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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 241. Köln, 9. März 1849.

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Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 241. Köln, Freitag, den 9. März 1849.

Vierteljähriger Abonnementspreis in Köln 1 Thlr. 7 1/2 Sgr., bei allen preußischen Postanstalten 1 Thlr. 17 Sgr. - Im Auslande wende man sich: in Belgien an die betreffenden Postanstalten; in London an W. Thomas, 21 Catherine-Street, Strand; in Paris an W. Thomas, 38 Rue Vivienne, und an A. Havas, 3 Rue Ican Jacques Rcusseau.

Insertionen werden mit 18 Pf. die Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Auskunft, Annahme und Abgabe chiffrirter Briefe gratis.

Nur frankirte Briefe werden angenommen. Expedition Unter Hutmacher Nro. 17.

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Der Eid der englischen Soldaten). Arnsberg Beamtenservilismus) Berlin. (Grabows Wahl zum Präsidenten. - Der Adreßentwurf der ersten Kammer. - Die Börse. - Die Arbeiter. - Constitutionelle Zeitungen. - Civilisationssymptome - Lokalklatsch - Vermischtes. - Adreßentwurf der ersten Kammer. - Prozeß gegen Abgeordnete). Wien. (Verurtheilungen. - Vermischtes). Olmütz. (Beschlagnahme eines Gewehrtransports). Dresden. (Sitzung der zweiten Kammer). Leipzig. (Hallischer Demokratenkongreß). Kassel. (Wahl nach Frankfurt. - Märzerrungenschaftsfeier. Frankfurt (Angeblicher Brief von Nikolaus an F. W. IV. - Reaktionäre Lügen). Altona. (Die Landesversammlung. - Lord Palmerston).

Dänemark. Kopenhagen. (Die angebliche dänische Note. - Reichstag).

Ungarn. (Vom Kriegsschauplatz).

Italien. (Aus Mailand und Venedig). Florenz. (Guerrazzi's Rückkehr. - Neue Dekrete der prov. Regierung). Turin. (Gioberti. - Rüstungen in Genua). Rom. (Die neapolitanischen Invasionstruppen. - Garibaldi. - Lambruschini. - Kapitän Cencelli. - Manifest an die italienischen Völker). Neapel (Ministerkrisis).

Französische Republik. Paris. (Die Militärbanketts. - Grandin. Die royalistische Presse über Russen und Oestreicher. - L. Bonaparte. - Vermischtes. - National-Versammlung). Bourges. (Details über die Gefangenen).

Belgien. Brüssel. (Die belgische Gastfreundschaft).

Großbritannien. London. (Unterhaussitzung. - Napier nach Ostindien. - Ein Kriminalfall).

Deutschland.
* Köln, 7. März.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
220 Arnsburg, Anfang März.

Ich bin jetzt im Stande Ihnen den Wortlaut des in Nro. 222 Ihrer Zeitung gedachten, von den Herren v. Mengershausen und Konsorten gegen den Geh. Justizrath Kindermann gerichteten Mißtrauensvotums zu geben. Wie Sie aus dem Inhalte desselben ersehen, stützt es sich auf einen Artikel der Wupperthaler Galgen-Zeitung, in welchem Kindermann zum Vorwurfe gemacht wurde, daß er sich, trotz der vom Staate genossenen Wohlthaten, in seiner Eigenschaft als Wahlmann zur 2. Kammer, dennoch mit großem Interesse an der Wahl des staatsgefährlichen Gierse betheiligt habe.

Das Mengershausen'sche Machwerk lautet:

Hohes Präsidium! In der heutigen Nummer der Elberfelder Zeitung steht ein Artikel d. d. Arnsberg, den 6. d. M., welcher den Geh. Justizrath Kindermann beschuldigt: die hier unlängst erfolgte Wahl des bekannten Gierse als Abgeordneten zur 2. Kammer in einer Weise befördert zu haben, welche mit dem Namen der Wühlerei bezeichnet zu werden verdient. Die ganz gehorsamst unterzeichneten Mitglieder des Kriminalsenats, welche als solche in fortwährender amtlicher Berührung mit dem Hrn. etc. Kindermann stehen, halten jene Beschuldigung, wenn sie begründet sein sollte, mit der Wirksamkeit eines richterlichen Beamten für unverträglich, und können ihren Wunsch nicht unterdrücken, daß der Wahrheit des Gerüchts baldmöglichst nachgeforscht, resp. dem etc. Kindermann Gelegenheit gegeben werde, sich von dem ihm gemachten Vorwurfe (für eine Wahl im liberalen Sinne gewirkt zu haben) zu reinigen. Sie erlauben sich, zu erklären, daß, wenn dieses nicht geschieht, sie, ohne Verletzung ihrer Amtsehre nicht in einem und dem nämlichen Collegio mit demselben bleiben können. Sie sind der Ansicht, daß durch solchen Mangel an Gesinnungstüchtigkeit eines einzelnen Beamten dem Collegio selbst die ihm unentbehrliche Achtung des Publikums entzogen, und der Dienst in hohem Grade gefährdet wird. Sie halten insbesondere die Handhabung einer unparteiischen, und - wenn es darauf ankommt - schonungslosen Kriminalrechtspflege für unmöglich, wenn sich auch nur Einer im Collegio befindet, der, den bestehenden (!) Rechtsboden (!!) verlassend, darauf ausgeht: der Umsturzpartei in die Hände zu arbeiten. Sie können, auf ihre bisherigen Erfahrungen gestützt, einem solchen Manne ein freies (!) und redliches (!!!) Votum - zumal in Sachen des Aufruhrs, der Majestätsbeleidigung und anderer politischer Verbrechen, nicht einräumen, und sie würden es, wenn sie mit ihm ferner in amtlichen Verhältnissen bleiben müßten, für dringende Pflicht halten, ihn stets mit mißtrauischem Auge zu bewachen, und alle seine Vorträge einer, meist gehässigen aktenmäßigen Kritik zu unterwerfen.

Die Unterzeichneten wünschen aber ein so unangenehmes, die widerwärtigsten Reibungen begründendes Verhältniß zu vermeiden und bitten daher im Interesse des Dienstes ganz gehorsamst um baldmöglichste Aufklärung der Sache, indem sie dafür halten, daß nur auf diesem Wege den sonst unvermeidlichen Störungen im Collegio vorgebeugt werden könne.

Arnsberg, den 9. Februar 1849.

gez. v. Mengershausen. Wermuth. v. Arnstedt. v. Buttler.

Wie ich schon früher mitgetheilt, hatten die Unterzeichner dieser Ausgeburt Preußischer Beamtenservilität auf jede Weise gesucht: ihre Angelegenheit zur Sache des Collegiums zu machen, um auch diesem die traurige Berühmtheit der Justiz-Collegien Berlin's, Münster's und Ratibor's zu verschaffen. Der Versuch scheiterte jedoch an der Ehrenhaftigkeit des Dirigenten, O.-L.-G.-Direktor Wichmann. Man überreichte indeß die Vorstellung dem "hohen Präsidio" erwartend: daß nun Schlag auf Schlag, auf die Denunciation die Disciplinaruntersuchung, auf diese die Suspendirung und dann die Entlassung aus dem Amte folgen werde. Aber auch hier nichts als Täuschung. Statt der erhofften Lorbeeren nur Disteln und Stroh! Das Präsidium theilte dem Kindermann das Originalschreiben unter dem schriftlichen Beifügen mit, daß ihm anheimgegeben werde: ob er den Wisch beantworten wolle.

