermann Hikisch, Wien.


Wien, Dienſtag Reichspoſt 12. October 1897 233

[Spaltenumbruch]
120.)
Der Poſtillon.
Ein Roman aus verklungener Zeit.

Den gemeinſchaſtlichen Bemühungen des Poſtillons
und des Fremden gelang es, den auf der Erde ſich
Wehrenden feſtzumachen.

Plötzlich ertönte das Hallali der Jäger. Lichter
wurden im Hintergrunde ſichtbar, Hundegebell und
Laute kräſtiger Männerſtimmen vermiſchten ſich mit
dem Klange der Hörner.

Die Lichter, Laternen, von Männern getragen,
kamen allgemach näher, die Scene belebte ſich und in
einem Nu wimmelte der Platz von Jägern und Trei-
bern, welche jetzt ganz die Scene betrachteten, bis einer
der Jäger näher und auf den glücklich Befreiten, deſſen
abgeſchoſſenes Gewehr auf der Erde lag, zuſchritt und
ihn freundlich bewillkommte.

Der Gefeſſelte wandte jetzt ſeinen Kopf, ein
Lichtſtrahl fiel auf ſein verwildertes gebräuntes Ge-
ſicht, welches dem Poſtillon einen Aufſchrei entlockte:
„Der Rankl!“

Aber auch der Gefeſſelte hatte ihn erkannt und
knirſchte mit den Zähnen.

„Jetzt — hat a Räuber den andern g’fangt,“
ſtieß er höhniſch hervor und lachte, trotzdem er ſich
kaum bewegen konnte, auf eine Art, daß die ſämmt-
lichen Jäger, die anfänglich noch nicht recht wußten,
um was es ſich hier handle, auf den auf der Erde
Liegenden aufmerkſam wurden.

Der Poſtillon ſtand bleich und keines Wortes
mächtig da.

Er ſtarrte immer nur auf einen Punkt, und in
dieſem concentrirten ſich alle ſeine Empfindungen und
Gefühle.

Jetzt bewillkommte jeder einzelne der Jäger den
Geretteten; aber einer unter ihnen, ein behäbiger, dicker
alter Herr, trat beim Laternenſchein näher, um ſich den
couragirten Burſchen anzuſehen und ihm das Lob zu-
zuerkennen, das ihm gebühre dafür, daß er den Rankl
dingfeſt gemacht.


[Spaltenumbruch]

Der Poſtillon hatte dieſen Herrn ſchon früher be-
obachtet, dieſer eben war jener vorhin erwähnte Gegen-
ſtand, auf den er hinſtarrte.

Langſam war derſelbe auf den Peterl zugegangen,
noch ſtanden ſich die Beiden etwa drei Schritte ent-
fernt, da ſtürzte der Poſtillon auf die Knie zu deſſen
Füßen.

„Gnade, Herr Poſtmeiſter, Gnade!“ mehr brachte
der Peterl nicht heraus.

Die Zunge klebte ihm ſchier am Gaumen, die
Rede blieb ihm im Halſe ſtecken.

„Unglückſeliger, Sie auch hier? Wo kommen Sie
auf einmal daher? Sie haben Verbrechen auf Ver-
brechen gehäuft!“

Der Poſtmeiſter wollte noch weiter ſprechen, doch
der auf der Erde liegende Rankl unterbrach ihn.

„Sie wollen, Herr Poſtmeiſter, wiſſen, woher der
Peterl kommt; das kann ich Ihnen beſſer ſagen: der
kommt juſtament directe vom Ranklbuab’n ſeiner Banda.“

Der Poſtmeiſter vermochte vor Aufregung nicht zu
ſprechen, er wandte ſich an einen der anweſenden Förſter
mit dem Erſuchen, denſelben feſtzunehmen, da dies der
entlaufene Poſtdieb ſei, dann wandte er dem Peterl den
Rücken und trat zu dem Geretteten.

„Wiſſen Sie, Herr Graf, wer Ihr Retter iſt“,
flüſterte ihm der Poſtmeiſter zu; „haben Sie ihn nicht
erkannt, haben Sie ſich dieſen Unglücksmenſchen noch
nicht betrachtet?“

„Allerdings kommt mir die Stimme noch etwas
bekannt vor, doch weiß ich mich factiſch nicht mehr zu
erinnern, von wo,“ erwiederte der Gefragte.

„Der Poſtillon iſt’s, der ſo ſchön blaſen kann.“

„Nicht möglich, Herr Poſtmeiſter!“

„Und doch er iſt’s; ich könnte mir um dieſen
Menſchen die Haare ausraufen.“

Der Graf ſchüttelte das Haupt und blickte mit-
leidsvoll auf den Poſtillon: dann wandte er ſich zu
dem Jäger.

„Georges!“ rief er.

Der Bediente trat aus dem Hintergrunde hervor
zu ſeinem Herrn hin.

