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Marburger Zeitung. Nr. 10, Marburg, 24.01.1911.

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Marburger Zeitung.



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Samstag abends.

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11--12 Uhr vorm. und von 5--6 Uhr nachm. Postgasse 4.

Die Verwaltung befindet sich: Postgasse 4. (Telephon Nr. 24.)


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allen größeren Annoncen-Expeditionen entgegengenommen
und kostet die fünfmal gespaltene Kleinzeile 12 h.

Schluß für Einschaltungen:
Dienstag, Donnerstag, Sam[s]tag 10 Uhr vormittags.

Die Einzelnummer kostet 10 Heller.




Nr. 10 Dienstag, 24. Jänner 1911 50. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Kuratel!

Der Koadjutor der Wiener Erzdiözese, Doktor
Nagel, hat an alle Vereine, welche sich "katho-
lisch" nennen oder als "katholisch" gelten wollen,
einen Erlaß gerichtet, welcher für alle, die sich jenem
kirchlichen Dekrete beugen wollen, nichts anderes
bedeutet als die vollkommene bürgerliche Ent-
rechtung.

Wenn der Plan gelingt, den die Herrschsucht
des Verwesers der Wiener Erzdiözese ausgeheckt hat,
geht es nimmer tiefer, ist die Verknechtung am
Ziele. Fürstbischof Nagel hat über alle "katholischen"
Vereine der Erzdiözese Wien die Kuratel verhängt,
die Möglichkeit auch nur der leisesten Regung bür-
gerlicher Selbständigkeit "katholischer" Körperschasten
brutal erwürgt, alles, was da den Namen einer
"katholischen" Vereinigung tragen will, entmündigt,
entmannt.

Man könnte, müßte es für einen blutigen Fast-
nachtsulk eines Cynikers halten, wenn es nicht im
Wiener Diözesanblatt und in der Reichspost stünde.
Zum Dank für seine Gläubigkeit, für die rührende
Einfalt, in der das klerikal gesinnte Volk dem Klerus
gab, was es ihm nur geben konnte; zum Dank für
seine Selbstentäußerung, in der es seiner Nöte ver-
gaß, für den politischen Klerus frondete, vor dessen
Mandataren auf die Knie fiel und ihnen mit den
müden wunden Rücken eine Leiter machte, auf denen
die "Diener Gottes" von den Altären nach den
Höhen dieser Welt, zu irdischer Macht und reich-
bestellten Tafeln klimmen konnten; zum Dank und
Lohn für Opfer über Opfer an Treue, Selbstver-
gessenheit, Demut drückt der hochwürdigste Herr
Nagel den "katholischen" Vereinen vor der ganzen
Welt das Sklavenmal auf, indem er folgendes
"verordnet":

1. Jeder Verein, welcher der katholischen Sache
dienen und den Schutz und Segen des Oberhirten
der Erzdiözese genießen will, hat für seine Sta-
[Spaltenumbruch] tuten
die Genehmigung des fürsterzbischöf-
lichen Ordinariats anzusuchen. Wo dies bei be-
stehenden Vereinen unterlassen worden wäre, soll es
baldmöglichst, wenigstens aber innerhalb dreier Mo-
nate nachgeholt werden. So oft das Ansuchen um
staatliche Genehmigung eines katholischen Vereines
(Kongregation) notwendig und förderlich erscheint,
hat dieses Ansuchen nach erfolgter kirchlicher
Genehmigung der Statuten zu geschehen.

2. Jeder Verein hat nach Schluß eines jeden
Vereinsjahres einen kurzen Tätigkeitsbericht an das
fürsterzbischöfliche Ordinariat einzusenden.

3. Vereine, welche Vereinsnachrichten mittels
der Presseoder Schreibmaschine (!) veröffentlichen oder
Zeitschriften zur Förderung des Vereinszweckes
publizieren, haben ein Exemplar dieser Publikationen
an das Vereinsarchiv des fürsterzbischöflichen Ordi-
nariates einzusenden.

4. Kein Verein darf aufgelöst werden,
bevor das fürsterzbischöfliche Ordinariat nicht
hiezu seine Zustimmung gegeben hat, weshalb
vor der eventuellen Auflösung eine motivierte Ein-
gabe an das fürsterzbischöfliche Ordinariat zu machen
ist. (Also nicht einmal auflösen dürfen sich diese
Vereine, ganz gegen das staatliche Vereinsgesetz!)

5. Jeder Pfarrer soll ein genaues Verzeich-
nis der in seiner Pfarre bestehenden katholischen
Vereine führen und wenigstens einmal
im Jahre die in seiner Pfarre bestehenden Vereine
besuchen und durch Worte der Aufmunterung die
Vereine seiner Pfarre fördern. Bei den kanonischen
Visitationen sollen die Dechanten auf die Pflege des
katholischen Vereinslebens jedesmal ihr Augenmerk
hinrichten. Das fürsterzbischöfliche Ordinartat reser-
viert sich das Recht, durch eigens hiezu bestellte
fürsterzbischöfliche Kommissäre die Vereine zu
überwachen.

