Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Neue Rheinische Zeitung. Nr. 111. Köln, 24. September 1848.

Bild:
<< vorherige Seite
[Deutschland]

[Fortsetzung] tende russische Flüchtling Bakunin ist heute verhaftet worden, ohne daß auch nur, so viel man weiß, das Geringste gegen ihn vorläge.

Die Spannung ist in der ganzen Stadt allgemein und mit der am 17. März zu vergleichen. Morgen: Entweder - oder!

28 Berlin, 21. Sept.

In der heutigen Sitzung der konstituirenden Versammlung ward plötzlich ein dringender Antrag der Hrn. Blöm und v. Berg angekündigt, der nichts weniger enthielt, als die Versammlung möge ihren höchsten Unwillen über die Ereignisse in Frankfurt aussprechen und die Staatsregierung ersuchen mit aller Kraft der Centralgewalt zu Hülfe zu eilen. Dieser Antrag kam um so unerwarteter, als die widersprechendsten Gerüchte über die Ereignisse in Frankfurt herumliefen und noch gar nichts Bestimmtes bekannt war, außer daß man sich geschlagen habe. Mit Ausnahme der Linken und mehrerer Mitglieder des linken Centrums ward der Antrag von der ganzen Versammlung unterstützt; er wird morgen zur Berathung kommen und sicher angenommen werden. Dieser Antrag, an sich schon ein höchst trauriger, ist aber bei der gegenwärtigen Lage der Dinge hier von der allerverderblichsten Natur, er wird das Vertrauen, das augenblicklich zwischen Volk und konstituirender Versammlung besteht, zerstören, er wird der Contrerevolution, die im Begriffe steht, vielleicht morgen schon, ihren Schlag gegen Volk und Versammlung auszuführen, neuen Muth verleihen, er wird dem Volke die Meinung von der Versammlung geben, daß sie, die hervorgegangen ist aus der Revolution, sich grundsätzlich gegen jede Revolution erkläre, sonst müßte sie einen Antrag zurückweisen, der ein Urtheil ausspricht über eine Revolution, deren Motive und deren Verlauf ihr noch unbekannt sind. Was aber dem Volke gegenüber das Schlimmste ist, ist, daß der Antrag ausgeht von Abgeordneten, die sonst nur die Freiheit im Munde führen und sogar mit dem Namen "Linke" koquettiren. Diejenigen, welche etwas näher mit den Verhältnissen der Versammlung bekannt sind, wissen zwar sehr wohl, daß Beide, Blöm sogut wie v. Berg sich als eitle, stellensüchtige Intriganten, nicht aber als freisinnige Abgeordnete bewährt haben. v. Bergs Treiben, der schon allen Parteien angehört hat, ist bekannt. Blöm, der den Freiheitsnimbus um sich zu verbreiten wußte, gehörte bis vor kurzer Zeit eigentlich keiner Partei an, er fand sich immer da ein, wo er augenblicklich etwas für sich zu fischen gedachte, so z.B. wenn er sich für eine in den Abtheilungen vorzunehmende Kommissionswahl empfehlen wollte u. s. w. Wahrscheinlich hatte er nirgend den Standpunkt gefunden, auf dem seine Person, wie er es wünscht, anerkannt worden wäre. Da entschloß er sich vor mehreren Wochen, als die Ministerkrisis herannahte und solche Stellen vakant werden konnten, für sich selbst eine Partei zu bilden, die er, um doch noch immer mit der Freiheit zu koquettiren, "Linke" nennen wollte, zugleich versuchend, die jetzige Linke als "äußerste Linke" zu bezeichnen. Das Parteimachen ging aber so leicht nicht, von den 25 Rheinländern, die, wie er sich rühmte, ihm nachfolgen würden, erschienen außer den Junkern und Abbe v. Berg nur sehr wenige und es blieb ihm nichts übrig, als die schon längst heimlich mit Rodbertus gepflogenen Unterhandlungen wieder anzuknüpfen und sich dessen Partei anzuschließen, wobei sich freilich diese sehr wunderte, daß des großen Parteichefs Anhang nur aus einigen wenigen Leuten bestand. Daß Blöm dabei alle Mittel, ja sogar alle Verdächtigungen anwandte, um Anhänger der Linken herüberzuziehen, wenn gleich natürlich ohne Erfolg, versteht sich von selbst und ist mir von mehren Abgeordneten auf das Bestimmteste versichert worden. Die Partei Rodbertus ist durch ihn um einen stellensüchtigen Intriganten reicher geworden, an denen es ihr ohnehin nicht fehlt. Hr. Blöm hat sich mit seinem heutigen Antrag in seinem wahren Lichte gezeigt.

In der ganzen Stadt herrscht über diesen Antrag große Entrüstung. Die Linke soll beschlossen haben, die einfache Tagesordnung über diesen Antrag zu verlangen, und wenn die Versammlung sie nicht annimmt, gegen den Antrag zu stimmen.

* Berlin, 21. Sept.

Die Vossische Ztg. enthält einen Steckbrief gegen einen Handlungsdiener Müller und den "Buchhändler Edgar Bauer," welche sich "als des Aufruhrs verdächtig" entfernt haben. Das Criminalgericht fordert im Berliner Residenzstyl alle Behörden auf, zu "vigiliren" und die Flüchtlinge "mit allen bei ihnen sich vorfindenden Gegenständen und Geldern" abzuliefern; baare Auslagen sollen erstattet werden. Das Signalement der beiden Aufruhr-Verdächtigen ist merkwürdig genau, Niemand wird die Denunzirten erkennen. Der Handlungsdiener Müller ist nach der Schilderung des gewissenhaften Kriminalgerichts "evangelischer Religion (!), in Berlin geboren, spricht die deutsche Sprache (was allerdings bei einem Berliner höchst auffallend ist) und trägt als Kennzeichen auf der Brust, unter dem Hemd einen warzenartigen Leberfleck."

Wenn nach dieser Schilderung die Verfolgten dennoch aus einer deutschen Stadt entwischen, so wird man die sämmtlichen Polizisten als unfähige Blindschleichen absetzen. Der "Buchhändler Edgar Bauer" ist nicht minder unverkennbar. Das Kriminalgericht der Residenz sagt, daß Hr. Bauer "einen Backen- und Kinnbart trug, den er hat abschneiden lassen," und 28 Jahre alt ist. Welches unermeßliche Feld für die Thätigkeit eines Geigers!

Berlin.

Eine von dem provisorischen Kriegsminister Schreckenstein contrasignirte und an ihn gerichtete Kabinetsorde, datirt Sanssouci, 19. Sept., lautet also:

Ich bin den Truppen, welche für die Sache des deutschen Vaterlandes in Schleswig-Holstein thätig gewesen sind, das Anerkenntniß schuldig, daß sie durch Tapferkeit auf dem Schlachtfelde, gute Disziplin und sittliches Wohlverhalten den echten Geist preußischer Krieger bewährt und den Ruhm des Heeres gemehrt haben. Ich trage Ihnen deshalb auf, dem bewährten Führer derselben, allen Ober- und Unteroffizieren und Soldaten meinen Dank und meine Zufriedenheit auszusprechen und zugleich die in der Beilage enthaltenen Ordensverleihungen etc. bekannt zu machen, welche ich für besondere Auszeichnungen bewilligt habe.

Friedrich Wilhelm.

- Unter den gestrigen Eckenanschlägen bemerkte man besonders folgendes im Berliner Jargon gehaltene Plakat mit der Ueberschrift:

"Held, Du jrosser Volkstribun! Du willst auskratzen? Oller Junge laaß Dir halten! Ene Epistel an die Korinther von Aujust Buddelmeyer, Dages-Schriftsteller mit'n jroßen Bart." Unter der Ueberschrift sieht man eine männliche Figur im vollen Lauf, welche Hrn. Held vorstellen soll und die eine Fahne mit der Inschrift "Demagogie" und einem rennenden Hasen auf der Schulter trägt. Der Verfasser wirft Hrn. Held vor, er habe wohl Lust eine Rolle zu spielen, aber keine Kraft. Ueberall mache er sich auf die Socken. Erst sei er von der Zeltentribüne abgesockt, dann von der Demonstration, dann von den Maschinenbauern und nun socke er auch von der Lokomotive ab. Unter den übrigen neuen Plakaten herrscht immer noch die Militärfrage vor.

Berlin, 20. Sept.

General Wrangel hielt heute nach der Parade, umgeben von seinen Offizieren, von der Bürgerwehr und vielem Volke die nachstehende Rede:

Meine Herren! Es ist heute ein sehr glücklicher Tag meines Lebens. Ich bin schon vor den Thoren so freundlich von der berittenen Berliner Bürgerwehr begrüßt worden, und in der Stadt war es wie ein Triumphzug. Ich weiß, das konnte ich nicht auf mich beziehen, sondern auf die Truppen, welche in Schleswig zum Siege zu führen, ich die Ehre gehabt habe. Ich werde diese Truppen auch hieher führen, wenn es die Zeit ist; jetzt noch nicht: aber sie werden kommen. Meine Herren! Der König hat mir den größten Beweis der Gnade und des Vertrauens gegeben, indem er mir das Kommando über die in den Marken stehenden Truppen übergab. Ich soll die Ordnung, wo sie gestört, das Gesetz, wo es übertreten wird, wieder herstellen - aber nicht zuerst, sondern nur dann, wenn es der Bürgerwehr nicht gelingen sollte. Dann erst werden wir einschreiten, und es wird uns gelingen. Die Truppen sind gut, die Schwerter haarscharf geschliffen, die Kugeln im Gewehr - doch nicht gegen Euch, Berliner, sondern zu Eurem Schutze, zum Schutze der Freiheit, die der König gegeben, und zur Aufrechthaltung des Gesetzes. Gefällt Euch das, Berliner? Das freut mich. Für Euch und mit Euch werden wir auftreten und handeln. Keine Reaktion, aber Schutz der Ordnung, Schutz dem Gesetze, Schutz der Freiheit! Wie traurig sehe ich Berlin wieder: in den Straßen wächst Gras, die Häuser sind verödet, die Läden voll Waare, aber ohne Käufer, der fleißige Bürger ohne Arbeit, ohne Verdienst, der Handwerker verarmt. Das muß anders werden, und es wird anders werden. Ich bringe Euch das Gute mit der Ordnung; die Anarchie muß und wird aufhören. Ich verspreche es Euch, und ein Wrangel hat noch nie sein Wort gebrochen! Meine Herren! Es macht mich sehr glücklich, die Truppen in diesem guten Zustande zu sehen. Sie werden sie darin erhalten. Verträglichkeit mit den Bürgern muß stattfinden; sie sind mit Euch verwandt, sie haben denselben Zweck: Preußen's Größe und Ruhm aufrecht zu halten und Deutschland's Einigkeit mit zu begründen; sie sind Eure Brüder - und Sie, Bürger, werden nicht vergessen, daß in der Armee Ihre Brüder, Freunde, Väter sind! Meine Herren! Es thut mir leid, daß ich an dem heutigen Tage die Truppen nicht Sr. Majestät vorführen konnte. Er erkennt die Beschwerden, die der Dienst ihnen macht, an: er hat den Soldaten daher eine Zulage bestimmt. Es macht mich sehr glücklich, dieses Ihnen bekannt machen zu können. Es lebe Se. Majestät der König!"

Wien, 15. Sept.

Heute Nachmittag um 2 Uhr ist bei der ungarischen Gesandtschaft ein Kourier mit der Nachricht angekommen, daß Jellachich auf Befehl des Hofes über die Drau zurückgegangen sei.

(C. Bl.)
Wien, 18. Sept.

Glaubwürdigen Berichten zufolge ist Fürst Windischgrätzvon Prag abgereist und befindet sich seit einigen Tagen in Wien oder Schönbrünn. (Gerad' aus).

Charlottenburg.

Am 19. d. M. traf der Generallieutenant v. Wrangel hierselbst ein, um auf einige Zeit, als kommandirender General für die Marken, sein Hauptquartier in Charlottenburg zu nehmen!

G. Erfurt, 20. Sept.

Unsere Polizei beweist noch täglich a posteriori, daß Se. Majestät in Gnaden noch nicht geruht haben, die blos "versprochene" Habeas-corpus-Acte zu vollziehen und daß die Preßfreiheit zwar eine königliche Verheißung aber noch keine Wahrheit ist. Gestern arretirte man einen Bürger, weil er das Berliner Manifest an die Soldaten an verschiedenen Orten anheftete. Unsere Post unterstützt eifrig unsere Polizei. (In Köln ebenfalls!) Der Hr. Postmeister selbst beschäftigt sich mit dem Wiederabreißen solcher Plakate, welche zur Verbrüderung und zur Sühne auffordern. Gestern stand ein Haufen Soldaten an einer Straßenecke und studierte das Manifest. Da kam der pensionirte Oberstlieutenant v. Clausewitz und sprach im Unteroffizierton: "Kinder, geht weck da! les't das Sch - zeug nicht! S'ist alles erstunken und erlogen, was da angeschlagen steht. Nächstens werde Ich was anschlagen lassen, das wird sich aber gewaschen haben, - auf Offizierparole!" Der Hr. Oberstlieutenant, welcher von den Soldaten ausgelacht wurde, ist ein sehr rüstiger, arbeitsfähiger Mann, Mitglied des hiesigen patriotischen (Denuncianten)-Vereins und im Vollgenuß eines erstaunlich hohen Ruhegehalts, worin er durch Heranziehung zur Einkommensteuer und durch verdienstmäßige Abzüge verkürzt zu werden fürchtet.

Darmstadt, 19. Sept.

Gestern fand hier eine erhebende Feier statt, an der mehrere Tausend Menschen Theil nahmen. Die Freunde, Schüler und Anhänger Weidig's weihten das einfache Denkmal ein, welches sie diesem vielbeweinten Märtyrer der Freiheit gesetzt haben. -

Stuttgart, 18. Sept.

Die gestrige Volksversammlung in Eßlingen war eben so stark besucht, wie die zu Heilbronn. Es ist schlimm, aber es ist wahr: wir gehen sehr schweren Ereignissen entgegen; der geringste Anstoß, und die Flamme schlägt zum Dach hinaus. Im Allgemeinen hatte die Eßlinger Versammlung dieselbe Richtung wie die in Heilbronn, entschieden demokratisch, und es ist anzunehmen, daß die in den nächsten Tagen weiter beabsichtigten Volksversammlungen zu Reutlingen, Stuttgart und Ulm ein gleiches Gepräge haben werden. Die Reaktion glaubte ihr Spiel schon zu sicher gewonnen; jetzt hat man ihr in die Karten gesehen und man will nun ihre Stütze und ihren Halt, den Adel, ganz entfernt wissen. So kehrte sich gestern auch die Abneigung hauptsächlich gegen die Kammer der Standesherren, gegen deren ferneres Zusammentreten man sich entschieden erklärte.

