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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 141. Köln, 12. November 1848.

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Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 141. Köln, Sonntag den 12. November. 1848.

Zu Nr. 140 der "Neuen Rheinischen Zeitung" wurde am Samstag den 11. November, Morgens eine außerordentliche Beilage ausgegeben und an unsre geehrten Abonnenten versandt.

Die Expedition der "Neuen Rhein. Ztg."

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Die Contrerevolution in Berlin.) Dortmund. (Die Eisenbahndirektion v. Möller.) Wien. (Zustände. - Preßburger-Noth. - Der Belagerungszustand. - Ungarn in Kroatien. - Gerüchte von einer Revolution in Linz. - Schwarzers Verhaftung.) Olmütz. (Aufständische Bewegung der schlesischen Landleute. - Der Hof. - Gefangene Ungarn. - Simonic. - Reichstagsvorbereitungen in Kremsier.) Ratibor. (Streitkräfte der Ungarn. - Kossuth.) Breslau. (Die Post aus Wien.) Schweidnitz. (Aufruf des demokratischen Vereins "an die Männer des schlesischen Gebirges.") Frankfurt. (Nationalversammlung.) Mannheim. (Verschwörung unter den Nassauer Soldaten.) Schleswig (Friedliebender Beschluß.)

Polen. Krakau. (Gerücht in Betreff der Lemberger Studenten und Nationalgarde.) Nowy Tark. (Das Aufwiegeln der Bauern.)

Ungarn. Szegedin. (Rozsa Sandor)

Schweiz. Aarau. (Struves Schriften.) Bern. (Furrer. - Briatte.)

Französische Republik. Paris. (Marrast.)

Großbritannien. London. (Parlamentswahl im Westriding von Yorkshire). Dublin. (Der Brief Darcy Magee's über die irische Insurrektion).

Italien. Turin. (Die italienische Conföderation. - Der Aufstand des Intelrithales. - Die Italiener siegreich in Venedig).

Deutschland.
068 Köln, 11. Nov.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
14 Dortmund, 9. Nov.

Die willkürliche läppische und arrogante Weise, mit der man so plötzlich und ohne die geringste konstitutionelle Schicklichkeit zu beobachten, unsere gute Stadt Dortmund mit Truppen überzogen hat, charakterisirt so recht unsere konstitutionellen Bureaukraten, welche jetzt aus dem faulen Boden des Absolutismus wie die Pilze hervorschießen. Vom Absolutismus unterscheidet sich die konstitutionelle Monarchie wenigstens in so weit, daß man hier bei der Wahl der Beamten einige Rücksichten auf die öffentliche Meinung zu nehmen pflegt (geschweige der Rücksicht auf die Majorität des Repräsentantenhauses.) Hr. v. Möller, vielleicht jetzt schon Minister, ist in wenigen Jahren auf eine unbegreifliche Weise vom Referendar zum Landrath, dann zum Eisenbahnkommissarius und dann zum Regierungspräsidenten vorgerückt. Verdankt Hr. Möller diese Auszeichnung der öffentlichen Stimme? oder den Garantien, welche er dem Liberalismus gegeben? Man gehe von Deutz nach Minden, von Station zu Station, und höre bei den Bahnbeamten (mit Ausnahme der stockpreußischen Gamaschenknöpfe), welche zärtlichen Gefühle Hr. Möller ihnen eingeflößt hat. Es ist wahr, daß ein Mann, wie Herr Möller, sich den Henker darum zu scheren braucht, was so unbedeutende Leute, wie Eisenbahnbeamte es sind, von ihm denken; allein auf die Meinung einer so loyalen Stadt, wie Dortmund, hätte der Hr. Regierungspräsident doch schon mehr Rücksicht nehmen sollen. Wenn es möglich wäre, die "treue" Grafschaft Mark in die Opposition zu werfen, so würde Hr. Möller der Mann dazu sein, es durchzuführen. Solche durchgreifenden und kühngreifenden Staatsmänner, wie Hr. Möller, werden auch noch Vieles möglich machen. Welche Stimmung hier gegenwärtig herrscht, mögen Sie schon daraus entnehmen, daß unser zahmer konstitutioneller Bürgerverein, an dessen Spitze Beamte stehen, welche noch vor Jahr und Tag für den Polizeistaat fanatisirt waren, das Staatsministerium wegen dieser Truppenüberziehung "interpelliren" will. - Diese Entwickelung von 100 Bajonnette und 20 geschliffenen Säbeln hatte übrigens keinen andern Zweck, als die Entlassung der Vorstände des Handwerkervereins vorzubereiten. Schmiedemeister Höhner ist auch schon entlassen worden. Vor wenigen Wochen gab man ihm eine Zulage, jetzt entläßt man ihn. Da aber die Eisenbahndirektion sich wahrscheinlich schämte, dem Associationsrechte, welches doch nicht bloß für die Beamten und Geldleute da ist, geradezu in's Gesicht zu schlagen, so brauchte man Vorwände.

