Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Der Arbeitgeber. Nr. 673. Frankfurt a. M., 25. März 1870.

Bild:
<< vorherige Seite

[Spaltenumbruch] der Einzelnen umfaßt. Ueber das Genossenschaftswesen ist nicht mehr
zu diskutiren, es ist nur noch zu organisiren.

Höchst fördernd für die Einführung des Genossenschaftswesen
werden die landwirthschaftlichen Vereine sein. Ende 1868 war der
Stand dieser Vereine soweit bekannt in Deutschland folgender:
Preußen zählte 1638 Vereine mit 109,996 Mitglieder; Sachsen
323 Vereine mit 17,418 Mitglieder; die Mecklenburger Vereine
zählen 1113 Mitgl.; die Vereine in Hessen circa 3300 Mitglieder;
Bayern hatte 475 Vereine mit 25,821 Mitglieder; Würtemberg
64 Vereine mit 20,015 Mitgl.; Baden 70 Vereine mit 13,592
Mitgliedern. Die übrigen deutschen Staaten hatten 356 Vereine.
Auf je 1000 Einwohner kamen demnach im Jahr 1869

im Königreich Preußen4,57 Vereinsmitglieder.
in Sachsen7,17 "
" Bayern5,35 "
" Würtemberg11,25 "
" Baden9,47 "
" Hessen3,99 "
" Mecklenburg1,68 "

Auch die genossenschaftliche Bewegung in Bezug auf Vorschuß-
vereine
hat auf dem Land schon vielfach Boden gewonnen; gegen-
wärtig dürften bereits einige 100 ländl. Vorschußvereine bestehen. Neben
diesen haben die Genossenschaften für Beschaffung von Ma-
schinen
wohl am meisten Erfolg gehabt, hauptsächlich zur Beschaffung
von Dampfdreschmaschinen. Außerdem bestehen noch Vereine zur Be-
schaffung von künstlichem Dünger, Konsumvereine zur Beschaffung
von Lebensmitteln, genossenschaftliche Brennereien, Käsereigenossenschaf-
ten, Winzervereine ec. Die Einrichtung der Genossenschaften mag
auf dem Lande mehr Arbeit machen, wie in andern Geschäften, allein
der Anfang ist gemacht, und bedeutende Männer haben bereits den
"schlummernden Riesen" der Genossenschaft geweckt.

Jn Bezug auf den landwirthschaftlichen Unterricht wird in
Deutschland viel gethan. Wir haben eine große Anzahl land-
wirthschaftlicher Akademien und Schulen, auf welchen junge Oeko-
nomen eine dem heutigen Stand der Wissenschaft entsprechende
Ausbildung erhalten. Jn Verbindung mit diesen Anstalten stehen
häufig sogenannte landwirthschaftliche Versuchsstationen, welche sich
mit der praktischen Erprobung von neuen Verfahren ec. be-
fassen. Eine Einrichtung der neuesten Zeit ist das Jnstitut der
Wanderlehrer. Die landwirthschaftlichen Vereine, welche ihre segens-
reiche Thätigkeit über ganz Deutschland verbreiten, senden nämlich
hauptsächlich im Winter Lehrer aus, die von Ort zu Ort reisen und
Vorträge über landwirthschaftliche Fragen halten. Durch Fortbil-
dungsschulen und sogenannte landwirthschaftliche Kränzchen wird die
Thätigkeit dieser Lehrer noch unterstützt. --

Eine sehr wichtige Rolle spielt in der Landwirthschaft der
Dünger.
Die ganze Anwendung des Düngers beruht auf zwei
Fundamentalsätzen, erstlich: jede Pflanzengattung bedarf zu ihrer Er-
nährung ganz besonderer Stoffe, und zweitens: alle die Stoffe, welche
dem Feld in Form von Pflanzen genommen, müssen ihm auch wieder
zurückerstattet werden.

Als Dünger wurde anfangs nur der Stalldünger benützt, der
in der That einen ansehnlichen Theil zum Gedeihen der Bodenkultur
im Allgemeinen unerläßlicher Stoffe enthält; ferner verwendet man
Mergel und in neuerer Zeit Knochen, wegen ihres Gehaltes an phos-
phorsaurem Kalk. Diese Düngungsweise wurde von den Engländern
eingeführt, welche nicht nur die Abfälle des Wirthshauses dazu be-
nützten, sondern auch die Schlachtfelder durchwühlten, um die Knochen
der Gefallenen in Dünger zu verwandeln. Bedeutender noch als die
Knochen sind der Guano und der mineralische Dünger geworden.
England verwendet jetzt nicht weniger als 175,000 Tonnen Guano,
Frankreich circa 50,000 Tonnen. Aus dem Mineralreich wird
besonders der phosphorsaure Kalk und die Potasche als Dünger
verwendet. Der phosphorsaure Kalk ist namentlich zur Erzeugung
von Getreide unerläßlich. Derselbe kommt in der Natur in drei
Formen vor: 1. krystallisirt als Apatit; 2. als erdartiger Stein
( Phosphorith ) ; 3. in Form alter zerbrochener Knochen. Die Phos-
phoriten sind indessen die Hauptquelle, aus welchen die Landwirth-
schaft ihren phosphorsauren Kalk bezieht. Jmmerhin ist die Aus-
beutung der Phosphorite noch in ihrer Kindheit. Jn Frankreich z. B.
sind in 40 Departements Phosphorite entdeckt und erst in drei wird
die Ausdeutung derselben betrieben. Die bedeutendsten Lager von
Phosphoriten sind in Spanien; auch in Deutschland ( Nassau ) sind
[Spaltenumbruch] in neuester Zeit mächtige Lager entdeckt worden. Der Gehalt der
Phosphorite ist ungleich; im Durchschnitt enthalten sie 25--30 pCt.
phosphorsauren Kalk.