6. Gleichartige Vereine sollen (ähnlich wie es
beim Katholischen Gesellenverein ist). Diözesanver-
bände gründen und die diesbezüglichen Statuten
[Spaltenumbruch] dem fürsterzbischöflichen Ordinariat vorlegen. -- --
-- Was bedarf es im bürgerlichen Leben, um einen
einzigen armen Trottel unter Kuratel zu stellen!
Welche Sicherungen sind da geschaffen, was muß
da alles an Erhebungen und Verhandlungen ge-
schehen, ehe ein Mensch entmündigt werden kann.
Herr Nagel aber stellt Hunderte von Vereinen mit
vielen tausend Mitgliedern mit einem einzigen Ukas
im Handumdrehen unter Kuratel und -- macht sich
selbst zum Kurator.

Der k. k. Richter, der einen einzigen Menschen,
der im Besitze seiner fünf Sinne ist, entmündigen
würde, würde gestäupt; der römische Agent darf
Tausende österreichischer Staatsbürger unter Kuratel
stellen, entmannen und mit den Eunuchen ein Heer
organisieren, das jederzeit bereit sein muß, selbst
gegen den Staat zu marschieren, da in seinem Re-
glement die römische Agentur dem Staate überge-
ordnet ist.

Und diese schimpfliche Kuratel hat man nicht
irgendwo in einem slawischen Analphabetenwinkel zu
verhängen gewagt; ihr Schauplatz ist das Herz
Deutschösterreichs! Deutsche sollen als erste in
die tiefste Tiefe schimpflicher Knechtschaft getrieben
werden.

Würde die Staatsgewalt in irgend einem Staate
eine derartige moralische Niederwerfung der primärsten
Rechte der Bevölkerung wagen, so würde ein Sturm der
Entrüstung durch alle Lande gehen und wenn jene Re-
gierung zufällig keine klerikale wäre, würden auch die
Klerikalen sich nicht genug tun können mit Ausbrüchen
der Entrüstung über eine derart ungeheuerliche Ent-
rechtung und Niederknüppelung der Bevölkerung. Aber
dem Verweser der Erzdiözese Wien, die einst einen
Kardinal Rauscher zu den ihren zählte, der an-
scheinend darauf bedacht ist, die letzten, nervöser
Angst entsprungenen und das katholische Leben
lähmenden Diktaturerlässe des römischen Bischofs
noch weit zu vergröbern, der darf den Staatsbürgern
Österreichs Derartiges bieten!




[Spaltenumbruch]
Auf der Bergleite.

Nachdruck verboten. 11

Breitspurig lehnte er sich jetzt an den Tisch.

"Siehst es ja selbst, daß niemand in der
Hütten herinnen ist, kein Bub' -- kein Dirndl!
Du bist schon falsch berichtet. Dein Quirin bringt
sein wertvolles Leben nit in Gefahr!" lächelte
Bartl spaßhaft. Ich täts ihm auch nit raten! Einer
der aufs Wildern ausgeht, der scheut die helle
Tageszeit und die geraden Wege, -- der schleicht
auf krummen Wegen im Dunkeln umeinand'!"

"Willst Du etwa gar sagen, daß mein Quirin
aufs Wildern ausgeht?" fragte Hinterhuber im
drohenden Tone.

"Ach beileib' nit, Armenpfleger, da könnt' ich
ja gestraft werden!" erwiderte Bartl mit freundlicher
Ruhe. "Eine Sach', die man nit gewiß weiß, darf
man nit nachreden und zur Nachtzeit komm' ich im
Winter nit vom Häusel fort. So wars nit gemeint!
Nur das Wildern auf mein Dirndel, 'das sollt er
halt bleiben lassen, der Quirin!"

"Mei, der Bursch' hat's Militär hinter sich
und seinen eigenen Willen! Wenn er die Kuni ernst
nimmt, -- ich könnt' nix dagegen tun!" meinte
Hinterhuber mit verstelltem Lächeln. "Hat schon
mancher hausgesessene Bauernsohn ein armes Dirndel
gefreit und ist damit nit schlecht gefahren und Deine
Kuni ist ein sauberes, ein richtiges Dirndl."


[Spaltenumbruch]

Bartl stutzte; wo sollte das hinaus? Er kannte
den alten Fuchs bis in die Seele hinein, ihm konnte
Hinterhuber kein X für ein U vormachen.

"A na, so ein Glück steht meiner Kuni nit zu!
Da tät' doch Deine ganze Freundschaft rebellisch
werden!" gab er scherzhaft zur Antwort. "Ich
möcht's meinem Dirndel auch gar nit so gut wünschen!
Weißt, das Beste vom Leben tut man nit so leicht
fortgeben und mein Kindl ist der helle Sonnenschein
für mein Alter. Allein wär' ein schlechtes Hausen
da herinnen! Brauchst Dir keine unnützen Sorgen
machen unsertwegen, Hinterhuber; Dein Quirin
nimmt meine Kuni nit, -- -- und meine Kuni
nimmt Deinen Quirin erst recht nit!"

