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Der Arbeitgeber. Nr. 1059. Frankfurt a. M., 18. August 1877.

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* Arbeitmarkt. Jn Schlesien liegen zur Zeit die Arbeiter-
verhältnisse noch sehr ungünstig; die Hauptzweige der dortigen Jn-
dustrie, Kohlen= und Eisenproduction sowie die Weberei, liegen
fast ganz darnieder. Jn den Arbeitslöhnen steht die Graf-
schaft Glatz weit hinter anderen Gegenden Schlesiens zurück, denn
die vorwiegend Weberei treibende Bevölkerung darbt aus Mangel
an Beschäftigung und ungenügendem Verdienst. Für ein Stück
Leinwand gab es in früheren Zeiten 6 Mark urd darüber Lohn,
heute erhalten die Weber, die oft 3--4 Meilen zur Ablieferungs-
stelle wandern müssen, 2--2 1 / 2 M. per Stück und dürfen sie
mehr wie zwei Stück per Woche nicht liefern, während deren sonst
3--4 Stück angenommen wurden. Eine größere Fabrik bei Neu-
rode, welche 200 Handwebe= und eine Anzahl Maschinenwebstühle
enthält, reducirte ihren Betrieb seit länger auf 1 / 10 und beab-
sichtigt noch in diesem Monat ganz aufzuhören. Auch die Glas-
fabrikation
und die Glasschleiferei, die in der Gegend
von Schlegel und Reinerz Tausende ernährte, stockt; letztere
besonders wegen der durch den Krieg verhinderten Ausfuhr nach
Rußland. Hingegen beginnt ein neuer Jndustriezweig in
Neurode zu blühen, -- die Fabrikation von Heiligenbildern
nämlich! Die dortige Fabrik beschäftigt bereits circa 200 Per-
sonen und exportirt vorzugsweise nach Belgien, Frankreich
und Rumänien. Es hat demnach der leidige Kulturkampf doch
etwas Gutes bewirkt und wäre es auch nur Beschäftigung an
arbeitswillige Hände. Großer Geldmangel macht sich überall fühl-
bar und zwingt viele Geschäfte, welche ihre Gelder augenblicklich
nicht flüssig machen können, die Zahlungen einzustellen. -- Jn
Elberfeld=Barmen, Langenberg u. s. w. ist dagegen seit
6--7 Wochen ein merklicher Aufschwung zu constatiren, besonders
in ganz= und halbseidenen Regenschirm=Stoffen, Satin ec. Me-
chanische Webereien mit Dampfbetrieb, im letzten Jahre noch voll-
auf beschäftigt, haben ihre Arbeitszeit seit drei Monaten wiederum
auf 3 / 4 beschränkt, so die mechanischen Fabriken in Wülfrath,
Sonborn
und im Wupperthale. Die Verfertiger von wol-
lenen und halbwollenen Artikeln, wie Westen= und Möbelstoffen,
sind seit längerer Zeit gut beschäftigt, überhaupt lassen diejenigen
Fabriken, welche überseeische Verbindungen pflegen, für den Ex-
port,
besonders in Chemnitz, flott arbeiten. Jn der sehr dar-
niederliegenden Bandweberei und Wirkerei in Barmen, Rons-
dorf, Langenberg
zeigt sich eine kleine Besserung. Die Posa-
mentirarbeiter haben wieder vollauf zu thun, besonders für Militär-
effekten und für englischen Bedarf. Die Kalksteinbrüche bei
Dornap machen ziemlich gute Geschäfte, besonders aber die
Kalköfen; dagegen ist der Versandt von Kalkstein nach den Eisen-
hüttenwerken sehr gering, weil der rheinisch=westphälische Hütten-
betrieb sehr darnieder liegt. -- Aus Lyck wird berichtet, daß die
Ostbahndirection 500 schlesische Arbeiter herangezogen hat,
um den dortigen Arbeitermangel zu decken, desgleichen wurden von
der Baugesellschaft zur Erweiterung der Festungswerke von
Spandau 1000 Erdarbeiter gesucht. -- Jn den Cigarrenfabriken
von Delmenhorst brach schon vor längerer Zeit ein Strike
aus, der dadurch Erledigung fand, daß neue Arbeiter für die
Strikenden eingestellt wurden, während diese durch ihre Angriffe
