Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Müller, Adam Heinrich: Versuche einer neuen Theorie des Geldes mit besonderer Rücksicht auf Großbritannien. Leipzig u. a., 1816.

Bild:
<< vorherige Seite

auch eine Waare, und, wenn es ruht, Gegenstand des
Privateigenthums ist, allen persönlichen und feudalen Ver-
pflichtungen ausweicht, und sich bloß auf das absolute Pri-
vateigenthum stützt, wie es zum Beyspiel geschieht, wenn
man in unseren Theorien das Manufactursystem durchaus an
die Stelle des Zunft- und Innungssystems setzt -- dieses Ge-
werbe in ein allgemeines Schuldenwesen, und in die Brot-
losigkeit der Arbeiter ausgehen, also verderben müsse.

Jedermann wird mir nach diesen Betrachtungen einräu-
men, daß, wenn alles feudalistische Wesen aufgehoben wäre,
auch das prahlerische System unserer Industrie nothwendig
zusammensinken müßte. Schon in dem gegenwärtigen Zu-
stand der Dinge, wo doch noch die meisten unserer bürger-
lichen Einrichtungen im Zusammenhange mit ihrer feudalisti-
schen Quelle stehen, und eigentlich erst in wenigen einzelnen
Fällen die alten persönlichen Verpflichtungen in Geldprästa-
tionen und privatrechtliches Eigenthum verwandelt worden,
ist ein viel drückenderes persönliches Verhältniß an die Stelle
der aufgehobenen getreten: das Staats- und Privatschulden-
wesen. Keine Dienstpflichtigkeit der Welt, weder des Vasallen
gegen seinen Lehnherrn, noch des Unterthanen gegen seinen
Grundherrn, noch des Gesellen gegen seinen Meister u. s. f.
wie diese Dienstverhältnisse auch von dem alten Charakter der
Gegenseitigkeit abgefallen seyn mochten, ist wohl an inner-
licher Schmach und Demüthigung mit dem Verhältniß des
Schuldners gegen seinen Gläubiger zu vergleichen: und so ist
die Welt auf der einen Seite dem Druck natürlicher Ver-
pflichtungen entlaufen, um sich auf der andern Seite nur desto

auch eine Waare, und, wenn es ruht, Gegenſtand des
Privateigenthums iſt, allen perſoͤnlichen und feudalen Ver-
pflichtungen ausweicht, und ſich bloß auf das abſolute Pri-
vateigenthum ſtuͤtzt, wie es zum Beyſpiel geſchieht, wenn
man in unſeren Theorien das Manufacturſyſtem durchaus an
die Stelle des Zunft- und Innungsſyſtems ſetzt — dieſes Ge-
werbe in ein allgemeines Schuldenweſen, und in die Brot-
loſigkeit der Arbeiter ausgehen, alſo verderben muͤſſe.

Jedermann wird mir nach dieſen Betrachtungen einraͤu-
men, daß, wenn alles feudaliſtiſche Weſen aufgehoben waͤre,
auch das prahleriſche Syſtem unſerer Induſtrie nothwendig
zuſammenſinken muͤßte. Schon in dem gegenwaͤrtigen Zu-
ſtand der Dinge, wo doch noch die meiſten unſerer buͤrger-
lichen Einrichtungen im Zuſammenhange mit ihrer feudaliſti-
ſchen Quelle ſtehen, und eigentlich erſt in wenigen einzelnen
Faͤllen die alten perſoͤnlichen Verpflichtungen in Geldpraͤſta-
tionen und privatrechtliches Eigenthum verwandelt worden,
iſt ein viel druͤckenderes perſoͤnliches Verhaͤltniß an die Stelle
der aufgehobenen getreten: das Staats- und Privatſchulden-
weſen. Keine Dienſtpflichtigkeit der Welt, weder des Vaſallen
gegen ſeinen Lehnherrn, noch des Unterthanen gegen ſeinen
Grundherrn, noch des Geſellen gegen ſeinen Meiſter u. ſ. f.
wie dieſe Dienſtverhaͤltniſſe auch von dem alten Charakter der
Gegenſeitigkeit abgefallen ſeyn mochten, iſt wohl an inner-
licher Schmach und Demuͤthigung mit dem Verhaͤltniß des
Schuldners gegen ſeinen Glaͤubiger zu vergleichen: und ſo iſt
die Welt auf der einen Seite dem Druck natuͤrlicher Ver-
pflichtungen entlaufen, um ſich auf der andern Seite nur deſto