Zu dem Ende wurden von hier lügenhafte Berichte nach Köln geschickt. Die ganze Stadt hat die moralische Ueberzeugung, daß dieselben vom Inspektor Hrn. Neesen fabrizirt wurden. Jetzt fiel Alles über den armen, unschuldigen Handwekerverein her: Landrath, Polizei, Bürgermeister, Eisenbahndirektion. Man stellte Nachfragen, Untersuchungen an und durchwühlte die Statuten und Protokolle des Vereins. Es sollte durchaus etwas Demokratisches, Socialistisches, etwas Hochverrätherisches, etwas auf Raub und [Fortsetzung]

[Feuilleton]
Venus und Adonis.

Von Shakespeare.

Uebersetzt von F. Freiligrath.

(Fortsetzung).

Adonis aber, schläfrig und verdrossen,
Die Stirne runzelnd, finster seine Brau,
Das zorn'ge Auge mürrisch halb geschlossen,
Wie wenn den Himmel einhüllt Nebelgrau -
Mundziehend spricht er: "Laß mich fort! zu sehr
Brennt heut' die Sonne! Nichts von Liebe mehr!"
"Weh' mir!" ruft Venus, "wie so jung und kalt!
Welch leerer Vorwand, dich mir zu entziehn!
Himmlischen Odem seufz' ich dir alsbald,
Daß er dich kühle bei der Sonne Glühn.
Mein wallend Haar soll Schatten dir gewähren,
Und brennt es auch, so lösch' ich es mit Zähren.
"Die Sonn' am Himmel wärmt nur und gibt Licht,
Und schau', ich liege zwischen ihr und dir!
Von dort die Hitze sengt mich wahrlich nicht,
Nur deiner Augen Gluth bringt Hitze mir!
Wär' ich unsterblich nicht: - dahingegeben
Zwei solchen Sonnen, könnt' ich fürder leben?
"Bist du von Stein denn, bist du hart wie Stahl?
Den harten Stein doch höhlt des Regens Guß!
Gebar ein Weib dich, und du fühlst die Qual
Daß nicht, der liebt und einsam lieben muß?
Glich dir die Mutter, die dich trug, du Schlimmer:
Sie starb als Jungfrau, und gebar dich nimmer.
"Wer bin ich denn, daß du mich fliehst, Verächter?
Bringt meine Werbung dir denn auch Gefahr?
Macht denn ein Küßchen deine Lippen schlechter?
O sprich! - doch hübsch! - sonst schweige ganz und gar!
Nur einen Kuß! - du sollst ihn wieder haben,
Und willst du Zinsen, sollen zwei dich laben!
"Pfui, kalt Gemälde, lebenloser Stein,
Buntschimmernd Bildniß - all' dein Glanz erlogen!
Das Aug' erfreust du; - ach, das Aug' allein!
Ding, wie ein Mann, doch nicht vom Weib erzogen!
Du bist kein Mann, was auch dein Aussehn sagt,
Denn Männer, wahrlich, küssen ungefragt!"
So spricht sie brünstig, bis die Ungeduld
Einhalt gebietet ihrer Zunge Fechten!
Ihr feurig Antlitz zeugt von ihrer Schuld;
In Liebe richtend, hilft ihr nicht ihr Rechten.
So weint sie denn, und glaubt mir nur, sie spräche,
Wenn Schluchzen nicht ihr Sprechen unterbräche.
Kopfschüttelnd nun erfaßt sie seine Hand,
Senkt dann die Augen auf des Bodens Grün;
Mit ihren Armen jetzo wie ein Band,
Wie er sich sträuben mag, umschlingt sie ihn.
Und will er fort, der weiberscheue Ringer,
