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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 121. Köln, 20. Oktober 1848.

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Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 121. Köln, Freitag den 20. Oktober. 1848.
Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Antwort Friedrich Wilhelm IV. an die Deputation der Bürgerwehr). Wien. (Die Deputation an den Kaiser. - Zustand in Wien. - Jellachich's Stellung. - Die Cernirung und Aushungerung Wiens. - Böhm. Hüfner. - Wickenburg. - Reichstagssitzungen. - Schreiben des Banus. - Betragen der deutschen Gesandten). Olmütz. (Truppenmärsche gegen Wien. - Die Eisenbahnbeamten. - Eine Proklamation von Windisch-Grätz. - Der Kaiser. - Die Studenden). Prag. (Eine Kundmachung) Frankfurt. (National-Versammlung). Berlin. (Die Vorfälle in Berlin und die Feier des königl. Geburtstags. - Vereinbarungssitzungen. - Militair um Berlin). Düsseldorf. (Militairisches). Minden (Militairisches). Liegnitz. (Die Liegnitzer Demokraten und Minister Eichmann). Mannheim. (Reichsexekution in Alzei). Hildburghausen. (Dr. Huhn). Schleswig. (Erste Landtagssitzung). Schwerin. (Die Lübecker Philister und das Reichsministerium).

Polen. Lemberg. (Die Russen).

Ungarn. Pesth. (Reichstag vom 10. und 11. Oktober).

Donaufürstenthümer. Bukarest. (Magari. - Das neue Ministerium).

Italien. Turin. (Bewegung in der Lombardei).

Franz. Republik. Paris. (Vermischtes. - National-Versammlung. - Reformbanketts).

Großbritannien. Dublin. (Petition zu Gunsten O'Briens, Duffy und Meagher).

Deutschland.
* Köln, 13. Oktober.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
Wien, 15. Oktober.

Der "Politische Privat-Telegraph" schreibt: Die nach Gouvernements gewählte und vom Kaiser mit Phrasen abgefertigte Deputation wollte ganz ihre Schuldigkeit gethan haben, ließ sich durch die schlechte entwürdigende Behandlung zu Selowitz nicht zurückschrecken und drang auf eine detaillirte Erklärung; allein vergebens. - Die gestrige Abendsitzung der Reichsversammlung ist die denkwürdigste, die bis jetzt noch Statt gefunden; das Schicksal des ganzen civilisirten Europa's wurde in dieser Sitzung entschieden. Jellachich hat abermals einen Brief an den Reichstag geschickt, der in einem Tone abgefaßt war, der einem kaiserlichen Soldatenführer so geläufig ist. Er verlangte Verproviantirung und Benutzung der Durchfuhr durch die Stadt, er verlangte, daß dem ungarischen Heere das Ueberschreiten der östreichischen Gränze vom Reichstage untersagt werde. Dieser wies das Ansinnen auf's Entschiedenste zurück und forderte den Banus zum Letztenmale auf, entweder die Waffen niederzulegen oder sich zurückzuziehen aus dem östreichischen Gebiete, wohin er wolle. Dieses Ultimatum der hiesigen Reichskammer weckte den stürmischsten Jubel des ganzen Hauses und den Jubel der ganzen Bevölkerung, die vor Begierde brennt, in den Kampf zu gehen für die Freiheit und das Recht. - Der Abgeordnete Löhner sucht noch immer eine Audienz. - Die Adresse wegen des Völkerkongresses ist durch eine Deputation bereits an den Kaiser geschickt.

Der Landsturm wird mit aller Emsigkeit und Kühnheit organisirt; er ist in verschiedenen Gegenden sogar fertig und harrt eines Winkes, um loszubrechen. Ganz besonders entflammt für die Sache der Wiener ist die Provinz Steiermark, auch Mähren zeigt die wärmsten Sympathien. - Von Prag ist gestern keine Post gekommen und man vermuthet einen Aufstand daselbst hinter dem Rücken des Fürsten Windischgrätz. - Es bedarf aller Anstrengung von Seiten der leitenden Behörden, um das kampflustige Volk von einem Ausfalle auf die Feinde vor den Thoren der Stadt zurückzuhalten. Es werden mobile Garden gebildet, die mit 20 oder 25 Kr. täglich honorirt werden. - Die Leitung des Heeres bei einem Angriffe auf freiem Felde, der morgen von unserer Seite Statt finden soll, ist dem berühmten Volksgeneral Böhm, der bereits hier ist, anvertraut. Die mobile Garde und diejenigen, die ohne Gehalt im Freien mitkämpfen wollen, sind im Belvedere und im Schwarzenberg Garten postirt. Der Angriff auf die Kroaten soll von 2 Seiten geschehen durch die Ungarn und durch die Wiener; die ersteren haben seit heute Nacht ein festes Lager in der Schwachat bezogen. In der Stadt herrscht die größtmöglichste Ordnung, Gesetzlichkeit und Entschlossenheit.

P. S. Der Postabgang ist geändert, die Briefe gehen schon um 2 Uhr ab.

Geschrieben im Hauptquartier im Belvedere.

Die meisten Drucker sind unter Waffen.

Wien, 14. Okt.

Jellachich hat sich während der verflossenen Nacht mehr nach dem Kahlengebirge zu ausgedehnt. Ohne Zweifel geht seine Absicht dahin, das Donau-Ufer zu gewinnen, um die Stadt von dieser Seite einzuschließen. Der heranrückende Windischgrätz würde sich am linken Donau-Ufer anschließen, und einen Halbkreis bis zur Donau unterhalb der Stadt bilden, wodurch eine vollständige Cernirung Wiens zu Stande käme. So hören wir heute argumentiren.

Die bei Weitem größte Mehrzahl unserer Mitbürger weiß recht gut, daß ein Einschließen Wiens von einer so geringen Truppenmacht, schon strategisch betrachtet, eine Unmöglichkeit; aber es gibt doch noch Viele, die daran glauben, und im Geiste schon alle Zufuhren von Lebensmitteln abgeschnitten sehen. Es ist daher unsre Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß unter allen Umständen die Kommunikation mit Ungarn, dem reichen Kornlande, offen bleiben wird, dafür bürgt uns die heranrückende ungarische Armee. Selbst eine Theuerung der Lebensmittel ist nicht zu befürchten, da die Vorräthe in Folge des seit einiger Zeit ins Stocken gerathenen Verkehrs mit Ungarn, sich dort beträchtlich vermehrt haben, die nun in Masse ihren Weg nach Wien nehmen werden. Die Zufuhren der Landleute aus der Umgegend werden allerdings spärlicher eintreffen, diese stehen jedoch größtentheils als Bedürfnisse erst in zweiter Reihe und deren Abgang für kurze Zeit kann uns daher nicht so fühlbar treffen. An Getraide und Mehl, Schlachtvieh, Wein u. s. w. werden wir keinen Mangel haben, und alle Befürchtungen in dieser Beziehung sind um so mehr als völlig unhaltbar zu betrachten, als die Vorräthe in der Stadt selbst noch für längere Zeit ausreichen.

Wien, 14. Oktbr.