Die Potasche mit ihren Salzverbindungen wird hauptsächlich
von Staßfurt aus der Landwirthschaft geliefert; auch aus Seewasser
wird welche gewonnen. --

Soll eine Feldwirthschaft richtig betrieben werden, so muß
das Land nicht nur gut gedüngt, sondern auch gut bear-
beitet werden. Aus diesem Grund einestheils, und wegen Mangel
an Arbeitskräften anderntheils, hat man eine ganze Reihe von Ma-
schinen eingeführt, von denen unsere Eltern und Großeltern noch
keine Ahnung hatten. Die wichtigsten sind: der Dampfpflug mit
seinen verschiedenen Bodenbearbeitungsinstrumenten, verbesserte Pferde-
pflüge, Extirpatoren, Kultivatoren, Ringelwalzen, Säemaschinen, Pferde-
hacken, Mähmaschinen, Pferderechen, Heuwender, Dreschmaschinen,
Futterschneider ec. ec.

Der Stand einer Jndustrie läßt sich stets nach der Entwicklung
ihrer Werkzeuge beurtheilen; die Verbreitung verbesserter Maschinen
gibt daher einen guten Maßstab für die Beurtheilung des Ausbil-
dungsgrades der Landwirthschaft. Am meisten angewendet finden wir
die Maschinen in solchen Gegenden, welche hauptsächlich industrielle
Rohprodukte liefern, z. B. da wo die Zuckerrübe angepflanzt wird.
Jn Deutschland wurde in der Provinz Sachsen zuerst der Dampf-
pflug eingeführt.

Zufriedener wie mit der Entwicklung der Landwirthschaft selbst,
kann man mit derjenigen Entwicklung sein, welche die sogenannten
landwirthschaftlichen Gewerbe genommen haben. Die Zuckerfabrikation,
die Bierbrauerei, die Branntweinbrennerei und Spiritusfabrikation, die
Ziegelfabrikation mittelst Maschinen ec. sind immer umfangreicher ge-
worden; die Weindarstellung mag heutzutage auch mehr oder weniger
zu den Gewerben gerechnet werden; auch diese hat sich rasch entwickelt,
ist jedoch leider häufig zur puren Fälschung herabgesunken. --
Die durch die Weinfabrikation bedingte Darstellung von Trauben-
zucker hat große Dimensionen angenommen. Ebenso bedeutend hat
die Stärkefabrikation zugenommen, und die Brodfabriken sind Kinder
unserer neuesten Zeit, welche sich täglich vermehren. Die letzteren
arbeiten mit verbesserten Teigknetmaschinen und Backöfen, müssen aber
unserer Ansicht nach, wenn die Darstellung des Brodes billiger werden
soll, im Prinzip reformirt werden, und zwar müßen sie nicht das Brod
aus Mehl darstellen, sondern direkt aus dem Getreide, und verweisen
wir in dieser Beziehung auf unsere Mittheilung in No. 665 d. Bl.
Auf diesen neuen Satz müssen alle Brodfabriken der Zukunft gegründet
werden; wenn das Volk das nöthigste Nahrungsmittel so billig wie
möglich erhalten soll, muß unsere jetzige Müllerei verschwinden!

* Stehende Heere. Ein kompetenter Fachmann, der berühmte
k. k. östreichische Feldmarschall Radetzki, äußerte sich darüber folgen-
dermaßen: "Das System der stehenden Heere paßt für gewisse Zeiten
und gewisse Verhältnisse, jedoch nicht für alle und überall. Man
mag damit ausreichen, so lange es in allen Staaten Sitte bleibt,
nur mit stehenden Heeren Krieg zu führen, so lange nicht blos
das Verhältniß der Volksmassen, sondern auch jenes der Staatsein-
künfte nicht berücksichtigt wird. Es wird und muß von selbst fallen
-- dieses System -- sobald diese Bedingnisse aufhören.... Die
stehenden Heere haben in dem neuen Europa den Glanz der Land-
wehren gänzlich verdunkelt. Dadurch sind in neuester Zeit alle Er-
fahrungen, die uns bei Beurtheilung des Werthes der Landwehr
leiten könnten, verloren gegangen. Und doch beruht die zuverlässigste
Stärke eines Staates auf zweckmäßig gebildeten Landwehren. Diese
Einrichtung ist die natürlichste und deßhalb auch die beste. Sie
liefert dem Staate im Verhältniß seiner Bevölkerung die größte An-
zahl Streiter, sie erhält im Volke das Bewußtsein lebendig, daß es
sich selbst vertheidigt, eben dadurch also auch einen kriegerischen Geist,
der nicht leicht ausarten wird, weil Diejenigen, welche er belebt, nie-
mals aufhören, Bürger zu sein. Ein solcher Geist auf einer solchen
Höhe aber macht ein Volk unüberwindlich."

* Konsumvereine. Die sächsischen Konsumvereine, welche seit
2 Jahren zu einem Verband vereinigt sind, hielten Ostern vorigen
Jahres in Chemnitz ihren ersten Verbandstag ab zur Feststellung der
anzustrebenden Grundprinzipien des Verbandes ( Verkauf zum Tages-
preise gegen Baarzahlung an Mitglieder und Nichtmitglieder, Ver-
theilung des Gewinnes nach Verbrauch und Aussparung desselben zu

[Spaltenumbruch] der Einzelnen umfaßt. Ueber das Genossenschaftswesen ist nicht mehr
zu diskutiren, es ist nur noch zu organisiren.