Der Wink war deutlich. Kindermann sandte das Mengershausen'sche Votum mit folgender Erklärung zurück:

"Einem hohen Präsidio reiche ich die Anlage nebst geehrtem Marginaldekrete zurück.

"Die Manifestation der Herren v. Mengershausen u. Consorten ist auf einen gegen mich gerichteten anonymen Schmähartikel der Elberf. Zeitung gebaut, der das Gepräge der Lüge und Niederträchtigkeit offen an der Stirn trägt.

"Ich halte beide, sowohl den Artikel der Elberf. Zeitung als auch die Erklärung der Herren v. Mengershausen u. Consorten einer Gegenerklärung nicht für würdig. Sollten indessen die gedachten Herren, nach jenem Angriffe auf mich es für unvereinbar mit ihrer Ehre halten, ferner mit mir beim Collegio zu verbleiben, so bedaure ich das letztere allerdings wegen des ihm drohenden Verlustes. Ich werde jedoch meinestheils nicht aufhören, auch [Fortsetzung]

[Feuilleton]
Die Langeweile, der Spleen und die Seekrankheit.

(Fortsetzung von Nro. 238) [Fortsetzung]

Und wir aßen und tranken.

Nachdem aber das damastene Tischtuch mit allem was darauf stand, entfernt war und die geschäftigen Kellner neue Krystall Dekanter und neue Gläser auf den nackten Mahagonytisch gestellt hatten, nahm ich das Wort und erklärte der mir gegenübersitzenden lieben, langen Göttin der Langenweile, daß ich ungemein glücklich sein würde, ein Glas Wein mit ihr zu trinken.

Die Holde lächelte und erwiederte sofort, daß es ihr zu ganz außerordentlichem Vergnügen gereiche, meiner Einladung zu folgen. Ich füllte daher mein Glas bis an den Rand und die Göttin füllte das ihrige.

Der Akt des gemeinschaftlichen Weintrinkens ist ein Akt von hoher Bedeutung in England. Zwei Heidelberger Chorbursche, die die Schlachtfelder von sechs Semestern hinter sich haben, können sich nicht mit mehr Anstand und Würde auf krumme Säbel oder Pistolen fordern, als zwei Engländer sich zum Genuß eines Glases Portwein einladen. Es ist, als ob sich die Thürme der Westminster-Abtei und die Kuppel von St. Pauls bei aufgehender Sonne still "guten Morgen" wünschten. Mit demselben Ernste, mit dem Cromwell König Karl auf's Schaffot brachte, mit derselben Würde, mit der einst Pitt im Parlamente aufstand um den Krieg gegen die französische Republik zu verlangen und mit derselben Feier, mit der Lord Hardinge nach der Schlacht von Sobraon den Völkern des Indus und des Ganges eröffnete, daß sie hinfort den Nacken unter das britische Scepter zu beugen hätten - mit demselben Ernste, mit derselben Würde, und mit derselben Feier trinken die Engländer ihren Portwein und Sherry, und schauen sich mit ihren starren, großbritannischen Augen so schrecklich dabei an, als söffen sie Rattengift, um dann hinab zu fahren zum Styr oder zum Satan.

Da ich zu Wasser und zu Lande schon oft genug Gelegenheit hatte, mich in dem Naturgenuß des Portweintrinkens zu üben, so konnte es natürlich nicht fehlen, daß mein Duett mit der langweiligen Göttin über alle Maßen vortrefflich ausfiel. Beide ergriffen wir das schimmernde Krystall, in dem das edle Blut der pyrenäischen Halbinsel so mystisch wogte und blitzte wie flüssige Rubinen; beide erhoben wir dann die Gläser und jetzt uns messend mit stieren Blicken, neigten wir die Köpfe, kaum bemerkbar und möglichst steif, um endlich mit todternsten Gesichtern, a tempo, den großen Moment des Trinkens zu vollenden.

Als aber auch die Göttin der Seekrankheit und der graue Spleen einen Becher mit einander gewechselt hatten, da wandte ich mich wieder zu der Langenweile und sprach zu ihr in dem zierlichsten Englisch, was je ein Insulaner gesprochen hat, von dem galanten Sir Walter Raleigh an, bis auf Benjamin Disraeli: Theuerste Göttin, ich gebe Ihnen hierdurch das Wort. Sie werden sich dieses Wortes vortrefflich zu bedienen wissen und gern wollen wir Ihren Erzählungen lauschen, denn Niemand kann interessanter sein, als die Langeweile.

Sprach's und verstummte.

Die Göttin der Langenweile warf aber ihre blonden Locken über das schneeweiße Angesicht; der Atlas ihres Kleides krachte verführerisch und langsam öffnete sie jetzt die rosigen Lippen und hub folgendermaßen zu reden an:

"Groß ist das Reich, das ich beherrsche. Ja, wahrlich, in meinem Reiche geht die Sonne niemals unter. Mein Einfluß erstreckt sich über alle Theile der Erde. Ich beherrsche die Welt seit den grausten Zeiten. Aelter bin ich, als der älteste der lebenden Menschen; älter als der älteste Kirchthurm, als die älteste Pyramide, als die Arche Noäh, ja mit Adam wohnte ich schon im Paradiese, ehe ihm Gott sein Weib geschaffen, zu unendlichem Vergnügen - ja mit Gott selbst stand ich auf vertrautem Fuße, ehe er aus lauter langer Weile die Welt erschuf und Alles was darinnen ist. Unumschränkt war meine Macht in dem sogenannten goldnen Zeitalter der Menschheit; mit den ersten Hirten langweilte ich mich auf den grasreichen Ebnen des Orients; bauen half ich an dem großen sprachverwirrenden Thurme, und wenn auch die heitern Gelage von Babylon und Niniveh manchmal meinen stillen Einfluß störten, so fand ich doch Eingang in den Herzen vieler einfältigen Leute, die wie Jakob vierzehn Jahre lang um dasselbe Weib streiten, oder wie Joseph, lieber ihrem Herrn treu blieben, als sich ihrer Gebieterin angenehm machten. Ja, als ein besonderes Faktum bitte ich es zu konstatiren, daß Methusalem nur aus reiner langer Weile seine tausend Jahre alt wurde.

Doch der langweiligen patriarchalischen Zeit, folgten ach, die fröhlichen Jahrhunderte der Griechen. Die Götter, die damals en vogue waren, verwilderten im Himmel und die Menschen auf Erden. Unsittlich nackt thronten die Unsterblichen auf dem Gipfel des Olymps, stets bereit zu den verliebtesten Streichen, zu den ausgelassensten Aventüren. Selbst der Vater der Götter verschmähte es nicht, sich unter jederlei Gestalt zu den Nymphen des platten Landes herabzulassen und zu ihrer Heiterkeit ein Erkleckliches beizutragen. Wie konnte damals von Langerweile die Rede sein? Die Menschen nahmen ein böses Beispiel an ihren Vorgesetzten. Auf offenem Markte saßen die reizenden Athener und freuten sich ihres Lebens und unerbittlich schlossen sich vor mir alle Thüren. Hatte ich je einmal Zutritt zu einem hellenischen Wesen, nun, so war es höchstens eine Penelopeia, die mich aufnahm, als sie sich Jahre lang ihrem herrlichen Dulder entgegensehnte.