Morgens. Gestern Nachmittag war Jellachich mit 1500 Mann Gefolge in Rodaun angesagt. Wie lange er daselbst bleiben werde, war nicht bekannt. In dem Orte Mauer wurde von 50 Sereschanern (Rothmäntler) Quartiere gemacht. Im Schönbrunner Garten sind vom Rosenhügel her bei 3-4000 Kroaten eingerückt. Bei Fünf- und Sechshaus steht die kampflustige Garde dieser Ortschaften. Militär und Volk haben nun Gelegenheit, einander gut zu betrachten. Aus den Bewegungen Jellachichs geht hervor, daß er seine Truppen immer weiter am Fuße des Kahlengebirges über Dornbach, Währing gegen Nußdorf hinzuzuziehen trachtet. Die militärische Besatzung des Pulverthurmes auf der Türkenschanze hat nach aufgefangenen Briefen den Befehl, vor der Uebergabe denselben in die Luft zu sprengen. Wer weiß, was geschehen dürfte, wenn die Cernirung Wiens vollendet sein wird? Will man uns aushungern? Dieses dürfte jedoch schlecht gelingen, weil, wie man hörte, in Böhmen und Mähren die deutschen Kreise im Rücken des nach Wien aufgebrochnenn Windischgrätz sich erheben, und ihn dadurch zwingen, dort zu bleiben wo er ist. Daß sich der Landsturm im Egerer, Gaazer, Ellbogner, Leitmerizer Kreise Böhmens, so wie im Ollmützer, Troppauer und Teschner Kreise erheben werde, um nöthigen Falls Wien zu Hülfe zu ziehen, ließ sich mit Zuversicht erwarten.

Die Landleute, welche aus, von Kroaten besetzten Dörfern nach Wien kommen, versichern, daß diese alle ihre Lebensmittel, welche sie für ihre Person benöthigen, bezahlen, und zwar mit lauter östreichischem Pagiergelde.

Anständig gekleidete Personen aus Wien dürfen die von Kroaten und Auerspergs Truppen besetzten Orte, passiren, aber sie dürfen keine Stürmer tragen und keinen weißlodigen Rock (Steirer) anhaben. Daß auch keine Gardenuniformen gern gesehen werden, versteht sich von selbst. Die deutschen Truppen haben die hinterste und von Wien entfernteste Stellung inne, während in Inzersdorf nur slavische Truppen kantonirt sind.

Wien, 14. Oktbr.

Heute sind abermals kleine Zuzüge aus Grätz und Umgegend erfolgt und sollen denselben im Laufe des Tages 1000 bis 1500 Mann folgen.

Wien, 14. Okt.

General Böhm, bekannt aus dem polnischen Befreiungskriege, ist in Wien angekommen und beim Oberkommando eingetreten. Freiwillige kommen fortwährend aus allen Provinzen an. Die Flucht vieler Beamten scheint namentlich auf den Betrieb der Post nachtheilig zu wirken. Der Redakteur der "Konstitution" ist bei Stein verhaftet und nach Olmütz geführt worden. Hier befinden sich dagegen von ausgezeichneten Gefangenen die Generale Recsey, Bacari und Franck. Daß General Graf Wisemburg von Steiermark sich für die Sache Wiens erklärt hat, macht allgemein günstigen Eindruck. Aus Polen sind Truppen im Anzuge, in ihrem Rücken erhebt sich, nach eingelaufenen Berichten, das Volk.

(A. Oest. Z.)
Wien.

Sitzung des konstituirenden Reichstags am 14. Oktober.

Die Sitzung beginnt um halb zwölf Uhr.

Der Präsident eröffnet das Ergebniß des Serutiniums zur Wahl der Schriftführer; Gleispach und Motika sind mit Stimmenmehrheit gewählt.

Wiser und Gleispach verlesen gestrige Protokolle, welche angenommen werden.

Der Präsident theilt mit, daß die an Se. Maj. abgegangene Deputation bereits zurückgekehrt sei. Peitler erstattet den Bericht. Sie haben den Kaiser in Selowitz getroffen und wurden vor den Kaiser in Gegenwart Erzherzogs Franz und Fürst Lobkowitz gelassen. Abg. Schmitt überreichte die Adresse, Se. Maj. übersah sie flüchtig und las eine Antwort, welche dem vom Minister Krauß nicht kontrasignirten Manifeste ähnlich war. Hierauf zog sich der Kaiser zurück und die Deputation hatte keine Gelegenheit zu sprechen.

Fürst Lobkowitz versicherte noch, daß die Feldherren nicht angreifen werden.

Die Deputation, die ihre Mission und ihre Fragepunkte nicht erledigt hielt, reichte ihre Fragen schriftlich ein, erhielt aber keine Antwort und reiste daher ab.

Reitler erzählt ferner, daß die Deputation im Hofe auf dem kalten Pflaster, neben den Garden warten mußte, worüber selbst die Garden entrüstet waren. Die Deputation legt die Schuld dem Grafen Lazanski bei. Die vollste Entrüstung gebührt einem unverbesserlichen Büreaukraten wie Lazanski. Einem andern Volke eine ähnliche Schmach angethan, und die moralische Vernichtung eines so geistig Blinden, der die hohe Volkssouveränetät mißachtet, würde folgen. Wir sehen abermals, in welchem Netze noch die Provinzen fest eingesponnen sind und das erste Werk der Ruhe wird und muß sein, es zu zerreißen und die Provinzen von dem Absolutismus in veränderter Form endlich frei zu machen.

Peitler bemerkt nur noch, daß die Umgebung des Kaisers eine ganz militärische sei. Wir können nun denken, welche Richtung Se. Maj. erhält, und von welchem Standpunkte aus die Ereignisse geschildert werden.

Beim Berichte hatten die Deputirten Mühe, ihren Unmuth zurückhalten, und die Resignation war wirklich eine schwere.

Schuselka sollte Bericht vom Ausschusse erstatten. Da aber im selben wichtige Verhandlungen in demselben Momente gepflogen wurde, wurde auf dessen Antrag die Sitzung bis 3 Uhr vertagt.

Wien.

(Abendsitzung des konstituirenden Reichstags vom 14 Oktober. Eröffnung halb 5 Uhr.)

Schuselka berichtet vom Ausschusse. Es sind mehrere erfreuliche Versicherungen von Außen zugekommen, Wien mit Gut und Blut beizustehen. Stadt Steyr in Oberösterreich stellt seine Garde zur Verfügung. Aus Troppau ist eine Adresse eingelangt, das bewaffnete Volk wartet nur auf den Befehl. Die Neutitscheiner Garde ist ebenfalls jeden Augenblick bereit, Hadersdorf hat seine vollsten Sympathieen ausgedrückt. Vom Ausschusse der Studenten ist eine Zuschrift an den Reichstag ergangen. Sie ermahnen zum energischen Auftreten gegen die Feinde vor dem Thore.

Pillersdorf, der von den Vorposten des Militärs beim Hereinfahren in die Stadt angehalten wurde, und im Hauptquartier erst die Erlaubniß zum Hereinfahren holen mußte, hatte von daselbst auch ein Schreiben an den Reichstag mitgebracht, von Jellachich und Auersperg unterschrieben. Sie wollen, daß man das ungarische Heer nicht heranlasse, wollen auch die Zufuhr von Lebensmitteln nicht hindern, wenn man die in Wien zurückgelassenen Militäreffekten ihnen ausliefern will und ihnen erlaubt, auch ihre Bedürfnisse aus der Stadt zu holen. Ebenso wird die Auslieferung des gefangenen "Ministers" Recsatz gefordert.

Der Ausschuß, der schon des Correspondirens müde ist, will noch ein Schreiben ins Lager ergehen lassen. Schuselka liest es vor. Es wird darin das Handeln des Ban mit seinen Worten in Vergleich gebracht. Wie der Vergleich ausfällt, läßt sich denken. Der Reichstag kann nur dann die ungarische Armee, die geschworen, den Ban zu verfolgen, wohin er geht, aufhalten, wenn der Ban sich mit seinen Truppen schleunigst und friedlich in seine Heimath begibt. Er wird hierzu aufgefordert, sowie alle abgenommenen Waffen zurückzugeben, wo nicht, der Reichstag mit aller Kraft protestiren wird und das Verhängniß seinen Lauf nimmt.