Verschränkt sie heftig ihre Lilienfinger.
"O du mein Liebling," spricht sie lächelnd, "seh'
Ich endlich dich in diesem schnee'gen Hag!
Ich will dein Park sein, so sei du mein Reh!
Geh' nach Gelüst hier deiner Weide nach!
Fang' auf den Lippen an! wenn die versiegen,
Dann tiefer, wo die lust'gen Quellen liegen!
"Genug des Süßen gibt's in diesem Reiche;
Gras in den Gründen, anmuthvolle Höhn;
Gewölbte Hügel, Buschwerk und Gesträuche,
Die vor dem Regen und des Sturmes Wehn
Dich schützen werden; drum sei meine Hinde,
Und fürchte nicht, daß hier ein Hund dich finde!"
Auf dies, wie spöttisch, lächelt er; - o sieh',
Wie seine Wangen jetzt zwei Grübchen tragen;
Cupido selbst, der Lose, machte sie,
Daß er drin ruhe, möcht' ihn wer erschlagen.
Er wußt' es wohl: nahm er den Sitz der Liebe
Zum Grabe sich, daß er lebendig bliebe.
Und diese Grübchen alle beide thun
Auf ihren Mund, die Seel' ihr zu verschlingen.
Vorher schon rasend, was beginnt sie nun?
Gleich anfangs todt, was hilft ein zweites Ringen?
Du arme Venus, deiner eignen Macht
Verfallen, liebst du, was dich kalt verlacht!
Was soll sie sagen jetzt, wohin sich wenden?
Zu End' ihr Reden, aber nicht ihr Glühn!
Die Zeit ist um; er will sich ihren Händen,
Die ihn umschlingen, mit Gewalt entziehn.
"O Mitleid," ruft sie, "bin ich nichts denn werth?"
Doch er springt auf, und eilt nach seinem Pferd.
Jetzt aber sieh': - vom Dickicht her erschaut
Den Hengst des Knaben eine flücht'ge Stute;
Sie jagt heran, sie schnaubt, sie wiehert laut,
Jung, ungebändigt, voll von Kraft und Muthe.
Da reißt der Renner wild sich los vom Baum,
Sie zu begrüßen mit zerrißnem Zaum.
Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 141. Köln, Sonntag den 12. November. 1848.

Zu Nr. 140 der „Neuen Rheinischen Zeitung“ wurde am Samstag den 11. November, Morgens eine außerordentliche Beilage ausgegeben und an unsre geehrten Abonnenten versandt.

Die Expedition der „Neuen Rhein. Ztg.“

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Die Contrerevolution in Berlin.) Dortmund. (Die Eisenbahndirektion v. Möller.) Wien. (Zustände. ‒ Preßburger-Noth. ‒ Der Belagerungszustand. ‒ Ungarn in Kroatien. ‒ Gerüchte von einer Revolution in Linz. ‒ Schwarzers Verhaftung.) Olmütz. (Aufständische Bewegung der schlesischen Landleute. ‒ Der Hof. ‒ Gefangene Ungarn. ‒ Simonic. ‒ Reichstagsvorbereitungen in Kremsier.) Ratibor. (Streitkräfte der Ungarn. ‒ Kossuth.) Breslau. (Die Post aus Wien.) Schweidnitz. (Aufruf des demokratischen Vereins „an die Männer des schlesischen Gebirges.“) Frankfurt. (Nationalversammlung.) Mannheim. (Verschwörung unter den Nassauer Soldaten.) Schleswig (Friedliebender Beschluß.)

Polen. Krakau. (Gerücht in Betreff der Lemberger Studenten und Nationalgarde.) Nowy Tark. (Das Aufwiegeln der Bauern.)