Auch unter dem Waffenlärm der Römer war meines Bleibens nicht und ich athmete erst wieder auf, als die christliche Zeit kam,

Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 241. Köln, Freitag, den 9. März 1849.

Vierteljähriger Abonnementspreis in Köln 1 Thlr. 7 1/2 Sgr., bei allen preußischen Postanstalten 1 Thlr. 17 Sgr. ‒ Im Auslande wende man sich: in Belgien an die betreffenden Postanstalten; in London an W. Thomas, 21 Catherine-Street, Strand; in Paris an W. Thomas, 38 Rue Vivienne, und an A. Havas, 3 Rue Ican Jacques Rcusseau.

Insertionen werden mit 18 Pf. die Petitzeile oder deren Raum berechnet.

Auskunft, Annahme und Abgabe chiffrirter Briefe gratis.

Nur frankirte Briefe werden angenommen. Expedition Unter Hutmacher Nro. 17.

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Der Eid der englischen Soldaten). Arnsberg Beamtenservilismus) Berlin. (Grabows Wahl zum Präsidenten. ‒ Der Adreßentwurf der ersten Kammer. ‒ Die Börse. ‒ Die Arbeiter. ‒ Constitutionelle Zeitungen. ‒ Civilisationssymptome ‒ Lokalklatsch ‒ Vermischtes. ‒ Adreßentwurf der ersten Kammer. ‒ Prozeß gegen Abgeordnete). Wien. (Verurtheilungen. ‒ Vermischtes). Olmütz. (Beschlagnahme eines Gewehrtransports). Dresden. (Sitzung der zweiten Kammer). Leipzig. (Hallischer Demokratenkongreß). Kassel. (Wahl nach Frankfurt. ‒ Märzerrungenschaftsfeier. Frankfurt (Angeblicher Brief von Nikolaus an F. W. IV. ‒ Reaktionäre Lügen). Altona. (Die Landesversammlung. ‒ Lord Palmerston).

Dänemark. Kopenhagen. (Die angebliche dänische Note. ‒ Reichstag).

Ungarn. (Vom Kriegsschauplatz).

Italien. (Aus Mailand und Venedig). Florenz. (Guerrazzi's Rückkehr. ‒ Neue Dekrete der prov. Regierung). Turin. (Gioberti. ‒ Rüstungen in Genua). Rom. (Die neapolitanischen Invasionstruppen. ‒ Garibaldi. ‒ Lambruschini. ‒ Kapitän Cencelli. ‒ Manifest an die italienischen Völker). Neapel (Ministerkrisis).

Französische Republik. Paris. (Die Militärbanketts. ‒ Grandin. Die royalistische Presse über Russen und Oestreicher. ‒ L. Bonaparte. ‒ Vermischtes. ‒ National-Versammlung). Bourges. (Details über die Gefangenen).

Belgien. Brüssel. (Die belgische Gastfreundschaft).

Großbritannien. London. (Unterhaussitzung. ‒ Napier nach Ostindien. ‒ Ein Kriminalfall).

Deutschland.
* Köln, 7. März.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
220 Arnsburg, Anfang März.

Ich bin jetzt im Stande Ihnen den Wortlaut des in Nro. 222 Ihrer Zeitung gedachten, von den Herren v. Mengershausen und Konsorten gegen den Geh. Justizrath Kindermann gerichteten Mißtrauensvotums zu geben. Wie Sie aus dem Inhalte desselben ersehen, stützt es sich auf einen Artikel der Wupperthaler Galgen-Zeitung, in welchem Kindermann zum Vorwurfe gemacht wurde, daß er sich, trotz der vom Staate genossenen Wohlthaten, in seiner Eigenschaft als Wahlmann zur 2. Kammer, dennoch mit großem Interesse an der Wahl des staatsgefährlichen Gierse betheiligt habe.

Das Mengershausen'sche Machwerk lautet:

Hohes Präsidium! In der heutigen Nummer der Elberfelder Zeitung steht ein Artikel d. d. Arnsberg, den 6. d. M., welcher den Geh. Justizrath Kindermann beschuldigt: die hier unlängst erfolgte Wahl des bekannten Gierse als Abgeordneten zur 2. Kammer in einer Weise befördert zu haben, welche mit dem Namen der Wühlerei bezeichnet zu werden verdient. Die ganz gehorsamst unterzeichneten Mitglieder des Kriminalsenats, welche als solche in fortwährender amtlicher Berührung mit dem Hrn. etc. Kindermann stehen, halten jene Beschuldigung, wenn sie begründet sein sollte, mit der Wirksamkeit eines richterlichen Beamten für unverträglich, und können ihren Wunsch nicht unterdrücken, daß der Wahrheit des Gerüchts baldmöglichst nachgeforscht, resp. dem etc. Kindermann Gelegenheit gegeben werde, sich von dem ihm gemachten Vorwurfe (für eine Wahl im liberalen Sinne gewirkt zu haben) zu reinigen. Sie erlauben sich, zu erklären, daß, wenn dieses nicht geschieht, sie, ohne Verletzung ihrer Amtsehre nicht in einem und dem nämlichen Collegio mit demselben bleiben können. Sie sind der Ansicht, daß durch solchen Mangel an Gesinnungstüchtigkeit eines einzelnen Beamten dem Collegio selbst die ihm unentbehrliche Achtung des Publikums entzogen, und der Dienst in hohem Grade gefährdet wird. Sie halten insbesondere die Handhabung einer unparteiischen, und ‒ wenn es darauf ankommt ‒ schonungslosen Kriminalrechtspflege für unmöglich, wenn sich auch nur Einer im Collegio befindet, der, den bestehenden (!) Rechtsboden (!!) verlassend, darauf ausgeht: der Umsturzpartei in die Hände zu arbeiten. Sie können, auf ihre bisherigen Erfahrungen gestützt, einem solchen Manne ein freies (!) und redliches (!!!) Votum ‒ zumal in Sachen des Aufruhrs, der Majestätsbeleidigung und anderer politischer Verbrechen, nicht einräumen, und sie würden es, wenn sie mit ihm ferner in amtlichen Verhältnissen bleiben müßten, für dringende Pflicht halten, ihn stets mit mißtrauischem Auge zu bewachen, und alle seine Vorträge einer, meist gehässigen aktenmäßigen Kritik zu unterwerfen.

Die Unterzeichneten wünschen aber ein so unangenehmes, die widerwärtigsten Reibungen begründendes Verhältniß zu vermeiden und bitten daher im Interesse des Dienstes ganz gehorsamst um baldmöglichste Aufklärung der Sache, indem sie dafür halten, daß nur auf diesem Wege den sonst unvermeidlichen Störungen im Collegio vorgebeugt werden könne.

Arnsberg, den 9. Februar 1849.

gez. v. Mengershausen. Wermuth. v. Arnstedt. v. Buttler.