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0050" n="36"/>
auch eine Waare, und, wenn es ruht, Gegen&#x017F;tand des<lb/>
Privateigenthums i&#x017F;t, allen per&#x017F;o&#x0364;nlichen und feudalen Ver-<lb/>
pflichtungen ausweicht, und &#x017F;ich bloß auf das ab&#x017F;olute Pri-<lb/>
vateigenthum &#x017F;tu&#x0364;tzt, wie es zum Bey&#x017F;piel ge&#x017F;chieht, wenn<lb/>
man in un&#x017F;eren Theorien das Manufactur&#x017F;y&#x017F;tem durchaus an<lb/>
die Stelle des Zunft- und Innungs&#x017F;y&#x017F;tems &#x017F;etzt &#x2014; die&#x017F;es Ge-<lb/>
werbe in ein allgemeines Schuldenwe&#x017F;en, und in die Brot-<lb/>
lo&#x017F;igkeit der Arbeiter ausgehen, al&#x017F;o verderben mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e.</p><lb/>
          <p>Jedermann wird mir nach die&#x017F;en Betrachtungen einra&#x0364;u-<lb/>
men, daß, wenn alles feudali&#x017F;ti&#x017F;che We&#x017F;en aufgehoben wa&#x0364;re,<lb/>
auch das prahleri&#x017F;che Sy&#x017F;tem un&#x017F;erer Indu&#x017F;trie nothwendig<lb/>
zu&#x017F;ammen&#x017F;inken mu&#x0364;ßte. Schon in dem gegenwa&#x0364;rtigen Zu-<lb/>
&#x017F;tand der Dinge, wo doch noch die mei&#x017F;ten un&#x017F;erer bu&#x0364;rger-<lb/>
lichen Einrichtungen im Zu&#x017F;ammenhange mit ihrer feudali&#x017F;ti-<lb/>
&#x017F;chen Quelle &#x017F;tehen, und eigentlich er&#x017F;t in wenigen einzelnen<lb/>
Fa&#x0364;llen die alten per&#x017F;o&#x0364;nlichen Verpflichtungen in Geldpra&#x0364;&#x017F;ta-<lb/>
tionen und privatrechtliches Eigenthum verwandelt worden,<lb/>
i&#x017F;t ein viel dru&#x0364;ckenderes per&#x017F;o&#x0364;nliches Verha&#x0364;ltniß an die Stelle<lb/>
der aufgehobenen getreten: das Staats- und Privat&#x017F;chulden-<lb/>
we&#x017F;en. Keine Dien&#x017F;tpflichtigkeit der Welt, weder des Va&#x017F;allen<lb/>
gegen &#x017F;einen Lehnherrn, noch des Unterthanen gegen &#x017F;einen<lb/>
Grundherrn, noch des Ge&#x017F;ellen gegen &#x017F;einen Mei&#x017F;ter u. &#x017F;. f.<lb/>
wie die&#x017F;e Dien&#x017F;tverha&#x0364;ltni&#x017F;&#x017F;e auch von dem alten Charakter der<lb/>
Gegen&#x017F;eitigkeit abgefallen &#x017F;eyn mochten, i&#x017F;t wohl an inner-<lb/>
licher Schmach und Demu&#x0364;thigung mit dem Verha&#x0364;ltniß des<lb/>
Schuldners gegen &#x017F;einen Gla&#x0364;ubiger zu vergleichen: und &#x017F;o i&#x017F;t<lb/>
die Welt auf der einen Seite dem Druck natu&#x0364;rlicher Ver-<lb/>
pflichtungen entlaufen, um &#x017F;ich auf der andern Seite nur de&#x017F;to<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[36/0050] auch eine Waare, und, wenn es ruht, Gegenſtand des Privateigenthums iſt, allen perſoͤnlichen und feudalen Ver- pflichtungen ausweicht, und ſich bloß auf das abſolute Pri- vateigenthum ſtuͤtzt, wie es zum Beyſpiel geſchieht, wenn man in unſeren Theorien das Manufacturſyſtem durchaus an die Stelle des Zunft- und Innungsſyſtems ſetzt — dieſes Ge- werbe in ein allgemeines Schuldenweſen, und in die Brot- loſigkeit der Arbeiter ausgehen, alſo verderben muͤſſe. Jedermann wird mir nach dieſen Betrachtungen einraͤu- men, daß, wenn alles feudaliſtiſche Weſen aufgehoben waͤre, auch das prahleriſche Syſtem unſerer Induſtrie nothwendig zuſammenſinken muͤßte. Schon in dem gegenwaͤrtigen Zu- ſtand der Dinge, wo doch noch die meiſten unſerer buͤrger- lichen Einrichtungen im Zuſammenhange mit ihrer feudaliſti- ſchen Quelle ſtehen, und eigentlich erſt in wenigen einzelnen Faͤllen die alten perſoͤnlichen Verpflichtungen in Geldpraͤſta- tionen und privatrechtliches Eigenthum verwandelt worden, iſt ein viel druͤckenderes perſoͤnliches Verhaͤltniß an die Stelle der aufgehobenen getreten: das Staats- und Privatſchulden- weſen. Keine Dienſtpflichtigkeit der Welt, weder des Vaſallen gegen ſeinen Lehnherrn, noch des Unterthanen gegen ſeinen Grundherrn, noch des Geſellen gegen ſeinen Meiſter u. ſ. f. wie dieſe Dienſtverhaͤltniſſe auch von dem alten Charakter der Gegenſeitigkeit abgefallen ſeyn mochten, iſt wohl an inner- licher Schmach und Demuͤthigung mit dem Verhaͤltniß des Schuldners gegen ſeinen Glaͤubiger zu vergleichen: und ſo iſt die Welt auf der einen Seite dem Druck natuͤrlicher Ver- pflichtungen entlaufen, um ſich auf der andern Seite nur deſto

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_geld_1816
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_geld_1816/50
Zitationshilfe: Müller, Adam Heinrich: Versuche einer neuen Theorie des Geldes mit besonderer Rücksicht auf Großbritannien. Leipzig u. a., 1816. , S. 36. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/mueller_geld_1816/50>, abgerufen am 20.06.2019.