In der vorgestrigen Sitzung des Verwaltungsrathes der Bürgerwehr wurde ein Schreiben des Kriegsdepartements verlesen, worin derselbe nun dem Wunsche unserer Bürgerartillerie entspricht und derselben 6 Geschütze vom Staate unter Garantie der Stadtgemeinde verabfolgt; auch die Munition kann dieselbe in Zukunft vom Staate zu den Kostenpreisen erhalten.

(Fr. J.)
Ungarn.
Pesth, 15. September, (Sitzung des Reichstags.)

Batthyanyi. Von der Tribüne: Mit Bedauren muß ich anzeigen, daß die definitive Antwort mit dem Dampfboot nicht angelangt ist; und so könnte ich vor 24 Stunden nicht im Stande sein einen Beschluß zu fassen, da wir aber soeben von Dravacz Lager Nachricht erhielten daß unser Heer ohne Befehlshaber steht, bin ich gezwungen, einen Vorschlag dem Hause zu machen.

Zaborszky will den Brief von Csanyi lesen, kann aber nicht, so nimmt ihn Kossuth und liest ihn selber; der Brief ist von gestern, d i. den 14., aus Keßthely datirt. Erst drükt Csanyi in traurigen Worten seine schreckliche Lage aus, dann erzählt er, nachdem ihm Gr. Teleky Adam versprochen, von Keßthely aus den Feind anzugreifen und er (Csanyi) dasselbe mit Hülfe eines allgemeinen Volksaufgebotes von allen Seiten unterstützt, Jellachich derartig aufgehalten hätte. - Was geschieht nach Alldem? In dem Augenblicke des Angriffs erklärt Graf Adam Teleky sammt seinem Offizier-Corps, daß sie gegen Jlleachich nicht kämpfen werden. (Ungeheure Aufregung im Hause, die Meisten springen von ihren Sitzen auf, man hört wie aus einem Munde: Verräther! Nieder mit den Verräthern; die Gallerien scheinen herab zu brechen.) Er werde nicht kämpfen gegen Jemand, mit dem er einen Schwur geschworen. Er hat dieß Jellachich zu wissen gemacht (Aufregung) mit der Erklärung, daß er sich neutral verhalten werde; und Jellachich erwiederte, daß er die Neutralität nur dann erkenne, wenn Teleky sich nach Steiermark zurückziehe. Teleky fordert auch gute Verproviantirung der Linientruppen, sonst sagt er, sei er gezwungen zu Jellachich zu übergehen, übrigens kenne er die Legalität des ungarischen Ministeriums nicht an. (Aufregung im Saal) Csanyi referirt ferner, daß Jelachich gezwungen sei, fortwährend vorzurücken, da seine zusammgeklaubte Armee mit dem ungarischen Volke kaum in gutem Einverständniß leben, und es ihm an Proviant fehlen würde. - So weit der Brief.

Bathyanyi. Sie ersehen hieraus, daß der Befehlsstab in dieses Menschen Hände nicht einen Augenblick länger bleiben kann. Ich erlaube mir Ihnen einen Vorschlag zu machen. (Hören wir) Se. Hoheit der Palatin soll sogleich ins Lager ziehen. (Außerordentlicher Beifall) Kossuth (außerordentliches Zurufen von den Gallerien) Es ist nun einmal wahr, daß es in der Geschichte kein Beispiel gibt, gleich diesem; daß eine Nation in der Dynastie und in sich selbst so viel Verrath gefunden hätte, als die arme ungarische Nation! Wer hätte es gedacht, daß selbst der Name Teleky nicht rein und heilig bleiben könne, und mit schmutzigem Verrath befleckt werden müsse. (Aufregung.) (Unten, am Donau-Quai ist großer Lärm, und Kossuth bittet Jemanden auf die Altane zu gehen (Madaraß wird gebeten), denn durch Lärmen können wir das Vaterland nicht retten.)

Was den Palatin anbelangt, so glaube ich, daß er einen Palatinal-Schwur abgelegt hat, welchen er befolgen muß und wird. - Das Memorandum des Königs an Jellachich vom 4. September ist eigentlich nur ein huldvolles Schreiben, wenn ich dieses nicht für ein solches halten müßte, welches dem Krankheitszustand Sr. Majestät zuzuschreiben ist, hieße das einen königlichen Schwur brechen, aber in diesen Brief ist davon nichts, daß Jellachich Ungarn erobern soll; nun hat der Palatin vom Hofe keine Benachrichtigung (Instruktion), so muß er wählen zwischen seiner Geburts- und zwischen seiner Schwurstellung. Er sollte das wählen, was das Ehrgefühl und sein Vaterland gebeut; und er wird dieß auch nicht verweigern, wenn er nicht von der Person Sr. Majestät einen andern Befehl erhalten hat; eine Deputation aus unserer Mitte sage ihm, daß er ohne Aufschub gleich Morgen ins Lager gehen möge, daß er alle mögliche Mittel anwende, welche zu einem glücklichen Erfolge nöthig sind. - Wir müssen auch eine Kommission ins Lager senden, und sollte der Palatin unsere Bitte nicht erfüllen - - (Redner, denk ein wenig nach) würde ich schon dann meine Meinung aussprechen - Als Kapitän dieses Landes darf er nicht eine Handbreit des ungarischen Bodens erobern lassen; und ich bin überzeugt, daß es sehr viele Menschen geben wird, die sich nicht unterstehen werden einen Finger aufzuheben gegen Jene, wo der Neffe des Königs, ein Glied der königlichen Familie ist (Beifall).

(Man wünscht, daß Kossuth mit der Deputation nach Osen gehe.) Meine Herren, mich bitte ich hiermit zu verschonen; denn es ist besser, wenn ihn beliebtere Menschen als ich bin, bitten werden; ohnehin soll der Präses des Hauses immer das Amt versehen.

Die Deputation geht nach Osen um 1/4 auf 12 Uhr und kehrt gerade um Mitternacht zurück. -

Pazmandy. Ich kann mit Vergnügen erscheinen, da Sr. k. Hoheit es für seine Pflicht erkenne und mit aufrichtiger Bereitwilligkeit ins Lager zieht (anhaltendes Eljen). Als Bedingniß stellt er aber, daß das verehrte Haus auf legalem Wege und immer in den Formen bleibe, und bis von Sr. Majestät keine sichere Antwort angelangt, es nicht ungesetzliche Maßregeln ergreife - ferner hat er sichere Nachricht, daß durch den Verrath des Teleky das Heer von Csanyi stark zusammen geschmolzen ist. das Haus möge also Anstalt treffen, alle Kräfte in Anspruch zu nehmen, und auf einen gewissen Punkt die Streitkräfte zusammen ziehen. Endlich läßt Sr. Hoheit das Haus versichern, wenn ein jeder es betrügerisch hintergehen wird, sein Name auch nach seinem Tode so aufgezeichnet werden muß, daß er der einzige gewesen, der die ungarische Nation nicht betrogen hat. (Stürmischer Beifall.)

Kossuth. Wenn ich lebe, werde ich die Thaten beurtheilen ich werde nicht ungerecht sein. - Was nun den legalen Weg anbelangt, den seine Hoheit meint - er kann darunter nichts anders verstehen, als daß wir den königlichen Thron nicht für leer erklären und der Meinung sind wir auch. Was aber die Gesetzgebung und ihre Beschlüsse betrifft, da erkläre ich, Se. Majestät möge herabkommen, ohne die Kamarilla, und ich versichere, wir werden nicht nöthig haben Beschlüsse zu vollziehen. - Se. Majestät wird Alles sanktioniren, was die Nation wünscht.

Uebrigens ist Se. Hoheit ganz unserer Meinung, wenn er sagt: Die Gesetzgebung soll alle Kräfte in Anspruch nehmen, und die Streitkräfte ihm zu Hilfe schicken. -

Nun, was endlich die Slaven anbelangt, die 20 oder 30,000 Kroaten, die dürfen träumen von einem slavischen Reich und von der slavischen Sprache beim Pester Reichstag, und dürfen Ungarn Panonnien nennen - aber den Magyaren werden sie nicht unterdrücken - die Dynastie wird vielleicht zu Grunde gehen, aber der Magyare ist durch das 100jährige Türkenjoch gestählt worden. Nach dem Verrath, der uns zu Grunde richtet, wird die Dynastie nicht drei Wochen leben. - Redner wünscht noch, daß man so viel Kavallerie als nur möglich, ins Lager sende, weil Jellachich an dieser großen Mangel leidet; endlich wünscht er, Perczel, Aßtalos Pal und Bonis in das Lager als Kommissäre zu ernennen, was von Batthyanyi nicht angerathen wird, indem der Palatin den Oberbefehl hat; aber es wird vom Hause doch angenommen.

Ende der Sitzung 1 Uhr. -

In der Deputation, die zum Wiener Volke geschickt wird, kommen die [Fortsetzung]

[Feuilleton]

[Fortsetzung] liche Kapitalien aufzunehmen. Alles Getreide auf Termin wird ihm jeder ohne Anstand verkaufen. Ob der Verkäufer wirklich Getreide besitzt ist gleichgültig. Der Verkäufer ist selbst Inhaber von Kapitalien und hat also ebenfalls die Fähigkeit, Getreide ankaufen zu können. Um die wirkliche Herbeischaffung handelt es sich vorläufig nicht, sondern nur um die schließliche Auszahlung der Preisdifferenz. Es geht also eine förmliche Reduzirung vor sich. Mein Vermögen statt nach Thalern wird in Scheffeln berechnet. Die Lieferungsscheine bilden so zu sagen ein neues Papiergeld, neue Fonds, welche unter den Kapitalisten, resp. Getreidespekulanten Kours erhalten, und dieselbe Agiotage hervorrufen, wie die französischen und englischen Staatspapiere. Wir haben in jüngster Zeit geseh'n, mit welcher Sicherheit dieses Papiergeld gefordert wurde. Frauen, die keine andere Baarschaft, kein anderes Kapital besaßen, als ihre Zärtlichkeit für - ihre Ehemänner, erhielten im Austausche dieser Zärtlichkeit Lieferungsscheine, die aus ihren zarten Händen weiter wanderten, um Hinterlassung einer baaren Differenzauszahlung. Wie man in Frankreich mit dem Taback verfuhr, so verfuhr man in Köln mit dem Getreide. Da durch die Lieferungsscheine das Getreide ebensosehr ein Monopol geworden ist, wie es in Frankreich der Taback ist, so bekamen diese Lieferungsscheine ganz den Werth, wie in Frankreich die Autorisation, Taback verkaufen zu können. Die französischen Damen, welche diese Autorisation erhalten, verkaufen nicht selbst, so wenig als unsere schöne Damen das Korn, aber die Autorisation ist immer eine Rente von 2000 Franken werth, und diese Rente wurde ihnen unter Guizot ebenso graziös angeboten, wie eine Prise Taback, wie 500 Malter Korn, auf ihre bloße Schönheit. Die Macht des Kapitals, welche darin besteht, über Getreide zu gebieten, erhält in diesen Scheinverkäufern einen um so drohendern Ausdruck, als der Lieferungsschein zugleich die Macht einschließt, Korn zu verweigern. An die Stelle der wirklichen Proviantkammern treten die drohend leeren Räume; durch die Reduzirung aller Kapitalgattungen in eine Spezies, wird der ganze Kornbetrag ob effektif ob fiktif den Kornspekulanten verschrieben, und diese Verschreibungen in Masse cirkuliren in der Masse der Spekulanten, in feindseligem Verhältnisse zu den Konsumenten. Die Spekulanten, ohne wirkliches Getreide zu besitzen, sind peremptorisch die Herren über das Getreide in den Ländern, wo der Pfeffer wächst. Sie haben das Korn im Stengel aufgekauft; sie sind die wahren Besitzer, der verschuldete Bauer ist nur noch der nominelle Besitzer.

Das Hauptargument der Getreidespekulanten zu Gunsten ihrer Spekulation besteht darin, zu behaupten, daß durch die Lieferungsverkäufe alle Kapitalien in den Handel gezogen und dadurch die Herbeischaffung von allen Seiten betrieben wird. Was wird herbeigeschafft? Etwa Korn? Nein, sondern man schafft die Fähigkeit, herbeischaffen zu können. Nicht die Leute werden Getreidehändler, sondern die den Leuten angehörigen Kapitalien werden nach Körnern berechnet.

Nicht gefüllte Magazine werden geschaffen, sondern auszufüllende Räume. Das Gerundium und Supinum spielen die Hauptrolle bei dieser Operation. Das Kapital steht in der Aehre auf der Spitze. Die herbeischaffenden Kräfte, das Kapital, das Geld, sind einig über das, was herbeigeschafft werden soll, aber das herbeizuschaffende fährt ab oder zu, bleibt auf dem Wege oder kömmt an, liegt in ferner Aussicht oder cirkulirt wie baare Münze, ganz nach Belieben der Spekulanten. Durch die Reduzirung alles Kapitals in Lieferungsscheine nimmt das Kapital selbst die Form eines Mehlsackes an, der den Konsumenten zeigt, daß er sich füllen kann, wenn er will.

Diese Einleitung war nöthig, um die Geschichte der Geschäfte kennen zu lernen, welche vor zwei Jahren unsere Stadt Köln betrübt haben. Die klare Auseinandersetzung dieser Verhältnisse und der Personen, welche eine Hauptrolle dabei spielten, wird in einer der nächsten Nummern nachfolgen.

[Deutschland]

[Fortsetzung] tende russische Flüchtling Bakunin ist heute verhaftet worden, ohne daß auch nur, so viel man weiß, das Geringste gegen ihn vorläge.

Die Spannung ist in der ganzen Stadt allgemein und mit der am 17. März zu vergleichen. Morgen: Entweder ‒ oder!