Höchst fördernd für die Einführung des Genossenschaftswesen
werden die landwirthschaftlichen Vereine sein. Ende 1868 war der
Stand dieser Vereine soweit bekannt in Deutschland folgender:
Preußen zählte 1638 Vereine mit 109,996 Mitglieder; Sachsen
323 Vereine mit 17,418 Mitglieder; die Mecklenburger Vereine
zählen 1113 Mitgl.; die Vereine in Hessen circa 3300 Mitglieder;
Bayern hatte 475 Vereine mit 25,821 Mitglieder; Würtemberg
64 Vereine mit 20,015 Mitgl.; Baden 70 Vereine mit 13,592
Mitgliedern. Die übrigen deutschen Staaten hatten 356 Vereine.
Auf je 1000 Einwohner kamen demnach im Jahr 1869

im Königreich Preußen4,57 Vereinsmitglieder.
in Sachsen7,17 „
„ Bayern5,35 „
„ Würtemberg11,25 „
„ Baden9,47 „
„ Hessen3,99 „
„ Mecklenburg1,68 „

Auch die genossenschaftliche Bewegung in Bezug auf Vorschuß-
vereine
hat auf dem Land schon vielfach Boden gewonnen; gegen-
wärtig dürften bereits einige 100 ländl. Vorschußvereine bestehen. Neben
diesen haben die Genossenschaften für Beschaffung von Ma-
schinen
wohl am meisten Erfolg gehabt, hauptsächlich zur Beschaffung
von Dampfdreschmaschinen. Außerdem bestehen noch Vereine zur Be-
schaffung von künstlichem Dünger, Konsumvereine zur Beschaffung
von Lebensmitteln, genossenschaftliche Brennereien, Käsereigenossenschaf-
ten, Winzervereine ec. Die Einrichtung der Genossenschaften mag
auf dem Lande mehr Arbeit machen, wie in andern Geschäften, allein
der Anfang ist gemacht, und bedeutende Männer haben bereits den
„schlummernden Riesen“ der Genossenschaft geweckt.

Jn Bezug auf den landwirthschaftlichen Unterricht wird in
Deutschland viel gethan. Wir haben eine große Anzahl land-
wirthschaftlicher Akademien und Schulen, auf welchen junge Oeko-
nomen eine dem heutigen Stand der Wissenschaft entsprechende
Ausbildung erhalten. Jn Verbindung mit diesen Anstalten stehen
häufig sogenannte landwirthschaftliche Versuchsstationen, welche sich
mit der praktischen Erprobung von neuen Verfahren ec. be-
fassen. Eine Einrichtung der neuesten Zeit ist das Jnstitut der
Wanderlehrer. Die landwirthschaftlichen Vereine, welche ihre segens-
reiche Thätigkeit über ganz Deutschland verbreiten, senden nämlich
hauptsächlich im Winter Lehrer aus, die von Ort zu Ort reisen und
Vorträge über landwirthschaftliche Fragen halten. Durch Fortbil-
dungsschulen und sogenannte landwirthschaftliche Kränzchen wird die
Thätigkeit dieser Lehrer noch unterstützt. --

Eine sehr wichtige Rolle spielt in der Landwirthschaft der
Dünger.
Die ganze Anwendung des Düngers beruht auf zwei
Fundamentalsätzen, erstlich: jede Pflanzengattung bedarf zu ihrer Er-
nährung ganz besonderer Stoffe, und zweitens: alle die Stoffe, welche
dem Feld in Form von Pflanzen genommen, müssen ihm auch wieder
zurückerstattet werden.

Als Dünger wurde anfangs nur der Stalldünger benützt, der
in der That einen ansehnlichen Theil zum Gedeihen der Bodenkultur
im Allgemeinen unerläßlicher Stoffe enthält; ferner verwendet man
Mergel und in neuerer Zeit Knochen, wegen ihres Gehaltes an phos-
phorsaurem Kalk. Diese Düngungsweise wurde von den Engländern
eingeführt, welche nicht nur die Abfälle des Wirthshauses dazu be-
nützten, sondern auch die Schlachtfelder durchwühlten, um die Knochen
der Gefallenen in Dünger zu verwandeln. Bedeutender noch als die
Knochen sind der Guano und der mineralische Dünger geworden.
England verwendet jetzt nicht weniger als 175,000 Tonnen Guano,
Frankreich circa 50,000 Tonnen. Aus dem Mineralreich wird
besonders der phosphorsaure Kalk und die Potasche als Dünger
verwendet. Der phosphorsaure Kalk ist namentlich zur Erzeugung
von Getreide unerläßlich. Derselbe kommt in der Natur in drei
Formen vor: 1. krystallisirt als Apatit; 2. als erdartiger Stein
( Phosphorith ) ; 3. in Form alter zerbrochener Knochen. Die Phos-
phoriten sind indessen die Hauptquelle, aus welchen die Landwirth-
schaft ihren phosphorsauren Kalk bezieht. Jmmerhin ist die Aus-
beutung der Phosphorite noch in ihrer Kindheit. Jn Frankreich z. B.
sind in 40 Departements Phosphorite entdeckt und erst in drei wird
die Ausdeutung derselben betrieben. Die bedeutendsten Lager von
Phosphoriten sind in Spanien; auch in Deutschland ( Nassau ) sind
[Spaltenumbruch] in neuester Zeit mächtige Lager entdeckt worden. Der Gehalt der
Phosphorite ist ungleich; im Durchschnitt enthalten sie 25--30 pCt.
phosphorsauren Kalk.

Die Potasche mit ihren Salzverbindungen wird hauptsächlich
von Staßfurt aus der Landwirthschaft geliefert; auch aus Seewasser
wird welche gewonnen. --

Soll eine Feldwirthschaft richtig betrieben werden, so muß
das Land nicht nur gut gedüngt, sondern auch gut bear-
beitet werden. Aus diesem Grund einestheils, und wegen Mangel
an Arbeitskräften anderntheils, hat man eine ganze Reihe von Ma-
schinen eingeführt, von denen unsere Eltern und Großeltern noch
keine Ahnung hatten. Die wichtigsten sind: der Dampfpflug mit
seinen verschiedenen Bodenbearbeitungsinstrumenten, verbesserte Pferde-
pflüge, Extirpatoren, Kultivatoren, Ringelwalzen, Säemaschinen, Pferde-
hacken, Mähmaschinen, Pferderechen, Heuwender, Dreschmaschinen,
Futterschneider ec. ec.