Wie ich schon früher mitgetheilt, hatten die Unterzeichner dieser Ausgeburt Preußischer Beamtenservilität auf jede Weise gesucht: ihre Angelegenheit zur Sache des Collegiums zu machen, um auch diesem die traurige Berühmtheit der Justiz-Collegien Berlin's, Münster's und Ratibor's zu verschaffen. Der Versuch scheiterte jedoch an der Ehrenhaftigkeit des Dirigenten, O.-L.-G.-Direktor Wichmann. Man überreichte indeß die Vorstellung dem „hohen Präsidio“ erwartend: daß nun Schlag auf Schlag, auf die Denunciation die Disciplinaruntersuchung, auf diese die Suspendirung und dann die Entlassung aus dem Amte folgen werde. Aber auch hier nichts als Täuschung. Statt der erhofften Lorbeeren nur Disteln und Stroh! Das Präsidium theilte dem Kindermann das Originalschreiben unter dem schriftlichen Beifügen mit, daß ihm anheimgegeben werde: ob er den Wisch beantworten wolle.

Der Wink war deutlich. Kindermann sandte das Mengershausen'sche Votum mit folgender Erklärung zurück:

„Einem hohen Präsidio reiche ich die Anlage nebst geehrtem Marginaldekrete zurück.

„Die Manifestation der Herren v. Mengershausen u. Consorten ist auf einen gegen mich gerichteten anonymen Schmähartikel der Elberf. Zeitung gebaut, der das Gepräge der Lüge und Niederträchtigkeit offen an der Stirn trägt.

„Ich halte beide, sowohl den Artikel der Elberf. Zeitung als auch die Erklärung der Herren v. Mengershausen u. Consorten einer Gegenerklärung nicht für würdig. Sollten indessen die gedachten Herren, nach jenem Angriffe auf mich es für unvereinbar mit ihrer Ehre halten, ferner mit mir beim Collegio zu verbleiben, so bedaure ich das letztere allerdings wegen des ihm drohenden Verlustes. Ich werde jedoch meinestheils nicht aufhören, auch [Fortsetzung]

[Feuilleton]
Die Langeweile, der Spleen und die Seekrankheit.

(Fortsetzung von Nro. 238) [Fortsetzung]

Und wir aßen und tranken.

Nachdem aber das damastene Tischtuch mit allem was darauf stand, entfernt war und die geschäftigen Kellner neue Krystall Dekanter und neue Gläser auf den nackten Mahagonytisch gestellt hatten, nahm ich das Wort und erklärte der mir gegenübersitzenden lieben, langen Göttin der Langenweile, daß ich ungemein glücklich sein würde, ein Glas Wein mit ihr zu trinken.

Die Holde lächelte und erwiederte sofort, daß es ihr zu ganz außerordentlichem Vergnügen gereiche, meiner Einladung zu folgen. Ich füllte daher mein Glas bis an den Rand und die Göttin füllte das ihrige.

Der Akt des gemeinschaftlichen Weintrinkens ist ein Akt von hoher Bedeutung in England. Zwei Heidelberger Chorbursche, die die Schlachtfelder von sechs Semestern hinter sich haben, können sich nicht mit mehr Anstand und Würde auf krumme Säbel oder Pistolen fordern, als zwei Engländer sich zum Genuß eines Glases Portwein einladen. Es ist, als ob sich die Thürme der Westminster-Abtei und die Kuppel von St. Pauls bei aufgehender Sonne still „guten Morgen“ wünschten. Mit demselben Ernste, mit dem Cromwell König Karl auf's Schaffot brachte, mit derselben Würde, mit der einst Pitt im Parlamente aufstand um den Krieg gegen die französische Republik zu verlangen und mit derselben Feier, mit der Lord Hardinge nach der Schlacht von Sobraon den Völkern des Indus und des Ganges eröffnete, daß sie hinfort den Nacken unter das britische Scepter zu beugen hätten ‒ mit demselben Ernste, mit derselben Würde, und mit derselben Feier trinken die Engländer ihren Portwein und Sherry, und schauen sich mit ihren starren, großbritannischen Augen so schrecklich dabei an, als söffen sie Rattengift, um dann hinab zu fahren zum Styr oder zum Satan.

Da ich zu Wasser und zu Lande schon oft genug Gelegenheit hatte, mich in dem Naturgenuß des Portweintrinkens zu üben, so konnte es natürlich nicht fehlen, daß mein Duett mit der langweiligen Göttin über alle Maßen vortrefflich ausfiel. Beide ergriffen wir das schimmernde Krystall, in dem das edle Blut der pyrenäischen Halbinsel so mystisch wogte und blitzte wie flüssige Rubinen; beide erhoben wir dann die Gläser und jetzt uns messend mit stieren Blicken, neigten wir die Köpfe, kaum bemerkbar und möglichst steif, um endlich mit todternsten Gesichtern, à tempo, den großen Moment des Trinkens zu vollenden.

Als aber auch die Göttin der Seekrankheit und der graue Spleen einen Becher mit einander gewechselt hatten, da wandte ich mich wieder zu der Langenweile und sprach zu ihr in dem zierlichsten Englisch, was je ein Insulaner gesprochen hat, von dem galanten Sir Walter Raleigh an, bis auf Benjamin Disraeli: Theuerste Göttin, ich gebe Ihnen hierdurch das Wort. Sie werden sich dieses Wortes vortrefflich zu bedienen wissen und gern wollen wir Ihren Erzählungen lauschen, denn Niemand kann interessanter sein, als die Langeweile.

Sprach's und verstummte.

Die Göttin der Langenweile warf aber ihre blonden Locken über das schneeweiße Angesicht; der Atlas ihres Kleides krachte verführerisch und langsam öffnete sie jetzt die rosigen Lippen und hub folgendermaßen zu reden an:

„Groß ist das Reich, das ich beherrsche. Ja, wahrlich, in meinem Reiche geht die Sonne niemals unter. Mein Einfluß erstreckt sich über alle Theile der Erde. Ich beherrsche die Welt seit den grausten Zeiten. Aelter bin ich, als der älteste der lebenden Menschen; älter als der älteste Kirchthurm, als die älteste Pyramide, als die Arche Noäh, ja mit Adam wohnte ich schon im Paradiese, ehe ihm Gott sein Weib geschaffen, zu unendlichem Vergnügen ‒ ja mit Gott selbst stand ich auf vertrautem Fuße, ehe er aus lauter langer Weile die Welt erschuf und Alles was darinnen ist. Unumschränkt war meine Macht in dem sogenannten goldnen Zeitalter der Menschheit; mit den ersten Hirten langweilte ich mich auf den grasreichen Ebnen des Orients; bauen half ich an dem großen sprachverwirrenden Thurme, und wenn auch die heitern Gelage von Babylon und Niniveh manchmal meinen stillen Einfluß störten, so fand ich doch Eingang in den Herzen vieler einfältigen Leute, die wie Jakob vierzehn Jahre lang um dasselbe Weib streiten, oder wie Joseph, lieber ihrem Herrn treu blieben, als sich ihrer Gebieterin angenehm machten. Ja, als ein besonderes Faktum bitte ich es zu konstatiren, daß Methusalem nur aus reiner langer Weile seine tausend Jahre alt wurde.

Doch der langweiligen patriarchalischen Zeit, folgten ach, die fröhlichen Jahrhunderte der Griechen. Die Götter, die damals en vogue waren, verwilderten im Himmel und die Menschen auf Erden. Unsittlich nackt thronten die Unsterblichen auf dem Gipfel des Olymps, stets bereit zu den verliebtesten Streichen, zu den ausgelassensten Aventüren. Selbst der Vater der Götter verschmähte es nicht, sich unter jederlei Gestalt zu den Nymphen des platten Landes herabzulassen und zu ihrer Heiterkeit ein Erkleckliches beizutragen. Wie konnte damals von Langerweile die Rede sein? Die Menschen nahmen ein böses Beispiel an ihren Vorgesetzten. Auf offenem Markte saßen die reizenden Athener und freuten sich ihres Lebens und unerbittlich schlossen sich vor mir alle Thüren. Hatte ich je einmal Zutritt zu einem hellenischen Wesen, nun, so war es höchstens eine Penelopeia, die mich aufnahm, als sie sich Jahre lang ihrem herrlichen Dulder entgegensehnte.