Ungarn. Szegedin. (Rozsà Sàndor)

Schweiz. Aarau. (Struves Schriften.) Bern. (Furrer. ‒ Briatte.)

Französische Republik. Paris. (Marrast.)

Großbritannien. London. (Parlamentswahl im Westriding von Yorkshire). Dublin. (Der Brief Darcy Magee's über die irische Insurrektion).

Italien. Turin. (Die italienische Conföderation. ‒ Der Aufstand des Intelrithales. ‒ Die Italiener siegreich in Venedig).

Deutschland.
068 Köln, 11. Nov.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
14 Dortmund, 9. Nov.

Die willkürliche läppische und arrogante Weise, mit der man so plötzlich und ohne die geringste konstitutionelle Schicklichkeit zu beobachten, unsere gute Stadt Dortmund mit Truppen überzogen hat, charakterisirt so recht unsere konstitutionellen Bureaukraten, welche jetzt aus dem faulen Boden des Absolutismus wie die Pilze hervorschießen. Vom Absolutismus unterscheidet sich die konstitutionelle Monarchie wenigstens in so weit, daß man hier bei der Wahl der Beamten einige Rücksichten auf die öffentliche Meinung zu nehmen pflegt (geschweige der Rücksicht auf die Majorität des Repräsentantenhauses.) Hr. v. Möller, vielleicht jetzt schon Minister, ist in wenigen Jahren auf eine unbegreifliche Weise vom Referendar zum Landrath, dann zum Eisenbahnkommissarius und dann zum Regierungspräsidenten vorgerückt. Verdankt Hr. Möller diese Auszeichnung der öffentlichen Stimme? oder den Garantien, welche er dem Liberalismus gegeben? Man gehe von Deutz nach Minden, von Station zu Station, und höre bei den Bahnbeamten (mit Ausnahme der stockpreußischen Gamaschenknöpfe), welche zärtlichen Gefühle Hr. Möller ihnen eingeflößt hat. Es ist wahr, daß ein Mann, wie Herr Möller, sich den Henker darum zu scheren braucht, was so unbedeutende Leute, wie Eisenbahnbeamte es sind, von ihm denken; allein auf die Meinung einer so loyalen Stadt, wie Dortmund, hätte der Hr. Regierungspräsident doch schon mehr Rücksicht nehmen sollen. Wenn es möglich wäre, die „treue“ Grafschaft Mark in die Opposition zu werfen, so würde Hr. Möller der Mann dazu sein, es durchzuführen. Solche durchgreifenden und kühngreifenden Staatsmänner, wie Hr. Möller, werden auch noch Vieles möglich machen. Welche Stimmung hier gegenwärtig herrscht, mögen Sie schon daraus entnehmen, daß unser zahmer konstitutioneller Bürgerverein, an dessen Spitze Beamte stehen, welche noch vor Jahr und Tag für den Polizeistaat fanatisirt waren, das Staatsministerium wegen dieser Truppenüberziehung „interpelliren“ will. ‒ Diese Entwickelung von 100 Bajonnette und 20 geschliffenen Säbeln hatte übrigens keinen andern Zweck, als die Entlassung der Vorstände des Handwerkervereins vorzubereiten. Schmiedemeister Höhner ist auch schon entlassen worden. Vor wenigen Wochen gab man ihm eine Zulage, jetzt entläßt man ihn. Da aber die Eisenbahndirektion sich wahrscheinlich schämte, dem Associationsrechte, welches doch nicht bloß für die Beamten und Geldleute da ist, geradezu in's Gesicht zu schlagen, so brauchte man Vorwände.

Zu dem Ende wurden von hier lügenhafte Berichte nach Köln geschickt. Die ganze Stadt hat die moralische Ueberzeugung, daß dieselben vom Inspektor Hrn. Neesen fabrizirt wurden. Jetzt fiel Alles über den armen, unschuldigen Handwekerverein her: Landrath, Polizei, Bürgermeister, Eisenbahndirektion. Man stellte Nachfragen, Untersuchungen an und durchwühlte die Statuten und Protokolle des Vereins. Es sollte durchaus etwas Demokratisches, Socialistisches, etwas Hochverrätherisches, etwas auf Raub und [Fortsetzung]

[Feuilleton]
Venus und Adonis.