Das Schreiben ist in sehr bündigem und energischem Style ab

Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 121. Köln, Freitag den 20. Oktober. 1848.
Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Antwort Friedrich Wilhelm IV. an die Deputation der Bürgerwehr). Wien. (Die Deputation an den Kaiser. ‒ Zustand in Wien. ‒ Jellachich's Stellung. ‒ Die Cernirung und Aushungerung Wiens. ‒ Böhm. Hüfner. ‒ Wickenburg. ‒ Reichstagssitzungen. ‒ Schreiben des Banus. ‒ Betragen der deutschen Gesandten). Olmütz. (Truppenmärsche gegen Wien. ‒ Die Eisenbahnbeamten. ‒ Eine Proklamation von Windisch-Grätz. ‒ Der Kaiser. ‒ Die Studenden). Prag. (Eine Kundmachung) Frankfurt. (National-Versammlung). Berlin. (Die Vorfälle in Berlin und die Feier des königl. Geburtstags. ‒ Vereinbarungssitzungen. ‒ Militair um Berlin). Düsseldorf. (Militairisches). Minden (Militairisches). Liegnitz. (Die Liegnitzer Demokraten und Minister Eichmann). Mannheim. (Reichsexekution in Alzei). Hildburghausen. (Dr. Huhn). Schleswig. (Erste Landtagssitzung). Schwerin. (Die Lübecker Philister und das Reichsministerium).

Polen. Lemberg. (Die Russen).

Ungarn. Pesth. (Reichstag vom 10. und 11. Oktober).

Donaufürstenthümer. Bukarest. (Magari. ‒ Das neue Ministerium).

Italien. Turin. (Bewegung in der Lombardei).

Franz. Republik. Paris. (Vermischtes. ‒ National-Versammlung. ‒ Reformbanketts).

Großbritannien. Dublin. (Petition zu Gunsten O'Briens, Duffy und Meagher).

Deutschland.
* Köln, 13. Oktober.
Der Inhalt dieses Artikels kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht angezeigt werden.
Wien, 15. Oktober.

Der „Politische Privat-Telegraph“ schreibt: Die nach Gouvernements gewählte und vom Kaiser mit Phrasen abgefertigte Deputation wollte ganz ihre Schuldigkeit gethan haben, ließ sich durch die schlechte entwürdigende Behandlung zu Selowitz nicht zurückschrecken und drang auf eine detaillirte Erklärung; allein vergebens. ‒ Die gestrige Abendsitzung der Reichsversammlung ist die denkwürdigste, die bis jetzt noch Statt gefunden; das Schicksal des ganzen civilisirten Europa's wurde in dieser Sitzung entschieden. Jellachich hat abermals einen Brief an den Reichstag geschickt, der in einem Tone abgefaßt war, der einem kaiserlichen Soldatenführer so geläufig ist. Er verlangte Verproviantirung und Benutzung der Durchfuhr durch die Stadt, er verlangte, daß dem ungarischen Heere das Ueberschreiten der östreichischen Gränze vom Reichstage untersagt werde. Dieser wies das Ansinnen auf's Entschiedenste zurück und forderte den Banus zum Letztenmale auf, entweder die Waffen niederzulegen oder sich zurückzuziehen aus dem östreichischen Gebiete, wohin er wolle. Dieses Ultimatum der hiesigen Reichskammer weckte den stürmischsten Jubel des ganzen Hauses und den Jubel der ganzen Bevölkerung, die vor Begierde brennt, in den Kampf zu gehen für die Freiheit und das Recht. ‒ Der Abgeordnete Löhner sucht noch immer eine Audienz. ‒ Die Adresse wegen des Völkerkongresses ist durch eine Deputation bereits an den Kaiser geschickt.

Der Landsturm wird mit aller Emsigkeit und Kühnheit organisirt; er ist in verschiedenen Gegenden sogar fertig und harrt eines Winkes, um loszubrechen. Ganz besonders entflammt für die Sache der Wiener ist die Provinz Steiermark, auch Mähren zeigt die wärmsten Sympathien. ‒ Von Prag ist gestern keine Post gekommen und man vermuthet einen Aufstand daselbst hinter dem Rücken des Fürsten Windischgrätz. ‒ Es bedarf aller Anstrengung von Seiten der leitenden Behörden, um das kampflustige Volk von einem Ausfalle auf die Feinde vor den Thoren der Stadt zurückzuhalten. Es werden mobile Garden gebildet, die mit 20 oder 25 Kr. täglich honorirt werden. ‒ Die Leitung des Heeres bei einem Angriffe auf freiem Felde, der morgen von unserer Seite Statt finden soll, ist dem berühmten Volksgeneral Böhm, der bereits hier ist, anvertraut. Die mobile Garde und diejenigen, die ohne Gehalt im Freien mitkämpfen wollen, sind im Belvedere und im Schwarzenberg Garten postirt. Der Angriff auf die Kroaten soll von 2 Seiten geschehen durch die Ungarn und durch die Wiener; die ersteren haben seit heute Nacht ein festes Lager in der Schwachat bezogen. In der Stadt herrscht die größtmöglichste Ordnung, Gesetzlichkeit und Entschlossenheit.

P. S. Der Postabgang ist geändert, die Briefe gehen schon um 2 Uhr ab.

Geschrieben im Hauptquartier im Belvedere.

Die meisten Drucker sind unter Waffen.

Wien, 14. Okt.

Jellachich hat sich während der verflossenen Nacht mehr nach dem Kahlengebirge zu ausgedehnt. Ohne Zweifel geht seine Absicht dahin, das Donau-Ufer zu gewinnen, um die Stadt von dieser Seite einzuschließen. Der heranrückende Windischgrätz würde sich am linken Donau-Ufer anschließen, und einen Halbkreis bis zur Donau unterhalb der Stadt bilden, wodurch eine vollständige Cernirung Wiens zu Stande käme. So hören wir heute argumentiren.

Die bei Weitem größte Mehrzahl unserer Mitbürger weiß recht gut, daß ein Einschließen Wiens von einer so geringen Truppenmacht, schon strategisch betrachtet, eine Unmöglichkeit; aber es gibt doch noch Viele, die daran glauben, und im Geiste schon alle Zufuhren von Lebensmitteln abgeschnitten sehen. Es ist daher unsre Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß unter allen Umständen die Kommunikation mit Ungarn, dem reichen Kornlande, offen bleiben wird, dafür bürgt uns die heranrückende ungarische Armee. Selbst eine Theuerung der Lebensmittel ist nicht zu befürchten, da die Vorräthe in Folge des seit einiger Zeit ins Stocken gerathenen Verkehrs mit Ungarn, sich dort beträchtlich vermehrt haben, die nun in Masse ihren Weg nach Wien nehmen werden. Die Zufuhren der Landleute aus der Umgegend werden allerdings spärlicher eintreffen, diese stehen jedoch größtentheils als Bedürfnisse erst in zweiter Reihe und deren Abgang für kurze Zeit kann uns daher nicht so fühlbar treffen. An Getraide und Mehl, Schlachtvieh, Wein u. s. w. werden wir keinen Mangel haben, und alle Befürchtungen in dieser Beziehung sind um so mehr als völlig unhaltbar zu betrachten, als die Vorräthe in der Stadt selbst noch für längere Zeit ausreichen.

Wien, 14. Oktbr.