Der Stand einer Jndustrie läßt sich stets nach der Entwicklung
ihrer Werkzeuge beurtheilen; die Verbreitung verbesserter Maschinen
gibt daher einen guten Maßstab für die Beurtheilung des Ausbil-
dungsgrades der Landwirthschaft. Am meisten angewendet finden wir
die Maschinen in solchen Gegenden, welche hauptsächlich industrielle
Rohprodukte liefern, z. B. da wo die Zuckerrübe angepflanzt wird.
Jn Deutschland wurde in der Provinz Sachsen zuerst der Dampf-
pflug eingeführt.

Zufriedener wie mit der Entwicklung der Landwirthschaft selbst,
kann man mit derjenigen Entwicklung sein, welche die sogenannten
landwirthschaftlichen Gewerbe genommen haben. Die Zuckerfabrikation,
die Bierbrauerei, die Branntweinbrennerei und Spiritusfabrikation, die
Ziegelfabrikation mittelst Maschinen ec. sind immer umfangreicher ge-
worden; die Weindarstellung mag heutzutage auch mehr oder weniger
zu den Gewerben gerechnet werden; auch diese hat sich rasch entwickelt,
ist jedoch leider häufig zur puren Fälschung herabgesunken. --
Die durch die Weinfabrikation bedingte Darstellung von Trauben-
zucker hat große Dimensionen angenommen. Ebenso bedeutend hat
die Stärkefabrikation zugenommen, und die Brodfabriken sind Kinder
unserer neuesten Zeit, welche sich täglich vermehren. Die letzteren
arbeiten mit verbesserten Teigknetmaschinen und Backöfen, müssen aber
unserer Ansicht nach, wenn die Darstellung des Brodes billiger werden
soll, im Prinzip reformirt werden, und zwar müßen sie nicht das Brod
aus Mehl darstellen, sondern direkt aus dem Getreide, und verweisen
wir in dieser Beziehung auf unsere Mittheilung in No. 665 d. Bl.
Auf diesen neuen Satz müssen alle Brodfabriken der Zukunft gegründet
werden; wenn das Volk das nöthigste Nahrungsmittel so billig wie
möglich erhalten soll, muß unsere jetzige Müllerei verschwinden!

* Stehende Heere. Ein kompetenter Fachmann, der berühmte
k. k. östreichische Feldmarschall Radetzki, äußerte sich darüber folgen-
dermaßen: „Das System der stehenden Heere paßt für gewisse Zeiten
und gewisse Verhältnisse, jedoch nicht für alle und überall. Man
mag damit ausreichen, so lange es in allen Staaten Sitte bleibt,
nur mit stehenden Heeren Krieg zu führen, so lange nicht blos
das Verhältniß der Volksmassen, sondern auch jenes der Staatsein-
künfte nicht berücksichtigt wird. Es wird und muß von selbst fallen
-- dieses System -- sobald diese Bedingnisse aufhören.... Die
stehenden Heere haben in dem neuen Europa den Glanz der Land-
wehren gänzlich verdunkelt. Dadurch sind in neuester Zeit alle Er-
fahrungen, die uns bei Beurtheilung des Werthes der Landwehr
leiten könnten, verloren gegangen. Und doch beruht die zuverlässigste
Stärke eines Staates auf zweckmäßig gebildeten Landwehren. Diese
Einrichtung ist die natürlichste und deßhalb auch die beste. Sie
liefert dem Staate im Verhältniß seiner Bevölkerung die größte An-
zahl Streiter, sie erhält im Volke das Bewußtsein lebendig, daß es
sich selbst vertheidigt, eben dadurch also auch einen kriegerischen Geist,
der nicht leicht ausarten wird, weil Diejenigen, welche er belebt, nie-
mals aufhören, Bürger zu sein. Ein solcher Geist auf einer solchen
Höhe aber macht ein Volk unüberwindlich.“

* Konsumvereine. Die sächsischen Konsumvereine, welche seit
2 Jahren zu einem Verband vereinigt sind, hielten Ostern vorigen
Jahres in Chemnitz ihren ersten Verbandstag ab zur Feststellung der
anzustrebenden Grundprinzipien des Verbandes ( Verkauf zum Tages-
preise gegen Baarzahlung an Mitglieder und Nichtmitglieder, Ver-
theilung des Gewinnes nach Verbrauch und Aussparung desselben zu