Von Shakespeare.

Uebersetzt von F. Freiligrath.

(Fortsetzung).

Adonis aber, schläfrig und verdrossen,
Die Stirne runzelnd, finster seine Brau,
Das zorn'ge Auge mürrisch halb geschlossen,
Wie wenn den Himmel einhüllt Nebelgrau ‒
Mundziehend spricht er: „Laß mich fort! zu sehr
Brennt heut' die Sonne! Nichts von Liebe mehr!“
„Weh' mir!“ ruft Venus, „wie so jung und kalt!
Welch leerer Vorwand, dich mir zu entziehn!
Himmlischen Odem seufz' ich dir alsbald,
Daß er dich kühle bei der Sonne Glühn.
Mein wallend Haar soll Schatten dir gewähren,
Und brennt es auch, so lösch' ich es mit Zähren.
„Die Sonn' am Himmel wärmt nur und gibt Licht,
Und schau', ich liege zwischen ihr und dir!
Von dort die Hitze sengt mich wahrlich nicht,
Nur deiner Augen Gluth bringt Hitze mir!
Wär' ich unsterblich nicht: ‒ dahingegeben
Zwei solchen Sonnen, könnt' ich fürder leben?
„Bist du von Stein denn, bist du hart wie Stahl?
Den harten Stein doch höhlt des Regens Guß!
Gebar ein Weib dich, und du fühlst die Qual
Daß nicht, der liebt und einsam lieben muß?
Glich dir die Mutter, die dich trug, du Schlimmer:
Sie starb als Jungfrau, und gebar dich nimmer.
„Wer bin ich denn, daß du mich fliehst, Verächter?
Bringt meine Werbung dir denn auch Gefahr?
Macht denn ein Küßchen deine Lippen schlechter?
O sprich! ‒ doch hübsch! ‒ sonst schweige ganz und gar!
Nur einen Kuß! ‒ du sollst ihn wieder haben,
Und willst du Zinsen, sollen zwei dich laben!
„Pfui, kalt Gemälde, lebenloser Stein,
Buntschimmernd Bildniß ‒ all' dein Glanz erlogen!
Das Aug' erfreust du; ‒ ach, das Aug' allein!
Ding, wie ein Mann, doch nicht vom Weib erzogen!
Du bist kein Mann, was auch dein Aussehn sagt,
Denn Männer, wahrlich, küssen ungefragt!“
So spricht sie brünstig, bis die Ungeduld
Einhalt gebietet ihrer Zunge Fechten!
Ihr feurig Antlitz zeugt von ihrer Schuld;
In Liebe richtend, hilft ihr nicht ihr Rechten.
So weint sie denn, und glaubt mir nur, sie spräche,
Wenn Schluchzen nicht ihr Sprechen unterbräche.
Kopfschüttelnd nun erfaßt sie seine Hand,
Senkt dann die Augen auf des Bodens Grün;
Mit ihren Armen jetzo wie ein Band,
Wie er sich sträuben mag, umschlingt sie ihn.
Und will er fort, der weiberscheue Ringer,
Verschränkt sie heftig ihre Lilienfinger.
„O du mein Liebling,“ spricht sie lächelnd, „seh'
Ich endlich dich in diesem schnee'gen Hag!
Ich will dein Park sein, so sei du mein Reh!
Geh' nach Gelüst hier deiner Weide nach!
Fang' auf den Lippen an! wenn die versiegen,
Dann tiefer, wo die lust'gen Quellen liegen!
„Genug des Süßen gibt's in diesem Reiche;
Gras in den Gründen, anmuthvolle Höhn;
Gewölbte Hügel, Buschwerk und Gesträuche,
Die vor dem Regen und des Sturmes Wehn
Dich schützen werden; drum sei meine Hinde,
Und fürchte nicht, daß hier ein Hund dich finde!“
Auf dies, wie spöttisch, lächelt er; ‒ o sieh',
Wie seine Wangen jetzt zwei Grübchen tragen;
Cupido selbst, der Lose, machte sie,
Daß er drin ruhe, möcht' ihn wer erschlagen.
Er wußt' es wohl: nahm er den Sitz der Liebe
Zum Grabe sich, daß er lebendig bliebe.
Und diese Grübchen alle beide thun
Auf ihren Mund, die Seel' ihr zu verschlingen.
Vorher schon rasend, was beginnt sie nun?