Morgens. Gestern Nachmittag war Jellachich mit 1500 Mann Gefolge in Rodaun angesagt. Wie lange er daselbst bleiben werde, war nicht bekannt. In dem Orte Mauer wurde von 50 Sereschanern (Rothmäntler) Quartiere gemacht. Im Schönbrunner Garten sind vom Rosenhügel her bei 3-4000 Kroaten eingerückt. Bei Fünf- und Sechshaus steht die kampflustige Garde dieser Ortschaften. Militär und Volk haben nun Gelegenheit, einander gut zu betrachten. Aus den Bewegungen Jellachichs geht hervor, daß er seine Truppen immer weiter am Fuße des Kahlengebirges über Dornbach, Währing gegen Nußdorf hinzuzuziehen trachtet. Die militärische Besatzung des Pulverthurmes auf der Türkenschanze hat nach aufgefangenen Briefen den Befehl, vor der Uebergabe denselben in die Luft zu sprengen. Wer weiß, was geschehen dürfte, wenn die Cernirung Wiens vollendet sein wird? Will man uns aushungern? Dieses dürfte jedoch schlecht gelingen, weil, wie man hörte, in Böhmen und Mähren die deutschen Kreise im Rücken des nach Wien aufgebrochnenn Windischgrätz sich erheben, und ihn dadurch zwingen, dort zu bleiben wo er ist. Daß sich der Landsturm im Egerer, Gaazer, Ellbogner, Leitmerizer Kreise Böhmens, so wie im Ollmützer, Troppauer und Teschner Kreise erheben werde, um nöthigen Falls Wien zu Hülfe zu ziehen, ließ sich mit Zuversicht erwarten.

Die Landleute, welche aus, von Kroaten besetzten Dörfern nach Wien kommen, versichern, daß diese alle ihre Lebensmittel, welche sie für ihre Person benöthigen, bezahlen, und zwar mit lauter östreichischem Pagiergelde.

Anständig gekleidete Personen aus Wien dürfen die von Kroaten und Auerspergs Truppen besetzten Orte, passiren, aber sie dürfen keine Stürmer tragen und keinen weißlodigen Rock (Steirer) anhaben. Daß auch keine Gardenuniformen gern gesehen werden, versteht sich von selbst. Die deutschen Truppen haben die hinterste und von Wien entfernteste Stellung inne, während in Inzersdorf nur slavische Truppen kantonirt sind.

Wien, 14. Oktbr.

Heute sind abermals kleine Zuzüge aus Grätz und Umgegend erfolgt und sollen denselben im Laufe des Tages 1000 bis 1500 Mann folgen.

Wien, 14. Okt.

General Böhm, bekannt aus dem polnischen Befreiungskriege, ist in Wien angekommen und beim Oberkommando eingetreten. Freiwillige kommen fortwährend aus allen Provinzen an. Die Flucht vieler Beamten scheint namentlich auf den Betrieb der Post nachtheilig zu wirken. Der Redakteur der „Konstitution“ ist bei Stein verhaftet und nach Olmütz geführt worden. Hier befinden sich dagegen von ausgezeichneten Gefangenen die Generale Recsey, Bacari und Franck. Daß General Graf Wisemburg von Steiermark sich für die Sache Wiens erklärt hat, macht allgemein günstigen Eindruck. Aus Polen sind Truppen im Anzuge, in ihrem Rücken erhebt sich, nach eingelaufenen Berichten, das Volk.

(A. Oest. Z.)
Wien.

Sitzung des konstituirenden Reichstags am 14. Oktober.

Die Sitzung beginnt um halb zwölf Uhr.

Der Präsident eröffnet das Ergebniß des Serutiniums zur Wahl der Schriftführer; Gleispach und Motika sind mit Stimmenmehrheit gewählt.

Wiser und Gleispach verlesen gestrige Protokolle, welche angenommen werden.

Der Präsident theilt mit, daß die an Se. Maj. abgegangene Deputation bereits zurückgekehrt sei. Peitler erstattet den Bericht. Sie haben den Kaiser in Selowitz getroffen und wurden vor den Kaiser in Gegenwart Erzherzogs Franz und Fürst Lobkowitz gelassen. Abg. Schmitt überreichte die Adresse, Se. Maj. übersah sie flüchtig und las eine Antwort, welche dem vom Minister Krauß nicht kontrasignirten Manifeste ähnlich war. Hierauf zog sich der Kaiser zurück und die Deputation hatte keine Gelegenheit zu sprechen.

Fürst Lobkowitz versicherte noch, daß die Feldherren nicht angreifen werden.

Die Deputation, die ihre Mission und ihre Fragepunkte nicht erledigt hielt, reichte ihre Fragen schriftlich ein, erhielt aber keine Antwort und reiste daher ab.

Reitler erzählt ferner, daß die Deputation im Hofe auf dem kalten Pflaster, neben den Garden warten mußte, worüber selbst die Garden entrüstet waren. Die Deputation legt die Schuld dem Grafen Lazanski bei. Die vollste Entrüstung gebührt einem unverbesserlichen Büreaukraten wie Lazanski. Einem andern Volke eine ähnliche Schmach angethan, und die moralische Vernichtung eines so geistig Blinden, der die hohe Volkssouveränetät mißachtet, würde folgen. Wir sehen abermals, in welchem Netze noch die Provinzen fest eingesponnen sind und das erste Werk der Ruhe wird und muß sein, es zu zerreißen und die Provinzen von dem Absolutismus in veränderter Form endlich frei zu machen.

Peitler bemerkt nur noch, daß die Umgebung des Kaisers eine ganz militärische sei. Wir können nun denken, welche Richtung Se. Maj. erhält, und von welchem Standpunkte aus die Ereignisse geschildert werden.

Beim Berichte hatten die Deputirten Mühe, ihren Unmuth zurückhalten, und die Resignation war wirklich eine schwere.

Schuselka sollte Bericht vom Ausschusse erstatten. Da aber im selben wichtige Verhandlungen in demselben Momente gepflogen wurde, wurde auf dessen Antrag die Sitzung bis 3 Uhr vertagt.

Wien.

(Abendsitzung des konstituirenden Reichstags vom 14 Oktober. Eröffnung halb 5 Uhr.)

Schuselka berichtet vom Ausschusse. Es sind mehrere erfreuliche Versicherungen von Außen zugekommen, Wien mit Gut und Blut beizustehen. Stadt Steyr in Oberösterreich stellt seine Garde zur Verfügung. Aus Troppau ist eine Adresse eingelangt, das bewaffnete Volk wartet nur auf den Befehl. Die Neutitscheiner Garde ist ebenfalls jeden Augenblick bereit, Hadersdorf hat seine vollsten Sympathieen ausgedrückt. Vom Ausschusse der Studenten ist eine Zuschrift an den Reichstag ergangen. Sie ermahnen zum energischen Auftreten gegen die Feinde vor dem Thore.

Pillersdorf, der von den Vorposten des Militärs beim Hereinfahren in die Stadt angehalten wurde, und im Hauptquartier erst die Erlaubniß zum Hereinfahren holen mußte, hatte von daselbst auch ein Schreiben an den Reichstag mitgebracht, von Jellachich und Auersperg unterschrieben. Sie wollen, daß man das ungarische Heer nicht heranlasse, wollen auch die Zufuhr von Lebensmitteln nicht hindern, wenn man die in Wien zurückgelassenen Militäreffekten ihnen ausliefern will und ihnen erlaubt, auch ihre Bedürfnisse aus der Stadt zu holen. Ebenso wird die Auslieferung des gefangenen „Ministers“ Recsatz gefordert.

Der Ausschuß, der schon des Correspondirens müde ist, will noch ein Schreiben ins Lager ergehen lassen. Schuselka liest es vor. Es wird darin das Handeln des Ban mit seinen Worten in Vergleich gebracht. Wie der Vergleich ausfällt, läßt sich denken. Der Reichstag kann nur dann die ungarische Armee, die geschworen, den Ban zu verfolgen, wohin er geht, aufhalten, wenn der Ban sich mit seinen Truppen schleunigst und friedlich in seine Heimath begibt. Er wird hierzu aufgefordert, sowie alle abgenommenen Waffen zurückzugeben, wo nicht, der Reichstag mit aller Kraft protestiren wird und das Verhängniß seinen Lauf nimmt.