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          <p>Ich bin jetzt im Stande Ihnen den Wortlaut des in Nro. 222 Ihrer Zeitung gedachten, von den Herren v. Mengershausen und Konsorten gegen den Geh. Justizrath Kindermann gerichteten Mißtrauensvotums zu geben. Wie Sie aus dem Inhalte desselben ersehen, stützt es sich auf einen Artikel der Wupperthaler Galgen-Zeitung, in welchem Kindermann zum Vorwurfe gemacht wurde, daß er sich, trotz der vom Staate genossenen Wohlthaten, in seiner Eigenschaft als Wahlmann zur 2. Kammer, dennoch mit großem Interesse an der Wahl des staatsgefährlichen Gierse betheiligt habe.</p>
          <p>Das Mengershausen'sche Machwerk lautet:</p>
          <p>Hohes Präsidium! In der heutigen Nummer der Elberfelder Zeitung steht ein Artikel d. d. Arnsberg, den 6. d. M., welcher den Geh. Justizrath Kindermann beschuldigt: die hier unlängst erfolgte Wahl des <hi rendition="#g">bekannten</hi> Gierse als Abgeordneten zur 2. Kammer in einer Weise befördert zu haben, welche mit dem Namen der <hi rendition="#g">Wühlerei</hi> bezeichnet zu werden verdient. Die ganz gehorsamst unterzeichneten Mitglieder des Kriminalsenats, welche als solche in fortwährender amtlicher Berührung mit dem Hrn. etc. Kindermann stehen, halten jene Beschuldigung, wenn sie begründet sein sollte, mit der Wirksamkeit eines richterlichen Beamten für unverträglich, und können ihren Wunsch nicht unterdrücken, daß der Wahrheit des Gerüchts baldmöglichst nachgeforscht, resp. dem etc. Kindermann Gelegenheit gegeben werde, sich von dem ihm gemachten Vorwurfe (für eine Wahl im liberalen Sinne gewirkt zu haben) zu reinigen. Sie erlauben sich, zu erklären, daß, wenn dieses nicht geschieht, sie, ohne Verletzung ihrer Amtsehre nicht in einem und dem nämlichen Collegio mit demselben bleiben können. Sie sind der Ansicht, daß durch solchen <hi rendition="#g">Mangel an Gesinnungstüchtigkeit</hi> eines einzelnen Beamten dem Collegio selbst die ihm unentbehrliche Achtung des Publikums entzogen, und der Dienst in hohem Grade gefährdet wird. Sie halten insbesondere die Handhabung einer unparteiischen, und &#x2012; wenn es darauf ankommt &#x2012; <hi rendition="#g">schonungslosen</hi> Kriminalrechtspflege für unmöglich, wenn sich auch nur Einer im Collegio befindet, der, den bestehenden (!) Rechtsboden (!!) verlassend, darauf ausgeht: der <hi rendition="#g">Umsturzpartei</hi> in die Hände zu arbeiten. Sie können, auf ihre bisherigen Erfahrungen gestützt, einem solchen Manne ein <hi rendition="#g">freies</hi> (!) und <hi rendition="#g">redliches</hi> (!!!) Votum &#x2012; zumal in Sachen des Aufruhrs, der Majestätsbeleidigung und anderer politischer Verbrechen, nicht einräumen, und sie würden es, wenn sie mit ihm ferner in amtlichen Verhältnissen bleiben müßten, für dringende Pflicht halten, ihn stets mit mißtrauischem Auge zu bewachen, und alle seine Vorträge einer, meist gehässigen aktenmäßigen Kritik zu unterwerfen.</p>
          <p>Die Unterzeichneten wünschen aber ein so unangenehmes, die widerwärtigsten Reibungen begründendes Verhältniß zu vermeiden und bitten daher im <hi rendition="#g">Interesse des Dienstes</hi> ganz gehorsamst um baldmöglichste Aufklärung der Sache, indem sie dafür halten, daß nur auf diesem Wege den sonst unvermeidlichen Störungen im Collegio vorgebeugt werden könne.</p>
          <p>Arnsberg, den 9. Februar 1849.</p>
          <p>gez. v. Mengershausen. Wermuth. v. Arnstedt. v. Buttler.</p>
          <p>Wie ich schon früher mitgetheilt, hatten die Unterzeichner dieser Ausgeburt Preußischer Beamtenservilität auf jede Weise gesucht: ihre Angelegenheit zur Sache des Collegiums zu machen, um auch diesem die traurige Berühmtheit der Justiz-Collegien Berlin's, Münster's und Ratibor's zu verschaffen. Der Versuch scheiterte jedoch an der Ehrenhaftigkeit des Dirigenten, O.-L.-G.-Direktor Wichmann. Man überreichte indeß die Vorstellung dem &#x201E;hohen Präsidio&#x201C; erwartend: daß nun Schlag auf Schlag, auf die Denunciation die Disciplinaruntersuchung, auf diese die Suspendirung und dann die Entlassung aus dem Amte folgen werde. Aber auch hier nichts als Täuschung. Statt der erhofften Lorbeeren nur Disteln und Stroh! Das Präsidium theilte dem Kindermann das Originalschreiben unter dem schriftlichen Beifügen mit, daß ihm <hi rendition="#g">anheimgegeben</hi> werde: ob er den Wisch beantworten wolle.</p>
          <p>Der Wink war deutlich. Kindermann sandte das Mengershausen'sche Votum mit folgender Erklärung zurück:</p>
          <p>&#x201E;Einem hohen Präsidio reiche ich die Anlage nebst geehrtem Marginaldekrete zurück.</p>
          <p>&#x201E;Die Manifestation der Herren v. Mengershausen u. Consorten ist auf einen gegen mich gerichteten anonymen Schmähartikel der Elberf. Zeitung gebaut, der das Gepräge der Lüge und Niederträchtigkeit offen an der Stirn trägt.</p>
          <p>&#x201E;Ich halte beide, sowohl den Artikel der Elberf. Zeitung als auch die Erklärung der Herren v. Mengershausen u. Consorten einer Gegenerklärung nicht für würdig. Sollten indessen die gedachten Herren, nach jenem Angriffe auf mich es für unvereinbar mit ihrer Ehre halten, ferner mit mir beim Collegio zu verbleiben, so bedaure ich das letztere allerdings wegen des ihm drohenden Verlustes. Ich werde jedoch meinestheils nicht aufhören, auch <ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref>                 </p>
        </div>
      </div>
      <div n="1">
        <head>[Feuilleton]</head>
        <div xml:id="ar241_003" type="jArticle">
          <head>Die Langeweile, der Spleen und die Seekrankheit.</head>
          <p>
            <ref type="link">(Fortsetzung von Nro. 238)</ref>
            <ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref>
          </p>
          <p>Und wir aßen und tranken.</p>
          <p>Nachdem aber das damastene Tischtuch mit allem was darauf stand, entfernt war und die geschäftigen Kellner neue Krystall Dekanter und neue Gläser auf den nackten Mahagonytisch gestellt hatten, nahm ich das Wort und erklärte der mir gegenübersitzenden lieben, langen Göttin der Langenweile, daß ich ungemein glücklich sein würde, ein Glas Wein mit ihr zu trinken.</p>