„Haſt Du Herrn Bittermann geſeh’n?“


[Spaltenumbruch]

„Der Herr, den Euer Gnaden mitgenommen, nicht
wahr?“

„Ja, derſelbe; wo iſt er?“

„Er iſt bei der anderen Partie, die auf der ent-
gegengeſetzten Seite ſtreift.“

„Hat man mit denen keinen Anſchluß?“

„Es liegt der Mühlgraben dazwiſchen, Euer
Gnaden!“

„Iſt gut, nimm die Hunde mit Dir und das
Reſervegewehr und geh’ nach Hauſe.“

Dann wandte er ſich wieder an den Poſtmeiſter.

„Herr, Sie ſind ein charmanter, edler Mann, wie
ich Sie doch ſchon durch Jahre die Ehre zu kennen
habe, erweiſen Sie mir, wenn Sie in die Lage kommen
ſollten, über das Betragen des Poſtillons bei dieſer
Lebensrettungsaffaire gefragt zu werden, die Freund-
ſchaft und rühmen Sie die Unerſchrockenheit, den Muth
und das an den Tag gelegte wackere Benehmen des
jungen Menſchen, es wird vielleicht zur Milderung
ſeiner Strafe etwas beitragen. Er iſt’s auch, der den
berüchtigten Räuber dingfeſt gemacht hat; Schade um
den Menſchen, aus dem wäre eine tüchtiger und braver
Soldat geworden.“

„Ich bedauere nur ſeine arme alte Mutter,“ warf
der Poſtmeiſter ein; „die alte Frau hat ihren Sohn
vergöttert; er hat ihr zwar auch immer nur Liebes
und Gutes gethan, das muß man ihm zur Ehre nach-
ſagen, und doch — nein, ’s iſt unbegreiflich!“

„Auch eine gute Pflaze artet manchmal aus,“
bemerkte der Graf; „iſt das ſeine rechte Mutter?“

„O nein, Herr Graf, der Poſtillon iſt ein Ge-
meindekind, nach dem Jahre 1859 haben ihn ein paar
Bauern aus der Umgebung als kleinen Jung’ mitge-
bracht und der eine hat ihn eine Zeit lang bei ſich
behalten, dann iſt er ihm läſtig geworden und eines
ſchönen Tages hat man den armen fünfjährigen Buben
halb nackt und halb verhungert mitten im Spätherbſt
auf der Gaſſe gefunden; da haben ihn ein paar mit-
leidige Leut’ auf die Gemeindeſtube gebracht und die
alte Bäbel aus dem ſogenannten Holzhackerdörfel hat
ſich um das Buberl angenommen.“

(Fortſetzung folgt.)




[irrelevantes Material]


Druck, Heransgabe und Verlag Ambr. Opitz, Wien. — Verantwortlicher Redacteur Hermann Hikiſch, Wien.