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          <head>Wien, 15. Oktober.</head>
          <p>Der &#x201E;Politische Privat-Telegraph&#x201C; schreibt: Die nach Gouvernements gewählte und vom Kaiser mit Phrasen abgefertigte Deputation wollte ganz ihre Schuldigkeit gethan haben, ließ sich durch die schlechte entwürdigende Behandlung zu Selowitz nicht zurückschrecken und drang auf eine detaillirte Erklärung; allein vergebens. &#x2012; Die gestrige Abendsitzung der Reichsversammlung ist die denkwürdigste, die bis jetzt noch Statt gefunden; das Schicksal des ganzen civilisirten Europa's wurde in dieser Sitzung entschieden. Jellachich hat abermals einen Brief an den Reichstag geschickt, der in einem Tone abgefaßt war, der einem kaiserlichen Soldatenführer so geläufig ist. Er verlangte Verproviantirung und Benutzung der Durchfuhr durch die Stadt, er verlangte, daß dem ungarischen Heere das Ueberschreiten der östreichischen Gränze vom Reichstage untersagt werde. Dieser wies das Ansinnen auf's Entschiedenste zurück und forderte den Banus zum Letztenmale auf, entweder die Waffen niederzulegen oder sich zurückzuziehen aus dem östreichischen Gebiete, wohin er wolle. Dieses Ultimatum der hiesigen Reichskammer weckte den stürmischsten Jubel des ganzen Hauses und den Jubel der ganzen Bevölkerung, die vor Begierde brennt, in den Kampf zu gehen für die Freiheit und das Recht. &#x2012; Der Abgeordnete Löhner sucht noch immer eine Audienz. &#x2012; Die Adresse wegen des Völkerkongresses ist durch eine Deputation bereits an den Kaiser geschickt.</p>
          <p>Der Landsturm wird mit aller Emsigkeit und Kühnheit organisirt; er ist in verschiedenen Gegenden sogar fertig und harrt eines Winkes, um loszubrechen. Ganz besonders entflammt für die Sache der Wiener ist die Provinz Steiermark, auch Mähren zeigt die wärmsten Sympathien. &#x2012; Von Prag ist gestern keine Post gekommen und man vermuthet einen Aufstand daselbst hinter dem Rücken des Fürsten Windischgrätz. &#x2012; Es bedarf aller Anstrengung von Seiten der leitenden Behörden, um das kampflustige Volk von einem Ausfalle auf die Feinde vor den Thoren der Stadt zurückzuhalten. Es werden mobile Garden gebildet, die mit 20 oder 25 Kr. täglich honorirt werden. &#x2012; Die Leitung des Heeres bei einem Angriffe auf freiem Felde, der morgen von unserer Seite Statt finden soll, ist dem berühmten Volksgeneral Böhm, der bereits hier ist, anvertraut. Die mobile Garde und diejenigen, die ohne Gehalt im Freien mitkämpfen wollen, sind im Belvedere und im Schwarzenberg Garten postirt. Der Angriff auf die Kroaten soll von 2 Seiten geschehen durch die Ungarn und durch die Wiener; die ersteren haben seit heute Nacht ein festes Lager in der Schwachat bezogen. In der Stadt herrscht die größtmöglichste Ordnung, Gesetzlichkeit und Entschlossenheit.</p>
          <p>P. S. Der Postabgang ist geändert, die Briefe gehen schon um 2 Uhr ab.</p>
          <p>Geschrieben im Hauptquartier im Belvedere.</p>
          <p>Die meisten Drucker sind unter Waffen.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar121_003" type="jArticle">
          <head>Wien, 14. Okt.</head>
          <p>Jellachich hat sich während der verflossenen Nacht mehr nach dem Kahlengebirge zu ausgedehnt. Ohne Zweifel geht seine Absicht dahin, das Donau-Ufer zu gewinnen, um die Stadt von dieser Seite einzuschließen. Der heranrückende Windischgrätz würde sich am linken Donau-Ufer anschließen, und einen Halbkreis bis zur Donau unterhalb der Stadt bilden, wodurch eine vollständige Cernirung Wiens zu Stande käme. So hören wir heute argumentiren.</p>
          <p>Die bei Weitem größte Mehrzahl unserer Mitbürger weiß recht gut, daß ein Einschließen Wiens von einer so geringen Truppenmacht, schon strategisch betrachtet, eine Unmöglichkeit; aber es gibt doch noch Viele, die daran glauben, und im Geiste schon alle Zufuhren von Lebensmitteln abgeschnitten sehen. Es ist daher unsre Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß unter allen Umständen die Kommunikation mit Ungarn, dem reichen Kornlande, offen bleiben wird, dafür bürgt uns die heranrückende ungarische Armee. Selbst eine Theuerung der Lebensmittel ist nicht zu befürchten, da die Vorräthe in Folge des seit einiger Zeit ins Stocken gerathenen Verkehrs mit Ungarn, sich dort beträchtlich vermehrt haben, die nun in Masse ihren Weg nach Wien nehmen werden. Die Zufuhren der Landleute aus der Umgegend werden allerdings spärlicher eintreffen, diese stehen jedoch größtentheils als Bedürfnisse erst in zweiter Reihe und deren Abgang für kurze Zeit kann uns daher nicht so fühlbar treffen. An Getraide und Mehl, Schlachtvieh, Wein u. s. w. werden wir keinen Mangel haben, und alle Befürchtungen in dieser Beziehung sind um so mehr als völlig unhaltbar zu betrachten, als die Vorräthe in der Stadt selbst noch für längere Zeit ausreichen.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar121_004" type="jArticle">
          <head>Wien, 14. Oktbr.</head>
          <p>Morgens. Gestern Nachmittag war Jellachich mit 1500 Mann Gefolge in Rodaun angesagt. Wie lange er daselbst bleiben werde, war nicht bekannt. In dem Orte Mauer wurde von 50 Sereschanern (Rothmäntler) Quartiere gemacht. Im Schönbrunner Garten sind vom Rosenhügel her bei 3-4000 Kroaten eingerückt. Bei Fünf- und Sechshaus steht die kampflustige Garde dieser Ortschaften. Militär und Volk haben nun Gelegenheit, einander gut zu betrachten. Aus den Bewegungen Jellachichs geht hervor, daß er seine Truppen immer weiter am Fuße des Kahlengebirges über Dornbach, Währing gegen Nußdorf hinzuzuziehen trachtet. Die militärische Besatzung des Pulverthurmes auf der Türkenschanze hat nach aufgefangenen Briefen den Befehl, vor der Uebergabe denselben in die Luft zu sprengen. Wer weiß, was geschehen dürfte, wenn die Cernirung Wiens vollendet sein wird? Will man uns aushungern? Dieses dürfte jedoch schlecht gelingen, weil, wie man hörte, in Böhmen und Mähren die deutschen Kreise im Rücken des nach Wien aufgebrochnenn Windischgrätz sich erheben, und ihn dadurch zwingen, dort zu bleiben wo er ist. Daß sich der Landsturm im Egerer, Gaazer, Ellbogner, Leitmerizer Kreise Böhmens, so wie im Ollmützer, Troppauer und Teschner Kreise erheben werde, um nöthigen Falls Wien zu Hülfe zu ziehen, ließ sich mit Zuversicht erwarten.</p>
          <p>Die Landleute, welche aus, von Kroaten besetzten Dörfern nach Wien kommen, versichern, daß diese alle ihre Lebensmittel, welche sie für ihre Person benöthigen, bezahlen, und zwar mit lauter östreichischem Pagiergelde.</p>