"Bist Du ein grantiges Mannsbild, Bartl!"
Mit unruhigen Schritten ging Hinterhuber in dem
kleinen, niedrigen Stübchen hin und her; sein
spionierender Blick streifte jeden Winkel ab, ver-
mochte aber nichts Ungehöriges zu entdecken. Er
war innerlich aufgebracht über den notigen Fretter
und hätte ihn am liebsten in geringschätziger Weise
abgefertigt, doch rechtzeitig besann er sich noch
eines Besseren.

"Ich bin doch nit zu einem Streithandel zu
Dir in die eisige Wildnis herausgekommen! Eine
Gefälligleit könntest Du mir tun! Du hast einen
großen Anhang unter den Leuten, bist um und um
in der Gegend gut bekannt um weißt um so manche
Familiensach', die man nit gern unter die Leut'
bringt. In deinen jungen Jahren bist Du als
Schneidergesell auch allweil in "Grün" beim Riedel-
[Spaltenumbruch] bauern aus- und eingegangen und mit der Bürger-
meisterin, mit der Bergleitnerin, hast Du Dich auch
vertraulich gestanden. Bürgermeister will ich werden!
Aber man könnt' schon meinen, der Bergleitner, der
könnt' noch aus seinem Grab heraus das Amt ver-
walten und kein anderer dürft' sich an seine Seit'
hinstellen", fuhr er in giftigem Tone fort. "Du
sollst ein Bißl für mich sprechen da und dort und
dem Bergleitner ein Bißl was von seinen Tugenden
und seiner Rechtschaffenheit herunter tun, damit ich
durchgeh' bei der Wahl! Auf einen Ster Buchen-
holz und ein Stückl Geld solls mir nit ankommen.
Dein Häusel kriegt ein neues Dach, Du ein neues
Gewand und ein Bißl Aufbesserung, wenn Du etwas
aufbringst, was gegen Ehr' und Ansehen des Toni
handelt!"

Bartl drückte das eine Auge zu und pfiff still-
vergnügt vor sich hin. "Mit Speck fängt man
Mäuse", ging es ihm durch den Sinn. Wohlweislich
sprach er es aber nicht aus.

"Aha, so weht der Wind? Deswegen bemühst
Du Dich in die eisige Wildnis, Hinterhuber?!"
fragte er belustigt. "Reden könnt' ich gar manches,
-- -- aber --"

"Aber?" drängte Hinterhuber lauernd und
hielt den Bartl freundschaftlich am Joppenärmel fest.

"Aber ich will halt nit!" versicherte Bartl mit
lächelndem Gleichmut. "Eine Freundschaft um die
andere! Gelt, jetzt könntest Du mich brauchen?
Doch damals vor acht Jahren, wie ich als Zieler
am Scheibenstand mein Aug' verloren und mit der


Marburger Zeitung.



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Der Preis des Blattes beträgt: Für Marburg:
Ganzjährig 12 K, halbjährig 6 K, vierteljährig 3 K, monat-
lich 1 K. Bei Zuſtellung ins Haus monatlich 20 h mehr.

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Ganzjährig 14 K, halbjährig 7 K, vierteljährig 3 K 50 h.
Das Abonnement dauert bis zur ſchriftlichen Abbeſtellung.


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Erſcheint jeden Dienstag, Donnerstag und
Samstag abends.

Sprechſtunden des Schriftleiters an allen Wochentagen von
11—12 Uhr vorm. und von 5—6 Uhr nachm. Poſtgaſſe 4.

Die Verwaltung befindet ſich: Poſtgaſſe 4. (Telephon Nr. 24.)


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Anzeigen werden im Verlage des Blattes und von
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und koſtet die fünfmal geſpaltene Kleinzeile 12 h.

Schluß für Einſchaltungen:
Dienstag, Donnerstag, Sam[ſ]tag 10 Uhr vormittags.

Die Einzelnummer koſtet 10 Heller.




Nr. 10 Dienstag, 24. Jänner 1911 50. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Kuratel!

Der Koadjutor der Wiener Erzdiözeſe, Doktor
Nagel, hat an alle Vereine, welche ſich „katho-
liſch“ nennen oder als „katholiſch“ gelten wollen,
einen Erlaß gerichtet, welcher für alle, die ſich jenem
kirchlichen Dekrete beugen wollen, nichts anderes
bedeutet als die vollkommene bürgerliche Ent-
rechtung.

Wenn der Plan gelingt, den die Herrſchſucht
des Verweſers der Wiener Erzdiözeſe ausgeheckt hat,
geht es nimmer tiefer, iſt die Verknechtung am
Ziele. Fürſtbiſchof Nagel hat über alle „katholiſchen“
Vereine der Erzdiözeſe Wien die Kuratel verhängt,
die Möglichkeit auch nur der leiſeſten Regung bür-
gerlicher Selbſtändigkeit „katholiſcher“ Körperſchaſten
brutal erwürgt, alles, was da den Namen einer
„katholiſchen“ Vereinigung tragen will, entmündigt,
entmannt.