28 Berlin, 21. Sept.

In der heutigen Sitzung der konstituirenden Versammlung ward plötzlich ein dringender Antrag der Hrn. Blöm und v. Berg angekündigt, der nichts weniger enthielt, als die Versammlung möge ihren höchsten Unwillen über die Ereignisse in Frankfurt aussprechen und die Staatsregierung ersuchen mit aller Kraft der Centralgewalt zu Hülfe zu eilen. Dieser Antrag kam um so unerwarteter, als die widersprechendsten Gerüchte über die Ereignisse in Frankfurt herumliefen und noch gar nichts Bestimmtes bekannt war, außer daß man sich geschlagen habe. Mit Ausnahme der Linken und mehrerer Mitglieder des linken Centrums ward der Antrag von der ganzen Versammlung unterstützt; er wird morgen zur Berathung kommen und sicher angenommen werden. Dieser Antrag, an sich schon ein höchst trauriger, ist aber bei der gegenwärtigen Lage der Dinge hier von der allerverderblichsten Natur, er wird das Vertrauen, das augenblicklich zwischen Volk und konstituirender Versammlung besteht, zerstören, er wird der Contrerevolution, die im Begriffe steht, vielleicht morgen schon, ihren Schlag gegen Volk und Versammlung auszuführen, neuen Muth verleihen, er wird dem Volke die Meinung von der Versammlung geben, daß sie, die hervorgegangen ist aus der Revolution, sich grundsätzlich gegen jede Revolution erkläre, sonst müßte sie einen Antrag zurückweisen, der ein Urtheil ausspricht über eine Revolution, deren Motive und deren Verlauf ihr noch unbekannt sind. Was aber dem Volke gegenüber das Schlimmste ist, ist, daß der Antrag ausgeht von Abgeordneten, die sonst nur die Freiheit im Munde führen und sogar mit dem Namen „Linke“ koquettiren. Diejenigen, welche etwas näher mit den Verhältnissen der Versammlung bekannt sind, wissen zwar sehr wohl, daß Beide, Blöm sogut wie v. Berg sich als eitle, stellensüchtige Intriganten, nicht aber als freisinnige Abgeordnete bewährt haben. v. Bergs Treiben, der schon allen Parteien angehört hat, ist bekannt. Blöm, der den Freiheitsnimbus um sich zu verbreiten wußte, gehörte bis vor kurzer Zeit eigentlich keiner Partei an, er fand sich immer da ein, wo er augenblicklich etwas für sich zu fischen gedachte, so z.B. wenn er sich für eine in den Abtheilungen vorzunehmende Kommissionswahl empfehlen wollte u. s. w. Wahrscheinlich hatte er nirgend den Standpunkt gefunden, auf dem seine Person, wie er es wünscht, anerkannt worden wäre. Da entschloß er sich vor mehreren Wochen, als die Ministerkrisis herannahte und solche Stellen vakant werden konnten, für sich selbst eine Partei zu bilden, die er, um doch noch immer mit der Freiheit zu koquettiren, „Linke“ nennen wollte, zugleich versuchend, die jetzige Linke als „äußerste Linke“ zu bezeichnen. Das Parteimachen ging aber so leicht nicht, von den 25 Rheinländern, die, wie er sich rühmte, ihm nachfolgen würden, erschienen außer den Junkern und Abbe v. Berg nur sehr wenige und es blieb ihm nichts übrig, als die schon längst heimlich mit Rodbertus gepflogenen Unterhandlungen wieder anzuknüpfen und sich dessen Partei anzuschließen, wobei sich freilich diese sehr wunderte, daß des großen Parteichefs Anhang nur aus einigen wenigen Leuten bestand. Daß Blöm dabei alle Mittel, ja sogar alle Verdächtigungen anwandte, um Anhänger der Linken herüberzuziehen, wenn gleich natürlich ohne Erfolg, versteht sich von selbst und ist mir von mehren Abgeordneten auf das Bestimmteste versichert worden. Die Partei Rodbertus ist durch ihn um einen stellensüchtigen Intriganten reicher geworden, an denen es ihr ohnehin nicht fehlt. Hr. Blöm hat sich mit seinem heutigen Antrag in seinem wahren Lichte gezeigt.

In der ganzen Stadt herrscht über diesen Antrag große Entrüstung. Die Linke soll beschlossen haben, die einfache Tagesordnung über diesen Antrag zu verlangen, und wenn die Versammlung sie nicht annimmt, gegen den Antrag zu stimmen.

* Berlin, 21. Sept.

Die Vossische Ztg. enthält einen Steckbrief gegen einen Handlungsdiener Müller und den „Buchhändler Edgar Bauer,“ welche sich „als des Aufruhrs verdächtig“ entfernt haben. Das Criminalgericht fordert im Berliner Residenzstyl alle Behörden auf, zu „vigiliren“ und die Flüchtlinge „mit allen bei ihnen sich vorfindenden Gegenständen und Geldern“ abzuliefern; baare Auslagen sollen erstattet werden. Das Signalement der beiden Aufruhr-Verdächtigen ist merkwürdig genau, Niemand wird die Denunzirten erkennen. Der Handlungsdiener Müller ist nach der Schilderung des gewissenhaften Kriminalgerichts „evangelischer Religion (!), in Berlin geboren, spricht die deutsche Sprache (was allerdings bei einem Berliner höchst auffallend ist) und trägt als Kennzeichen auf der Brust, unter dem Hemd einen warzenartigen Leberfleck.“

Wenn nach dieser Schilderung die Verfolgten dennoch aus einer deutschen Stadt entwischen, so wird man die sämmtlichen Polizisten als unfähige Blindschleichen absetzen. Der „Buchhändler Edgar Bauer“ ist nicht minder unverkennbar. Das Kriminalgericht der Residenz sagt, daß Hr. Bauer „einen Backen- und Kinnbart trug, den er hat abschneiden lassen,“ und 28 Jahre alt ist. Welches unermeßliche Feld für die Thätigkeit eines Geigers!

Berlin.

Eine von dem provisorischen Kriegsminister Schreckenstein contrasignirte und an ihn gerichtete Kabinetsorde, datirt Sanssouci, 19. Sept., lautet also:

Ich bin den Truppen, welche für die Sache des deutschen Vaterlandes in Schleswig-Holstein thätig gewesen sind, das Anerkenntniß schuldig, daß sie durch Tapferkeit auf dem Schlachtfelde, gute Disziplin und sittliches Wohlverhalten den echten Geist preußischer Krieger bewährt und den Ruhm des Heeres gemehrt haben. Ich trage Ihnen deshalb auf, dem bewährten Führer derselben, allen Ober- und Unteroffizieren und Soldaten meinen Dank und meine Zufriedenheit auszusprechen und zugleich die in der Beilage enthaltenen Ordensverleihungen etc. bekannt zu machen, welche ich für besondere Auszeichnungen bewilligt habe.

Friedrich Wilhelm.

‒ Unter den gestrigen Eckenanschlägen bemerkte man besonders folgendes im Berliner Jargon gehaltene Plakat mit der Ueberschrift:

„Held, Du jrosser Volkstribun! Du willst auskratzen? Oller Junge laaß Dir halten! Ene Epistel an die Korinther von Aujust Buddelmeyer, Dages-Schriftsteller mit'n jroßen Bart.“ Unter der Ueberschrift sieht man eine männliche Figur im vollen Lauf, welche Hrn. Held vorstellen soll und die eine Fahne mit der Inschrift „Demagogie“ und einem rennenden Hasen auf der Schulter trägt. Der Verfasser wirft Hrn. Held vor, er habe wohl Lust eine Rolle zu spielen, aber keine Kraft. Ueberall mache er sich auf die Socken. Erst sei er von der Zeltentribüne abgesockt, dann von der Demonstration, dann von den Maschinenbauern und nun socke er auch von der Lokomotive ab. Unter den übrigen neuen Plakaten herrscht immer noch die Militärfrage vor.

Berlin, 20. Sept.

General Wrangel hielt heute nach der Parade, umgeben von seinen Offizieren, von der Bürgerwehr und vielem Volke die nachstehende Rede:

Meine Herren! Es ist heute ein sehr glücklicher Tag meines Lebens. Ich bin schon vor den Thoren so freundlich von der berittenen Berliner Bürgerwehr begrüßt worden, und in der Stadt war es wie ein Triumphzug. Ich weiß, das konnte ich nicht auf mich beziehen, sondern auf die Truppen, welche in Schleswig zum Siege zu führen, ich die Ehre gehabt habe. Ich werde diese Truppen auch hieher führen, wenn es die Zeit ist; jetzt noch nicht: aber sie werden kommen. Meine Herren! Der König hat mir den größten Beweis der Gnade und des Vertrauens gegeben, indem er mir das Kommando über die in den Marken stehenden Truppen übergab. Ich soll die Ordnung, wo sie gestört, das Gesetz, wo es übertreten wird, wieder herstellen ‒ aber nicht zuerst, sondern nur dann, wenn es der Bürgerwehr nicht gelingen sollte. Dann erst werden wir einschreiten, und es wird uns gelingen. Die Truppen sind gut, die Schwerter haarscharf geschliffen, die Kugeln im Gewehr ‒ doch nicht gegen Euch, Berliner, sondern zu Eurem Schutze, zum Schutze der Freiheit, die der König gegeben, und zur Aufrechthaltung des Gesetzes. Gefällt Euch das, Berliner? Das freut mich. Für Euch und mit Euch werden wir auftreten und handeln. Keine Reaktion, aber Schutz der Ordnung, Schutz dem Gesetze, Schutz der Freiheit! Wie traurig sehe ich Berlin wieder: in den Straßen wächst Gras, die Häuser sind verödet, die Läden voll Waare, aber ohne Käufer, der fleißige Bürger ohne Arbeit, ohne Verdienst, der Handwerker verarmt. Das muß anders werden, und es wird anders werden. Ich bringe Euch das Gute mit der Ordnung; die Anarchie muß und wird aufhören. Ich verspreche es Euch, und ein Wrangel hat noch nie sein Wort gebrochen! Meine Herren! Es macht mich sehr glücklich, die Truppen in diesem guten Zustande zu sehen. Sie werden sie darin erhalten. Verträglichkeit mit den Bürgern muß stattfinden; sie sind mit Euch verwandt, sie haben denselben Zweck: Preußen's Größe und Ruhm aufrecht zu halten und Deutschland's Einigkeit mit zu begründen; sie sind Eure Brüder ‒ und Sie, Bürger, werden nicht vergessen, daß in der Armee Ihre Brüder, Freunde, Väter sind! Meine Herren! Es thut mir leid, daß ich an dem heutigen Tage die Truppen nicht Sr. Majestät vorführen konnte. Er erkennt die Beschwerden, die der Dienst ihnen macht, an: er hat den Soldaten daher eine Zulage bestimmt. Es macht mich sehr glücklich, dieses Ihnen bekannt machen zu können. Es lebe Se. Majestät der König!“

Wien, 15. Sept.

Heute Nachmittag um 2 Uhr ist bei der ungarischen Gesandtschaft ein Kourier mit der Nachricht angekommen, daß Jellachich auf Befehl des Hofes über die Drau zurückgegangen sei.

(C. Bl.)
Wien, 18. Sept.

Glaubwürdigen Berichten zufolge ist Fürst Windischgrätzvon Prag abgereist und befindet sich seit einigen Tagen in Wien oder Schönbrünn. (Gerad' aus).

Charlottenburg.

Am 19. d. M. traf der Generallieutenant v. Wrangel hierselbst ein, um auf einige Zeit, als kommandirender General für die Marken, sein Hauptquartier in Charlottenburg zu nehmen!

G. Erfurt, 20. Sept.

Unsere Polizei beweist noch täglich a posteriori, daß Se. Majestät in Gnaden noch nicht geruht haben, die blos „versprochene“ Habeas-corpus-Acte zu vollziehen und daß die Preßfreiheit zwar eine königliche Verheißung aber noch keine Wahrheit ist. Gestern arretirte man einen Bürger, weil er das Berliner Manifest an die Soldaten an verschiedenen Orten anheftete. Unsere Post unterstützt eifrig unsere Polizei. (In Köln ebenfalls!) Der Hr. Postmeister selbst beschäftigt sich mit dem Wiederabreißen solcher Plakate, welche zur Verbrüderung und zur Sühne auffordern. Gestern stand ein Haufen Soldaten an einer Straßenecke und studierte das Manifest. Da kam der pensionirte Oberstlieutenant v. Clausewitz und sprach im Unteroffizierton: „Kinder, geht weck da! les't das Sch ‒ zeug nicht! S'ist alles erstunken und erlogen, was da angeschlagen steht. Nächstens werde Ich was anschlagen lassen, das wird sich aber gewaschen haben, ‒ auf Offizierparole!“ Der Hr. Oberstlieutenant, welcher von den Soldaten ausgelacht wurde, ist ein sehr rüstiger, arbeitsfähiger Mann, Mitglied des hiesigen patriotischen (Denuncianten)-Vereins und im Vollgenuß eines erstaunlich hohen Ruhegehalts, worin er durch Heranziehung zur Einkommensteuer und durch verdienstmäßige Abzüge verkürzt zu werden fürchtet.

Darmstadt, 19. Sept.

Gestern fand hier eine erhebende Feier statt, an der mehrere Tausend Menschen Theil nahmen. Die Freunde, Schüler und Anhänger Weidig's weihten das einfache Denkmal ein, welches sie diesem vielbeweinten Märtyrer der Freiheit gesetzt haben. ‒

Stuttgart, 18. Sept.

Die gestrige Volksversammlung in Eßlingen war eben so stark besucht, wie die zu Heilbronn. Es ist schlimm, aber es ist wahr: wir gehen sehr schweren Ereignissen entgegen; der geringste Anstoß, und die Flamme schlägt zum Dach hinaus. Im Allgemeinen hatte die Eßlinger Versammlung dieselbe Richtung wie die in Heilbronn, entschieden demokratisch, und es ist anzunehmen, daß die in den nächsten Tagen weiter beabsichtigten Volksversammlungen zu Reutlingen, Stuttgart und Ulm ein gleiches Gepräge haben werden. Die Reaktion glaubte ihr Spiel schon zu sicher gewonnen; jetzt hat man ihr in die Karten gesehen und man will nun ihre Stütze und ihren Halt, den Adel, ganz entfernt wissen. So kehrte sich gestern auch die Abneigung hauptsächlich gegen die Kammer der Standesherren, gegen deren ferneres Zusammentreten man sich entschieden erklärte.

In der vorgestrigen Sitzung des Verwaltungsrathes der Bürgerwehr wurde ein Schreiben des Kriegsdepartements verlesen, worin derselbe nun dem Wunsche unserer Bürgerartillerie entspricht und derselben 6 Geschütze vom Staate unter Garantie der Stadtgemeinde verabfolgt; auch die Munition kann dieselbe in Zukunft vom Staate zu den Kostenpreisen erhalten.

(Fr. J.)
Ungarn.
Pesth, 15. September, (Sitzung des Reichstags.)

Batthyányi. Von der Tribüne: Mit Bedauren muß ich anzeigen, daß die definitive Antwort mit dem Dampfboot nicht angelangt ist; und so könnte ich vor 24 Stunden nicht im Stande sein einen Beschluß zu fassen, da wir aber soeben von Drávácz Lager Nachricht erhielten daß unser Heer ohne Befehlshaber steht, bin ich gezwungen, einen Vorschlag dem Hause zu machen.