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="jFinancialNews">
        <div type="jArticle">
          <p><pb facs="#f0002"/><cb n="8280"/>
der Einzelnen umfaßt. Ueber das Genossenschaftswesen ist nicht mehr<lb/>
zu diskutiren, es ist nur noch zu organisiren.</p><lb/>
          <p>Höchst fördernd für die Einführung des Genossenschaftswesen<lb/>
werden die landwirthschaftlichen Vereine sein. Ende 1868 war der<lb/>
Stand dieser Vereine soweit bekannt in Deutschland folgender:<lb/>
Preußen zählte 1638 Vereine mit 109,996 Mitglieder; Sachsen<lb/>
323 Vereine mit 17,418 Mitglieder; die Mecklenburger Vereine<lb/>
zählen 1113 Mitgl.; die Vereine in Hessen circa 3300 Mitglieder;<lb/>
Bayern hatte 475 Vereine mit 25,821 Mitglieder; Würtemberg<lb/>
64 Vereine mit 20,015 Mitgl.; Baden 70 Vereine mit 13,592<lb/>
Mitgliedern. Die übrigen deutschen Staaten hatten 356 Vereine.<lb/>
Auf je 1000 Einwohner kamen demnach im Jahr 1869</p><lb/>
          <table>
            <row>
              <cell>im Königreich Preußen</cell>
              <cell>4,57 Vereinsmitglieder.</cell>
            </row><lb/>
            <row>
              <cell>in Sachsen</cell>
              <cell>7,17 &#x201E;</cell>
            </row><lb/>
            <row>
              <cell>&#x201E; Bayern</cell>
              <cell>5,35 &#x201E;</cell>
            </row><lb/>
            <row>
              <cell>&#x201E; Würtemberg</cell>
              <cell>11,25 &#x201E;</cell>
            </row><lb/>
            <row>
              <cell>&#x201E; Baden</cell>
              <cell>9,47 &#x201E;</cell>
            </row><lb/>
            <row>
              <cell>&#x201E; Hessen</cell>
              <cell>3,99 &#x201E;</cell>
            </row><lb/>
            <row>
              <cell>&#x201E; Mecklenburg</cell>
              <cell>1,68 &#x201E;</cell>
            </row>
          </table><lb/>
          <p>Auch die genossenschaftliche Bewegung in Bezug auf <hi rendition="#g">Vorschuß-<lb/>
vereine </hi> hat auf dem Land schon vielfach Boden gewonnen; gegen-<lb/>
wärtig dürften bereits einige 100 ländl. Vorschußvereine bestehen. Neben<lb/>
diesen haben die <hi rendition="#g">Genossenschaften für Beschaffung von Ma-<lb/>
schinen </hi> wohl am meisten Erfolg gehabt, hauptsächlich zur Beschaffung<lb/>
von Dampfdreschmaschinen. Außerdem bestehen noch Vereine zur Be-<lb/>
schaffung von künstlichem Dünger, Konsumvereine zur Beschaffung<lb/>
von Lebensmitteln, genossenschaftliche Brennereien, Käsereigenossenschaf-<lb/>
ten, Winzervereine <abbr>ec.</abbr> Die Einrichtung der Genossenschaften mag<lb/>
auf dem Lande mehr Arbeit machen, wie in andern Geschäften, allein<lb/>
der Anfang ist gemacht, und bedeutende Männer haben bereits den<lb/>
&#x201E;schlummernden Riesen&#x201C; der Genossenschaft geweckt.</p><lb/>
          <p>Jn Bezug auf den landwirthschaftlichen Unterricht wird in<lb/>
Deutschland viel gethan. Wir haben eine große Anzahl land-<lb/>
wirthschaftlicher Akademien und Schulen, auf welchen junge Oeko-<lb/>
nomen eine dem heutigen Stand der Wissenschaft entsprechende<lb/>
Ausbildung erhalten. Jn Verbindung mit diesen Anstalten stehen<lb/>
häufig sogenannte landwirthschaftliche Versuchsstationen, welche sich<lb/>
mit der praktischen Erprobung von neuen Verfahren <abbr>ec.</abbr> be-<lb/>
fassen. Eine Einrichtung der neuesten Zeit ist das Jnstitut der<lb/>
Wanderlehrer. Die landwirthschaftlichen Vereine, welche ihre segens-<lb/>
reiche Thätigkeit über ganz Deutschland verbreiten, senden nämlich<lb/>
hauptsächlich im Winter Lehrer aus, die von Ort zu Ort reisen und<lb/>
Vorträge über landwirthschaftliche Fragen halten. Durch Fortbil-<lb/>
dungsschulen und sogenannte landwirthschaftliche Kränzchen wird die<lb/>
Thätigkeit dieser Lehrer noch unterstützt. --</p><lb/>
          <p>Eine sehr wichtige Rolle spielt in der Landwirthschaft <hi rendition="#g">der<lb/>
Dünger.</hi> Die ganze Anwendung des Düngers beruht auf zwei<lb/>
Fundamentalsätzen, erstlich: jede Pflanzengattung bedarf zu ihrer Er-<lb/>
nährung ganz besonderer Stoffe, und zweitens: alle die Stoffe, welche<lb/>
dem Feld in Form von Pflanzen genommen, müssen ihm auch wieder<lb/>
zurückerstattet werden.</p><lb/>
          <p>Als Dünger wurde anfangs nur der Stalldünger benützt, der<lb/>
in der That einen ansehnlichen Theil zum Gedeihen der Bodenkultur<lb/>
im Allgemeinen unerläßlicher Stoffe enthält; ferner verwendet man<lb/>
Mergel und in neuerer Zeit Knochen, wegen ihres Gehaltes an phos-<lb/>
phorsaurem Kalk. Diese Düngungsweise wurde von den Engländern<lb/>
eingeführt, welche nicht nur die Abfälle des Wirthshauses dazu be-<lb/>
nützten, sondern auch die Schlachtfelder durchwühlten, um die Knochen<lb/>
der Gefallenen in Dünger zu verwandeln. Bedeutender noch als die<lb/>
Knochen sind der Guano und der mineralische Dünger geworden.<lb/>
England verwendet jetzt nicht weniger als 175,000 Tonnen Guano,<lb/>
Frankreich circa 50,000 Tonnen. Aus dem Mineralreich wird<lb/>
besonders der phosphorsaure Kalk und die Potasche als Dünger<lb/>
verwendet. Der phosphorsaure Kalk ist namentlich zur Erzeugung<lb/>