Man könnte, müßte es für einen blutigen Faſt-
nachtsulk eines Cynikers halten, wenn es nicht im
Wiener Diözeſanblatt und in der Reichspoſt ſtünde.
Zum Dank für ſeine Gläubigkeit, für die rührende
Einfalt, in der das klerikal geſinnte Volk dem Klerus
gab, was es ihm nur geben konnte; zum Dank für
ſeine Selbſtentäußerung, in der es ſeiner Nöte ver-
gaß, für den politiſchen Klerus frondete, vor deſſen
Mandataren auf die Knie fiel und ihnen mit den
müden wunden Rücken eine Leiter machte, auf denen
die „Diener Gottes“ von den Altären nach den
Höhen dieſer Welt, zu irdiſcher Macht und reich-
beſtellten Tafeln klimmen konnten; zum Dank und
Lohn für Opfer über Opfer an Treue, Selbſtver-
geſſenheit, Demut drückt der hochwürdigſte Herr
Nagel den „katholiſchen“ Vereinen vor der ganzen
Welt das Sklavenmal auf, indem er folgendes
„verordnet“:

1. Jeder Verein, welcher der katholiſchen Sache
dienen und den Schutz und Segen des Oberhirten
der Erzdiözeſe genießen will, hat für ſeine Sta-
[Spaltenumbruch] tuten
die Genehmigung des fürſterzbiſchöf-
lichen Ordinariats anzuſuchen. Wo dies bei be-
ſtehenden Vereinen unterlaſſen worden wäre, ſoll es
baldmöglichſt, wenigſtens aber innerhalb dreier Mo-
nate nachgeholt werden. So oft das Anſuchen um
ſtaatliche Genehmigung eines katholiſchen Vereines
(Kongregation) notwendig und förderlich erſcheint,
hat dieſes Anſuchen nach erfolgter kirchlicher
Genehmigung der Statuten zu geſchehen.

2. Jeder Verein hat nach Schluß eines jeden
Vereinsjahres einen kurzen Tätigkeitsbericht an das
fürſterzbiſchöfliche Ordinariat einzuſenden.

3. Vereine, welche Vereinsnachrichten mittels
der Preſſeoder Schreibmaſchine (!) veröffentlichen oder
Zeitſchriften zur Förderung des Vereinszweckes
publizieren, haben ein Exemplar dieſer Publikationen
an das Vereinsarchiv des fürſterzbiſchöflichen Ordi-
nariates einzuſenden.

4. Kein Verein darf aufgelöſt werden,
bevor das fürſterzbiſchöfliche Ordinariat nicht
hiezu ſeine Zuſtimmung gegeben hat, weshalb
vor der eventuellen Auflöſung eine motivierte Ein-
gabe an das fürſterzbiſchöfliche Ordinariat zu machen
iſt. (Alſo nicht einmal auflöſen dürfen ſich dieſe
Vereine, ganz gegen das ſtaatliche Vereinsgeſetz!)

5. Jeder Pfarrer ſoll ein genaues Verzeich-
nis der in ſeiner Pfarre beſtehenden katholiſchen
Vereine führen und wenigſtens einmal
im Jahre die in ſeiner Pfarre beſtehenden Vereine
beſuchen und durch Worte der Aufmunterung die
Vereine ſeiner Pfarre fördern. Bei den kanoniſchen
Viſitationen ſollen die Dechanten auf die Pflege des
katholiſchen Vereinslebens jedesmal ihr Augenmerk
hinrichten. Das fürſterzbiſchöfliche Ordinartat reſer-
viert ſich das Recht, durch eigens hiezu beſtellte
fürſterzbiſchöfliche Kommiſſäre die Vereine zu
überwachen.

6. Gleichartige Vereine ſollen (ähnlich wie es
beim Katholiſchen Geſellenverein iſt). Diözeſanver-
bände gründen und die diesbezüglichen Statuten
[Spaltenumbruch] dem fürſterzbiſchöflichen Ordinariat vorlegen. — —
— Was bedarf es im bürgerlichen Leben, um einen
einzigen armen Trottel unter Kuratel zu ſtellen!
Welche Sicherungen ſind da geſchaffen, was muß
da alles an Erhebungen und Verhandlungen ge-
ſchehen, ehe ein Menſch entmündigt werden kann.
Herr Nagel aber ſtellt Hunderte von Vereinen mit
vielen tauſend Mitgliedern mit einem einzigen Ukas
im Handumdrehen unter Kuratel und — macht ſich
ſelbſt zum Kurator.

Der k. k. Richter, der einen einzigen Menſchen,
der im Beſitze ſeiner fünf Sinne iſt, entmündigen
würde, würde geſtäupt; der römiſche Agent darf
Tauſende öſterreichiſcher Staatsbürger unter Kuratel
ſtellen, entmannen und mit den Eunuchen ein Heer
organiſieren, das jederzeit bereit ſein muß, ſelbſt
gegen den Staat zu marſchieren, da in ſeinem Re-
glement die römiſche Agentur dem Staate überge-
ordnet iſt.

Und dieſe ſchimpfliche Kuratel hat man nicht
irgendwo in einem ſlawiſchen Analphabetenwinkel zu
verhängen gewagt; ihr Schauplatz iſt das Herz
Deutſchöſterreichs! Deutſche ſollen als erſte in
die tiefſte Tiefe ſchimpflicher Knechtſchaft getrieben
werden.