Záborszky will den Brief von Csányi lesen, kann aber nicht, so nimmt ihn Kossuth und liest ihn selber; der Brief ist von gestern, d i. den 14., aus Keßthely datirt. Erst drükt Csanyi in traurigen Worten seine schreckliche Lage aus, dann erzählt er, nachdem ihm Gr. Teleky Adam versprochen, von Keßthely aus den Feind anzugreifen und er (Csányi) dasselbe mit Hülfe eines allgemeinen Volksaufgebotes von allen Seiten unterstützt, Jellachich derartig aufgehalten hätte. ‒ Was geschieht nach Alldem? In dem Augenblicke des Angriffs erklärt Graf Adam Teleky sammt seinem Offizier-Corps, daß sie gegen Jlleachich nicht kämpfen werden. (Ungeheure Aufregung im Hause, die Meisten springen von ihren Sitzen auf, man hört wie aus einem Munde: Verräther! Nieder mit den Verräthern; die Gallerien scheinen herab zu brechen.) Er werde nicht kämpfen gegen Jemand, mit dem er einen Schwur geschworen. Er hat dieß Jellachich zu wissen gemacht (Aufregung) mit der Erklärung, daß er sich neutral verhalten werde; und Jellachich erwiederte, daß er die Neutralität nur dann erkenne, wenn Teleky sich nach Steiermark zurückziehe. Teleky fordert auch gute Verproviantirung der Linientruppen, sonst sagt er, sei er gezwungen zu Jellachich zu übergehen, übrigens kenne er die Legalität des ungarischen Ministeriums nicht an. (Aufregung im Saal) Csányi referirt ferner, daß Jelachich gezwungen sei, fortwährend vorzurücken, da seine zusammgeklaubte Armee mit dem ungarischen Volke kaum in gutem Einverständniß leben, und es ihm an Proviant fehlen würde. ‒ So weit der Brief.

Báthyanyi. Sie ersehen hieraus, daß der Befehlsstab in dieses Menschen Hände nicht einen Augenblick länger bleiben kann. Ich erlaube mir Ihnen einen Vorschlag zu machen. (Hören wir) Se. Hoheit der Palatin soll sogleich ins Lager ziehen. (Außerordentlicher Beifall) Kossuth (außerordentliches Zurufen von den Gallerien) Es ist nun einmal wahr, daß es in der Geschichte kein Beispiel gibt, gleich diesem; daß eine Nation in der Dynastie und in sich selbst so viel Verrath gefunden hätte, als die arme ungarische Nation! Wer hätte es gedacht, daß selbst der Name Teleky nicht rein und heilig bleiben könne, und mit schmutzigem Verrath befleckt werden müsse. (Aufregung.) (Unten, am Donau-Quai ist großer Lärm, und Kossuth bittet Jemanden auf die Altane zu gehen (Madaráß wird gebeten), denn durch Lärmen können wir das Vaterland nicht retten.)

Was den Palatin anbelangt, so glaube ich, daß er einen Palatinal-Schwur abgelegt hat, welchen er befolgen muß und wird. ‒ Das Memorandum des Königs an Jellachich vom 4. September ist eigentlich nur ein huldvolles Schreiben, wenn ich dieses nicht für ein solches halten müßte, welches dem Krankheitszustand Sr. Majestät zuzuschreiben ist, hieße das einen königlichen Schwur brechen, aber in diesen Brief ist davon nichts, daß Jellachich Ungarn erobern soll; nun hat der Palatin vom Hofe keine Benachrichtigung (Instruktion), so muß er wählen zwischen seiner Geburts- und zwischen seiner Schwurstellung. Er sollte das wählen, was das Ehrgefühl und sein Vaterland gebeut; und er wird dieß auch nicht verweigern, wenn er nicht von der Person Sr. Majestät einen andern Befehl erhalten hat; eine Deputation aus unserer Mitte sage ihm, daß er ohne Aufschub gleich Morgen ins Lager gehen möge, daß er alle mögliche Mittel anwende, welche zu einem glücklichen Erfolge nöthig sind. ‒ Wir müssen auch eine Kommission ins Lager senden, und sollte der Palatin unsere Bitte nicht erfüllen ‒ ‒ (Redner, denk ein wenig nach) würde ich schon dann meine Meinung aussprechen ‒ Als Kapitän dieses Landes darf er nicht eine Handbreit des ungarischen Bodens erobern lassen; und ich bin überzeugt, daß es sehr viele Menschen geben wird, die sich nicht unterstehen werden einen Finger aufzuheben gegen Jene, wo der Neffe des Königs, ein Glied der königlichen Familie ist (Beifall).

(Man wünscht, daß Kossuth mit der Deputation nach Osen gehe.) Meine Herren, mich bitte ich hiermit zu verschonen; denn es ist besser, wenn ihn beliebtere Menschen als ich bin, bitten werden; ohnehin soll der Präses des Hauses immer das Amt versehen.

Die Deputation geht nach Osen um 1/4 auf 12 Uhr und kehrt gerade um Mitternacht zurück. ‒

Pàzmàndy. Ich kann mit Vergnügen erscheinen, da Sr. k. Hoheit es für seine Pflicht erkenne und mit aufrichtiger Bereitwilligkeit ins Lager zieht (anhaltendes Eljen). Als Bedingniß stellt er aber, daß das verehrte Haus auf legalem Wege und immer in den Formen bleibe, und bis von Sr. Majestät keine sichere Antwort angelangt, es nicht ungesetzliche Maßregeln ergreife ‒ ferner hat er sichere Nachricht, daß durch den Verrath des Teleky das Heer von Csányi stark zusammen geschmolzen ist. das Haus möge also Anstalt treffen, alle Kräfte in Anspruch zu nehmen, und auf einen gewissen Punkt die Streitkräfte zusammen ziehen. Endlich läßt Sr. Hoheit das Haus versichern, wenn ein jeder es betrügerisch hintergehen wird, sein Name auch nach seinem Tode so aufgezeichnet werden muß, daß er der einzige gewesen, der die ungarische Nation nicht betrogen hat. (Stürmischer Beifall.)

Kossuth. Wenn ich lebe, werde ich die Thaten beurtheilen ich werde nicht ungerecht sein. ‒ Was nun den legalen Weg anbelangt, den seine Hoheit meint ‒ er kann darunter nichts anders verstehen, als daß wir den königlichen Thron nicht für leer erklären und der Meinung sind wir auch. Was aber die Gesetzgebung und ihre Beschlüsse betrifft, da erkläre ich, Se. Majestät möge herabkommen, ohne die Kamarilla, und ich versichere, wir werden nicht nöthig haben Beschlüsse zu vollziehen. ‒ Se. Majestät wird Alles sanktioniren, was die Nation wünscht.

Uebrigens ist Se. Hoheit ganz unserer Meinung, wenn er sagt: Die Gesetzgebung soll alle Kräfte in Anspruch nehmen, und die Streitkräfte ihm zu Hilfe schicken. ‒

Nun, was endlich die Slaven anbelangt, die 20 oder 30,000 Kroaten, die dürfen träumen von einem slavischen Reich und von der slavischen Sprache beim Pester Reichstag, und dürfen Ungarn Panonnien nennen ‒ aber den Magyaren werden sie nicht unterdrücken ‒ die Dynastie wird vielleicht zu Grunde gehen, aber der Magyare ist durch das 100jährige Türkenjoch gestählt worden. Nach dem Verrath, der uns zu Grunde richtet, wird die Dynastie nicht drei Wochen leben. ‒ Redner wünscht noch, daß man so viel Kavallerie als nur möglich, ins Lager sende, weil Jellachich an dieser großen Mangel leidet; endlich wünscht er, Perczel, Aßtalos Pàl und Bonis in das Lager als Kommissäre zu ernennen, was von Batthyanyi nicht angerathen wird, indem der Palatin den Oberbefehl hat; aber es wird vom Hause doch angenommen.

Ende der Sitzung 1 Uhr. ‒

In der Deputation, die zum Wiener Volke geschickt wird, kommen die [Fortsetzung]

[Feuilleton]

[Fortsetzung] liche Kapitalien aufzunehmen. Alles Getreide auf Termin wird ihm jeder ohne Anstand verkaufen. Ob der Verkäufer wirklich Getreide besitzt ist gleichgültig. Der Verkäufer ist selbst Inhaber von Kapitalien und hat also ebenfalls die Fähigkeit, Getreide ankaufen zu können. Um die wirkliche Herbeischaffung handelt es sich vorläufig nicht, sondern nur um die schließliche Auszahlung der Preisdifferenz. Es geht also eine förmliche Reduzirung vor sich. Mein Vermögen statt nach Thalern wird in Scheffeln berechnet. Die Lieferungsscheine bilden so zu sagen ein neues Papiergeld, neue Fonds, welche unter den Kapitalisten, resp. Getreidespekulanten Kours erhalten, und dieselbe Agiotage hervorrufen, wie die französischen und englischen Staatspapiere. Wir haben in jüngster Zeit geseh'n, mit welcher Sicherheit dieses Papiergeld gefordert wurde. Frauen, die keine andere Baarschaft, kein anderes Kapital besaßen, als ihre Zärtlichkeit für ‒ ihre Ehemänner, erhielten im Austausche dieser Zärtlichkeit Lieferungsscheine, die aus ihren zarten Händen weiter wanderten, um Hinterlassung einer baaren Differenzauszahlung. Wie man in Frankreich mit dem Taback verfuhr, so verfuhr man in Köln mit dem Getreide. Da durch die Lieferungsscheine das Getreide ebensosehr ein Monopol geworden ist, wie es in Frankreich der Taback ist, so bekamen diese Lieferungsscheine ganz den Werth, wie in Frankreich die Autorisation, Taback verkaufen zu können. Die französischen Damen, welche diese Autorisation erhalten, verkaufen nicht selbst, so wenig als unsere schöne Damen das Korn, aber die Autorisation ist immer eine Rente von 2000 Franken werth, und diese Rente wurde ihnen unter Guizot ebenso graziös angeboten, wie eine Prise Taback, wie 500 Malter Korn, auf ihre bloße Schönheit. Die Macht des Kapitals, welche darin besteht, über Getreide zu gebieten, erhält in diesen Scheinverkäufern einen um so drohendern Ausdruck, als der Lieferungsschein zugleich die Macht einschließt, Korn zu verweigern. An die Stelle der wirklichen Proviantkammern treten die drohend leeren Räume; durch die Reduzirung aller Kapitalgattungen in eine Spezies, wird der ganze Kornbetrag ob effektif ob fiktif den Kornspekulanten verschrieben, und diese Verschreibungen in Masse cirkuliren in der Masse der Spekulanten, in feindseligem Verhältnisse zu den Konsumenten. Die Spekulanten, ohne wirkliches Getreide zu besitzen, sind peremptorisch die Herren über das Getreide in den Ländern, wo der Pfeffer wächst. Sie haben das Korn im Stengel aufgekauft; sie sind die wahren Besitzer, der verschuldete Bauer ist nur noch der nominelle Besitzer.

Das Hauptargument der Getreidespekulanten zu Gunsten ihrer Spekulation besteht darin, zu behaupten, daß durch die Lieferungsverkäufe alle Kapitalien in den Handel gezogen und dadurch die Herbeischaffung von allen Seiten betrieben wird. Was wird herbeigeschafft? Etwa Korn? Nein, sondern man schafft die Fähigkeit, herbeischaffen zu können. Nicht die Leute werden Getreidehändler, sondern die den Leuten angehörigen Kapitalien werden nach Körnern berechnet.

Nicht gefüllte Magazine werden geschaffen, sondern auszufüllende Räume. Das Gerundium und Supinum spielen die Hauptrolle bei dieser Operation. Das Kapital steht in der Aehre auf der Spitze. Die herbeischaffenden Kräfte, das Kapital, das Geld, sind einig über das, was herbeigeschafft werden soll, aber das herbeizuschaffende fährt ab oder zu, bleibt auf dem Wege oder kömmt an, liegt in ferner Aussicht oder cirkulirt wie baare Münze, ganz nach Belieben der Spekulanten. Durch die Reduzirung alles Kapitals in Lieferungsscheine nimmt das Kapital selbst die Form eines Mehlsackes an, der den Konsumenten zeigt, daß er sich füllen kann, wenn er will.