von Getreide unerläßlich. Derselbe kommt in der Natur in drei<lb/>
Formen vor: 1. krystallisirt als Apatit; 2. als erdartiger Stein<lb/>
( Phosphorith ) ; 3. in Form alter zerbrochener Knochen. Die Phos-<lb/>
phoriten sind indessen die Hauptquelle, aus welchen die Landwirth-<lb/>
schaft ihren phosphorsauren Kalk bezieht. Jmmerhin ist die Aus-<lb/>
beutung der Phosphorite noch in ihrer Kindheit. Jn Frankreich z. B.<lb/>
sind in 40 Departements Phosphorite entdeckt und erst in drei wird<lb/>
die Ausdeutung derselben betrieben. Die bedeutendsten Lager von<lb/>
Phosphoriten sind in Spanien; auch in Deutschland ( Nassau ) sind<lb/><cb n="8281"/>
in neuester Zeit mächtige Lager entdeckt worden. Der Gehalt der<lb/>
Phosphorite ist ungleich; im Durchschnitt enthalten sie 25--30 pCt.<lb/>
phosphorsauren Kalk.</p><lb/>
          <p>Die Potasche mit ihren Salzverbindungen wird hauptsächlich<lb/>
von Staßfurt aus der Landwirthschaft geliefert; auch aus Seewasser<lb/>
wird welche gewonnen. --</p><lb/>
          <p>Soll eine Feldwirthschaft richtig betrieben werden, so muß<lb/>
das Land nicht nur gut gedüngt, sondern auch gut bear-<lb/>
beitet werden. Aus diesem Grund einestheils, und wegen Mangel<lb/>
an Arbeitskräften anderntheils, hat man eine ganze Reihe von Ma-<lb/>
schinen eingeführt, von denen unsere Eltern und Großeltern noch<lb/>
keine Ahnung hatten. Die wichtigsten sind: der Dampfpflug mit<lb/>
seinen verschiedenen Bodenbearbeitungsinstrumenten, verbesserte Pferde-<lb/>
pflüge, Extirpatoren, Kultivatoren, Ringelwalzen, Säemaschinen, Pferde-<lb/>
hacken, Mähmaschinen, Pferderechen, Heuwender, Dreschmaschinen,<lb/>
Futterschneider <abbr>ec.</abbr> <abbr>ec.</abbr> </p><lb/>
          <p>Der Stand einer Jndustrie läßt sich stets nach der Entwicklung<lb/>
ihrer Werkzeuge beurtheilen; die Verbreitung verbesserter Maschinen<lb/>
gibt daher einen guten Maßstab für die Beurtheilung des Ausbil-<lb/>
dungsgrades der Landwirthschaft. Am meisten angewendet finden wir<lb/>
die Maschinen in solchen Gegenden, welche hauptsächlich industrielle<lb/>
Rohprodukte liefern, z. B. da wo die Zuckerrübe angepflanzt wird.<lb/>
Jn Deutschland wurde in der Provinz Sachsen zuerst der Dampf-<lb/>
pflug eingeführt.</p><lb/>
          <p>Zufriedener wie mit der Entwicklung der Landwirthschaft selbst,<lb/>
kann man mit derjenigen Entwicklung sein, welche die sogenannten<lb/>
landwirthschaftlichen Gewerbe genommen haben. Die Zuckerfabrikation,<lb/>
die Bierbrauerei, die Branntweinbrennerei und Spiritusfabrikation, die<lb/>
Ziegelfabrikation mittelst Maschinen <abbr>ec.</abbr> sind immer umfangreicher ge-<lb/>
worden; die Weindarstellung mag heutzutage auch mehr oder weniger<lb/>
zu den Gewerben gerechnet werden; auch diese hat sich rasch entwickelt,<lb/>
ist jedoch leider häufig zur puren Fälschung herabgesunken. --<lb/>
Die durch die Weinfabrikation bedingte Darstellung von Trauben-<lb/>
zucker hat große Dimensionen angenommen. Ebenso bedeutend hat<lb/>
die Stärkefabrikation zugenommen, und die Brodfabriken sind Kinder<lb/>
unserer neuesten Zeit, welche sich täglich vermehren. Die letzteren<lb/>
arbeiten mit verbesserten Teigknetmaschinen und Backöfen, müssen aber<lb/>
unserer Ansicht nach, wenn die Darstellung des Brodes billiger werden<lb/>
soll, im Prinzip reformirt werden, und zwar müßen sie nicht das Brod<lb/>
aus Mehl darstellen, sondern direkt aus dem Getreide, und verweisen<lb/>
wir in dieser Beziehung auf unsere Mittheilung in No. 665 d. Bl.<lb/>
Auf diesen neuen Satz müssen alle Brodfabriken der Zukunft gegründet<lb/>
werden; wenn das Volk das nöthigste Nahrungsmittel so billig wie<lb/>
möglich erhalten soll, muß unsere jetzige Müllerei verschwinden!</p>
        </div>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><hi rendition="#sup">*</hi> Stehende Heere. Ein kompetenter Fachmann, der berühmte<lb/>
k. k. östreichische Feldmarschall Radetzki, äußerte sich darüber folgen-<lb/>
dermaßen: &#x201E;Das System der stehenden Heere paßt für gewisse Zeiten<lb/>
und gewisse Verhältnisse, jedoch nicht für alle und überall. Man<lb/>
mag damit ausreichen, so lange es in allen Staaten Sitte bleibt,<lb/>
nur mit stehenden Heeren Krieg zu führen, so lange nicht blos<lb/>
das Verhältniß der Volksmassen, sondern auch jenes der Staatsein-<lb/>
künfte nicht berücksichtigt wird. Es wird und muß von selbst fallen<lb/>
-- dieses System -- sobald diese Bedingnisse aufhören.... Die<lb/>
stehenden Heere haben in dem neuen Europa den Glanz der Land-<lb/>
wehren gänzlich verdunkelt. Dadurch sind in neuester Zeit alle Er-<lb/>
fahrungen, die uns bei Beurtheilung des Werthes der Landwehr<lb/>
leiten könnten, verloren gegangen. Und doch beruht die zuverlässigste<lb/>
Stärke eines Staates auf zweckmäßig gebildeten Landwehren. Diese<lb/>
Einrichtung ist die natürlichste und deßhalb auch die beste. Sie<lb/>
liefert dem Staate im Verhältniß seiner Bevölkerung die größte An-<lb/>
zahl Streiter, sie erhält im Volke das Bewußtsein lebendig, daß es<lb/>
sich selbst vertheidigt, eben dadurch also auch einen kriegerischen Geist,<lb/>