Würde die Staatsgewalt in irgend einem Staate
eine derartige moraliſche Niederwerfung der primärſten
Rechte der Bevölkerung wagen, ſo würde ein Sturm der
Entrüſtung durch alle Lande gehen und wenn jene Re-
gierung zufällig keine klerikale wäre, würden auch die
Klerikalen ſich nicht genug tun können mit Ausbrüchen
der Entrüſtung über eine derart ungeheuerliche Ent-
rechtung und Niederknüppelung der Bevölkerung. Aber
dem Verweſer der Erzdiözeſe Wien, die einſt einen
Kardinal Rauſcher zu den ihren zählte, der an-
ſcheinend darauf bedacht iſt, die letzten, nervöſer
Angſt entſprungenen und das katholiſche Leben
lähmenden Diktaturerläſſe des römiſchen Biſchofs
noch weit zu vergröbern, der darf den Staatsbürgern
Öſterreichs Derartiges bieten!




[Spaltenumbruch]
Auf der Bergleite.

Nachdruck verboten. 11

Breitſpurig lehnte er ſich jetzt an den Tiſch.

„Siehſt es ja ſelbſt, daß niemand in der
Hütten herinnen iſt, kein Bub’ — kein Dirndl!
Du biſt ſchon falſch berichtet. Dein Quirin bringt
ſein wertvolles Leben nit in Gefahr!“ lächelte
Bartl ſpaßhaft. Ich täts ihm auch nit raten! Einer
der aufs Wildern ausgeht, der ſcheut die helle
Tageszeit und die geraden Wege, — der ſchleicht
auf krummen Wegen im Dunkeln umeinand’!“

„Willſt Du etwa gar ſagen, daß mein Quirin
aufs Wildern ausgeht?“ fragte Hinterhuber im
drohenden Tone.

„Ach beileib’ nit, Armenpfleger, da könnt’ ich
ja geſtraft werden!“ erwiderte Bartl mit freundlicher
Ruhe. „Eine Sach’, die man nit gewiß weiß, darf
man nit nachreden und zur Nachtzeit komm’ ich im
Winter nit vom Häuſel fort. So wars nit gemeint!
Nur das Wildern auf mein Dirndel, ’das ſollt er
halt bleiben laſſen, der Quirin!“

„Mei, der Burſch’ hat’s Militär hinter ſich
und ſeinen eigenen Willen! Wenn er die Kuni ernſt
nimmt, — ich könnt’ nix dagegen tun!“ meinte
Hinterhuber mit verſtelltem Lächeln. „Hat ſchon
mancher hausgeſeſſene Bauernſohn ein armes Dirndel
gefreit und iſt damit nit ſchlecht gefahren und Deine
Kuni iſt ein ſauberes, ein richtiges Dirndl.“


[Spaltenumbruch]

Bartl ſtutzte; wo ſollte das hinaus? Er kannte
den alten Fuchs bis in die Seele hinein, ihm konnte
Hinterhuber kein X für ein U vormachen.

„A na, ſo ein Glück ſteht meiner Kuni nit zu!
Da tät’ doch Deine ganze Freundſchaft rebelliſch
werden!“ gab er ſcherzhaft zur Antwort. „Ich
möcht’s meinem Dirndel auch gar nit ſo gut wünſchen!
Weißt, das Beſte vom Leben tut man nit ſo leicht
fortgeben und mein Kindl iſt der helle Sonnenſchein
für mein Alter. Allein wär’ ein ſchlechtes Hauſen
da herinnen! Brauchſt Dir keine unnützen Sorgen
machen unſertwegen, Hinterhuber; Dein Quirin
nimmt meine Kuni nit, — — und meine Kuni
nimmt Deinen Quirin erſt recht nit!“

„Biſt Du ein grantiges Mannsbild, Bartl!“
Mit unruhigen Schritten ging Hinterhuber in dem
kleinen, niedrigen Stübchen hin und her; ſein
ſpionierender Blick ſtreifte jeden Winkel ab, ver-
mochte aber nichts Ungehöriges zu entdecken. Er
war innerlich aufgebracht über den notigen Fretter
und hätte ihn am liebſten in geringſchätziger Weiſe
abgefertigt, doch rechtzeitig beſann er ſich noch
eines Beſſeren.

„Ich bin doch nit zu einem Streithandel zu
Dir in die eiſige Wildnis herausgekommen! Eine
Gefälligleit könnteſt Du mir tun! Du haſt einen
großen Anhang unter den Leuten, biſt um und um
in der Gegend gut bekannt um weißt um ſo manche
Familienſach’, die man nit gern unter die Leut’
bringt. In deinen jungen Jahren biſt Du als
Schneidergeſell auch allweil in „Grün“ beim Riedel-
[Spaltenumbruch] bauern aus- und eingegangen und mit der Bürger-
meiſterin, mit der Bergleitnerin, haſt Du Dich auch
vertraulich geſtanden. Bürgermeiſter will ich werden!
Aber man könnt’ ſchon meinen, der Bergleitner, der
könnt’ noch aus ſeinem Grab heraus das Amt ver-
walten und kein anderer dürft’ ſich an ſeine Seit’
hinſtellen“, fuhr er in giftigem Tone fort. „Du
ſollſt ein Bißl für mich ſprechen da und dort und
dem Bergleitner ein Bißl was von ſeinen Tugenden
und ſeiner Rechtſchaffenheit herunter tun, damit ich
durchgeh’ bei der Wahl! Auf einen Ster Buchen-
holz und ein Stückl Geld ſolls mir nit ankommen.
Dein Häuſel kriegt ein neues Dach, Du ein neues
Gewand und ein Bißl Aufbeſſerung, wenn Du etwas
aufbringſt, was gegen Ehr’ und Anſehen des Toni
handelt!“

Bartl drückte das eine Auge zu und pfiff ſtill-
vergnügt vor ſich hin. „Mit Speck fängt man
Mäuſe“, ging es ihm durch den Sinn. Wohlweislich
ſprach er es aber nicht aus.