          <p>Anständig gekleidete Personen aus Wien dürfen die von Kroaten und Auerspergs Truppen besetzten Orte, passiren, aber sie dürfen keine Stürmer tragen und keinen weißlodigen Rock (Steirer) anhaben. Daß auch keine Gardenuniformen gern gesehen werden, versteht sich von selbst. Die deutschen Truppen haben die hinterste und von Wien entfernteste Stellung inne, während in Inzersdorf nur slavische Truppen kantonirt sind.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar121_005" type="jArticle">
          <head>Wien, 14. Oktbr.</head>
          <p>Heute sind abermals kleine Zuzüge aus Grätz und Umgegend erfolgt und sollen denselben im Laufe des Tages 1000 bis 1500 Mann folgen.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar121_006" type="jArticle">
          <head>Wien, 14. Okt.</head>
          <p>General <hi rendition="#g">Böhm,</hi> bekannt aus dem polnischen Befreiungskriege, ist in Wien angekommen und beim Oberkommando eingetreten. Freiwillige kommen fortwährend aus allen Provinzen an. Die Flucht vieler Beamten scheint namentlich auf den Betrieb der Post nachtheilig zu wirken. Der Redakteur der &#x201E;Konstitution&#x201C; ist bei Stein verhaftet und nach Olmütz geführt worden. Hier befinden sich dagegen von ausgezeichneten Gefangenen die Generale Recsey, Bacari und Franck. Daß General Graf <hi rendition="#g">Wisemburg</hi> von Steiermark sich für die Sache Wiens erklärt hat, macht allgemein günstigen Eindruck. Aus Polen sind Truppen im Anzuge, in ihrem Rücken erhebt sich, nach eingelaufenen Berichten, das Volk.</p>
          <bibl>(A. Oest. Z.)</bibl>
        </div>
        <div xml:id="ar121_007" type="jArticle">
          <head>Wien.</head>
          <p>Sitzung des konstituirenden Reichstags am 14. Oktober.</p>
          <p>Die Sitzung beginnt um halb zwölf Uhr.</p>
          <p>Der Präsident eröffnet das Ergebniß des Serutiniums zur Wahl der Schriftführer; Gleispach und Motika sind mit Stimmenmehrheit gewählt.</p>
          <p>Wiser und Gleispach verlesen gestrige Protokolle, welche angenommen werden.</p>
          <p>Der Präsident theilt mit, daß die an Se. Maj. abgegangene Deputation bereits zurückgekehrt sei. Peitler erstattet den Bericht. Sie haben den Kaiser in Selowitz getroffen und wurden vor den Kaiser in Gegenwart Erzherzogs Franz und Fürst Lobkowitz gelassen. Abg. Schmitt überreichte die Adresse, Se. Maj. übersah sie flüchtig und las eine Antwort, welche dem vom Minister Krauß nicht kontrasignirten Manifeste ähnlich war. Hierauf zog sich der Kaiser zurück und die Deputation hatte keine Gelegenheit zu sprechen.</p>
          <p>Fürst Lobkowitz versicherte noch, daß die Feldherren nicht angreifen werden.</p>
          <p>Die Deputation, die ihre Mission und ihre Fragepunkte nicht erledigt hielt, reichte ihre Fragen schriftlich ein, erhielt aber keine Antwort und reiste daher ab.</p>
          <p>Reitler erzählt ferner, daß die Deputation im Hofe auf dem kalten Pflaster, neben den Garden warten mußte, worüber selbst die Garden entrüstet waren. Die Deputation legt die Schuld dem Grafen Lazanski bei. Die vollste Entrüstung gebührt einem unverbesserlichen Büreaukraten wie Lazanski. Einem andern Volke eine ähnliche Schmach angethan, und die moralische Vernichtung eines so geistig Blinden, der die hohe Volkssouveränetät mißachtet, würde folgen. Wir sehen abermals, in welchem Netze noch die Provinzen fest eingesponnen sind und das erste Werk der Ruhe wird und muß sein, es zu zerreißen und die Provinzen von dem Absolutismus in veränderter Form endlich frei zu machen.</p>
          <p>Peitler bemerkt nur noch, daß die Umgebung des Kaisers eine ganz <hi rendition="#g">militärische</hi> sei. Wir können nun denken, welche Richtung Se. Maj. erhält, und von welchem Standpunkte aus die Ereignisse geschildert werden.</p>
          <p>Beim Berichte hatten die Deputirten Mühe, ihren Unmuth zurückhalten, und die Resignation war wirklich eine schwere.</p>
          <p>Schuselka sollte Bericht vom Ausschusse erstatten. Da aber im selben wichtige Verhandlungen in demselben Momente gepflogen wurde, wurde auf dessen Antrag die Sitzung bis 3 Uhr vertagt.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar121_008" type="jArticle">
          <head>Wien.</head>
          <p>(Abendsitzung des konstituirenden Reichstags vom 14 Oktober. Eröffnung halb 5 Uhr.)</p>
          <p><hi rendition="#g">Schuselka</hi> berichtet vom Ausschusse. Es sind mehrere erfreuliche Versicherungen von Außen zugekommen, Wien mit Gut und Blut beizustehen. Stadt Steyr in Oberösterreich stellt seine Garde zur Verfügung. Aus Troppau ist eine Adresse eingelangt, das bewaffnete Volk wartet nur auf den Befehl. Die Neutitscheiner Garde ist ebenfalls jeden Augenblick bereit, Hadersdorf hat seine vollsten Sympathieen ausgedrückt. Vom Ausschusse der Studenten ist eine Zuschrift an den Reichstag ergangen. Sie ermahnen zum energischen Auftreten gegen die Feinde vor dem Thore.</p>
          <p><hi rendition="#g">Pillersdorf,</hi> der von den Vorposten des Militärs beim Hereinfahren in die Stadt angehalten wurde, und im Hauptquartier erst die Erlaubniß zum Hereinfahren holen mußte, hatte von daselbst auch ein Schreiben an den Reichstag mitgebracht, von Jellachich und Auersperg unterschrieben. Sie wollen, daß man das ungarische Heer nicht heranlasse, wollen auch die Zufuhr von Lebensmitteln nicht hindern, wenn man die in Wien zurückgelassenen Militäreffekten ihnen ausliefern will und ihnen erlaubt, auch ihre Bedürfnisse aus der Stadt zu holen. Ebenso wird die Auslieferung des gefangenen &#x201E;Ministers&#x201C; Recsatz gefordert.</p>
          <p>Der Ausschuß, der schon des Correspondirens müde ist, will noch ein Schreiben ins Lager ergehen lassen. Schuselka liest es vor. Es wird darin das Handeln des Ban mit seinen Worten in Vergleich gebracht. Wie der Vergleich ausfällt, läßt sich denken. Der Reichstag kann nur dann die ungarische Armee, die geschworen, den Ban zu verfolgen, wohin er geht, aufhalten, wenn der Ban sich mit seinen Truppen schleunigst und friedlich in seine Heimath begibt. Er wird hierzu aufgefordert, sowie alle abgenommenen Waffen zurückzugeben, wo nicht, der Reichstag mit aller Kraft protestiren wird und das Verhängniß seinen Lauf nimmt.</p>
          <p>Das Schreiben ist in sehr bündigem und energischem Style ab