Diese Einleitung war nöthig, um die Geschichte der Geschäfte kennen zu lernen, welche vor zwei Jahren unsere Stadt Köln betrübt haben. Die klare Auseinandersetzung dieser Verhältnisse und der Personen, welche eine Hauptrolle dabei spielten, wird in einer der nächsten Nummern nachfolgen.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0002" n="0550"/>
      <div n="1">
        <head>[Deutschland]</head>
        <div xml:id="ar111_007" type="jArticle">
          <p><ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref> tende russische Flüchtling <hi rendition="#g">Bakunin</hi> ist heute verhaftet worden, ohne daß auch nur, so viel man weiß, das Geringste       gegen ihn vorläge.</p>
          <p>Die Spannung ist in der ganzen Stadt allgemein und mit der am 17. März zu vergleichen.       Morgen: Entweder &#x2012; oder!</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_008" type="jArticle">
          <head><bibl><author>28</author></bibl> Berlin, 21. Sept.</head>
          <p>In der heutigen Sitzung der konstituirenden Versammlung ward plötzlich ein dringender Antrag       der Hrn. <hi rendition="#g">Blöm</hi> und <hi rendition="#g">v. Berg</hi> angekündigt, der       nichts weniger enthielt, als die Versammlung möge ihren höchsten Unwillen über die Ereignisse       in Frankfurt aussprechen und die Staatsregierung ersuchen mit aller Kraft der Centralgewalt zu       Hülfe zu eilen. Dieser Antrag kam um so unerwarteter, als die widersprechendsten Gerüchte über       die Ereignisse in Frankfurt herumliefen und noch gar nichts Bestimmtes bekannt war, außer daß       man sich geschlagen habe. Mit Ausnahme der Linken und mehrerer Mitglieder des linken Centrums       ward der Antrag von der ganzen Versammlung unterstützt; er wird morgen zur Berathung kommen       und sicher angenommen werden. Dieser Antrag, an sich schon ein höchst trauriger, ist aber bei       der gegenwärtigen Lage der Dinge hier von der allerverderblichsten Natur, er wird das       Vertrauen, das augenblicklich zwischen Volk und konstituirender Versammlung besteht,       zerstören, er wird der Contrerevolution, die im Begriffe steht, vielleicht morgen schon, ihren       Schlag gegen Volk und Versammlung auszuführen, neuen Muth verleihen, er wird dem Volke die       Meinung von der Versammlung geben, daß sie, die hervorgegangen ist aus der Revolution, sich       grundsätzlich gegen jede Revolution erkläre, sonst müßte sie einen Antrag zurückweisen, der       ein Urtheil ausspricht über eine Revolution, deren Motive und deren Verlauf ihr noch unbekannt       sind. Was aber dem Volke gegenüber das Schlimmste ist, ist, daß der Antrag ausgeht von       Abgeordneten, die sonst nur die Freiheit im Munde führen und sogar mit dem Namen &#x201E;Linke&#x201C;       koquettiren. Diejenigen, welche etwas näher mit den Verhältnissen der Versammlung bekannt       sind, wissen zwar sehr wohl, daß Beide, Blöm sogut wie v. Berg sich als eitle, stellensüchtige       Intriganten, nicht aber als freisinnige Abgeordnete bewährt haben. v. Bergs Treiben, der schon       allen Parteien angehört hat, ist bekannt. Blöm, der den Freiheitsnimbus um sich zu verbreiten       wußte, gehörte bis vor kurzer Zeit eigentlich keiner Partei an, er fand sich immer da ein, wo       er augenblicklich etwas für sich zu fischen gedachte, so z.B. wenn er sich für eine in den       Abtheilungen vorzunehmende Kommissionswahl empfehlen wollte u. s. w. Wahrscheinlich hatte er       nirgend den Standpunkt gefunden, auf dem seine Person, wie er es wünscht, anerkannt worden       wäre. Da entschloß er sich vor mehreren Wochen, als die Ministerkrisis herannahte und solche       Stellen vakant werden konnten, für sich selbst eine Partei zu bilden, die er, um doch noch       immer mit der Freiheit zu koquettiren, &#x201E;Linke&#x201C; nennen wollte, zugleich versuchend, die jetzige       Linke als &#x201E;äußerste Linke&#x201C; zu bezeichnen. Das Parteimachen ging aber so leicht nicht, von den       25 Rheinländern, die, wie er sich rühmte, ihm nachfolgen würden, erschienen außer den Junkern       und Abbe v. Berg nur sehr wenige und es blieb ihm nichts übrig, als die schon längst heimlich       mit Rodbertus gepflogenen Unterhandlungen wieder anzuknüpfen und sich dessen Partei       anzuschließen, wobei sich freilich diese sehr wunderte, daß des großen Parteichefs Anhang nur       aus einigen wenigen Leuten bestand. Daß Blöm dabei alle Mittel, ja sogar alle Verdächtigungen       anwandte, um Anhänger der Linken herüberzuziehen, wenn gleich natürlich ohne Erfolg, versteht       sich von selbst und ist mir von mehren Abgeordneten auf das Bestimmteste versichert worden.       Die Partei Rodbertus ist durch ihn um einen stellensüchtigen Intriganten reicher geworden, an       denen es ihr ohnehin nicht fehlt. Hr. Blöm hat sich mit seinem heutigen Antrag in seinem       wahren Lichte gezeigt.</p>
          <p>In der ganzen Stadt herrscht über diesen Antrag große Entrüstung. Die Linke soll beschlossen       haben, die einfache Tagesordnung über diesen Antrag zu verlangen, und wenn die Versammlung sie       nicht annimmt, gegen den Antrag zu stimmen.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_009" type="jArticle">
          <head><bibl><author>*</author></bibl> Berlin, 21. Sept.</head>
          <p>Die Vossische Ztg. enthält einen Steckbrief gegen einen Handlungsdiener <hi rendition="#b">Müller</hi> und den &#x201E;Buchhändler Edgar Bauer,&#x201C; welche sich &#x201E;als des Aufruhrs verdächtig&#x201C;       entfernt haben. Das Criminalgericht fordert im Berliner Residenzstyl alle Behörden auf, zu       &#x201E;vigiliren&#x201C; und die Flüchtlinge &#x201E;mit allen bei ihnen sich vorfindenden Gegenständen und       Geldern&#x201C; abzuliefern; baare Auslagen sollen erstattet werden. Das Signalement der beiden       Aufruhr-Verdächtigen ist merkwürdig genau, Niemand wird die Denunzirten erkennen. Der       Handlungsdiener Müller ist nach der Schilderung des gewissenhaften Kriminalgerichts       &#x201E;evangelischer Religion (!), in Berlin geboren, <hi rendition="#g">spricht die deutsche        Sprache</hi> (was allerdings bei einem Berliner höchst auffallend ist) und trägt <hi rendition="#g">als Kennzeichen</hi> auf der Brust, unter dem Hemd einen warzenartigen       Leberfleck.&#x201C;</p>
          <p>Wenn nach dieser Schilderung die Verfolgten dennoch aus einer deutschen Stadt entwischen, so       wird man die sämmtlichen Polizisten als unfähige Blindschleichen absetzen. Der &#x201E;Buchhändler       Edgar Bauer&#x201C; ist nicht minder unverkennbar. Das Kriminalgericht der Residenz sagt, daß Hr.       Bauer &#x201E;einen Backen- und Kinnbart trug, den er hat abschneiden lassen,&#x201C; und 28 Jahre alt ist.       Welches unermeßliche Feld für die Thätigkeit eines Geigers!</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_010" type="jArticle">
          <head>Berlin.</head>
          <p>Eine von dem provisorischen Kriegsminister Schreckenstein contrasignirte und an ihn       gerichtete Kabinetsorde, datirt Sanssouci, 19. Sept., lautet also:</p>
          <p>Ich bin den Truppen, welche für die Sache des deutschen Vaterlandes in Schleswig-Holstein       thätig gewesen sind, das Anerkenntniß schuldig, daß sie durch Tapferkeit auf dem       Schlachtfelde, gute Disziplin und sittliches Wohlverhalten den echten Geist preußischer       Krieger bewährt und den Ruhm des Heeres gemehrt haben. Ich trage Ihnen deshalb auf, dem       bewährten Führer derselben, allen Ober- und Unteroffizieren und Soldaten meinen Dank und meine       Zufriedenheit auszusprechen und zugleich die in der Beilage enthaltenen Ordensverleihungen       etc. bekannt zu machen, welche ich für besondere Auszeichnungen bewilligt habe.</p>
          <p> <hi rendition="#g">Friedrich Wilhelm.</hi> </p>
          <p> &#x2012; Unter den gestrigen Eckenanschlägen bemerkte man besonders folgendes im Berliner Jargon       gehaltene Plakat mit der Ueberschrift: </p>
          <p>&#x201E;Held, Du jrosser Volkstribun! Du willst auskratzen? Oller Junge laaß Dir halten! Ene       Epistel an die Korinther von Aujust Buddelmeyer, Dages-Schriftsteller mit'n jroßen Bart.&#x201C;       Unter der Ueberschrift sieht man eine männliche Figur im vollen Lauf, welche Hrn. Held       vorstellen soll und die eine Fahne mit der Inschrift &#x201E;Demagogie&#x201C; und einem rennenden Hasen auf       der Schulter trägt. Der Verfasser wirft Hrn. Held vor, er habe wohl Lust eine Rolle zu       spielen, aber keine Kraft. Ueberall mache er sich auf die Socken. Erst sei er von der       Zeltentribüne abgesockt, dann von der Demonstration, dann von den Maschinenbauern und nun       socke er auch von der Lokomotive ab. Unter den übrigen neuen Plakaten herrscht immer noch die       Militärfrage vor.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_011" type="jArticle">
          <head>Berlin, 20. Sept.</head>
          <p>General Wrangel hielt heute nach der Parade, umgeben von seinen Offizieren, von der       Bürgerwehr und vielem Volke die nachstehende Rede:</p>
          <p>Meine Herren! Es ist heute ein sehr glücklicher Tag meines Lebens. Ich bin schon vor den       Thoren so freundlich von der berittenen Berliner Bürgerwehr begrüßt worden, und in der Stadt       war es wie ein Triumphzug. Ich weiß, das konnte ich nicht auf mich beziehen, sondern auf die       Truppen, welche in Schleswig zum Siege zu führen, ich die Ehre gehabt habe. Ich werde diese       Truppen auch hieher führen, wenn es die Zeit ist; jetzt noch nicht: aber sie werden kommen.       Meine Herren! Der König hat mir den größten Beweis der Gnade und des Vertrauens gegeben, indem       er mir das Kommando über die in den Marken stehenden Truppen übergab. Ich soll die Ordnung, wo       sie gestört, das Gesetz, wo es übertreten wird, wieder herstellen &#x2012; aber nicht zuerst, sondern       nur dann, wenn es der Bürgerwehr nicht gelingen sollte. Dann erst werden wir einschreiten, und       es wird uns gelingen. Die Truppen sind gut, die Schwerter haarscharf geschliffen, die Kugeln       im Gewehr &#x2012; doch nicht gegen Euch, Berliner, sondern zu Eurem Schutze, zum Schutze der       Freiheit, die der König gegeben, und zur Aufrechthaltung des Gesetzes. Gefällt Euch das,       Berliner? Das freut mich. Für Euch und mit Euch werden wir auftreten und handeln. Keine       Reaktion, aber Schutz der Ordnung, Schutz dem Gesetze, Schutz der Freiheit! Wie traurig sehe       ich Berlin wieder: in den Straßen wächst Gras, die Häuser sind verödet, die Läden voll Waare,       aber ohne Käufer, der fleißige Bürger ohne Arbeit, ohne Verdienst, der Handwerker verarmt. Das       muß anders werden, und es wird anders werden. Ich bringe Euch das Gute mit der Ordnung; die       Anarchie muß und wird aufhören. Ich verspreche es Euch, und ein Wrangel hat noch nie sein Wort       gebrochen! Meine Herren! Es macht mich sehr glücklich, die Truppen in diesem guten Zustande zu       sehen. Sie werden sie darin erhalten. Verträglichkeit mit den Bürgern muß stattfinden; sie       sind mit Euch verwandt, sie haben denselben Zweck: Preußen's Größe und Ruhm aufrecht zu halten       und Deutschland's Einigkeit mit zu begründen; sie sind Eure Brüder &#x2012; und Sie, Bürger, werden       nicht vergessen, daß in der Armee Ihre Brüder, Freunde, Väter sind! Meine Herren! Es thut mir       leid, daß ich an dem heutigen Tage die Truppen nicht Sr. Majestät vorführen konnte. Er erkennt       die Beschwerden, die der Dienst ihnen macht, an: er hat den Soldaten daher eine Zulage       bestimmt. Es macht mich sehr glücklich, dieses Ihnen bekannt machen zu können. Es lebe Se.       Majestät der König!&#x201C;</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_012" type="jArticle">
          <head>Wien, 15. Sept.</head>
          <p>Heute Nachmittag um 2 Uhr ist bei der ungarischen Gesandtschaft ein Kourier mit der       Nachricht angekommen, daß Jellachich auf Befehl des Hofes über die Drau zurückgegangen       sei.</p>
          <bibl>(C. Bl.)</bibl>
        </div>
        <div xml:id="ar111_013" type="jArticle">
          <head>Wien, 18. Sept.</head>
          <p>Glaubwürdigen Berichten zufolge ist Fürst <hi rendition="#g">Windischgrätz</hi>von Prag       abgereist und befindet sich seit einigen Tagen in Wien oder Schönbrünn. (Gerad' aus).</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_014" type="jArticle">
          <head>Charlottenburg.</head>
          <p>Am 19. d. M. traf der Generallieutenant <hi rendition="#g">v. Wrangel</hi> hierselbst ein,       um auf einige Zeit, als kommandirender General für die Marken, <hi rendition="#g">sein        Hauptquartier in Charlottenburg zu nehmen!</hi> </p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_015" type="jArticle">
          <head>G. Erfurt, 20. Sept.</head>