„Aha, ſo weht der Wind? Deswegen bemühſt
Du Dich in die eiſige Wildnis, Hinterhuber?!“
fragte er beluſtigt. „Reden könnt’ ich gar manches,
— — aber —“

„Aber?“ drängte Hinterhuber lauernd und
hielt den Bartl freundſchaftlich am Joppenärmel feſt.

„Aber ich will halt nit!“ verſicherte Bartl mit
lächelndem Gleichmut. „Eine Freundſchaft um die
andere! Gelt, jetzt könnteſt Du mich brauchen?
Doch damals vor acht Jahren, wie ich als Zieler
am Scheibenſtand mein Aug’ verloren und mit der


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[[1]/0001] Marburger Zeitung. Der Preis des Blattes beträgt: Für Marburg: Ganzjährig 12 K, halbjährig 6 K, vierteljährig 3 K, monat- lich 1 K. Bei Zuſtellung ins Haus monatlich 20 h mehr. Mit Poſtverſendung: Ganzjährig 14 K, halbjährig 7 K, vierteljährig 3 K 50 h. Das Abonnement dauert bis zur ſchriftlichen Abbeſtellung. Erſcheint jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag abends. Sprechſtunden des Schriftleiters an allen Wochentagen von 11—12 Uhr vorm. und von 5—6 Uhr nachm. Poſtgaſſe 4. Die Verwaltung befindet ſich: Poſtgaſſe 4. (Telephon Nr. 24.) Anzeigen werden im Verlage des Blattes und von allen größeren Annoncen-Expeditionen entgegengenommen und koſtet die fünfmal geſpaltene Kleinzeile 12 h. Schluß für Einſchaltungen: Dienstag, Donnerstag, Samſtag 10 Uhr vormittags. Die Einzelnummer koſtet 10 Heller. Nr. 10 Dienstag, 24. Jänner 1911 50. Jahrgang. Kuratel! Der Koadjutor der Wiener Erzdiözeſe, Doktor Nagel, hat an alle Vereine, welche ſich „katho- liſch“ nennen oder als „katholiſch“ gelten wollen, einen Erlaß gerichtet, welcher für alle, die ſich jenem kirchlichen Dekrete beugen wollen, nichts anderes bedeutet als die vollkommene bürgerliche Ent- rechtung. Wenn der Plan gelingt, den die Herrſchſucht des Verweſers der Wiener Erzdiözeſe ausgeheckt hat, geht es nimmer tiefer, iſt die Verknechtung am Ziele. Fürſtbiſchof Nagel hat über alle „katholiſchen“ Vereine der Erzdiözeſe Wien die Kuratel verhängt, die Möglichkeit auch nur der leiſeſten Regung bür- gerlicher Selbſtändigkeit „katholiſcher“ Körperſchaſten brutal erwürgt, alles, was da den Namen einer „katholiſchen“ Vereinigung tragen will, entmündigt, entmannt. Man könnte, müßte es für einen blutigen Faſt- nachtsulk eines Cynikers halten, wenn es nicht im Wiener Diözeſanblatt und in der Reichspoſt ſtünde. Zum Dank für ſeine Gläubigkeit, für die rührende Einfalt, in der das klerikal geſinnte Volk dem Klerus gab, was es ihm nur geben konnte; zum Dank für ſeine Selbſtentäußerung, in der es ſeiner Nöte ver- gaß, für den politiſchen Klerus frondete, vor deſſen Mandataren auf die Knie fiel und ihnen mit den müden wunden Rücken eine Leiter machte, auf denen die „Diener Gottes“ von den Altären nach den Höhen dieſer Welt, zu irdiſcher Macht und reich- beſtellten Tafeln klimmen konnten; zum Dank und Lohn für Opfer über Opfer an Treue, Selbſtver- geſſenheit, Demut drückt der hochwürdigſte Herr Nagel den „katholiſchen“ Vereinen vor der ganzen Welt das Sklavenmal auf, indem er folgendes „verordnet“: 1. Jeder Verein, welcher der katholiſchen Sache dienen und den Schutz und Segen des Oberhirten der Erzdiözeſe genießen will, hat für ſeine Sta- tuten die Genehmigung des fürſterzbiſchöf- lichen Ordinariats anzuſuchen. Wo dies bei be- ſtehenden Vereinen unterlaſſen worden wäre, ſoll es baldmöglichſt, wenigſtens aber innerhalb dreier Mo- nate nachgeholt werden. So oft das Anſuchen um ſtaatliche Genehmigung eines katholiſchen Vereines (Kongregation) notwendig und förderlich erſcheint, hat dieſes Anſuchen nach erfolgter kirchlicher Genehmigung der Statuten zu geſchehen. 2. Jeder Verein hat nach Schluß eines jeden Vereinsjahres einen kurzen Tätigkeitsbericht an das fürſterzbiſchöfliche Ordinariat einzuſenden. 