gegen die neuen Arbeiter Anlaß zu gerichtlichem Einschreiten
gaben. --

-- Die Handelskammer zu Offenbach a. M. spricht sich
in ihrem Jahresberichte von 1876 über die Geschäftsstockungen
der dortigen Jndustrie insofern befriedigend aus, als nach Lage
der ganz abnormen Verhältnisse, Offenbach trotz aller Erschütterungen
auf dem Gebiete des gewerblichen Lebens, den ehrenvollen Ruf und
die bewährte Solidität seiner Jndustrie völlig intakt erhielt,
was hervorgehoben zu werden verdient. Am schwersten leidet die
Portefeuillewaaren=Fabrikation und zwar in Folge
einer ungesunden Situation, deren Preisschwankungen sich jeder
kaufmännischen Berechnung entziehen, weil dieselben weder durch
Einschränkung der Productionskosten noch durch billigere Deckung
des Bedarfs an Rohmaterialien ausgeglichen werden können; sie
wurden hervorgerufen durch eine Anzahl früherer Werkführer, welche
durch die Gründerzeit verleitet, um jeden Preis selbst fabriziren
wollten und nun gezwungen sind, im Verhältniß zur Groß-
industrie, sich durch Concessionen an die Käufer in ihrer Existenz
zu behaupten; dieses Arbeiten um jeden Preis schädigt aber ganz
natürlich das ganze Productionsgebiet auf das Empfindlichste und
[Spaltenumbruch] drückt auf den gesammten Jndustriezweig. Die Großindustrie
schränkte in Folge dessen ihre Production ein und dürfte sich die
Reduction auf 25% belaufen. Die Lohnsätze geübter Arbeiter
dieser Branche hielten sich durchschnittlich auf der Höhe von 20 M.,
der Arbeiterinnen auf 9 M. bei einer Arbeitszeit von 10 Stunden
netto. Der früher so außerordentlich bedeutende Export nach
Nordamerika und England hat beträchtlich abgenommen, indem
durch starke Concurrrenz zu tief gedrückte Preise den Absatz kaum
mehr lohnend erscheinen lassen. So lange insbesondere die Ver-
einigten Staaten ihre hohen Eingangszölle bestehen lassen, ist bei
dem steten Fortschritt der dortigen Jndustrie an keine wesentliche
Hebung des Absatzes nach dort zu denken. Auch die österreichische
Concurrenz ( Wien, Prag und Umgegend ) wirkt ungemein
drückend, da die österreichischen Fabriken über meist billigere Ar-
beitskräfte verfügen und der Stand der österr. Valuta besonders
den Export von geringer und Mittelwaare erleichtert. --

-- Die Asphaltfabrikation, deren Lage im vorigen Jahre
noch durchaus zufriedenstellend, hatte in diesem Jahre in Folge
der abnehmenden Bauthätigkeit zu leiden, so daß die Arbeiterzahl
um etwa 30% reducirt werden mußte. Lederfabrikation hat über
kein flottes, jedoch befriedigendes Geschäftsjahr zu berichten; Arbeits-
löhne hielten sich auf 15 M. bei 65 Stunden wöchentl. Arbeits-
dauer. -- Die Fabrikation von Haarfilzen, die im Jahre
1875 noch flau, nahm wieder einen lebhafteren Aufschwung und
konnte eine größere Anzahl Arbeiter beschäftigen; der Lohnsatz be-
wegte sich zwischen M. 18 und M. 18.50. Etwa 10% dieser
Production geht nach der Schweiz und Holland, während Oester-
reich kaum noch als Exportgebiet gelten kann, da sich auch dort
wie hier die Concurrenz Rußlands schwierig macht, welches ordinäre
Haarfilze zu Preisen ermöglicht, welche bei uns gar nicht denkbar;
die Arbeiterzahl blieb ziemlich unverändert; der Lohnsatz hielt sich
auf der Höhe von M. 2.40--2.60 pro Tag bei 12stünd. Brutto-
Arbeitszeit. -- Die Maschinenfabrikation litt selbst-
verständlich ebenfalls unter der allgemeinen Geschäftsstockung und
machen in diesem Zweige nur solche Fabriken eine Ausnahme,
welche durch Einführung ganz neuer Maschinen eigener Con-