          <p>Die Holde lächelte und erwiederte sofort, daß es ihr zu ganz außerordentlichem Vergnügen gereiche, meiner Einladung zu folgen. Ich füllte daher mein Glas bis an den Rand und die Göttin füllte das ihrige.</p>
          <p>Der Akt des gemeinschaftlichen Weintrinkens ist ein Akt von hoher Bedeutung in England. Zwei Heidelberger Chorbursche, die die Schlachtfelder von sechs Semestern hinter sich haben, können sich nicht mit mehr Anstand und Würde auf krumme Säbel oder Pistolen fordern, als zwei Engländer sich zum Genuß eines Glases Portwein einladen. Es ist, als ob sich die Thürme der Westminster-Abtei und die Kuppel von St. Pauls bei aufgehender Sonne still &#x201E;guten Morgen&#x201C; wünschten. Mit demselben Ernste, mit dem Cromwell König Karl auf's Schaffot brachte, mit derselben Würde, mit der einst Pitt im Parlamente aufstand um den Krieg gegen die französische Republik zu verlangen und mit derselben Feier, mit der Lord Hardinge nach der Schlacht von Sobraon den Völkern des Indus und des Ganges eröffnete, daß sie hinfort den Nacken unter das britische Scepter zu beugen hätten &#x2012; mit demselben Ernste, mit derselben Würde, und mit derselben Feier trinken die Engländer ihren Portwein und Sherry, und schauen sich mit ihren starren, großbritannischen Augen so schrecklich dabei an, als söffen sie Rattengift, um dann hinab zu fahren zum Styr oder zum Satan.</p>
          <p>Da ich zu Wasser und zu Lande schon oft genug Gelegenheit hatte, mich in dem Naturgenuß des Portweintrinkens zu üben, so konnte es natürlich nicht fehlen, daß mein Duett mit der langweiligen Göttin über alle Maßen vortrefflich ausfiel. Beide ergriffen wir das schimmernde Krystall, in dem das edle Blut der pyrenäischen Halbinsel so mystisch wogte und blitzte wie flüssige Rubinen; beide erhoben wir dann die Gläser und jetzt uns messend mit stieren Blicken, neigten wir die Köpfe, kaum bemerkbar und möglichst steif, um endlich mit todternsten Gesichtern, à tempo, den großen Moment des Trinkens zu vollenden.</p>
          <p>Als aber auch die Göttin der Seekrankheit und der graue Spleen einen Becher mit einander gewechselt hatten, da wandte ich mich wieder zu der Langenweile und sprach zu ihr in dem zierlichsten Englisch, was je ein Insulaner gesprochen hat, von dem galanten Sir Walter Raleigh an, bis auf Benjamin Disraeli: Theuerste Göttin, ich gebe Ihnen hierdurch das Wort. Sie werden sich dieses Wortes vortrefflich zu bedienen wissen und gern wollen wir Ihren Erzählungen lauschen, denn Niemand kann interessanter sein, als die Langeweile.</p>
          <p>Sprach's und verstummte.</p>
          <p>Die Göttin der Langenweile warf aber ihre blonden Locken über das schneeweiße Angesicht; der Atlas ihres Kleides krachte verführerisch und langsam öffnete sie jetzt die rosigen Lippen und hub folgendermaßen zu reden an:</p>
          <p>&#x201E;Groß ist das Reich, das ich beherrsche. Ja, wahrlich, in meinem Reiche geht die Sonne niemals unter. Mein Einfluß erstreckt sich über alle Theile der Erde. Ich beherrsche die Welt seit den grausten Zeiten. Aelter bin ich, als der älteste der lebenden Menschen; älter als der älteste Kirchthurm, als die älteste Pyramide, als die Arche Noäh, ja mit Adam wohnte ich schon im Paradiese, ehe ihm Gott sein Weib geschaffen, zu unendlichem Vergnügen &#x2012; ja mit Gott selbst stand ich auf vertrautem Fuße, ehe er aus lauter langer Weile die Welt erschuf und Alles was darinnen ist. Unumschränkt war meine Macht in dem sogenannten goldnen Zeitalter der Menschheit; mit den ersten Hirten langweilte ich mich auf den grasreichen Ebnen des Orients; bauen half ich an dem großen sprachverwirrenden Thurme, und wenn auch die heitern Gelage von Babylon und Niniveh manchmal meinen stillen Einfluß störten, so fand ich doch Eingang in den Herzen vieler einfältigen Leute, die wie Jakob vierzehn Jahre lang um dasselbe Weib streiten, oder wie Joseph, lieber ihrem Herrn treu blieben, als sich ihrer Gebieterin angenehm machten. Ja, als ein besonderes Faktum bitte ich es zu konstatiren, daß Methusalem nur aus reiner langer Weile seine tausend Jahre alt wurde.</p>
          <p>Doch der langweiligen patriarchalischen Zeit, folgten ach, die fröhlichen Jahrhunderte der Griechen. Die Götter, die damals en vogue waren, verwilderten im Himmel und die Menschen auf Erden. Unsittlich nackt thronten die Unsterblichen auf dem Gipfel des Olymps, stets bereit zu den verliebtesten Streichen, zu den ausgelassensten Aventüren. Selbst der Vater der Götter verschmähte es nicht, sich unter jederlei Gestalt zu den Nymphen des platten Landes herabzulassen und zu ihrer Heiterkeit ein Erkleckliches beizutragen. Wie konnte damals von Langerweile die Rede sein? Die Menschen nahmen ein böses Beispiel an ihren Vorgesetzten. Auf offenem Markte saßen die reizenden Athener und freuten sich ihres Lebens und unerbittlich schlossen sich vor mir alle Thüren. Hatte ich je einmal Zutritt zu einem hellenischen Wesen, nun, so war es höchstens eine Penelopeia, die mich aufnahm, als sie sich Jahre lang ihrem herrlichen Dulder entgegensehnte.</p>
          <p>Auch unter dem Waffenlärm der Römer war meines Bleibens nicht und ich athmete erst wieder auf, als die christliche Zeit kam,
</p>
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[1331/0001] Neue Rheinische Zeitung Organ der Demokratie. No 241. Köln, Freitag, den 9. März 1849. Vierteljähriger Abonnementspreis in Köln 1 Thlr. 7 1/2 Sgr., bei allen preußischen Postanstalten 1 Thlr. 17 Sgr. ‒ Im Auslande wende man sich: in Belgien an die betreffenden Postanstalten; in London an W. Thomas, 21 Catherine-Street, Strand; in Paris an W. Thomas, 38 Rue Vivienne, und an A. Havas, 3 Rue Ican Jacques Rcusseau. Insertionen werden mit 18 Pf. die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Auskunft, Annahme und Abgabe chiffrirter Briefe gratis. Nur frankirte Briefe werden angenommen. Expedition Unter Hutmacher Nro. 17. Uebersicht. Deutschland. Köln. (Der Eid der englischen Soldaten). Arnsberg Beamtenservilismus) Berlin. (Grabows Wahl zum Präsidenten. ‒ Der Adreßentwurf der ersten Kammer. ‒ Die Börse. ‒ Die Arbeiter. ‒ Constitutionelle Zeitungen. ‒ Civilisationssymptome ‒ Lokalklatsch ‒ Vermischtes. ‒ Adreßentwurf der ersten Kammer. ‒ Prozeß gegen Abgeordnete). Wien. (Verurtheilungen. ‒ Vermischtes). Olmütz. (Beschlagnahme eines Gewehrtransports). Dresden. (Sitzung der zweiten Kammer). Leipzig. (Hallischer Demokratenkongreß). Kassel. (Wahl nach Frankfurt. ‒ Märzerrungenschaftsfeier. Frankfurt (Angeblicher Brief von Nikolaus an F. W. IV. ‒ Reaktionäre Lügen). Altona. (Die Landesversammlung. ‒ Lord Palmerston). Dänemark. Kopenhagen. (Die angebliche dänische Note. ‒ Reichstag). Ungarn. (Vom Kriegsschauplatz). Italien. (Aus Mailand und Venedig). Florenz. (Guerrazzi's Rückkehr. ‒ Neue Dekrete der prov. Regierung). Turin. (Gioberti. ‒ Rüstungen in Genua). Rom. (Die neapolitanischen Invasionstruppen. ‒ Garibaldi. ‒ Lambruschini. ‒ Kapitän Cencelli. ‒ Manifest an die italienischen Völker). Neapel (Ministerkrisis). Französische Republik. Paris. (Die Militärbanketts. ‒ Grandin. Die royalistische Presse über Russen und Oestreicher. ‒ L. Bonaparte. ‒ Vermischtes. ‒ National-Versammlung). Bourges. (Details über die Gefangenen). Belgien. Brüssel. (Die belgische Gastfreundschaft). Großbritannien. London. (Unterhaussitzung. ‒ Napier nach Ostindien. ‒ Ein Kriminalfall). Deutschland. * Köln, 7. März. _ 220 Arnsburg, Anfang März. Ich bin jetzt im Stande Ihnen den Wortlaut des in Nro. 222 Ihrer Zeitung gedachten, von den Herren v. Mengershausen und Konsorten gegen den Geh. Justizrath Kindermann gerichteten Mißtrauensvotums zu geben. Wie Sie aus dem Inhalte desselben ersehen, stützt es sich auf einen Artikel der Wupperthaler Galgen-Zeitung, in welchem Kindermann zum Vorwurfe gemacht wurde, daß er sich, trotz der vom Staate genossenen Wohlthaten, in seiner Eigenschaft als Wahlmann zur 2. Kammer, dennoch mit großem Interesse an der Wahl des staatsgefährlichen Gierse betheiligt habe. Das Mengershausen'sche Machwerk lautet: Hohes Präsidium! In der heutigen Nummer der Elberfelder Zeitung steht ein Artikel d. d. Arnsberg, den 6. d. M., welcher den Geh. Justizrath Kindermann beschuldigt: die hier unlängst erfolgte Wahl des bekannten Gierse als Abgeordneten zur 2. Kammer in einer Weise befördert zu haben, welche mit dem Namen der Wühlerei bezeichnet zu werden verdient. Die ganz gehorsamst unterzeichneten Mitglieder des Kriminalsenats, welche als solche in fortwährender amtlicher Berührung mit dem Hrn. etc. Kindermann stehen, halten jene Beschuldigung, wenn sie begründet sein sollte, mit der Wirksamkeit eines richterlichen Beamten für unverträglich, und können ihren Wunsch nicht unterdrücken, daß der Wahrheit des Gerüchts baldmöglichst nachgeforscht, resp. dem etc. Kindermann Gelegenheit gegeben werde, sich von dem ihm gemachten Vorwurfe (für eine Wahl im liberalen Sinne gewirkt zu haben) zu reinigen. Sie erlauben sich, zu erklären, daß, wenn dieses nicht geschieht, sie, ohne Verletzung ihrer Amtsehre nicht in einem und dem nämlichen Collegio mit demselben bleiben können. Sie sind der Ansicht, daß durch solchen Mangel an Gesinnungstüchtigkeit eines einzelnen Beamten dem Collegio selbst die ihm unentbehrliche Achtung des Publikums entzogen, und der Dienst in hohem Grade gefährdet wird. Sie halten insbesondere die Handhabung einer unparteiischen, und ‒ wenn es darauf ankommt ‒ schonungslosen Kriminalrechtspflege für unmöglich, wenn sich auch nur Einer im Collegio befindet, der, den bestehenden (!) Rechtsboden (!!) verlassend, darauf ausgeht: der Umsturzpartei in die Hände zu arbeiten. Sie können, auf ihre bisherigen Erfahrungen gestützt, einem solchen Manne ein freies (!) und redliches (!!!) Votum ‒ zumal in Sachen des Aufruhrs, der Majestätsbeleidigung und anderer politischer Verbrechen, nicht einräumen, und sie würden es, wenn sie mit ihm ferner in amtlichen Verhältnissen bleiben müßten, für dringende Pflicht halten, ihn stets mit mißtrauischem Auge zu bewachen, und alle seine Vorträge einer, meist gehässigen aktenmäßigen Kritik zu unterwerfen. Die Unterzeichneten wünschen aber ein so unangenehmes, die widerwärtigsten Reibungen begründendes Verhältniß zu vermeiden und bitten daher im Interesse des Dienstes ganz gehorsamst um baldmöglichste Aufklärung der Sache, indem sie dafür halten, daß nur auf diesem Wege den sonst unvermeidlichen Störungen im Collegio vorgebeugt werden könne. Arnsberg, den 9. Februar 1849. gez. v. Mengershausen. Wermuth. v. Arnstedt. v. Buttler. Wie ich schon früher mitgetheilt, hatten die Unterzeichner dieser Ausgeburt Preußischer Beamtenservilität auf jede Weise gesucht: ihre Angelegenheit zur Sache des Collegiums zu machen, um auch diesem die traurige Berühmtheit der Justiz-Collegien Berlin's, Münster's und Ratibor's zu verschaffen. Der Versuch scheiterte jedoch an der Ehrenhaftigkeit des Dirigenten, O.-L.-G.-Direktor Wichmann. Man überreichte indeß die Vorstellung dem „hohen Präsidio“ erwartend: daß nun Schlag auf Schlag, auf die Denunciation die Disciplinaruntersuchung, auf diese die Suspendirung und dann die Entlassung aus dem Amte folgen werde. Aber auch hier nichts als Täuschung. Statt der erhofften Lorbeeren nur Disteln und Stroh! Das Präsidium theilte dem Kindermann das Originalschreiben unter dem schriftlichen Beifügen mit, daß ihm anheimgegeben werde: ob er den Wisch beantworten wolle. Der Wink war deutlich. Kindermann sandte das Mengershausen'sche Votum mit folgender Erklärung zurück: „Einem hohen Präsidio reiche ich die Anlage nebst geehrtem Marginaldekrete zurück. „Die Manifestation der Herren v. Mengershausen u. Consorten ist auf einen gegen mich gerichteten anonymen Schmähartikel der Elberf. Zeitung gebaut, der das Gepräge der Lüge und Niederträchtigkeit offen an der Stirn trägt. „Ich halte beide, sowohl den Artikel der Elberf. Zeitung als auch die Erklärung der Herren v. Mengershausen u. Consorten einer Gegenerklärung nicht für würdig. Sollten indessen die gedachten Herren, nach jenem Angriffe auf mich es für unvereinbar mit ihrer Ehre halten, ferner mit mir beim Collegio zu verbleiben, so bedaure ich das letztere allerdings wegen des ihm drohenden Verlustes. Ich werde jedoch meinestheils nicht aufhören, auch [Fortsetzung] [Feuilleton] Die Langeweile, der Spleen und die Seekrankheit. (Fortsetzung von Nro. 