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[10/0010] Wien, Dienſtag Reichspoſt 12. October 1897 233 120.) Der Poſtillon. Ein Roman aus verklungener Zeit. von Carl Theodor Fockt. Den gemeinſchaſtlichen Bemühungen des Poſtillons und des Fremden gelang es, den auf der Erde ſich Wehrenden feſtzumachen. Plötzlich ertönte das Hallali der Jäger. Lichter wurden im Hintergrunde ſichtbar, Hundegebell und Laute kräſtiger Männerſtimmen vermiſchten ſich mit dem Klange der Hörner. Die Lichter, Laternen, von Männern getragen, kamen allgemach näher, die Scene belebte ſich und in einem Nu wimmelte der Platz von Jägern und Trei- bern, welche jetzt ganz die Scene betrachteten, bis einer der Jäger näher und auf den glücklich Befreiten, deſſen abgeſchoſſenes Gewehr auf der Erde lag, zuſchritt und ihn freundlich bewillkommte. Der Gefeſſelte wandte jetzt ſeinen Kopf, ein Lichtſtrahl fiel auf ſein verwildertes gebräuntes Ge- ſicht, welches dem Poſtillon einen Aufſchrei entlockte: „Der Rankl!“ Aber auch der Gefeſſelte hatte ihn erkannt und knirſchte mit den Zähnen. „Jetzt — hat a Räuber den andern g’fangt,“ ſtieß er höhniſch hervor und lachte, trotzdem er ſich kaum bewegen konnte, auf eine Art, daß die ſämmt- lichen Jäger, die anfänglich noch nicht recht wußten, um was es ſich hier handle, auf den auf der Erde Liegenden aufmerkſam wurden. Der Poſtillon ſtand bleich und keines Wortes mächtig da. Er ſtarrte immer nur auf einen Punkt, und in dieſem concentrirten ſich alle ſeine Empfindungen und Gefühle. Jetzt bewillkommte jeder einzelne der Jäger den Geretteten; aber einer unter ihnen, ein behäbiger, dicker alter Herr, trat beim Laternenſchein näher, um ſich den couragirten Burſchen anzuſehen und ihm das Lob zu- zuerkennen, das ihm gebühre dafür, daß er den Rankl dingfeſt gemacht. Der Poſtillon hatte dieſen Herrn ſchon früher be- obachtet, dieſer eben war jener vorhin erwähnte Gegen- ſtand, auf den er hinſtarrte. Langſam war derſelbe auf den Peterl zugegangen, noch ſtanden ſich die Beiden etwa drei Schritte ent- fernt, da ſtürzte der Poſtillon auf die Knie zu deſſen Füßen. „Gnade, Herr Poſtmeiſter, Gnade!“ mehr brachte der Peterl nicht heraus. Die Zunge klebte ihm ſchier am Gaumen, die Rede blieb ihm im Halſe ſtecken. „Unglückſeliger, Sie auch hier? Wo kommen Sie auf einmal daher? Sie haben Verbrechen auf Ver- brechen gehäuft!“ Der Poſtmeiſter wollte noch weiter ſprechen, doch der auf der Erde liegende Rankl unterbrach ihn. „Sie wollen, Herr Poſtmeiſter, wiſſen, woher der Peterl kommt; das kann ich Ihnen beſſer ſagen: der kommt juſtament directe vom Ranklbuab’n ſeiner Banda.“ Der Poſtmeiſter vermochte vor Aufregung nicht zu ſprechen, er wandte ſich an einen der anweſenden Förſter mit dem Erſuchen, denſelben feſtzunehmen, da dies der entlaufene Poſtdieb ſei, dann wandte er dem Peterl den Rücken und trat zu dem Geretteten. „Wiſſen Sie, Herr Graf, wer Ihr Retter iſt“, flüſterte ihm der Poſtmeiſter zu; „haben Sie ihn nicht erkannt, haben Sie ſich dieſen Unglücksmenſchen noch nicht betrachtet?“ „Allerdings kommt mir die Stimme noch etwas bekannt vor, doch weiß ich mich factiſch nicht mehr zu erinnern, von wo,“ erwiederte der Gefragte. „Der Poſtillon iſt’s, der ſo ſchön blaſen kann.“ „Nicht möglich, Herr Poſtmeiſter!“ „Und doch er iſt’s; ich könnte mir um dieſen Menſchen die Haare ausraufen.“ Der Graf ſchüttelte das Haupt und blickte mit- leidsvoll auf den Poſtillon: dann wandte er ſich zu dem Jäger. „Georges!“ rief er. Der Bediente trat aus dem Hintergrunde hervor zu ſeinem Herrn hin. „Haſt Du Herrn Bittermann geſeh’n?“ „Der Herr, den Euer Gnaden mitgenommen, nicht wahr?“ „Ja, derſelbe; wo iſt er?“ „Er iſt bei der anderen Partie, die auf der ent- gegengeſetzten Seite ſtreift.“ „Hat man mit denen keinen Anſchluß?“ „Es liegt der Mühlgraben dazwiſchen, Euer Gnaden!“ „Iſt gut, nimm die Hunde mit Dir und das Reſervegewehr und geh’ nach Hauſe.“ Dann wandte er ſich wieder an den Poſtmeiſter. „Herr, Sie ſind ein charmanter, edler Mann, wie ich Sie doch ſchon durch Jahre die Ehre zu kennen habe, erweiſen Sie mir, wenn Sie in die Lage kommen ſollten, über das Betragen des Poſtillons bei dieſer Lebensrettungsaffaire gefragt zu werden, die Freund- ſchaft und rühmen Sie die Unerſchrockenheit, den Muth und das an den Tag gelegte wackere Benehmen des jungen Menſchen, es wird vielleicht zur Milderung ſeiner Strafe etwas beitragen. Er iſt’s auch, der den berüchtigten Räuber dingfeſt gemacht hat; Schade um den Menſchen, aus dem wäre eine tüchtiger und braver Soldat geworden.“ „Ich bedauere nur ſeine arme alte Mutter,“ warf der Poſtmeiſter ein; „die alte Frau hat ihren Sohn vergöttert; er hat ihr zwar auch immer nur Liebes und Gutes gethan, das muß man ihm zur Ehre nach- ſagen, und doch — nein, ’s iſt unbegreiflich!“ „Auch eine gute Pflaze artet manchmal aus,“ bemerkte der Graf; „iſt das ſeine rechte Mutter?“ „O nein, Herr Graf, der Poſtillon iſt ein Ge- meindekind, nach dem Jahre 1859 haben ihn ein paar Bauern aus der Umgebung als kleinen Jung’ mitge- bracht und der eine hat ihn eine Zeit lang bei ſich behalten, dann iſt er ihm läſtig geworden und eines ſchönen Tages hat man den armen fünfjährigen Buben halb nackt und halb verhungert mitten im Spätherbſt auf der Gaſſe gefunden; da haben ihn ein paar mit- leidige Leut’ auf die Gemeindeſtube gebracht und die alte Bäbel aus dem ſogenannten Holzhackerdörfel hat ſich um das Buberl angenommen.“ (Fortſetzung folgt.) _ Druck, Heransgabe und Verlag Ambr. Opitz, Wien. — Verantwortlicher Redacteur Hermann Hikiſch, Wien.

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Zitationshilfe: Reichspost. Nr. 233, Wien, 12.10.1897, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_reichspost233_1897/10>, abgerufen am 23.04.2019.