struction mit Aufträgen versehen waren. Eine Abnahme der Arbeits-
löhne war trotz eingeschränktem Geschäft nicht ersichtlich, wohl
aber eine Minderung der Arbeiter zahl resp. Kürzung der Arbeits-
zeit. -- Die Fabrikation von Luxuswagen, Patent=Achsen,
Federn und Rädern,
welche bekanntlich am Offenbacher
Platze in großem Style vertreten wird ( wir nennen hier beispiels-
weise nur das ebenso bedeutende, wie intelligent geleitete Etablisse-
ment von Dick & Kirschten, Eigenthümer Carl Th. Wecker,
das seinem alten, erprobten Rufe bis heute nicht untreu geworden
ist ) , mußte naturgemäß die Einengung der materiellen Situation
fast aller socialen Kreise am deutlichsten empfinden. Die
vorangegangene Periode hatte jedoch alle vorhandenen Vorräthe
absorbirt und die Fabriken so umfangreich beschäftigt, daß nichts
auf Lager gearbeitet werden konnte, wodurch noch längere Zeit nach
der Krisis die Fabrikation zur Ergänzung der Lagerbestände in Thätig-
keit erhalten bleiben konnte. Heute, wo alle Magazine gefüllt und
der Absatz auf ein Minimum beschränkt ist, sieht sich diese Geschäfts-
branche zu vollkommener Unthätigkeit verurtheilt; um jedoch den
Stamm an technisch geübten Arbeitern erhalten zu können, erfolgte
die Betriebsreduction bei unverändertem Lohnverhältniß nicht durch
Arbeiterentlassungen, sondern durch Verkürzung der Arbeitszeit. Der
Wegfall der Eingangszölle auf Eisen und Eisenwaaren übte auf
die Herstellung von Patent=Achsen und Federn keinen günstigen
Einfluß, da die ausländische Mitbewerbung der heimischen Jn-
dustrie, die in erster Linie auf möglichst vollkommene Fabrikate
Werth legt, es sehr erschwerte, das Feld zu behaupten. Dennoch
wird sich diese momentane Lage mit dem Eintritt normaler Ge-
schäftsverhältnisse zweifellos wieder zu Gunsten der deutschen
Fabrikation ändern, indem dieselbe ihrer ganzen Qualität nach
befähigt erscheint, den Wettkampf auf dem Weltmarkte mit Erfolg
zu bestehen. -- Die Herstellung von gewöhnlichen Seifen
nahm gegen die Vorjahre an Umfang zu, nur waren die Preise
sehr gedrückt und in Folge davon die Rentabilität bedeutend herab-
gemindert. Die Fabrikation dieses Artikels, dessen Export das
ganze industrielle Europa, Nordamerika, Jndien, Japan und
China umfaßt, gestaltete sich davon beinflußt, schleppend. Der
Lohnsatz zog gegen das Vorjahr um 50 Pf. an und betrug 1876

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* Arbeitmarkt. Jn Schlesien liegen zur Zeit die Arbeiter-
verhältnisse noch sehr ungünstig; die Hauptzweige der dortigen Jn-
dustrie, Kohlen= und Eisenproduction sowie die Weberei, liegen
fast ganz darnieder. Jn den Arbeitslöhnen steht die Graf-
schaft Glatz weit hinter anderen Gegenden Schlesiens zurück, denn
die vorwiegend Weberei treibende Bevölkerung darbt aus Mangel
an Beschäftigung und ungenügendem Verdienst. Für ein Stück
Leinwand gab es in früheren Zeiten 6 Mark urd darüber Lohn,
heute erhalten die Weber, die oft 3--4 Meilen zur Ablieferungs-
stelle wandern müssen, 2--2 1 / 2 M. per Stück und dürfen sie
mehr wie zwei Stück per Woche nicht liefern, während deren sonst
3--4 Stück angenommen wurden. Eine größere Fabrik bei Neu-
rode, welche 200 Handwebe= und eine Anzahl Maschinenwebstühle
enthält, reducirte ihren Betrieb seit länger auf 1 / 10 und beab-
sichtigt noch in diesem Monat ganz aufzuhören. Auch die Glas-
fabrikation
und die Glasschleiferei, die in der Gegend
von Schlegel und Reinerz Tausende ernährte, stockt; letztere