Gleich anfangs todt, was hilft ein zweites Ringen?
Du arme Venus, deiner eignen Macht
Verfallen, liebst du, was dich kalt verlacht!
Was soll sie sagen jetzt, wohin sich wenden?
Zu End' ihr Reden, aber nicht ihr Glühn!
Die Zeit ist um; er will sich ihren Händen,
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„O Mitleid,“ ruft sie, „bin ich nichts denn werth?“
Doch er springt auf, und eilt nach seinem Pferd.
Jetzt aber sieh': ‒ vom Dickicht her erschaut
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[0723/0001] Neue Rheinische Zeitung Organ der Demokratie. No 141. Köln, Sonntag den 12. November. 1848. Zu Nr. 140 der „Neuen Rheinischen Zeitung“ wurde am Samstag den 11. November, Morgens eine außerordentliche Beilage ausgegeben und an unsre geehrten Abonnenten versandt. Die Expedition der „Neuen Rhein. Ztg.“ Uebersicht. Deutschland. Köln. (Die Contrerevolution in Berlin.) Dortmund. (Die Eisenbahndirektion v. Möller.) Wien. (Zustände. ‒ Preßburger-Noth. ‒ Der Belagerungszustand. ‒ Ungarn in Kroatien. ‒ Gerüchte von einer Revolution in Linz. ‒ Schwarzers Verhaftung.) Olmütz. (Aufständische Bewegung der schlesischen Landleute. ‒ Der Hof. ‒ Gefangene Ungarn. ‒ Simonic. ‒ Reichstagsvorbereitungen in Kremsier.) Ratibor. (Streitkräfte der Ungarn. ‒ Kossuth.) Breslau. (Die Post aus Wien.) Schweidnitz. (Aufruf des demokratischen Vereins „an die Männer des schlesischen Gebirges.“) Frankfurt. (Nationalversammlung.) Mannheim. (Verschwörung unter den Nassauer Soldaten.) Schleswig (Friedliebender Beschluß.) Polen. Krakau. (Gerücht in Betreff der Lemberger Studenten und Nationalgarde.) Nowy Tark. (Das Aufwiegeln der Bauern.) Ungarn. Szegedin. (Rozsà Sàndor) Schweiz. Aarau. (Struves Schriften.) Bern. (Furrer. ‒ Briatte.) Französische Republik. Paris. (Marrast.) Großbritannien. London. (Parlamentswahl im Westriding von Yorkshire). Dublin. (Der Brief Darcy Magee's über die irische Insurrektion). Italien. Turin. (Die italienische Conföderation. ‒ Der Aufstand des Intelrithales. ‒ Die Italiener siegreich in Venedig). Deutschland. 068 Köln, 11. Nov. _ 14 Dortmund, 9. Nov. Die willkürliche läppische und arrogante Weise, mit der man so plötzlich und ohne die geringste konstitutionelle Schicklichkeit zu beobachten, unsere gute Stadt Dortmund mit Truppen überzogen hat, charakterisirt so recht unsere konstitutionellen Bureaukraten, welche jetzt aus dem faulen Boden des Absolutismus wie die Pilze hervorschießen. Vom Absolutismus unterscheidet sich die konstitutionelle Monarchie wenigstens in so weit, daß man hier bei der Wahl der Beamten einige Rücksichten auf die öffentliche Meinung zu nehmen pflegt (geschweige der Rücksicht auf die Majorität des Repräsentantenhauses.) Hr. v. Möller, vielleicht jetzt schon Minister, ist in wenigen Jahren auf eine unbegreifliche Weise vom Referendar zum Landrath, dann zum Eisenbahnkommissarius und dann zum Regierungspräsidenten vorgerückt. Verdankt Hr. Möller diese Auszeichnung der öffentlichen Stimme? oder den Garantien, welche er dem Liberalismus gegeben? Man gehe von Deutz nach Minden, von Station zu Station, und höre bei den Bahnbeamten (mit