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0607/0001] Neue Rheinische Zeitung Organ der Demokratie. No 121. Köln, Freitag den 20. Oktober. 1848. Uebersicht. Deutschland. Köln. (Antwort Friedrich Wilhelm IV. an die Deputation der Bürgerwehr). Wien. (Die Deputation an den Kaiser. ‒ Zustand in Wien. ‒ Jellachich's Stellung. ‒ Die Cernirung und Aushungerung Wiens. ‒ Böhm. Hüfner. ‒ Wickenburg. ‒ Reichstagssitzungen. ‒ Schreiben des Banus. ‒ Betragen der deutschen Gesandten). Olmütz. (Truppenmärsche gegen Wien. ‒ Die Eisenbahnbeamten. ‒ Eine Proklamation von Windisch-Grätz. ‒ Der Kaiser. ‒ Die Studenden). Prag. (Eine Kundmachung) Frankfurt. (National-Versammlung). Berlin. (Die Vorfälle in Berlin und die Feier des königl. Geburtstags. ‒ Vereinbarungssitzungen. ‒ Militair um Berlin). Düsseldorf. (Militairisches). Minden (Militairisches). Liegnitz. (Die Liegnitzer Demokraten und Minister Eichmann). Mannheim. (Reichsexekution in Alzei). Hildburghausen. (Dr. Huhn). Schleswig. (Erste Landtagssitzung). Schwerin. (Die Lübecker Philister und das Reichsministerium). Polen. Lemberg. (Die Russen). Ungarn. Pesth. (Reichstag vom 10. und 11. Oktober). Donaufürstenthümer. Bukarest. (Magari. ‒ Das neue Ministerium). Italien. Turin. (Bewegung in der Lombardei). Franz. Republik. Paris. (Vermischtes. ‒ National-Versammlung. ‒ Reformbanketts). Großbritannien. Dublin. (Petition zu Gunsten O'Briens, Duffy und Meagher). Deutschland. * Köln, 13. Oktober. _ Wien, 15. Oktober. Der „Politische Privat-Telegraph“ schreibt: Die nach Gouvernements gewählte und vom Kaiser mit Phrasen abgefertigte Deputation wollte ganz ihre Schuldigkeit gethan haben, ließ sich durch die schlechte entwürdigende Behandlung zu Selowitz nicht zurückschrecken und drang auf eine detaillirte Erklärung; allein vergebens. ‒ Die gestrige Abendsitzung der Reichsversammlung ist die denkwürdigste, die bis jetzt noch Statt gefunden; das Schicksal des ganzen civilisirten Europa's wurde in dieser Sitzung entschieden. Jellachich hat abermals einen Brief an den Reichstag geschickt, der in einem Tone abgefaßt war, der einem kaiserlichen Soldatenführer so geläufig ist. Er verlangte Verproviantirung und Benutzung der Durchfuhr durch die Stadt, er verlangte, daß dem ungarischen Heere das Ueberschreiten der östreichischen Gränze vom Reichstage untersagt werde. Dieser wies das Ansinnen auf's Entschiedenste zurück und forderte den Banus zum Letztenmale auf, entweder die Waffen niederzulegen oder sich zurückzuziehen aus dem östreichischen Gebiete, wohin er wolle. Dieses Ultimatum der hiesigen Reichskammer weckte den stürmischsten Jubel des ganzen Hauses und den Jubel der ganzen Bevölkerung, die vor Begierde brennt, in den Kampf zu gehen für die Freiheit und das Recht. ‒ Der Abgeordnete Löhner sucht noch immer eine Audienz. ‒ Die Adresse wegen des Völkerkongresses ist durch eine Deputation bereits an den Kaiser geschickt. Der Landsturm wird mit aller Emsigkeit und Kühnheit organisirt; er ist in verschiedenen Gegenden sogar fertig und harrt eines Winkes, um loszubrechen. Ganz besonders entflammt für die Sache der Wiener ist die Provinz Steiermark, auch Mähren zeigt die wärmsten Sympathien. ‒ Von Prag ist gestern keine Post gekommen und man vermuthet einen Aufstand daselbst hinter dem Rücken des Fürsten Windischgrätz. ‒ Es bedarf aller Anstrengung von Seiten der leitenden Behörden, um das kampflustige Volk von einem Ausfalle auf die Feinde vor den Thoren der Stadt zurückzuhalten. Es werden mobile Garden gebildet, die mit 20 oder 25 Kr. täglich honorirt werden. ‒ Die Leitung des Heeres bei einem Angriffe auf freiem Felde, der morgen von unserer Seite Statt finden soll, ist dem berühmten Volksgeneral Böhm, der bereits hier ist, anvertraut. Die mobile Garde und diejenigen, die ohne Gehalt im Freien mitkämpfen wollen, sind im Belvedere und im Schwarzenberg Garten postirt. Der Angriff auf die Kroaten soll von 2 Seiten geschehen durch die Ungarn und durch die Wiener; die ersteren haben seit heute Nacht ein festes Lager in der Schwachat bezogen. In der Stadt herrscht die größtmöglichste Ordnung, Gesetzlichkeit und Entschlossenheit. P. S. Der Postabgang ist geändert, die Briefe gehen schon um 2 Uhr ab. Geschrieben im Hauptquartier im Belvedere. Die meisten Drucker sind unter Waffen. Wien, 14. Okt. Jellachich hat sich während der verflossenen Nacht mehr nach dem Kahlengebirge zu ausgedehnt. Ohne Zweifel geht seine Absicht dahin, das Donau-Ufer zu gewinnen, um die Stadt von dieser Seite einzuschließen. Der heranrückende Windischgrätz würde sich am linken Donau-Ufer anschließen, und einen Halbkreis bis zur Donau unterhalb der Stadt bilden, wodurch eine vollständige Cernirung Wiens zu Stande käme. So hören wir heute argumentiren. Die bei Weitem größte Mehrzahl unserer Mitbürger weiß recht gut, daß ein Einschließen Wiens von einer so geringen Truppenmacht, schon strategisch betrachtet, eine Unmöglichkeit; aber es gibt doch noch Viele, die daran glauben, und im Geiste schon alle Zufuhren von Lebensmitteln abgeschnitten sehen. Es ist daher unsre Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß unter allen Umständen die Kommunikation mit Ungarn, dem reichen Kornlande, offen bleiben wird, dafür bürgt uns die heranrückende ungarische Armee. Selbst eine Theuerung der Lebensmittel ist nicht zu befürchten, da die Vorräthe in Folge des seit einiger Zeit ins Stocken gerathenen Verkehrs mit Ungarn, sich dort beträchtlich vermehrt haben, die nun in Masse ihren Weg nach Wien nehmen werden. Die Zufuhren der Landleute aus der Umgegend werden allerdings spärlicher eintreffen, diese stehen jedoch größtentheils als Bedürfnisse erst in zweiter Reihe und deren Abgang für kurze Zeit kann uns daher nicht so fühlbar treffen. An Getraide und Mehl, Schlachtvieh, Wein u. s. w. werden wir keinen Mangel haben, und alle Befürchtungen in dieser Beziehung sind um so mehr als völlig unhaltbar zu betrachten, als die Vorräthe in der Stadt selbst noch für längere Zeit ausreichen. Wien, 14. Oktbr. Morgens. Gestern Nachmittag war Jellachich mit 1500 Mann Gefolge in Rodaun angesagt. Wie lange er daselbst bleiben werde, war nicht bekannt. In dem Orte Mauer wurde von 50 Sereschanern (Rothmäntler) Quartiere gemacht. Im Schönbrunner Garten sind vom Rosenhügel her bei 3-4000 Kroaten eingerückt. Bei Fünf- und Sechshaus steht die kampflustige Garde dieser Ortschaften. Militär und Volk haben nun Gelegenheit, einander gut zu betrachten. Aus den Bewegungen Jellachichs geht hervor, daß er seine Truppen immer weiter am Fuße des Kahlengebirges über Dornbach, Währing gegen Nußdorf hinzuzuziehen trachtet. Die militärische Besatzung des Pulverthurmes auf der Türkenschanze hat nach aufgefangenen Briefen den Befehl, vor der Uebergabe denselben in die Luft zu sprengen. Wer weiß, was geschehen