besonders wegen der durch den Krieg verhinderten Ausfuhr nach
Rußland. Hingegen beginnt ein neuer Jndustriezweig in
Neurode zu blühen, -- die Fabrikation von Heiligenbildern
nämlich! Die dortige Fabrik beschäftigt bereits circa 200 Per-
sonen und exportirt vorzugsweise nach Belgien, Frankreich
und Rumänien. Es hat demnach der leidige Kulturkampf doch
etwas Gutes bewirkt und wäre es auch nur Beschäftigung an
arbeitswillige Hände. Großer Geldmangel macht sich überall fühl-
bar und zwingt viele Geschäfte, welche ihre Gelder augenblicklich
nicht flüssig machen können, die Zahlungen einzustellen. -- Jn
Elberfeld=Barmen, Langenberg u. s. w. ist dagegen seit
6--7 Wochen ein merklicher Aufschwung zu constatiren, besonders
in ganz= und halbseidenen Regenschirm=Stoffen, Satin ec. Me-
chanische Webereien mit Dampfbetrieb, im letzten Jahre noch voll-
auf beschäftigt, haben ihre Arbeitszeit seit drei Monaten wiederum
auf 3 / 4 beschränkt, so die mechanischen Fabriken in Wülfrath,
Sonborn
und im Wupperthale. Die Verfertiger von wol-
lenen und halbwollenen Artikeln, wie Westen= und Möbelstoffen,
sind seit längerer Zeit gut beschäftigt, überhaupt lassen diejenigen
Fabriken, welche überseeische Verbindungen pflegen, für den Ex-
port,
besonders in Chemnitz, flott arbeiten. Jn der sehr dar-
niederliegenden Bandweberei und Wirkerei in Barmen, Rons-
dorf, Langenberg
zeigt sich eine kleine Besserung. Die Posa-
mentirarbeiter haben wieder vollauf zu thun, besonders für Militär-
effekten und für englischen Bedarf. Die Kalksteinbrüche bei
Dornap machen ziemlich gute Geschäfte, besonders aber die
Kalköfen; dagegen ist der Versandt von Kalkstein nach den Eisen-
hüttenwerken sehr gering, weil der rheinisch=westphälische Hütten-
betrieb sehr darnieder liegt. -- Aus Lyck wird berichtet, daß die
Ostbahndirection 500 schlesische Arbeiter herangezogen hat,
um den dortigen Arbeitermangel zu decken, desgleichen wurden von
der Baugesellschaft zur Erweiterung der Festungswerke von
Spandau 1000 Erdarbeiter gesucht. -- Jn den Cigarrenfabriken
von Delmenhorst brach schon vor längerer Zeit ein Strike
aus, der dadurch Erledigung fand, daß neue Arbeiter für die
Strikenden eingestellt wurden, während diese durch ihre Angriffe
gegen die neuen Arbeiter Anlaß zu gerichtlichem Einschreiten
gaben. --

-- Die Handelskammer zu Offenbach a. M. spricht sich
in ihrem Jahresberichte von 1876 über die Geschäftsstockungen
der dortigen Jndustrie insofern befriedigend aus, als nach Lage
der ganz abnormen Verhältnisse, Offenbach trotz aller Erschütterungen
auf dem Gebiete des gewerblichen Lebens, den ehrenvollen Ruf und
die bewährte Solidität seiner Jndustrie völlig intakt erhielt,
was hervorgehoben zu werden verdient. Am schwersten leidet die
Portefeuillewaaren=Fabrikation und zwar in Folge
einer ungesunden Situation, deren Preisschwankungen sich jeder
kaufmännischen Berechnung entziehen, weil dieselben weder durch
Einschränkung der Productionskosten noch durch billigere Deckung
des Bedarfs an Rohmaterialien ausgeglichen werden können; sie
wurden hervorgerufen durch eine Anzahl früherer Werkführer, welche
durch die Gründerzeit verleitet, um jeden Preis selbst fabriziren
wollten und nun gezwungen sind, im Verhältniß zur Groß-
industrie, sich durch Concessionen an die Käufer in ihrer Existenz
zu behaupten; dieses Arbeiten um jeden Preis schädigt aber ganz
natürlich das ganze Productionsgebiet auf das Empfindlichste und