Ausnahme der stockpreußischen Gamaschenknöpfe), welche zärtlichen Gefühle Hr. Möller ihnen eingeflößt hat. Es ist wahr, daß ein Mann, wie Herr Möller, sich den Henker darum zu scheren braucht, was so unbedeutende Leute, wie Eisenbahnbeamte es sind, von ihm denken; allein auf die Meinung einer so loyalen Stadt, wie Dortmund, hätte der Hr. Regierungspräsident doch schon mehr Rücksicht nehmen sollen. Wenn es möglich wäre, die „treue“ Grafschaft Mark in die Opposition zu werfen, so würde Hr. Möller der Mann dazu sein, es durchzuführen. Solche durchgreifenden und kühngreifenden Staatsmänner, wie Hr. Möller, werden auch noch Vieles möglich machen. Welche Stimmung hier gegenwärtig herrscht, mögen Sie schon daraus entnehmen, daß unser zahmer konstitutioneller Bürgerverein, an dessen Spitze Beamte stehen, welche noch vor Jahr und Tag für den Polizeistaat fanatisirt waren, das Staatsministerium wegen dieser Truppenüberziehung „interpelliren“ will. ‒ Diese Entwickelung von 100 Bajonnette und 20 geschliffenen Säbeln hatte übrigens keinen andern Zweck, als die Entlassung der Vorstände des Handwerkervereins vorzubereiten. Schmiedemeister Höhner ist auch schon entlassen worden. Vor wenigen Wochen gab man ihm eine Zulage, jetzt entläßt man ihn. Da aber die Eisenbahndirektion sich wahrscheinlich schämte, dem Associationsrechte, welches doch nicht bloß für die Beamten und Geldleute da ist, geradezu in's Gesicht zu schlagen, so brauchte man Vorwände. Zu dem Ende wurden von hier lügenhafte Berichte nach Köln geschickt. Die ganze Stadt hat die moralische Ueberzeugung, daß dieselben vom Inspektor Hrn. Neesen fabrizirt wurden. Jetzt fiel Alles über den armen, unschuldigen Handwekerverein her: Landrath, Polizei, Bürgermeister, Eisenbahndirektion. Man stellte Nachfragen, Untersuchungen an und durchwühlte die Statuten und Protokolle des Vereins. Es sollte durchaus etwas Demokratisches, Socialistisches, etwas Hochverrätherisches, etwas auf Raub und [Fortsetzung] [Feuilleton] Venus und Adonis.Von Shakespeare. Uebersetzt von F. Freiligrath. (Fortsetzung). Adonis aber, schläfrig und verdrossen, Die Stirne runzelnd, finster seine Brau, Das zorn'ge Auge mürrisch halb geschlossen, Wie wenn den Himmel einhüllt Nebelgrau ‒ Mundziehend spricht er: „Laß mich fort! zu sehr Brennt heut' die Sonne! Nichts von Liebe mehr!“ „Weh' mir!“ ruft Venus, „wie so jung und kalt! Welch leerer Vorwand, dich mir zu entziehn! Himmlischen Odem seufz' ich dir alsbald, Daß er dich kühle bei der Sonne Glühn. Mein wallend Haar soll Schatten dir gewähren, Und brennt es auch, so lösch' ich es mit Zähren. „Die Sonn' am Himmel wärmt nur und gibt Licht, Und schau', ich liege zwischen ihr und dir! Von dort die Hitze sengt mich wahrlich nicht, Nur deiner Augen Gluth bringt Hitze mir! Wär' ich unsterblich nicht: ‒ dahingegeben Zwei solchen Sonnen, könnt' ich fürder leben? „Bist du von Stein denn, bist du hart wie Stahl? Den harten Stein doch höhlt des Regens Guß! Gebar ein Weib dich, und du fühlst die Qual Daß nicht, der liebt und einsam lieben muß? Glich dir die Mutter, die dich trug, du Schlimmer: Sie starb als Jungfrau, und gebar