          <p>Unsere Polizei beweist noch täglich a posteriori, daß Se. Majestät in Gnaden noch nicht       geruht haben, die blos &#x201E;versprochene&#x201C; Habeas-corpus-Acte zu vollziehen und daß die       Preßfreiheit zwar eine königliche Verheißung aber noch keine Wahrheit ist. Gestern arretirte       man einen Bürger, weil er das Berliner Manifest an die Soldaten an verschiedenen Orten       anheftete. Unsere Post unterstützt eifrig unsere Polizei. (In Köln ebenfalls!) Der Hr.       Postmeister selbst beschäftigt sich mit dem Wiederabreißen solcher Plakate, welche zur       Verbrüderung und zur Sühne auffordern. Gestern stand ein Haufen Soldaten an einer Straßenecke       und studierte das Manifest. Da kam der pensionirte Oberstlieutenant v. Clausewitz und sprach       im Unteroffizierton: &#x201E;Kinder, geht weck da! les't das Sch &#x2012; zeug nicht! S'ist alles erstunken       und erlogen, was da angeschlagen steht. Nächstens werde <hi rendition="#b">Ich</hi> was       anschlagen lassen, das wird sich aber gewaschen haben, &#x2012; auf Offizierparole!&#x201C; Der Hr.       Oberstlieutenant, welcher von den Soldaten ausgelacht wurde, ist ein sehr rüstiger,       arbeitsfähiger Mann, Mitglied des hiesigen patriotischen (Denuncianten)-Vereins und im       Vollgenuß eines erstaunlich hohen Ruhegehalts, worin er durch Heranziehung zur Einkommensteuer       und durch verdienstmäßige Abzüge verkürzt zu werden fürchtet.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_016" type="jArticle">
          <head>Darmstadt, 19. Sept.</head>
          <p>Gestern fand hier eine erhebende Feier statt, an der mehrere Tausend Menschen Theil nahmen.       Die Freunde, Schüler und Anhänger <hi rendition="#g">Weidig's</hi> weihten das einfache       Denkmal ein, welches sie diesem vielbeweinten Märtyrer der Freiheit gesetzt haben. &#x2012; </p>
        </div>
        <div xml:id="ar111_017" type="jArticle">
          <head>Stuttgart, 18. Sept.</head>
          <p>Die gestrige Volksversammlung in Eßlingen war eben so stark besucht, wie die zu Heilbronn.       Es ist schlimm, aber es ist wahr: wir gehen sehr schweren Ereignissen entgegen; der geringste       Anstoß, und die Flamme schlägt zum Dach hinaus. Im Allgemeinen hatte die Eßlinger Versammlung       dieselbe Richtung wie die in Heilbronn, entschieden demokratisch, und es ist anzunehmen, daß       die in den nächsten Tagen weiter beabsichtigten Volksversammlungen zu Reutlingen, Stuttgart       und Ulm ein gleiches Gepräge haben werden. Die Reaktion glaubte ihr Spiel schon zu sicher       gewonnen; jetzt hat man ihr in die Karten gesehen und man will nun ihre Stütze und ihren Halt,       den Adel, ganz entfernt wissen. So kehrte sich gestern auch die Abneigung hauptsächlich gegen       die Kammer der Standesherren, gegen deren ferneres Zusammentreten man sich entschieden       erklärte.</p>
          <p>In der vorgestrigen Sitzung des Verwaltungsrathes der Bürgerwehr wurde ein Schreiben des       Kriegsdepartements verlesen, worin derselbe nun dem Wunsche unserer Bürgerartillerie       entspricht und derselben 6 Geschütze vom Staate unter Garantie der Stadtgemeinde verabfolgt;       auch die Munition kann dieselbe in Zukunft vom Staate zu den Kostenpreisen erhalten.</p>
          <bibl>(Fr. J.)</bibl>
        </div>
      </div>
      <div n="1">
        <head>Ungarn.</head>
        <div xml:id="ar111_018" type="jArticle">
          <head>Pesth, 15. September, (Sitzung des Reichstags.)</head>
          <p><hi rendition="#g">Batthyányi.</hi> Von der Tribüne: Mit Bedauren muß ich anzeigen, daß die       definitive Antwort mit dem Dampfboot nicht angelangt ist; und so könnte ich vor 24 Stunden       nicht im Stande sein einen Beschluß zu fassen, da wir aber soeben von Drávácz Lager Nachricht       erhielten daß unser Heer ohne Befehlshaber steht, bin ich gezwungen, einen Vorschlag dem Hause       zu machen.</p>
          <p><hi rendition="#g">Záborszky</hi> will den Brief von Csányi lesen, kann aber nicht, so nimmt       ihn Kossuth und liest ihn selber; der Brief ist von gestern, d i. den 14., aus Keßthely       datirt. Erst drükt Csanyi in traurigen Worten seine schreckliche Lage aus, dann erzählt er,       nachdem ihm Gr. Teleky Adam versprochen, von Keßthely aus den Feind anzugreifen und er       (Csányi) dasselbe mit Hülfe eines allgemeinen Volksaufgebotes von allen Seiten unterstützt,       Jellachich derartig aufgehalten hätte. &#x2012; Was geschieht nach Alldem? In dem Augenblicke des       Angriffs erklärt Graf Adam Teleky sammt seinem Offizier-Corps, daß sie gegen Jlleachich nicht       kämpfen werden. (Ungeheure Aufregung im Hause, die Meisten springen von ihren Sitzen auf, man       hört wie aus einem Munde: Verräther! Nieder mit den Verräthern; die Gallerien scheinen herab       zu brechen.) Er werde nicht kämpfen gegen Jemand, mit dem er einen Schwur geschworen. Er hat       dieß Jellachich zu wissen gemacht (Aufregung) mit der Erklärung, daß er sich neutral verhalten       werde; und Jellachich erwiederte, daß er die Neutralität nur dann erkenne, wenn Teleky sich       nach Steiermark zurückziehe. Teleky fordert auch gute Verproviantirung der Linientruppen,       sonst sagt er, sei er gezwungen zu Jellachich zu übergehen, übrigens kenne er die Legalität       des ungarischen Ministeriums nicht an. (Aufregung im Saal) Csányi referirt ferner, daß       Jelachich gezwungen sei, fortwährend vorzurücken, da seine zusammgeklaubte Armee mit dem       ungarischen Volke kaum in gutem Einverständniß leben, und es ihm an Proviant fehlen würde. &#x2012;       So weit der Brief.</p>
          <p><hi rendition="#g">Báthyanyi.</hi> Sie ersehen hieraus, daß der Befehlsstab in dieses       Menschen Hände nicht einen Augenblick länger bleiben kann. Ich erlaube mir Ihnen einen       Vorschlag zu machen. (Hören wir) Se. Hoheit der Palatin soll sogleich ins Lager ziehen.       (Außerordentlicher Beifall) Kossuth (außerordentliches Zurufen von den Gallerien) Es ist nun       einmal wahr, daß es in der Geschichte kein Beispiel gibt, gleich diesem; daß eine Nation in       der Dynastie und in sich selbst so viel Verrath gefunden hätte, als die arme ungarische       Nation! Wer hätte es gedacht, daß selbst der Name Teleky nicht rein und heilig bleiben könne,       und mit schmutzigem Verrath befleckt werden müsse. (Aufregung.) (Unten, am Donau-Quai ist       großer Lärm, und Kossuth bittet Jemanden auf die Altane zu gehen (Madaráß wird gebeten), denn       durch Lärmen können wir das Vaterland nicht retten.)</p>
          <p>Was den Palatin anbelangt, so glaube ich, daß er einen Palatinal-Schwur abgelegt hat,       welchen er befolgen muß und wird. &#x2012; Das Memorandum des Königs an Jellachich vom 4. September       ist eigentlich nur ein huldvolles Schreiben, wenn ich dieses nicht für ein solches halten       müßte, welches dem Krankheitszustand Sr. Majestät zuzuschreiben ist, hieße das einen       königlichen Schwur brechen, aber in diesen Brief ist davon nichts, daß Jellachich Ungarn       erobern soll; nun hat der Palatin vom Hofe keine Benachrichtigung (Instruktion), so muß er       wählen zwischen seiner Geburts- und zwischen seiner Schwurstellung. Er sollte das wählen, was       das Ehrgefühl und sein Vaterland gebeut; und er wird dieß auch nicht verweigern, wenn er nicht       von der Person Sr. Majestät einen andern Befehl erhalten hat; eine Deputation aus unserer       Mitte sage ihm, daß er ohne Aufschub gleich Morgen ins Lager gehen möge, daß er alle mögliche       Mittel anwende, welche zu einem glücklichen Erfolge nöthig sind. &#x2012; Wir müssen auch eine       Kommission ins Lager senden, und sollte der Palatin unsere Bitte nicht erfüllen &#x2012; &#x2012; (Redner,       denk ein wenig nach) würde ich schon dann meine Meinung aussprechen &#x2012; Als Kapitän dieses       Landes darf er nicht eine Handbreit des ungarischen Bodens erobern lassen; und ich bin       überzeugt, daß es sehr viele Menschen geben wird, die sich nicht unterstehen werden einen       Finger aufzuheben gegen Jene, wo der Neffe des Königs, ein Glied der königlichen Familie ist       (Beifall).</p>
          <p>(Man wünscht, daß Kossuth mit der Deputation nach Osen gehe.) Meine Herren, mich bitte ich       hiermit zu verschonen; denn es ist besser, wenn ihn beliebtere Menschen als ich bin, bitten       werden; ohnehin soll der Präses des Hauses immer das Amt versehen.</p>
          <p>Die Deputation geht nach Osen um 1/4 auf 12 Uhr und kehrt gerade um Mitternacht zurück. &#x2012; </p>
          <p><hi rendition="#g">Pàzmàndy.</hi> Ich kann mit Vergnügen erscheinen, da Sr. k. Hoheit es für       seine Pflicht erkenne und mit aufrichtiger Bereitwilligkeit ins Lager zieht (anhaltendes       Eljen). Als Bedingniß stellt er aber, daß das verehrte Haus auf legalem Wege und immer in den       Formen bleibe, und bis von Sr. Majestät keine sichere Antwort angelangt, es nicht       ungesetzliche Maßregeln ergreife &#x2012; ferner hat er sichere Nachricht, daß durch den Verrath des       Teleky das Heer von Csányi stark zusammen geschmolzen ist. das Haus möge also Anstalt treffen,       alle Kräfte in Anspruch zu nehmen, und auf einen gewissen Punkt die Streitkräfte zusammen       ziehen. Endlich läßt Sr. Hoheit das Haus versichern, wenn ein jeder es betrügerisch       hintergehen wird, sein Name auch nach seinem Tode so aufgezeichnet werden muß, daß er der       einzige gewesen, der die ungarische Nation nicht betrogen hat. (Stürmischer Beifall.)</p>
          <p><hi rendition="#g">Kossuth.</hi> Wenn ich lebe, werde ich die Thaten beurtheilen ich werde       nicht ungerecht sein. &#x2012; Was nun den legalen Weg anbelangt, den seine Hoheit meint &#x2012; er kann       darunter nichts anders verstehen, als daß wir den königlichen Thron nicht für leer erklären       und der Meinung sind wir auch. Was aber die Gesetzgebung und ihre Beschlüsse betrifft, da       erkläre ich, Se. Majestät möge herabkommen, ohne die Kamarilla, und ich versichere, wir werden       nicht nöthig haben Beschlüsse zu vollziehen. &#x2012; Se. Majestät wird Alles sanktioniren, was die       Nation wünscht.</p>
          <p>Uebrigens ist Se. Hoheit ganz unserer Meinung, wenn er sagt: Die Gesetzgebung soll alle       Kräfte in Anspruch nehmen, und die Streitkräfte ihm zu Hilfe schicken. &#x2012;</p>
          <p>Nun, was endlich die Slaven anbelangt, die 20 oder 30,000 Kroaten, die dürfen träumen von       einem slavischen Reich und von der slavischen Sprache beim Pester Reichstag, und dürfen Ungarn       Panonnien nennen &#x2012; aber den Magyaren werden sie nicht unterdrücken &#x2012; die Dynastie wird       vielleicht zu Grunde gehen, aber der Magyare ist durch das 100jährige Türkenjoch gestählt       worden. Nach dem Verrath, der uns zu Grunde richtet, wird die Dynastie nicht drei Wochen       leben. &#x2012; Redner wünscht noch, daß man so viel Kavallerie als nur möglich, ins Lager sende,       weil Jellachich an dieser großen Mangel leidet; endlich wünscht er, Perczel, Aßtalos Pàl und       Bonis in das Lager als Kommissäre zu ernennen, was von Batthyanyi nicht angerathen wird, indem       der Palatin den Oberbefehl hat; aber es wird vom Hause doch angenommen.</p>
          <p>Ende der Sitzung 1 Uhr. &#x2012; </p>
          <p>In der Deputation, die zum Wiener Volke geschickt wird, kommen die <ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref>                </p>
        </div>
      </div>
      <div n="1">
        <head>[Feuilleton]</head>
        <div xml:id="ar111_019" type="jArticle">
          <p><ref type="link_fsg">[Fortsetzung]</ref> liche Kapitalien aufzunehmen. Alles Getreide auf       Termin wird ihm jeder ohne Anstand verkaufen. Ob der Verkäufer wirklich Getreide besitzt ist       gleichgültig. Der Verkäufer ist selbst Inhaber von Kapitalien und hat also ebenfalls die       Fähigkeit, Getreide ankaufen zu können. Um die wirkliche Herbeischaffung handelt es sich       vorläufig nicht, sondern nur um die schließliche Auszahlung der Preisdifferenz. Es geht also       eine förmliche Reduzirung vor sich. Mein Vermögen statt nach Thalern wird in Scheffeln       berechnet. Die Lieferungsscheine bilden so zu sagen ein neues Papiergeld, neue Fonds, welche       unter den Kapitalisten, resp. Getreidespekulanten Kours erhalten, und dieselbe Agiotage       hervorrufen, wie die französischen und englischen Staatspapiere. Wir haben in jüngster Zeit       geseh'n, mit welcher Sicherheit dieses Papiergeld gefordert wurde. Frauen, die keine andere       Baarschaft, kein anderes Kapital besaßen, als ihre Zärtlichkeit für &#x2012; ihre Ehemänner,       erhielten im Austausche dieser Zärtlichkeit Lieferungsscheine, die aus ihren zarten Händen       weiter wanderten, um Hinterlassung einer baaren Differenzauszahlung. Wie man in Frankreich mit       dem Taback verfuhr, so verfuhr man in Köln mit dem Getreide. Da durch die Lieferungsscheine       das Getreide ebensosehr ein Monopol geworden ist, wie es in Frankreich der Taback ist, so       bekamen diese Lieferungsscheine ganz den Werth, wie in Frankreich die Autorisation, Taback       verkaufen zu können. Die französischen Damen, welche diese Autorisation erhalten, verkaufen       nicht selbst, so wenig als unsere schöne Damen das Korn, aber die Autorisation ist immer eine       Rente von 2000 Franken werth, und diese Rente wurde ihnen unter Guizot ebenso graziös       angeboten, wie eine Prise Taback, wie 500 Malter Korn, auf ihre bloße Schönheit. Die Macht des       Kapitals, welche darin besteht, über Getreide zu gebieten, erhält in diesen Scheinverkäufern       einen um so drohendern Ausdruck, als der Lieferungsschein zugleich die Macht einschließt, Korn       zu verweigern. An die Stelle der wirklichen Proviantkammern treten die drohend leeren Räume;       durch die Reduzirung aller Kapitalgattungen in eine Spezies, wird der ganze Kornbetrag ob       effektif ob fiktif den Kornspekulanten <hi rendition="#g">verschrieben,</hi> und diese       Verschreibungen in Masse cirkuliren in der Masse der Spekulanten, in feindseligem Verhältnisse       zu den Konsumenten. Die Spekulanten, ohne wirkliches Getreide zu besitzen, sind peremptorisch       die Herren über das Getreide in den Ländern, wo der Pfeffer wächst. Sie haben das Korn im       Stengel aufgekauft; sie sind die wahren Besitzer, der verschuldete Bauer ist nur noch der       nominelle Besitzer.</p>