238) [Fortsetzung] Und wir aßen und tranken. Nachdem aber das damastene Tischtuch mit allem was darauf stand, entfernt war und die geschäftigen Kellner neue Krystall Dekanter und neue Gläser auf den nackten Mahagonytisch gestellt hatten, nahm ich das Wort und erklärte der mir gegenübersitzenden lieben, langen Göttin der Langenweile, daß ich ungemein glücklich sein würde, ein Glas Wein mit ihr zu trinken. Die Holde lächelte und erwiederte sofort, daß es ihr zu ganz außerordentlichem Vergnügen gereiche, meiner Einladung zu folgen. Ich füllte daher mein Glas bis an den Rand und die Göttin füllte das ihrige. Der Akt des gemeinschaftlichen Weintrinkens ist ein Akt von hoher Bedeutung in England. Zwei Heidelberger Chorbursche, die die Schlachtfelder von sechs Semestern hinter sich haben, können sich nicht mit mehr Anstand und Würde auf krumme Säbel oder Pistolen fordern, als zwei Engländer sich zum Genuß eines Glases Portwein einladen. Es ist, als ob sich die Thürme der Westminster-Abtei und die Kuppel von St. Pauls bei aufgehender Sonne still „guten Morgen“ wünschten. Mit demselben Ernste, mit dem Cromwell König Karl auf's Schaffot brachte, mit derselben Würde, mit der einst Pitt im Parlamente aufstand um den Krieg gegen die französische Republik zu verlangen und mit derselben Feier, mit der Lord Hardinge nach der Schlacht von Sobraon den Völkern des Indus und des Ganges eröffnete, daß sie hinfort den Nacken unter das britische Scepter zu beugen hätten ‒ mit demselben Ernste, mit derselben Würde, und mit derselben Feier trinken die Engländer ihren Portwein und Sherry, und schauen sich mit ihren starren, großbritannischen Augen so schrecklich dabei an, als söffen sie Rattengift, um dann hinab zu fahren zum Styr oder zum Satan. Da ich zu Wasser und zu Lande schon oft genug Gelegenheit hatte, mich in dem Naturgenuß des Portweintrinkens zu üben, so konnte es natürlich nicht fehlen, daß mein Duett mit der langweiligen Göttin über alle Maßen vortrefflich ausfiel. Beide ergriffen wir das schimmernde Krystall, in dem das edle Blut der pyrenäischen Halbinsel so mystisch wogte und blitzte wie flüssige Rubinen; beide erhoben wir dann die Gläser und jetzt uns messend mit stieren Blicken, neigten wir die Köpfe, kaum bemerkbar und möglichst steif, um endlich mit todternsten Gesichtern, à tempo, den großen Moment des Trinkens zu vollenden. Als aber auch die Göttin der Seekrankheit und der graue Spleen einen Becher mit einander gewechselt hatten, da wandte ich mich wieder zu der Langenweile und sprach zu ihr in dem zierlichsten Englisch, was je ein Insulaner gesprochen hat, von dem galanten Sir Walter Raleigh an, bis auf Benjamin Disraeli: Theuerste Göttin, ich gebe Ihnen hierdurch das Wort. Sie werden sich dieses Wortes vortrefflich zu bedienen wissen und gern wollen wir Ihren Erzählungen lauschen, denn Niemand kann interessanter sein, als die Langeweile. Sprach's und verstummte. Die Göttin der Langenweile warf aber ihre blonden Locken über das schneeweiße Angesicht; der Atlas ihres Kleides krachte verführerisch und langsam öffnete sie jetzt die rosigen Lippen und hub folgendermaßen zu reden an: „Groß ist das Reich, das ich beherrsche. Ja, wahrlich, in meinem Reiche geht die Sonne niemals unter. Mein Einfluß erstreckt sich über alle Theile der Erde. Ich beherrsche die Welt seit den grausten Zeiten. Aelter bin ich, als der älteste der lebenden Menschen; älter als der älteste Kirchthurm, als die älteste Pyramide, als die Arche Noäh, ja mit Adam wohnte ich schon im Paradiese, ehe ihm Gott sein Weib geschaffen, zu unendlichem Vergnügen ‒ ja mit Gott selbst stand ich auf vertrautem Fuße, ehe er aus lauter langer Weile die Welt erschuf und Alles was darinnen ist. Unumschränkt war meine Macht in dem sogenannten goldnen Zeitalter der Menschheit; mit den ersten Hirten langweilte ich mich auf den grasreichen Ebnen des Orients; bauen half ich an dem großen sprachverwirrenden Thurme, und wenn auch die heitern Gelage von Babylon und Niniveh manchmal meinen stillen Einfluß störten, so fand ich doch Eingang in den Herzen vieler einfältigen Leute, die wie Jakob vierzehn Jahre lang um dasselbe Weib streiten, oder wie Joseph, lieber ihrem Herrn treu blieben, als sich ihrer Gebieterin angenehm machten. Ja, als ein besonderes Faktum bitte ich es zu konstatiren, daß Methusalem nur aus reiner langer Weile seine tausend Jahre alt wurde. Doch der langweiligen patriarchalischen Zeit, folgten ach, die fröhlichen Jahrhunderte der Griechen. Die Götter, die damals en vogue waren, verwilderten im Himmel und die Menschen auf Erden. Unsittlich nackt thronten die Unsterblichen auf dem Gipfel des Olymps, stets bereit zu den verliebtesten Streichen, zu den ausgelassensten Aventüren. Selbst der Vater der Götter verschmähte es nicht, sich unter jederlei Gestalt zu den Nymphen des platten Landes herabzulassen und zu ihrer Heiterkeit ein Erkleckliches beizutragen. Wie konnte damals von Langerweile die Rede sein? Die Menschen nahmen ein böses Beispiel an ihren Vorgesetzten. Auf offenem Markte saßen die reizenden Athener und freuten sich ihres Lebens und unerbittlich schlossen sich vor mir alle Thüren. Hatte ich je einmal Zutritt zu einem hellenischen Wesen, nun, so war es höchstens eine Penelopeia, die mich aufnahm, als sie sich Jahre lang ihrem herrlichen Dulder entgegensehnte. Auch unter dem Waffenlärm der Römer war meines Bleibens nicht und ich athmete erst wieder auf, als die christliche Zeit kam,

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Marx-Engels-Gesamtausgabe: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-20T13:08:10Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jürgen Herres: Konvertierung TUSTEP nach XML (2017-03-20T13:08:10Z)
Maria Ermakova, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Frank Wiegand: Konvertierung XML nach DTA-Basisformat (2017-03-20T13:08:10Z)

Weitere Informationen:

Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 2 (Nummer 184 bis Nummer 301) Köln, 1. Januar 1849 bis 19. Mai 1849. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 241. Köln, 9. März 1849, S. 1331. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz241_1849/1>, abgerufen am 19.02.2019.