[Spaltenumbruch] drückt auf den gesammten Jndustriezweig. Die Großindustrie
schränkte in Folge dessen ihre Production ein und dürfte sich die
Reduction auf 25% belaufen. Die Lohnsätze geübter Arbeiter
dieser Branche hielten sich durchschnittlich auf der Höhe von 20 M.,
der Arbeiterinnen auf 9 M. bei einer Arbeitszeit von 10 Stunden
netto. Der früher so außerordentlich bedeutende Export nach
Nordamerika und England hat beträchtlich abgenommen, indem
durch starke Concurrrenz zu tief gedrückte Preise den Absatz kaum
mehr lohnend erscheinen lassen. So lange insbesondere die Ver-
einigten Staaten ihre hohen Eingangszölle bestehen lassen, ist bei
dem steten Fortschritt der dortigen Jndustrie an keine wesentliche
Hebung des Absatzes nach dort zu denken. Auch die österreichische
Concurrenz ( Wien, Prag und Umgegend ) wirkt ungemein
drückend, da die österreichischen Fabriken über meist billigere Ar-
beitskräfte verfügen und der Stand der österr. Valuta besonders
den Export von geringer und Mittelwaare erleichtert. --

-- Die Asphaltfabrikation, deren Lage im vorigen Jahre
noch durchaus zufriedenstellend, hatte in diesem Jahre in Folge
der abnehmenden Bauthätigkeit zu leiden, so daß die Arbeiterzahl
um etwa 30% reducirt werden mußte. Lederfabrikation hat über
kein flottes, jedoch befriedigendes Geschäftsjahr zu berichten; Arbeits-
löhne hielten sich auf 15 M. bei 65 Stunden wöchentl. Arbeits-
dauer. -- Die Fabrikation von Haarfilzen, die im Jahre
1875 noch flau, nahm wieder einen lebhafteren Aufschwung und
konnte eine größere Anzahl Arbeiter beschäftigen; der Lohnsatz be-
wegte sich zwischen M. 18 und M. 18.50. Etwa 10% dieser
Production geht nach der Schweiz und Holland, während Oester-
reich kaum noch als Exportgebiet gelten kann, da sich auch dort
wie hier die Concurrenz Rußlands schwierig macht, welches ordinäre
Haarfilze zu Preisen ermöglicht, welche bei uns gar nicht denkbar;
die Arbeiterzahl blieb ziemlich unverändert; der Lohnsatz hielt sich
auf der Höhe von M. 2.40--2.60 pro Tag bei 12stünd. Brutto-
Arbeitszeit. -- Die Maschinenfabrikation litt selbst-
verständlich ebenfalls unter der allgemeinen Geschäftsstockung und
machen in diesem Zweige nur solche Fabriken eine Ausnahme,
welche durch Einführung ganz neuer Maschinen eigener Con-
struction mit Aufträgen versehen waren. Eine Abnahme der Arbeits-
löhne war trotz eingeschränktem Geschäft nicht ersichtlich, wohl
aber eine Minderung der Arbeiter zahl resp. Kürzung der Arbeits-
zeit. -- Die Fabrikation von Luxuswagen, Patent=Achsen,
Federn und Rädern,
welche bekanntlich am Offenbacher
Platze in großem Style vertreten wird ( wir nennen hier beispiels-
weise nur das ebenso bedeutende, wie intelligent geleitete Etablisse-
ment von Dick & Kirschten, Eigenthümer Carl Th. Wecker,
das seinem alten, erprobten Rufe bis heute nicht untreu geworden
ist ) , mußte naturgemäß die Einengung der materiellen Situation
fast aller socialen Kreise am deutlichsten empfinden. Die
vorangegangene Periode hatte jedoch alle vorhandenen Vorräthe
absorbirt und die Fabriken so umfangreich beschäftigt, daß nichts
auf Lager gearbeitet werden konnte, wodurch noch längere Zeit nach
der Krisis die Fabrikation zur Ergänzung der Lagerbestände in Thätig-
keit erhalten bleiben konnte. Heute, wo alle Magazine gefüllt und
der Absatz auf ein Minimum beschränkt ist, sieht sich diese Geschäfts-
branche zu vollkommener Unthätigkeit verurtheilt; um jedoch den