3. Vereine, welche Vereinsnachrichten mittels der Preſſeoder Schreibmaſchine (!) veröffentlichen oder Zeitſchriften zur Förderung des Vereinszweckes publizieren, haben ein Exemplar dieſer Publikationen an das Vereinsarchiv des fürſterzbiſchöflichen Ordi- nariates einzuſenden. 4. Kein Verein darf aufgelöſt werden, bevor das fürſterzbiſchöfliche Ordinariat nicht hiezu ſeine Zuſtimmung gegeben hat, weshalb vor der eventuellen Auflöſung eine motivierte Ein- gabe an das fürſterzbiſchöfliche Ordinariat zu machen iſt. (Alſo nicht einmal auflöſen dürfen ſich dieſe Vereine, ganz gegen das ſtaatliche Vereinsgeſetz!) 5. Jeder Pfarrer ſoll ein genaues Verzeich- nis der in ſeiner Pfarre beſtehenden katholiſchen Vereine führen und wenigſtens einmal im Jahre die in ſeiner Pfarre beſtehenden Vereine beſuchen und durch Worte der Aufmunterung die Vereine ſeiner Pfarre fördern. Bei den kanoniſchen Viſitationen ſollen die Dechanten auf die Pflege des katholiſchen Vereinslebens jedesmal ihr Augenmerk hinrichten. Das fürſterzbiſchöfliche Ordinartat reſer- viert ſich das Recht, durch eigens hiezu beſtellte fürſterzbiſchöfliche Kommiſſäre die Vereine zu überwachen. 6. Gleichartige Vereine ſollen (ähnlich wie es beim Katholiſchen Geſellenverein iſt). Diözeſanver- bände gründen und die diesbezüglichen Statuten dem fürſterzbiſchöflichen Ordinariat vorlegen. — — — Was bedarf es im bürgerlichen Leben, um einen einzigen armen Trottel unter Kuratel zu ſtellen! Welche Sicherungen ſind da geſchaffen, was muß da alles an Erhebungen und Verhandlungen ge- ſchehen, ehe ein Menſch entmündigt werden kann. Herr Nagel aber ſtellt Hunderte von Vereinen mit vielen tauſend Mitgliedern mit einem einzigen Ukas im Handumdrehen unter Kuratel und — macht ſich ſelbſt zum Kurator. Der k. k. Richter, der einen einzigen Menſchen, der im Beſitze ſeiner fünf Sinne iſt, entmündigen würde, würde geſtäupt; der römiſche Agent darf Tauſende öſterreichiſcher Staatsbürger unter Kuratel ſtellen, entmannen und mit den Eunuchen ein Heer organiſieren, das jederzeit bereit ſein muß, ſelbſt gegen den Staat zu marſchieren, da in ſeinem Re- glement die römiſche Agentur dem Staate überge- ordnet iſt. Und dieſe ſchimpfliche Kuratel hat man nicht irgendwo in einem ſlawiſchen Analphabetenwinkel zu verhängen gewagt; ihr Schauplatz iſt das Herz Deutſchöſterreichs! Deutſche ſollen als erſte in die tiefſte Tiefe ſchimpflicher Knechtſchaft getrieben werden. Würde die Staatsgewalt in irgend einem Staate eine derartige moraliſche Niederwerfung der primärſten Rechte der Bevölkerung wagen, ſo würde ein Sturm der Entrüſtung durch alle Lande gehen und wenn jene Re- gierung zufällig keine klerikale wäre, würden auch die Klerikalen ſich nicht genug tun können mit Ausbrüchen der Entrüſtung über eine derart ungeheuerliche Ent- rechtung und Niederknüppelung der Bevölkerung. Aber dem Verweſer der Erzdiözeſe Wien, die einſt einen Kardinal Rauſcher zu den ihren zählte, der an- ſcheinend darauf bedacht iſt, die letzten, nervöſer Angſt entſprungenen und das katholiſche Leben lähmenden Diktaturerläſſe des römiſchen Biſchofs noch weit zu vergröbern, der darf den Staatsbürgern Öſterreichs Derartiges bieten! Auf der Bergleite. Gebirgsroman von Luiſe Cammerer. Nachdruck verboten. 11 Breitſpurig lehnte er ſich jetzt an den Tiſch. „Siehſt es ja ſelbſt, daß niemand in der Hütten herinnen iſt, kein Bub’ — kein Dirndl! Du biſt ſchon falſch berichtet. Dein Quirin bringt ſein wertvolles Leben nit in Gefahr!“ lächelte Bartl ſpaßhaft. Ich täts ihm auch nit raten! Einer der aufs Wildern ausgeht, der ſcheut die helle Tageszeit und die geraden Wege, — der ſchleicht auf krummen Wegen im Dunkeln umeinand’!“ „Willſt Du etwa gar ſagen, daß mein Quirin aufs Wildern ausgeht?“ fragte Hinterhuber im drohenden Tone. „Ach beileib’ nit, Armenpfleger, da könnt’ ich ja geſtraft werden!