dich nimmer. „Wer bin ich denn, daß du mich fliehst, Verächter? Bringt meine Werbung dir denn auch Gefahr? Macht denn ein Küßchen deine Lippen schlechter? O sprich! ‒ doch hübsch! ‒ sonst schweige ganz und gar! Nur einen Kuß! ‒ du sollst ihn wieder haben, Und willst du Zinsen, sollen zwei dich laben! „Pfui, kalt Gemälde, lebenloser Stein, Buntschimmernd Bildniß ‒ all' dein Glanz erlogen! Das Aug' erfreust du; ‒ ach, das Aug' allein! Ding, wie ein Mann, doch nicht vom Weib erzogen! Du bist kein Mann, was auch dein Aussehn sagt, Denn Männer, wahrlich, küssen ungefragt!“ So spricht sie brünstig, bis die Ungeduld Einhalt gebietet ihrer Zunge Fechten! Ihr feurig Antlitz zeugt von ihrer Schuld; In Liebe richtend, hilft ihr nicht ihr Rechten. So weint sie denn, und glaubt mir nur, sie spräche, Wenn Schluchzen nicht ihr Sprechen unterbräche. Kopfschüttelnd nun erfaßt sie seine Hand, Senkt dann die Augen auf des Bodens Grün; Mit ihren Armen jetzo wie ein Band, Wie er sich sträuben mag, umschlingt sie ihn. Und will er fort, der weiberscheue Ringer, Verschränkt sie heftig ihre Lilienfinger. „O du mein Liebling,“ spricht sie lächelnd, „seh' Ich endlich dich in diesem schnee'gen Hag! Ich will dein Park sein, so sei du mein Reh! Geh' nach Gelüst hier deiner Weide nach! Fang' auf den Lippen an! wenn die versiegen, Dann tiefer, wo die lust'gen Quellen liegen! „Genug des Süßen gibt's in diesem Reiche; Gras in den Gründen, anmuthvolle Höhn; Gewölbte Hügel, Buschwerk und Gesträuche, Die vor dem Regen und des Sturmes Wehn Dich schützen werden; drum sei meine Hinde, Und fürchte nicht, daß hier ein Hund dich finde!“ Auf dies, wie spöttisch, lächelt er; ‒ o sieh', Wie seine Wangen jetzt zwei Grübchen tragen; Cupido selbst, der Lose, machte sie, Daß er drin ruhe, möcht' ihn wer erschlagen. Er wußt' es wohl: nahm er den Sitz der Liebe Zum Grabe sich, daß er lebendig bliebe. Und diese Grübchen alle beide thun Auf ihren Mund, die Seel' ihr zu verschlingen. Vorher schon rasend, was beginnt sie nun? Gleich anfangs todt, was hilft ein zweites Ringen? Du arme Venus, deiner eignen Macht Verfallen, liebst du, was dich kalt verlacht! Was soll sie sagen jetzt, wohin sich wenden? Zu End' ihr Reden, aber nicht ihr Glühn! Die Zeit ist um; er will sich ihren Händen, Die ihn umschlingen, mit Gewalt entziehn. „O Mitleid,“ ruft sie, „bin ich nichts denn werth?“ Doch er springt auf, und eilt nach seinem Pferd. Jetzt aber sieh': ‒ vom Dickicht her erschaut Den Hengst des Knaben eine flücht'ge Stute; Sie jagt heran, sie schnaubt, sie wiehert laut, Jung, ungebändigt, voll von Kraft und Muthe. Da reißt der Renner wild sich los vom Baum, Sie zu begrüßen mit zerrißnem Zaum.

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Marx-Engels-Gesamtausgabe: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-20T13:08:10Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 1 (Nummer 1 bis Nummer 183) Köln, 1. Juni 1848 bis 31. Dezember 1848. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 141. Köln, 12. November 1848, S. 0723. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz141i_1848/1>, abgerufen am 22.09.2019.