Stamm an technisch geübten Arbeitern erhalten zu können, erfolgte
die Betriebsreduction bei unverändertem Lohnverhältniß nicht durch
Arbeiterentlassungen, sondern durch Verkürzung der Arbeitszeit. Der
Wegfall der Eingangszölle auf Eisen und Eisenwaaren übte auf
die Herstellung von Patent=Achsen und Federn keinen günstigen
Einfluß, da die ausländische Mitbewerbung der heimischen Jn-
dustrie, die in erster Linie auf möglichst vollkommene Fabrikate
Werth legt, es sehr erschwerte, das Feld zu behaupten. Dennoch
wird sich diese momentane Lage mit dem Eintritt normaler Ge-
schäftsverhältnisse zweifellos wieder zu Gunsten der deutschen
Fabrikation ändern, indem dieselbe ihrer ganzen Qualität nach
befähigt erscheint, den Wettkampf auf dem Weltmarkte mit Erfolg
zu bestehen. -- Die Herstellung von gewöhnlichen Seifen
nahm gegen die Vorjahre an Umfang zu, nur waren die Preise
sehr gedrückt und in Folge davon die Rentabilität bedeutend herab-
gemindert. Die Fabrikation dieses Artikels, dessen Export das
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[0002] * Arbeitmarkt. Jn Schlesien liegen zur Zeit die Arbeiter- verhältnisse noch sehr ungünstig; die Hauptzweige der dortigen Jn- dustrie, Kohlen= und Eisenproduction sowie die Weberei, liegen fast ganz darnieder. Jn den Arbeitslöhnen steht die Graf- schaft Glatz weit hinter anderen Gegenden Schlesiens zurück, denn die vorwiegend Weberei treibende Bevölkerung darbt aus Mangel an Beschäftigung und ungenügendem Verdienst. Für ein Stück Leinwand gab es in früheren Zeiten 6 Mark urd darüber Lohn, heute erhalten die Weber, die oft 3--4 Meilen zur Ablieferungs- stelle wandern müssen, 2--2 1 / 2 M. per Stück und dürfen sie mehr wie zwei Stück per Woche nicht liefern, während deren sonst 3--4 Stück angenommen wurden. Eine größere Fabrik bei Neu- rode, welche 200 Handwebe= und eine Anzahl Maschinenwebstühle enthält, reducirte ihren Betrieb seit länger auf 1 / 10 und beab- sichtigt noch in diesem Monat ganz aufzuhören. Auch die Glas- fabrikation und die Glasschleiferei, die in der Gegend von Schlegel und Reinerz Tausende ernährte, stockt; letztere besonders wegen der durch den Krieg verhinderten Ausfuhr nach Rußland. Hingegen beginnt ein neuer Jndustriezweig in Neurode zu blühen, -- die Fabrikation von Heiligenbildern nämlich! Die dortige Fabrik beschäftigt bereits circa 200 Per- sonen und exportirt vorzugsweise nach Belgien, Frankreich und Rumänien. Es hat demnach der leidige Kulturkampf doch etwas Gutes bewirkt und wäre es auch nur Beschäftigung an arbeitswillige Hände. Großer Geldmangel macht sich überall fühl- bar und zwingt viele Geschäfte, welche ihre Gelder augenblicklich nicht flüssig machen können, die Zahlungen einzustellen. -- Jn Elberfeld=Barmen, Langenberg u. s. w. ist dagegen seit 6--7 Wochen ein merklicher Aufschwung zu constatiren, besonders in ganz= und halbseidenen Regenschirm=Stoffen, Satin ec. Me- chanische Webereien mit Dampfbetrieb, im letzten Jahre noch voll- auf beschäftigt, haben ihre Arbeitszeit seit drei Monaten wiederum auf 3 / 4 beschränkt, so die mechanischen Fabriken in Wülfrath, Sonborn und im Wupperthale. Die Verfertiger von wol- lenen und halbwollenen Artikeln, wie Westen= und Möbelstoffen, sind seit längerer Zeit gut beschäftigt, überhaupt lassen diejenigen Fabriken, welche überseeische Verbindungen pflegen, für den Ex- port, besonders in Chemnitz, flott arbeiten. Jn der sehr dar- niederliegenden Bandweberei und Wirkerei in