          <p>Das Hauptargument der Getreidespekulanten zu Gunsten ihrer Spekulation besteht darin, zu       behaupten, daß durch die Lieferungsverkäufe alle Kapitalien in den Handel gezogen und dadurch       die Herbeischaffung von allen Seiten betrieben wird. Was wird herbeigeschafft? Etwa Korn?       Nein, sondern man schafft die Fähigkeit, herbeischaffen zu können. Nicht die Leute werden       Getreidehändler, sondern die den Leuten angehörigen Kapitalien werden nach Körnern       berechnet.</p>
          <p>Nicht gefüllte Magazine werden geschaffen, sondern auszufüllende Räume. Das Gerundium und       Supinum spielen die Hauptrolle bei dieser Operation. Das Kapital steht in der Aehre auf der       Spitze. Die herbeischaffenden Kräfte, das Kapital, das Geld, sind einig über das, was       herbeigeschafft werden soll, aber das herbeizuschaffende fährt ab oder zu, bleibt auf dem Wege       oder kömmt an, liegt in ferner Aussicht oder cirkulirt wie baare Münze, ganz nach Belieben der       Spekulanten. Durch die Reduzirung alles Kapitals in Lieferungsscheine nimmt das Kapital selbst       die Form eines Mehlsackes an, der den Konsumenten zeigt, daß er sich füllen kann, wenn er       will.</p>
          <p>Diese Einleitung war nöthig, um die Geschichte der Geschäfte kennen zu lernen, welche vor       zwei Jahren unsere Stadt Köln betrübt haben. Die klare Auseinandersetzung dieser Verhältnisse       und der Personen, welche eine Hauptrolle dabei spielten, wird in einer der nächsten Nummern       nachfolgen.</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0550/0002] [Deutschland] [Fortsetzung] tende russische Flüchtling Bakunin ist heute verhaftet worden, ohne daß auch nur, so viel man weiß, das Geringste gegen ihn vorläge. Die Spannung ist in der ganzen Stadt allgemein und mit der am 17. März zu vergleichen. Morgen: Entweder ‒ oder! 28 Berlin, 21. Sept. In der heutigen Sitzung der konstituirenden Versammlung ward plötzlich ein dringender Antrag der Hrn. Blöm und v. Berg angekündigt, der nichts weniger enthielt, als die Versammlung möge ihren höchsten Unwillen über die Ereignisse in Frankfurt aussprechen und die Staatsregierung ersuchen mit aller Kraft der Centralgewalt zu Hülfe zu eilen. Dieser Antrag kam um so unerwarteter, als die widersprechendsten Gerüchte über die Ereignisse in Frankfurt herumliefen und noch gar nichts Bestimmtes bekannt war, außer daß man sich geschlagen habe. Mit Ausnahme der Linken und mehrerer Mitglieder des linken Centrums ward der Antrag von der ganzen Versammlung unterstützt; er wird morgen zur Berathung kommen und sicher angenommen werden. Dieser Antrag, an sich schon ein höchst trauriger, ist aber bei der gegenwärtigen Lage der Dinge hier von der allerverderblichsten Natur, er wird das Vertrauen, das augenblicklich zwischen Volk und konstituirender Versammlung besteht, zerstören, er wird der Contrerevolution, die im Begriffe steht, vielleicht morgen schon, ihren Schlag gegen Volk und Versammlung auszuführen, neuen Muth verleihen, er wird dem Volke die Meinung von der Versammlung geben, daß sie, die hervorgegangen ist aus der Revolution, sich grundsätzlich gegen jede Revolution erkläre, sonst müßte sie einen Antrag zurückweisen, der ein Urtheil ausspricht über eine Revolution, deren Motive und deren Verlauf ihr noch unbekannt sind. Was aber dem Volke gegenüber das Schlimmste ist, ist, daß der Antrag ausgeht von Abgeordneten, die sonst nur die Freiheit im Munde führen und sogar mit dem Namen „Linke“ koquettiren. Diejenigen, welche etwas näher mit den Verhältnissen der Versammlung bekannt sind, wissen zwar sehr wohl, daß Beide, Blöm sogut wie v. Berg sich als eitle, stellensüchtige Intriganten, nicht aber als freisinnige Abgeordnete bewährt haben. v. Bergs Treiben, der schon allen Parteien angehört hat, ist bekannt. Blöm, der den Freiheitsnimbus um sich zu verbreiten wußte, gehörte bis vor kurzer Zeit eigentlich keiner Partei an, er fand sich immer da ein, wo er augenblicklich etwas für sich zu fischen gedachte, so z.B. wenn er sich für eine in den Abtheilungen vorzunehmende Kommissionswahl empfehlen wollte u. s. w. Wahrscheinlich hatte er nirgend den Standpunkt gefunden, auf dem seine Person, wie er es wünscht, anerkannt worden wäre. Da entschloß er sich vor mehreren Wochen, als die Ministerkrisis herannahte und solche Stellen vakant werden konnten, für sich selbst eine Partei zu bilden, die er, um doch noch immer mit der Freiheit zu koquettiren, „Linke“ nennen wollte, zugleich versuchend, die jetzige Linke als „äußerste Linke“ zu bezeichnen. Das Parteimachen ging aber so leicht nicht, von den 25 Rheinländern, die, wie er sich rühmte, ihm nachfolgen würden, erschienen außer den Junkern und Abbe v. Berg nur sehr wenige und es blieb ihm nichts übrig, als die schon längst heimlich mit Rodbertus gepflogenen Unterhandlungen wieder anzuknüpfen und sich dessen Partei anzuschließen, wobei sich freilich diese sehr wunderte, daß des großen Parteichefs Anhang nur aus einigen wenigen Leuten bestand. Daß Blöm dabei alle Mittel, ja sogar alle Verdächtigungen anwandte, um Anhänger der Linken herüberzuziehen, wenn gleich natürlich ohne Erfolg, versteht sich von selbst und ist mir von mehren Abgeordneten auf das Bestimmteste versichert worden. Die Partei Rodbertus ist durch ihn um einen stellensüchtigen Intriganten reicher geworden, an denen es ihr ohnehin nicht fehlt. Hr. Blöm hat sich mit seinem heutigen Antrag in seinem wahren Lichte gezeigt. In der ganzen Stadt herrscht über diesen Antrag große Entrüstung. Die Linke soll beschlossen haben, die einfache Tagesordnung über diesen Antrag zu verlangen, und wenn die Versammlung sie nicht annimmt, gegen den Antrag zu stimmen. * Berlin, 21. Sept. Die Vossische Ztg. enthält einen Steckbrief gegen einen Handlungsdiener Müller und den „Buchhändler Edgar Bauer,“ welche sich „als des Aufruhrs verdächtig“ entfernt haben. Das Criminalgericht fordert im Berliner Residenzstyl alle Behörden auf, zu „vigiliren“ und die Flüchtlinge „mit allen bei ihnen sich vorfindenden Gegenständen und Geldern“ abzuliefern; baare Auslagen sollen erstattet werden. Das Signalement der beiden Aufruhr-Verdächtigen ist merkwürdig genau, Niemand wird die Denunzirten erkennen. Der Handlungsdiener Müller ist nach der Schilderung des gewissenhaften Kriminalgerichts „evangelischer Religion (!), in Berlin geboren, spricht die deutsche Sprache (was allerdings bei einem Berliner höchst auffallend ist) und trägt als Kennzeichen auf der Brust, unter dem Hemd einen warzenartigen Leberfleck.“ Wenn nach dieser Schilderung die Verfolgten dennoch aus einer deutschen Stadt entwischen, so wird man die sämmtlichen Polizisten als unfähige Blindschleichen absetzen. Der „Buchhändler Edgar Bauer“ ist nicht minder unverkennbar. Das Kriminalgericht der Residenz sagt, daß Hr. Bauer „einen Backen- und Kinnbart trug, den er hat abschneiden lassen,“ und 28 Jahre alt ist. Welches unermeßliche Feld für die Thätigkeit eines Geigers! Berlin. Eine von dem provisorischen Kriegsminister Schreckenstein contrasignirte und an ihn gerichtete Kabinetsorde, datirt Sanssouci, 19. Sept., lautet also: Ich bin den Truppen, welche für die Sache des deutschen Vaterlandes in Schleswig-Holstein thätig gewesen sind, das Anerkenntniß schuldig, daß sie durch Tapferkeit auf dem Schlachtfelde, gute Disziplin und sittliches Wohlverhalten den echten Geist preußischer Krieger bewährt und den Ruhm des Heeres gemehrt haben. Ich trage Ihnen deshalb auf, dem bewährten Führer derselben, allen Ober- und Unteroffizieren und Soldaten meinen Dank und meine Zufriedenheit auszusprechen und zugleich die in der Beilage enthaltenen Ordensverleihungen etc. bekannt zu machen, welche ich für besondere Auszeichnungen bewilligt habe. Friedrich Wilhelm. ‒ Unter den gestrigen Eckenanschlägen bemerkte man besonders folgendes im Berliner Jargon gehaltene Plakat mit der Ueberschrift: „Held, Du jrosser Volkstribun! Du willst auskratzen? Oller Junge laaß Dir halten! Ene Epistel an die Korinther von Aujust Buddelmeyer, Dages-Schriftsteller mit'n jroßen Bart.“ Unter der Ueberschrift sieht man eine männliche Figur im vollen Lauf, welche Hrn. Held vorstellen soll und die eine Fahne mit der Inschrift „Demagogie“ und einem rennenden Hasen auf der Schulter trägt. Der Verfasser wirft Hrn. Held vor, er habe wohl Lust eine Rolle zu spielen, aber keine Kraft. Ueberall mache er sich auf die Socken. Erst sei er von der Zeltentribüne abgesockt, dann von der Demonstration, dann von den Maschinenbauern und nun socke er auch von der Lokomotive ab. Unter den übrigen neuen Plakaten herrscht immer noch die Militärfrage vor. Berlin, 20. Sept. General Wrangel hielt heute nach der Parade, umgeben von seinen Offizieren, von der Bürgerwehr und vielem Volke die nachstehende Rede: Meine Herren! Es ist heute ein sehr glücklicher Tag meines Lebens. Ich bin schon vor den Thoren so freundlich von der berittenen Berliner Bürgerwehr begrüßt worden, und in der Stadt war es wie ein Triumphzug. Ich weiß, das konnte ich nicht auf mich beziehen, sondern auf die Truppen, welche in Schleswig zum Siege zu führen, ich die Ehre gehabt habe. Ich werde diese Truppen auch hieher führen, wenn es die Zeit ist; jetzt noch nicht: aber sie werden kommen. Meine Herren! Der König hat mir den größten Beweis der Gnade und des Vertrauens gegeben, indem er mir das Kommando über die in den Marken stehenden Truppen übergab. Ich soll die Ordnung, wo sie gestört, das Gesetz, wo es übertreten wird, wieder herstellen ‒ aber nicht zuerst, sondern nur dann, wenn es der Bürgerwehr nicht gelingen sollte. Dann erst werden wir einschreiten, und es wird uns gelingen. Die Truppen sind gut, die Schwerter haarscharf geschliffen, die Kugeln im Gewehr ‒ doch nicht gegen Euch, Berliner, sondern zu Eurem Schutze, zum Schutze der Freiheit, die der König gegeben, und zur Aufrechthaltung des Gesetzes. Gefällt Euch das, Berliner? Das freut mich. Für Euch und mit Euch werden wir auftreten und handeln. Keine Reaktion, aber Schutz der Ordnung, Schutz dem Gesetze, Schutz der Freiheit! Wie traurig sehe ich Berlin wieder: in den Straßen wächst Gras, die Häuser sind verödet, die Läden voll Waare, aber ohne Käufer, der fleißige Bürger ohne Arbeit, ohne Verdienst, der Handwerker verarmt. Das muß anders werden, und es wird anders werden. Ich bringe Euch das Gute mit der Ordnung; die Anarchie muß und wird aufhören. Ich verspreche es Euch, und ein Wrangel hat noch nie sein Wort gebrochen! Meine Herren! Es macht mich sehr glücklich, die Truppen in diesem guten Zustande zu sehen. Sie werden sie darin erhalten. Verträglichkeit mit den Bürgern muß stattfinden; sie sind mit Euch verwandt, sie haben denselben Zweck: Preußen's Größe und Ruhm aufrecht zu halten und Deutschland's Einigkeit mit zu begründen; sie sind Eure Brüder ‒ und Sie, Bürger, werden nicht vergessen, daß in der Armee Ihre Brüder, Freunde, Väter sind! Meine Herren! Es thut mir leid, daß ich an dem heutigen Tage die Truppen nicht Sr. Majestät vorführen konnte. Er erkennt die Beschwerden, die der Dienst ihnen macht, an: er hat den Soldaten daher eine Zulage bestimmt. Es macht mich sehr glücklich, dieses Ihnen bekannt machen zu können. Es lebe Se. Majestät der König!“ Wien, 15. Sept. Heute Nachmittag um 2 Uhr ist bei der ungarischen Gesandtschaft ein Kourier mit der Nachricht angekommen, daß Jellachich auf Befehl des Hofes über die Drau zurückgegangen sei. (C. Bl.) Wien, 18. Sept. Glaubwürdigen Berichten zufolge ist Fürst Windischgrätzvon Prag abgereist und befindet sich seit einigen Tagen in Wien oder Schönbrünn. (Gerad' aus). Charlottenburg. Am 19. d. M. traf der Generallieutenant v. Wrangel hierselbst ein, um auf einige Zeit, als kommandirender General für die Marken, sein Hauptquartier in Charlottenburg zu nehmen! G. Erfurt, 20. Sept. Unsere Polizei beweist noch täglich a posteriori, daß Se. Majestät in Gnaden noch nicht geruht haben, die blos „versprochene“ Habeas-corpus-Acte zu vollziehen und daß die Preßfreiheit zwar eine königliche Verheißung aber noch keine Wahrheit ist. Gestern arretirte man einen Bürger, weil er das Berliner Manifest an die Soldaten an verschiedenen Orten anheftete. Unsere Post unterstützt eifrig unsere Polizei. (In Köln ebenfalls!) Der Hr. Postmeister selbst beschäftigt sich mit dem Wiederabreißen solcher Plakate, welche zur Verbrüderung und zur Sühne auffordern. Gestern stand ein Haufen Soldaten an einer Straßenecke und studierte das Manifest. Da kam der pensionirte Oberstlieutenant v. Clausewitz und sprach im Unteroffizierton: „Kinder, geht weck da! les't das Sch ‒ zeug nicht! S'ist alles erstunken und erlogen, was da angeschlagen steht. Nächstens werde Ich was anschlagen lassen, das wird sich aber gewaschen haben, ‒ auf Offizierparole!