der nicht leicht ausarten wird, weil Diejenigen, welche er belebt, nie-<lb/>
mals aufhören, Bürger zu sein. Ein solcher Geist auf einer solchen<lb/>
Höhe aber macht ein Volk unüberwindlich.&#x201C;</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <p><hi rendition="#sup">*</hi> Konsumvereine. Die <hi rendition="#g">sächsischen</hi> Konsumvereine, welche seit<lb/>
2 Jahren zu einem Verband vereinigt sind, hielten Ostern vorigen<lb/>
Jahres in Chemnitz ihren ersten Verbandstag ab zur Feststellung der<lb/>
anzustrebenden Grundprinzipien des Verbandes ( Verkauf zum Tages-<lb/>
preise gegen Baarzahlung an Mitglieder und Nichtmitglieder, Ver-<lb/>
theilung des Gewinnes nach Verbrauch und Aussparung desselben zu<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0002] der Einzelnen umfaßt. Ueber das Genossenschaftswesen ist nicht mehr zu diskutiren, es ist nur noch zu organisiren. Höchst fördernd für die Einführung des Genossenschaftswesen werden die landwirthschaftlichen Vereine sein. Ende 1868 war der Stand dieser Vereine soweit bekannt in Deutschland folgender: Preußen zählte 1638 Vereine mit 109,996 Mitglieder; Sachsen 323 Vereine mit 17,418 Mitglieder; die Mecklenburger Vereine zählen 1113 Mitgl.; die Vereine in Hessen circa 3300 Mitglieder; Bayern hatte 475 Vereine mit 25,821 Mitglieder; Würtemberg 64 Vereine mit 20,015 Mitgl.; Baden 70 Vereine mit 13,592 Mitgliedern. Die übrigen deutschen Staaten hatten 356 Vereine. Auf je 1000 Einwohner kamen demnach im Jahr 1869 im Königreich Preußen 4,57 Vereinsmitglieder. in Sachsen 7,17 „ „ Bayern 5,35 „ „ Würtemberg 11,25 „ „ Baden 9,47 „ „ Hessen 3,99 „ „ Mecklenburg 1,68 „ Auch die genossenschaftliche Bewegung in Bezug auf Vorschuß- vereine hat auf dem Land schon vielfach Boden gewonnen; gegen- wärtig dürften bereits einige 100 ländl. Vorschußvereine bestehen. Neben diesen haben die Genossenschaften für Beschaffung von Ma- schinen wohl am meisten Erfolg gehabt, hauptsächlich zur Beschaffung von Dampfdreschmaschinen. Außerdem bestehen noch Vereine zur Be- schaffung von künstlichem Dünger, Konsumvereine zur Beschaffung von Lebensmitteln, genossenschaftliche Brennereien, Käsereigenossenschaf- ten, Winzervereine ec. Die Einrichtung der Genossenschaften mag auf dem Lande mehr Arbeit machen, wie in andern Geschäften, allein der Anfang ist gemacht, und bedeutende Männer haben bereits den „schlummernden Riesen“ der Genossenschaft geweckt. Jn Bezug auf den landwirthschaftlichen Unterricht wird in Deutschland viel gethan. Wir haben eine große Anzahl land- wirthschaftlicher Akademien und Schulen, auf welchen junge Oeko- nomen eine dem heutigen Stand der Wissenschaft entsprechende Ausbildung erhalten. Jn Verbindung mit diesen Anstalten stehen häufig sogenannte landwirthschaftliche Versuchsstationen, welche sich mit der praktischen Erprobung von neuen Verfahren ec. be- fassen. Eine Einrichtung der neuesten Zeit ist das Jnstitut der Wanderlehrer. Die landwirthschaftlichen Vereine, welche ihre segens- reiche Thätigkeit über ganz Deutschland verbreiten, senden nämlich hauptsächlich im Winter Lehrer aus, die von Ort zu Ort reisen und Vorträge über landwirthschaftliche Fragen halten. Durch Fortbil- dungsschulen und sogenannte landwirthschaftliche Kränzchen wird die Thätigkeit dieser Lehrer noch unterstützt. -- Eine sehr wichtige Rolle spielt in der Landwirthschaft der Dünger. Die ganze Anwendung des Düngers beruht auf zwei Fundamentalsätzen, erstlich: jede Pflanzengattung bedarf zu ihrer Er- nährung ganz besonderer Stoffe, und zweitens: alle die Stoffe, welche dem Feld in Form von Pflanzen genommen, müssen ihm auch wieder zurückerstattet werden. Als Dünger wurde anfangs nur der Stalldünger benützt, der in der That einen ansehnlichen Theil zum Gedeihen der Bodenkultur im Allgemeinen unerläßlicher Stoffe enthält; ferner verwendet man Mergel und in neuerer Zeit Knochen, wegen ihres Gehaltes an phos- phorsaurem Kalk. Diese Düngungsweise wurde von den Engländern eingeführt, welche nicht nur die Abfälle des Wirthshauses dazu be- nützten, sondern auch die Schlachtfelder durchwühlten, um die Knochen der Gefallenen in Dünger zu verwandeln. Bedeutender noch als die Knochen sind der Guano und der mineralische Dünger geworden. England verwendet jetzt nicht weniger als 175,000 Tonnen Guano, Frankreich circa 50,000 Tonnen. Aus dem Mineralreich wird besonders der phosphorsaure Kalk und die Potasche als Dünger verwendet. Der phosphorsaure Kalk ist namentlich zur Erzeugung von Getreide unerläßlich. Derselbe kommt in der Natur in drei Formen vor: 1. krystallisirt als Apatit; 2. als erdartiger Stein ( Phosphorith ) ; 3. in Form alter zerbrochener Knochen. Die Phos- phoriten sind indessen die Hauptquelle, aus welchen die Landwirth- schaft ihren phosphorsauren Kalk bezieht. Jmmerhin ist die Aus- beutung der Phosphorite noch in ihrer Kindheit. Jn Frankreich z. B. sind in 40 Departements Phosphorite entdeckt und erst in drei wird die Ausdeutung derselben betrieben. Die bedeutendsten Lager von Phosphoriten sind in Spanien; auch in Deutschland ( Nassau ) sind in neuester