Barmen, Rons- dorf, Langenberg zeigt sich eine kleine Besserung. Die Posa- mentirarbeiter haben wieder vollauf zu thun, besonders für Militär- effekten und für englischen Bedarf. Die Kalksteinbrüche bei Dornap machen ziemlich gute Geschäfte, besonders aber die Kalköfen; dagegen ist der Versandt von Kalkstein nach den Eisen- hüttenwerken sehr gering, weil der rheinisch=westphälische Hütten- betrieb sehr darnieder liegt. -- Aus Lyck wird berichtet, daß die Ostbahndirection 500 schlesische Arbeiter herangezogen hat, um den dortigen Arbeitermangel zu decken, desgleichen wurden von der Baugesellschaft zur Erweiterung der Festungswerke von Spandau 1000 Erdarbeiter gesucht. -- Jn den Cigarrenfabriken von Delmenhorst brach schon vor längerer Zeit ein Strike aus, der dadurch Erledigung fand, daß neue Arbeiter für die Strikenden eingestellt wurden, während diese durch ihre Angriffe gegen die neuen Arbeiter Anlaß zu gerichtlichem Einschreiten gaben. -- -- Die Handelskammer zu Offenbach a. M. spricht sich in ihrem Jahresberichte von 1876 über die Geschäftsstockungen der dortigen Jndustrie insofern befriedigend aus, als nach Lage der ganz abnormen Verhältnisse, Offenbach trotz aller Erschütterungen auf dem Gebiete des gewerblichen Lebens, den ehrenvollen Ruf und die bewährte Solidität seiner Jndustrie völlig intakt erhielt, was hervorgehoben zu werden verdient. Am schwersten leidet die Portefeuillewaaren=Fabrikation und zwar in Folge einer ungesunden Situation, deren Preisschwankungen sich jeder kaufmännischen Berechnung entziehen, weil dieselben weder durch Einschränkung der Productionskosten noch durch billigere Deckung des Bedarfs an Rohmaterialien ausgeglichen werden können; sie wurden hervorgerufen durch eine Anzahl früherer Werkführer, welche durch die Gründerzeit verleitet, um jeden Preis selbst fabriziren wollten und nun gezwungen sind, im Verhältniß zur Groß- industrie, sich durch Concessionen an die Käufer in ihrer Existenz zu behaupten; dieses Arbeiten um jeden Preis schädigt aber ganz natürlich das ganze Productionsgebiet auf das Empfindlichste und drückt auf den gesammten Jndustriezweig. Die Großindustrie schränkte in Folge dessen ihre Production ein und dürfte sich die Reduction auf 25% belaufen. Die Lohnsätze geübter Arbeiter dieser Branche hielten sich durchschnittlich auf der Höhe von 20 M., der Arbeiterinnen auf 9 M. bei einer Arbeitszeit von 10 Stunden netto. Der früher so außerordentlich bedeutende Export nach Nordamerika und England hat beträchtlich abgenommen, indem durch starke Concurrrenz zu tief gedrückte Preise den Absatz kaum mehr lohnend erscheinen lassen. So lange insbesondere die Ver- einigten Staaten ihre hohen Eingangszölle bestehen lassen, ist bei dem steten Fortschritt der dortigen Jndustrie an keine wesentliche Hebung des Absatzes nach dort zu denken. Auch die österreichische Concurrenz ( Wien, Prag und Umgegend ) wirkt ungemein drückend, da die österreichischen Fabriken über meist billigere Ar- beitskräfte verfügen und der Stand der österr. Valuta besonders den Export von geringer und Mittelwaare erleichtert. -- -- Die Asphaltfabrikation, deren Lage im vorigen Jahre noch durchaus zufriedenstellend, hatte in diesem Jahre in Folge der abnehmenden Bauthätigkeit zu leiden, so daß die Arbeiterzahl um etwa 30% reducirt werden mußte. Lederfabrikation hat über kein flottes, jedoch befriedigendes Geschäftsjahr zu berichten; Arbeits- löhne hielten sich auf 15 M. bei 65 Stunden