“ Der Hr. Oberstlieutenant, welcher von den Soldaten ausgelacht wurde, ist ein sehr rüstiger, arbeitsfähiger Mann, Mitglied des hiesigen patriotischen (Denuncianten)-Vereins und im Vollgenuß eines erstaunlich hohen Ruhegehalts, worin er durch Heranziehung zur Einkommensteuer und durch verdienstmäßige Abzüge verkürzt zu werden fürchtet. Darmstadt, 19. Sept. Gestern fand hier eine erhebende Feier statt, an der mehrere Tausend Menschen Theil nahmen. Die Freunde, Schüler und Anhänger Weidig's weihten das einfache Denkmal ein, welches sie diesem vielbeweinten Märtyrer der Freiheit gesetzt haben. ‒ Stuttgart, 18. Sept. Die gestrige Volksversammlung in Eßlingen war eben so stark besucht, wie die zu Heilbronn. Es ist schlimm, aber es ist wahr: wir gehen sehr schweren Ereignissen entgegen; der geringste Anstoß, und die Flamme schlägt zum Dach hinaus. Im Allgemeinen hatte die Eßlinger Versammlung dieselbe Richtung wie die in Heilbronn, entschieden demokratisch, und es ist anzunehmen, daß die in den nächsten Tagen weiter beabsichtigten Volksversammlungen zu Reutlingen, Stuttgart und Ulm ein gleiches Gepräge haben werden. Die Reaktion glaubte ihr Spiel schon zu sicher gewonnen; jetzt hat man ihr in die Karten gesehen und man will nun ihre Stütze und ihren Halt, den Adel, ganz entfernt wissen. So kehrte sich gestern auch die Abneigung hauptsächlich gegen die Kammer der Standesherren, gegen deren ferneres Zusammentreten man sich entschieden erklärte. In der vorgestrigen Sitzung des Verwaltungsrathes der Bürgerwehr wurde ein Schreiben des Kriegsdepartements verlesen, worin derselbe nun dem Wunsche unserer Bürgerartillerie entspricht und derselben 6 Geschütze vom Staate unter Garantie der Stadtgemeinde verabfolgt; auch die Munition kann dieselbe in Zukunft vom Staate zu den Kostenpreisen erhalten. (Fr. J.) Ungarn. Pesth, 15. September, (Sitzung des Reichstags.) Batthyányi. Von der Tribüne: Mit Bedauren muß ich anzeigen, daß die definitive Antwort mit dem Dampfboot nicht angelangt ist; und so könnte ich vor 24 Stunden nicht im Stande sein einen Beschluß zu fassen, da wir aber soeben von Drávácz Lager Nachricht erhielten daß unser Heer ohne Befehlshaber steht, bin ich gezwungen, einen Vorschlag dem Hause zu machen. Záborszky will den Brief von Csányi lesen, kann aber nicht, so nimmt ihn Kossuth und liest ihn selber; der Brief ist von gestern, d i. den 14., aus Keßthely datirt. Erst drükt Csanyi in traurigen Worten seine schreckliche Lage aus, dann erzählt er, nachdem ihm Gr. Teleky Adam versprochen, von Keßthely aus den Feind anzugreifen und er (Csányi) dasselbe mit Hülfe eines allgemeinen Volksaufgebotes von allen Seiten unterstützt, Jellachich derartig aufgehalten hätte. ‒ Was geschieht nach Alldem? In dem Augenblicke des Angriffs erklärt Graf Adam Teleky sammt seinem Offizier-Corps, daß sie gegen Jlleachich nicht kämpfen werden. (Ungeheure Aufregung im Hause, die Meisten springen von ihren Sitzen auf, man hört wie aus einem Munde: Verräther! Nieder mit den Verräthern; die Gallerien scheinen herab zu brechen.) Er werde nicht kämpfen gegen Jemand, mit dem er einen Schwur geschworen. Er hat dieß Jellachich zu wissen gemacht (Aufregung) mit der Erklärung, daß er sich neutral verhalten werde; und Jellachich erwiederte, daß er die Neutralität nur dann erkenne, wenn Teleky sich nach Steiermark zurückziehe. Teleky fordert auch gute Verproviantirung der Linientruppen, sonst sagt er, sei er gezwungen zu Jellachich zu übergehen, übrigens kenne er die Legalität des ungarischen Ministeriums nicht an. (Aufregung im Saal) Csányi referirt ferner, daß Jelachich gezwungen sei, fortwährend vorzurücken, da seine zusammgeklaubte Armee mit dem ungarischen Volke kaum in gutem Einverständniß leben, und es ihm an Proviant fehlen würde. ‒ So weit der Brief. Báthyanyi. Sie ersehen hieraus, daß der Befehlsstab in dieses Menschen Hände nicht einen Augenblick länger bleiben kann. Ich erlaube mir Ihnen einen Vorschlag zu machen. (Hören wir) Se. Hoheit der Palatin soll sogleich ins Lager ziehen. (Außerordentlicher Beifall) Kossuth (außerordentliches Zurufen von den Gallerien) Es ist nun einmal wahr, daß es in der Geschichte kein Beispiel gibt, gleich diesem; daß eine Nation in der Dynastie und in sich selbst so viel Verrath gefunden hätte, als die arme ungarische Nation! Wer hätte es gedacht, daß selbst der Name Teleky nicht rein und heilig bleiben könne, und mit schmutzigem Verrath befleckt werden müsse. (Aufregung.) (Unten, am Donau-Quai ist großer Lärm, und Kossuth bittet Jemanden auf die Altane zu gehen (Madaráß wird gebeten), denn durch Lärmen können wir das Vaterland nicht retten.) Was den Palatin anbelangt, so glaube ich, daß er einen Palatinal-Schwur abgelegt hat, welchen er befolgen muß und wird. ‒ Das Memorandum des Königs an Jellachich vom 4. September ist eigentlich nur ein huldvolles Schreiben, wenn ich dieses nicht für ein solches halten müßte, welches dem Krankheitszustand Sr. Majestät zuzuschreiben ist, hieße das einen königlichen Schwur brechen, aber in diesen Brief ist davon nichts, daß Jellachich Ungarn erobern soll; nun hat der Palatin vom Hofe keine Benachrichtigung (Instruktion), so muß er wählen zwischen seiner Geburts- und zwischen seiner Schwurstellung. Er sollte das wählen, was das Ehrgefühl und sein Vaterland gebeut; und er wird dieß auch nicht verweigern, wenn er nicht von der Person Sr. Majestät einen andern Befehl erhalten hat; eine Deputation aus unserer Mitte sage ihm, daß er ohne Aufschub gleich Morgen ins Lager gehen möge, daß er alle mögliche Mittel anwende, welche zu einem glücklichen Erfolge nöthig sind. ‒ Wir müssen auch eine Kommission ins Lager senden, und sollte der Palatin unsere Bitte nicht erfüllen ‒ ‒ (Redner, denk ein wenig nach) würde ich schon dann meine Meinung aussprechen ‒ Als Kapitän dieses Landes darf er nicht eine Handbreit des ungarischen Bodens erobern lassen; und ich bin überzeugt, daß es sehr viele Menschen geben wird, die sich nicht unterstehen werden einen Finger aufzuheben gegen Jene, wo der Neffe des Königs, ein Glied der königlichen Familie ist (Beifall). (Man wünscht, daß Kossuth mit der Deputation nach Osen gehe.) Meine Herren, mich bitte ich hiermit zu verschonen; denn es ist besser, wenn ihn beliebtere Menschen als ich bin, bitten werden; ohnehin soll der Präses des Hauses immer das Amt versehen. Die Deputation geht nach Osen um 1/4 auf 12 Uhr und kehrt gerade um Mitternacht zurück. ‒ Pàzmàndy. Ich kann mit Vergnügen erscheinen, da Sr. k. Hoheit es für seine Pflicht erkenne und mit aufrichtiger Bereitwilligkeit ins Lager zieht (anhaltendes Eljen). Als Bedingniß stellt er aber, daß das verehrte Haus auf legalem Wege und immer in den Formen bleibe, und bis von Sr. Majestät keine sichere Antwort angelangt, es nicht ungesetzliche Maßregeln ergreife ‒ ferner hat er sichere Nachricht, daß durch den Verrath des Teleky das Heer von Csányi stark zusammen geschmolzen ist. das Haus möge also Anstalt treffen, alle Kräfte in Anspruch zu nehmen, und auf einen gewissen Punkt die Streitkräfte zusammen ziehen. Endlich läßt Sr. Hoheit das Haus versichern, wenn ein jeder es betrügerisch hintergehen wird, sein Name auch nach seinem Tode so aufgezeichnet werden muß, daß er der einzige gewesen, der die ungarische Nation nicht betrogen hat. (Stürmischer Beifall.) Kossuth. Wenn ich lebe, werde ich die Thaten beurtheilen ich werde nicht ungerecht sein. ‒ Was nun den legalen Weg anbelangt, den seine Hoheit meint ‒ er kann darunter nichts anders verstehen, als daß wir den königlichen Thron nicht für leer erklären und der Meinung sind wir auch. Was aber die Gesetzgebung und ihre Beschlüsse betrifft, da erkläre ich, Se. Majestät möge herabkommen, ohne die Kamarilla, und ich versichere, wir werden nicht nöthig haben Beschlüsse zu vollziehen. ‒ Se. Majestät wird Alles sanktioniren, was die Nation wünscht. Uebrigens ist Se. Hoheit ganz unserer Meinung, wenn er sagt: Die Gesetzgebung soll alle Kräfte in Anspruch nehmen, und die Streitkräfte ihm zu Hilfe schicken. ‒ Nun, was endlich die Slaven anbelangt, die 20 oder 30,000 Kroaten, die dürfen träumen von einem slavischen Reich und von der slavischen Sprache beim Pester Reichstag, und dürfen Ungarn Panonnien nennen ‒ aber den Magyaren werden sie nicht unterdrücken ‒ die Dynastie wird vielleicht zu Grunde gehen, aber der Magyare ist durch das 100jährige Türkenjoch gestählt worden. Nach dem Verrath, der uns zu Grunde richtet, wird die Dynastie nicht drei Wochen leben. ‒ Redner wünscht noch, daß man so viel Kavallerie als nur möglich, ins Lager sende, weil Jellachich an dieser großen Mangel leidet; endlich wünscht er, Perczel, Aßtalos Pàl und Bonis in das Lager als Kommissäre zu ernennen, was von Batthyanyi nicht angerathen wird, indem der Palatin den Oberbefehl hat; aber es wird vom Hause doch angenommen. Ende der Sitzung 1 Uhr. ‒ In der Deputation, die zum Wiener Volke geschickt wird, kommen die [Fortsetzung] [Feuilleton] [Fortsetzung] liche Kapitalien aufzunehmen. Alles Getreide auf Termin wird ihm jeder ohne Anstand verkaufen. Ob der Verkäufer wirklich Getreide besitzt ist gleichgültig. Der Verkäufer ist selbst Inhaber von Kapitalien und hat also ebenfalls die Fähigkeit, Getreide ankaufen zu können. Um die wirkliche Herbeischaffung handelt es sich vorläufig nicht, sondern nur um die schließliche Auszahlung der Preisdifferenz. Es geht also eine förmliche Reduzirung vor sich. Mein Vermögen statt nach Thalern wird in Scheffeln berechnet. Die Lieferungsscheine bilden so zu sagen ein neues Papiergeld, neue Fonds, welche unter den Kapitalisten, resp. Getreidespekulanten Kours erhalten, und dieselbe Agiotage hervorrufen, wie die französischen und englischen Staatspapiere. Wir haben in jüngster Zeit geseh'n, mit welcher Sicherheit dieses Papiergeld gefordert wurde. Frauen, die keine andere Baarschaft, kein anderes Kapital besaßen, als ihre Zärtlichkeit für ‒ ihre Ehemänner, erhielten im Austausche dieser Zärtlichkeit Lieferungsscheine, die aus ihren zarten Händen weiter wanderten, um Hinterlassung einer baaren Differenzauszahlung. Wie man in Frankreich mit dem Taback verfuhr, so verfuhr man in Köln mit dem Getreide. Da durch die Lieferungsscheine das Getreide ebensosehr ein Monopol geworden ist, wie es in Frankreich der Taback ist, so bekamen diese Lieferungsscheine ganz den Werth, wie in Frankreich die Autorisation, Taback verkaufen zu können. Die französischen Damen, welche diese Autorisation erhalten, verkaufen nicht selbst, so wenig als unsere schöne Damen das Korn, aber die Autorisation ist immer eine Rente von 2000 Franken werth, und diese Rente wurde ihnen unter Guizot ebenso graziös angeboten, wie eine Prise Taback, wie 500 Malter Korn, auf ihre bloße Schönheit. Die Macht des Kapitals, welche darin besteht, über Getreide zu gebieten, erhält in diesen Scheinverkäufern einen um so drohendern Ausdruck, als der Lieferungsschein zugleich die Macht einschließt, Korn zu verweigern. An die Stelle der wirklichen Proviantkammern treten die drohend leeren Räume; durch die Reduzirung aller Kapitalgattungen in eine Spezies, wird der ganze Kornbetrag ob effektif ob fiktif den Kornspekulanten verschrieben, und diese Verschreibungen in Masse cirkuliren in der Masse der Spekulanten, in feindseligem Verhältnisse zu den Konsumenten. Die Spekulanten, ohne wirkliches Getreide zu besitzen, sind peremptorisch die Herren über das Getreide in den Ländern, wo der Pfeffer wächst. Sie haben das Korn im Stengel aufgekauft; sie sind die wahren Besitzer, der verschuldete Bauer ist nur noch der nominelle Besitzer. Das Hauptargument der Getreidespekulanten zu Gunsten ihrer Spekulation besteht darin, zu behaupten, daß durch die Lieferungsverkäufe alle Kapitalien in den Handel gezogen und dadurch die Herbeischaffung von allen Seiten betrieben wird. Was wird herbeigeschafft? Etwa Korn? Nein, sondern man schafft die Fähigkeit, herbeischaffen zu können. Nicht die Leute werden Getreidehändler, sondern die den Leuten angehörigen Kapitalien werden nach Körnern berechnet. Nicht gefüllte Magazine werden geschaffen, sondern auszufüllende Räume. Das Gerundium und Supinum spielen die Hauptrolle bei dieser Operation. Das Kapital steht in der Aehre auf der Spitze. Die herbeischaffenden Kräfte, das Kapital, das Geld, sind einig über das, was herbeigeschafft werden soll, aber das herbeizuschaffende fährt ab oder zu, bleibt auf dem Wege oder kömmt an, liegt in ferner Aussicht oder cirkulirt wie baare Münze, ganz nach Belieben der Spekulanten. Durch die Reduzirung alles Kapitals in Lieferungsscheine nimmt das Kapital selbst die Form eines Mehlsackes an, der den Konsumenten zeigt, daß er sich füllen kann, wenn er will. Diese Einleitung war nöthig, um die Geschichte der Geschäfte kennen zu lernen, welche vor zwei Jahren unsere Stadt Köln betrübt haben. Die klare Auseinandersetzung dieser Verhältnisse und der Personen, welche eine Hauptrolle dabei spielten, wird in einer der nächsten Nummern nachfolgen.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Marx-Engels-Gesamtausgabe: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-20T13:08:10Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jürgen Herres: Konvertierung TUSTEP nach XML (2017-03-20T13:08:10Z)
Maria Ermakova, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Frank Wiegand: Konvertierung XML nach DTA-Basisformat (2017-03-20T13:08:10Z)

Weitere Informationen:

Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 1 (Nummer 1 bis Nummer 183) Köln, 1. Juni 1848 bis 31. Dezember 1848. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz111_1848
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz111_1848/2
Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 111. Köln, 24. September 1848, S. 0550. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz111_1848/2>, abgerufen am 19.08.2019.