dürfte, wenn die Cernirung Wiens vollendet sein wird? Will man uns aushungern? Dieses dürfte jedoch schlecht gelingen, weil, wie man hörte, in Böhmen und Mähren die deutschen Kreise im Rücken des nach Wien aufgebrochnenn Windischgrätz sich erheben, und ihn dadurch zwingen, dort zu bleiben wo er ist. Daß sich der Landsturm im Egerer, Gaazer, Ellbogner, Leitmerizer Kreise Böhmens, so wie im Ollmützer, Troppauer und Teschner Kreise erheben werde, um nöthigen Falls Wien zu Hülfe zu ziehen, ließ sich mit Zuversicht erwarten. Die Landleute, welche aus, von Kroaten besetzten Dörfern nach Wien kommen, versichern, daß diese alle ihre Lebensmittel, welche sie für ihre Person benöthigen, bezahlen, und zwar mit lauter östreichischem Pagiergelde. Anständig gekleidete Personen aus Wien dürfen die von Kroaten und Auerspergs Truppen besetzten Orte, passiren, aber sie dürfen keine Stürmer tragen und keinen weißlodigen Rock (Steirer) anhaben. Daß auch keine Gardenuniformen gern gesehen werden, versteht sich von selbst. Die deutschen Truppen haben die hinterste und von Wien entfernteste Stellung inne, während in Inzersdorf nur slavische Truppen kantonirt sind. Wien, 14. Oktbr. Heute sind abermals kleine Zuzüge aus Grätz und Umgegend erfolgt und sollen denselben im Laufe des Tages 1000 bis 1500 Mann folgen. Wien, 14. Okt. General Böhm, bekannt aus dem polnischen Befreiungskriege, ist in Wien angekommen und beim Oberkommando eingetreten. Freiwillige kommen fortwährend aus allen Provinzen an. Die Flucht vieler Beamten scheint namentlich auf den Betrieb der Post nachtheilig zu wirken. Der Redakteur der „Konstitution“ ist bei Stein verhaftet und nach Olmütz geführt worden. Hier befinden sich dagegen von ausgezeichneten Gefangenen die Generale Recsey, Bacari und Franck. Daß General Graf Wisemburg von Steiermark sich für die Sache Wiens erklärt hat, macht allgemein günstigen Eindruck. Aus Polen sind Truppen im Anzuge, in ihrem Rücken erhebt sich, nach eingelaufenen Berichten, das Volk. (A. Oest. Z.) Wien. Sitzung des konstituirenden Reichstags am 14. Oktober. Die Sitzung beginnt um halb zwölf Uhr. Der Präsident eröffnet das Ergebniß des Serutiniums zur Wahl der Schriftführer; Gleispach und Motika sind mit Stimmenmehrheit gewählt. Wiser und Gleispach verlesen gestrige Protokolle, welche angenommen werden. Der Präsident theilt mit, daß die an Se. Maj. abgegangene Deputation bereits zurückgekehrt sei. Peitler erstattet den Bericht. Sie haben den Kaiser in Selowitz getroffen und wurden vor den Kaiser in Gegenwart Erzherzogs Franz und Fürst Lobkowitz gelassen. Abg. Schmitt überreichte die Adresse, Se. Maj. übersah sie flüchtig und las eine Antwort, welche dem vom Minister Krauß nicht kontrasignirten Manifeste ähnlich war. Hierauf zog sich der Kaiser zurück und die Deputation hatte keine Gelegenheit zu sprechen. Fürst Lobkowitz versicherte noch, daß die Feldherren nicht angreifen werden. Die Deputation, die ihre Mission und ihre Fragepunkte nicht erledigt hielt, reichte ihre Fragen schriftlich ein, erhielt aber keine Antwort und reiste daher ab. Reitler erzählt ferner, daß die Deputation im Hofe auf dem kalten Pflaster, neben den Garden warten mußte, worüber selbst die Garden entrüstet waren. Die Deputation legt die Schuld dem Grafen Lazanski bei. Die vollste Entrüstung gebührt einem unverbesserlichen Büreaukraten wie Lazanski. Einem andern Volke eine ähnliche Schmach angethan, und die moralische Vernichtung eines so geistig Blinden, der die hohe Volkssouveränetät mißachtet, würde folgen. Wir sehen abermals, in welchem Netze noch die Provinzen fest eingesponnen sind und das erste Werk der Ruhe wird und muß sein, es zu zerreißen und die Provinzen von dem Absolutismus in veränderter Form endlich frei zu machen. Peitler bemerkt nur noch, daß die Umgebung des Kaisers eine ganz militärische sei. Wir können nun denken, welche Richtung Se. Maj. erhält, und von welchem Standpunkte aus die Ereignisse geschildert werden. Beim Berichte hatten die Deputirten Mühe, ihren Unmuth zurückhalten, und die Resignation war wirklich eine schwere. Schuselka sollte Bericht vom Ausschusse erstatten. Da aber im selben wichtige Verhandlungen in demselben Momente gepflogen wurde, wurde auf dessen Antrag die Sitzung bis 3 Uhr vertagt. Wien. (Abendsitzung des konstituirenden Reichstags vom 14 Oktober. Eröffnung halb 5 Uhr.) Schuselka berichtet vom Ausschusse. Es sind mehrere erfreuliche Versicherungen von Außen zugekommen, Wien mit Gut und Blut beizustehen. Stadt Steyr in Oberösterreich stellt seine Garde zur Verfügung. Aus Troppau ist eine Adresse eingelangt, das bewaffnete Volk wartet nur auf den Befehl. Die Neutitscheiner Garde ist ebenfalls jeden Augenblick bereit, Hadersdorf hat seine vollsten Sympathieen ausgedrückt. Vom Ausschusse der Studenten ist eine Zuschrift an den Reichstag ergangen. Sie ermahnen zum energischen Auftreten gegen die Feinde vor dem Thore. Pillersdorf, der von den Vorposten des Militärs beim Hereinfahren in die Stadt angehalten wurde, und im Hauptquartier erst die Erlaubniß zum Hereinfahren holen mußte, hatte von daselbst auch ein Schreiben an den Reichstag mitgebracht, von Jellachich und Auersperg unterschrieben. Sie wollen, daß man das ungarische Heer nicht heranlasse, wollen auch die Zufuhr von Lebensmitteln nicht hindern, wenn man die in Wien zurückgelassenen Militäreffekten ihnen ausliefern will und ihnen erlaubt, auch ihre Bedürfnisse aus der Stadt zu holen. Ebenso wird die Auslieferung des gefangenen „Ministers“ Recsatz gefordert. Der Ausschuß, der schon des Correspondirens müde ist, will noch ein Schreiben ins Lager ergehen lassen. Schuselka liest es vor. Es wird darin das Handeln des Ban mit seinen Worten in Vergleich gebracht. Wie der Vergleich ausfällt, läßt sich denken. Der Reichstag kann nur dann die ungarische Armee, die geschworen, den Ban zu verfolgen, wohin er geht, aufhalten, wenn der Ban sich mit seinen Truppen schleunigst und friedlich in seine Heimath begibt. Er wird hierzu aufgefordert, sowie alle abgenommenen Waffen zurückzugeben, wo nicht, der Reichstag mit aller Kraft protestiren wird und das Verhängniß seinen Lauf nimmt. Das Schreiben ist in sehr bündigem und energischem Style ab

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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 1 (Nummer 1 bis Nummer 183) Köln, 1. Juni 1848 bis 31. Dezember 1848. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 121. Köln, 20. Oktober 1848, S. 0607. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz121_1848/1>, abgerufen am 23.10.2019.