wöchentl. Arbeits- dauer. -- Die Fabrikation von Haarfilzen, die im Jahre 1875 noch flau, nahm wieder einen lebhafteren Aufschwung und konnte eine größere Anzahl Arbeiter beschäftigen; der Lohnsatz be- wegte sich zwischen M. 18 und M. 18.50. Etwa 10% dieser Production geht nach der Schweiz und Holland, während Oester- reich kaum noch als Exportgebiet gelten kann, da sich auch dort wie hier die Concurrenz Rußlands schwierig macht, welches ordinäre Haarfilze zu Preisen ermöglicht, welche bei uns gar nicht denkbar; die Arbeiterzahl blieb ziemlich unverändert; der Lohnsatz hielt sich auf der Höhe von M. 2.40--2.60 pro Tag bei 12stünd. Brutto- Arbeitszeit. -- Die Maschinenfabrikation litt selbst- verständlich ebenfalls unter der allgemeinen Geschäftsstockung und machen in diesem Zweige nur solche Fabriken eine Ausnahme, welche durch Einführung ganz neuer Maschinen eigener Con- struction mit Aufträgen versehen waren. Eine Abnahme der Arbeits- löhne war trotz eingeschränktem Geschäft nicht ersichtlich, wohl aber eine Minderung der Arbeiter zahl resp. Kürzung der Arbeits- zeit. -- Die Fabrikation von Luxuswagen, Patent=Achsen, Federn und Rädern, welche bekanntlich am Offenbacher Platze in großem Style vertreten wird ( wir nennen hier beispiels- weise nur das ebenso bedeutende, wie intelligent geleitete Etablisse- ment von Dick & Kirschten, Eigenthümer Carl Th. Wecker, das seinem alten, erprobten Rufe bis heute nicht untreu geworden ist ) , mußte naturgemäß die Einengung der materiellen Situation fast aller socialen Kreise am deutlichsten empfinden. Die vorangegangene Periode hatte jedoch alle vorhandenen Vorräthe absorbirt und die Fabriken so umfangreich beschäftigt, daß nichts auf Lager gearbeitet werden konnte, wodurch noch längere Zeit nach der Krisis die Fabrikation zur Ergänzung der Lagerbestände in Thätig- keit erhalten bleiben konnte. Heute, wo alle Magazine gefüllt und der Absatz auf ein Minimum beschränkt ist, sieht sich diese Geschäfts- branche zu vollkommener Unthätigkeit verurtheilt; um jedoch den Stamm an technisch geübten Arbeitern erhalten zu können, erfolgte die Betriebsreduction bei unverändertem Lohnverhältniß nicht durch Arbeiterentlassungen, sondern durch Verkürzung der Arbeitszeit. Der Wegfall der Eingangszölle auf Eisen und Eisenwaaren übte auf die Herstellung von Patent=Achsen und Federn keinen günstigen Einfluß, da die ausländische Mitbewerbung der heimischen Jn- dustrie, die in erster Linie auf möglichst vollkommene Fabrikate Werth legt, es sehr erschwerte, das Feld zu behaupten. Dennoch wird sich diese momentane Lage mit dem Eintritt normaler Ge- schäftsverhältnisse zweifellos wieder zu Gunsten der deutschen Fabrikation ändern, indem dieselbe ihrer ganzen Qualität nach befähigt erscheint, den Wettkampf auf dem Weltmarkte mit Erfolg zu bestehen. -- Die Herstellung von gewöhnlichen Seifen nahm gegen die Vorjahre an Umfang zu, nur waren die Preise sehr gedrückt und in Folge davon die Rentabilität bedeutend herab- gemindert. Die Fabrikation dieses Artikels, dessen Export das ganze industrielle Europa, Nordamerika, Jndien, Japan und China umfaßt, gestaltete sich davon beinflußt, schleppend. Der Lohnsatz zog gegen das Vorjahr um 50 Pf. an und betrug 1876

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Zitationshilfe: Der Arbeitgeber. Nr. 1059. Frankfurt a. M., 18. August 1877, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber1059_1877/2>, abgerufen am 10.08.2020.