Zeit mächtige Lager entdeckt worden. Der Gehalt der Phosphorite ist ungleich; im Durchschnitt enthalten sie 25--30 pCt. phosphorsauren Kalk. Die Potasche mit ihren Salzverbindungen wird hauptsächlich von Staßfurt aus der Landwirthschaft geliefert; auch aus Seewasser wird welche gewonnen. -- Soll eine Feldwirthschaft richtig betrieben werden, so muß das Land nicht nur gut gedüngt, sondern auch gut bear- beitet werden. Aus diesem Grund einestheils, und wegen Mangel an Arbeitskräften anderntheils, hat man eine ganze Reihe von Ma- schinen eingeführt, von denen unsere Eltern und Großeltern noch keine Ahnung hatten. Die wichtigsten sind: der Dampfpflug mit seinen verschiedenen Bodenbearbeitungsinstrumenten, verbesserte Pferde- pflüge, Extirpatoren, Kultivatoren, Ringelwalzen, Säemaschinen, Pferde- hacken, Mähmaschinen, Pferderechen, Heuwender, Dreschmaschinen, Futterschneider ec. ec. Der Stand einer Jndustrie läßt sich stets nach der Entwicklung ihrer Werkzeuge beurtheilen; die Verbreitung verbesserter Maschinen gibt daher einen guten Maßstab für die Beurtheilung des Ausbil- dungsgrades der Landwirthschaft. Am meisten angewendet finden wir die Maschinen in solchen Gegenden, welche hauptsächlich industrielle Rohprodukte liefern, z. B. da wo die Zuckerrübe angepflanzt wird. Jn Deutschland wurde in der Provinz Sachsen zuerst der Dampf- pflug eingeführt. Zufriedener wie mit der Entwicklung der Landwirthschaft selbst, kann man mit derjenigen Entwicklung sein, welche die sogenannten landwirthschaftlichen Gewerbe genommen haben. Die Zuckerfabrikation, die Bierbrauerei, die Branntweinbrennerei und Spiritusfabrikation, die Ziegelfabrikation mittelst Maschinen ec. sind immer umfangreicher ge- worden; die Weindarstellung mag heutzutage auch mehr oder weniger zu den Gewerben gerechnet werden; auch diese hat sich rasch entwickelt, ist jedoch leider häufig zur puren Fälschung herabgesunken. -- Die durch die Weinfabrikation bedingte Darstellung von Trauben- zucker hat große Dimensionen angenommen. Ebenso bedeutend hat die Stärkefabrikation zugenommen, und die Brodfabriken sind Kinder unserer neuesten Zeit, welche sich täglich vermehren. Die letzteren arbeiten mit verbesserten Teigknetmaschinen und Backöfen, müssen aber unserer Ansicht nach, wenn die Darstellung des Brodes billiger werden soll, im Prinzip reformirt werden, und zwar müßen sie nicht das Brod aus Mehl darstellen, sondern direkt aus dem Getreide, und verweisen wir in dieser Beziehung auf unsere Mittheilung in No. 665 d. Bl. Auf diesen neuen Satz müssen alle Brodfabriken der Zukunft gegründet werden; wenn das Volk das nöthigste Nahrungsmittel so billig wie möglich erhalten soll, muß unsere jetzige Müllerei verschwinden! * Stehende Heere. Ein kompetenter Fachmann, der berühmte k. k. östreichische Feldmarschall Radetzki, äußerte sich darüber folgen- dermaßen: „Das System der stehenden Heere paßt für gewisse Zeiten und gewisse Verhältnisse, jedoch nicht für alle und überall. Man mag damit ausreichen, so lange es in allen Staaten Sitte bleibt, nur mit stehenden Heeren Krieg zu führen, so lange nicht blos das Verhältniß der Volksmassen, sondern auch jenes der Staatsein- künfte nicht berücksichtigt wird. Es wird und muß von selbst fallen -- dieses System -- sobald diese Bedingnisse aufhören.... Die stehenden Heere haben in dem neuen Europa den Glanz der Land- wehren gänzlich verdunkelt. Dadurch sind in neuester Zeit alle Er- fahrungen, die uns bei Beurtheilung des Werthes der Landwehr leiten könnten, verloren gegangen. Und doch beruht die zuverlässigste Stärke eines Staates auf zweckmäßig gebildeten Landwehren. Diese Einrichtung ist die natürlichste und deßhalb auch die beste. Sie liefert dem Staate im Verhältniß seiner Bevölkerung die größte An- zahl Streiter, sie erhält im Volke das Bewußtsein lebendig, daß es sich selbst vertheidigt, eben dadurch also auch einen kriegerischen Geist, der nicht leicht ausarten wird, weil Diejenigen, welche er belebt, nie- mals aufhören, Bürger zu sein. Ein solcher Geist auf einer solchen Höhe aber macht ein Volk unüberwindlich.“ * Konsumvereine. Die sächsischen Konsumvereine, welche seit 2 Jahren zu einem Verband vereinigt sind, hielten Ostern vorigen Jahres in Chemnitz ihren ersten Verbandstag ab zur Feststellung der anzustrebenden Grundprinzipien des Verbandes ( Verkauf zum Tages- preise gegen Baarzahlung an Mitglieder und Nichtmitglieder, Ver- theilung des Gewinnes nach Verbrauch und Aussparung desselben zu

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Institut für Deutsche Sprache, Mannheim: Bereitstellung der Bilddigitalisate und TEI Transkription
Peter Fankhauser: Transformation von TUSTEP nach TEI P5. Transformation von TEI P5 in das DTA TEI P5 Format.

Weitere Informationen:

Siehe Dokumentation




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber0673_1870
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber0673_1870/2
Zitationshilfe: Der Arbeitgeber. Nr. 673. Frankfurt a. M., 25. März 1870, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_arbeitgeber0673_1870/2>, abgerufen am 27.09.2020.