“ erwiderte Bartl mit freundlicher Ruhe. „Eine Sach’, die man nit gewiß weiß, darf man nit nachreden und zur Nachtzeit komm’ ich im Winter nit vom Häuſel fort. So wars nit gemeint! Nur das Wildern auf mein Dirndel, ’das ſollt er halt bleiben laſſen, der Quirin!“ „Mei, der Burſch’ hat’s Militär hinter ſich und ſeinen eigenen Willen! Wenn er die Kuni ernſt nimmt, — ich könnt’ nix dagegen tun!“ meinte Hinterhuber mit verſtelltem Lächeln. „Hat ſchon mancher hausgeſeſſene Bauernſohn ein armes Dirndel gefreit und iſt damit nit ſchlecht gefahren und Deine Kuni iſt ein ſauberes, ein richtiges Dirndl.“ Bartl ſtutzte; wo ſollte das hinaus? Er kannte den alten Fuchs bis in die Seele hinein, ihm konnte Hinterhuber kein X für ein U vormachen. „A na, ſo ein Glück ſteht meiner Kuni nit zu! Da tät’ doch Deine ganze Freundſchaft rebelliſch werden!“ gab er ſcherzhaft zur Antwort. „Ich möcht’s meinem Dirndel auch gar nit ſo gut wünſchen! Weißt, das Beſte vom Leben tut man nit ſo leicht fortgeben und mein Kindl iſt der helle Sonnenſchein für mein Alter. Allein wär’ ein ſchlechtes Hauſen da herinnen! Brauchſt Dir keine unnützen Sorgen machen unſertwegen, Hinterhuber; Dein Quirin nimmt meine Kuni nit, — — und meine Kuni nimmt Deinen Quirin erſt recht nit!“ „Biſt Du ein grantiges Mannsbild, Bartl!“ Mit unruhigen Schritten ging Hinterhuber in dem kleinen, niedrigen Stübchen hin und her; ſein ſpionierender Blick ſtreifte jeden Winkel ab, ver- mochte aber nichts Ungehöriges zu entdecken. Er war innerlich aufgebracht über den notigen Fretter und hätte ihn am liebſten in geringſchätziger Weiſe abgefertigt, doch rechtzeitig beſann er ſich noch eines Beſſeren. „Ich bin doch nit zu einem Streithandel zu Dir in die eiſige Wildnis herausgekommen! Eine Gefälligleit könnteſt Du mir tun! Du haſt einen großen Anhang unter den Leuten, biſt um und um in der Gegend gut bekannt um weißt um ſo manche Familienſach’, die man nit gern unter die Leut’ bringt. In deinen jungen Jahren biſt Du als Schneidergeſell auch allweil in „Grün“ beim Riedel- bauern aus- und eingegangen und mit der Bürger- meiſterin, mit der Bergleitnerin, haſt Du Dich auch vertraulich geſtanden. Bürgermeiſter will ich werden! Aber man könnt’ ſchon meinen, der Bergleitner, der könnt’ noch aus ſeinem Grab heraus das Amt ver- walten und kein anderer dürft’ ſich an ſeine Seit’ hinſtellen“, fuhr er in giftigem Tone fort. „Du ſollſt ein Bißl für mich ſprechen da und dort und dem Bergleitner ein Bißl was von ſeinen Tugenden und ſeiner Rechtſchaffenheit herunter tun, damit ich durchgeh’ bei der Wahl! Auf einen Ster Buchen- holz und ein Stückl Geld ſolls mir nit ankommen. Dein Häuſel kriegt ein neues Dach, Du ein neues Gewand und ein Bißl Aufbeſſerung, wenn Du etwas aufbringſt, was gegen Ehr’ und Anſehen des Toni handelt!“ Bartl drückte das eine Auge zu und pfiff ſtill- vergnügt vor ſich hin. „Mit Speck fängt man Mäuſe“, ging es ihm durch den Sinn. Wohlweislich ſprach er es aber nicht aus. „Aha, ſo weht der Wind? Deswegen bemühſt Du Dich in die eiſige Wildnis, Hinterhuber?!“ fragte er beluſtigt. „Reden könnt’ ich gar manches, — — aber —“ „Aber?“ drängte Hinterhuber lauernd und hielt den Bartl freundſchaftlich am Joppenärmel feſt. „Aber ich will halt nit!“ verſicherte Bartl mit lächelndem Gleichmut. „Eine Freundſchaft um die andere! Gelt, jetzt könnteſt Du mich brauchen? Doch damals vor acht Jahren, wie ich als Zieler am Scheibenſtand mein Aug’ verloren und mit der

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Amelie Meister: Vorbereitung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T13:38:42Z)

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Zitationshilfe: Marburger Zeitung. Nr. 10, Marburg, 24.01.1911, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_marburger10_1911/1>, abgerufen am 18.07.2019.