Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Bd. 3. Berlin, 1786.

Bild:
<< vorherige Seite

sind -- und der dennoch immer eine Lücke in
sich fühlt, die nur durch die Idee vom Unend¬
lichen ausgefüllt werden kann, und so brachte er
dann wieder, mit einigem Zwang wegen des Aus¬
drucks, folgendes Gedicht zuwege:

Die Seele des Weisen.

Des Weisen Seel in ihrem Fluge
Erhub sich über Wolken hoch;
Und folgte kühn dem innern Zuge,
Der mächtig himmelan sie zog. --
Sie strebt, das Leere auszufüllen.
Das sie in sich mit Ekel sieht.
Und forscht, um die Begier zu stillen.
Nach Wahrheit, die ihr stets entflieht.
Sie thürmt Gedanken auf Gedanken,
Durchschauet kühn der Himmel Heer,
Erschwingt den Weltbau ohne Schranken,
Doch der Gedanke läßt sie leer. --
Sie wagt es nun, sich selbst zu denken.
Sich, die so oft sich selbst entflieht;
Wagt's, in ihr Seyn sich zu versenken.
Und sieht, daß sie sich selbst nicht gnügt. --

ſind — und der dennoch immer eine Luͤcke in
ſich fuͤhlt, die nur durch die Idee vom Unend¬
lichen ausgefuͤllt werden kann, und ſo brachte er
dann wieder, mit einigem Zwang wegen des Aus¬
drucks, folgendes Gedicht zuwege:

Die Seele des Weiſen.

Des Weiſen Seel in ihrem Fluge
Erhub ſich uͤber Wolken hoch;
Und folgte kuͤhn dem innern Zuge,
Der maͤchtig himmelan ſie zog. —
Sie ſtrebt, das Leere auszufuͤllen.
Das ſie in ſich mit Ekel ſieht.
Und forſcht, um die Begier zu ſtillen.
Nach Wahrheit, die ihr ſtets entflieht.
Sie thuͤrmt Gedanken auf Gedanken,
Durchſchauet kuͤhn der Himmel Heer,
Erſchwingt den Weltbau ohne Schranken,
Doch der Gedanke laͤßt ſie leer. —
Sie wagt es nun, ſich ſelbſt zu denken.
Sich, die ſo oft ſich ſelbſt entflieht;
Wagt's, in ihr Seyn ſich zu verſenken.
Und ſieht, daß ſie ſich ſelbſt nicht gnuͤgt. —
<TEI>
  <text>
    <body>
      <p><pb facs="#f0112" n="102"/>
&#x017F;ind &#x2014; und der dennoch immer eine Lu&#x0364;cke in<lb/>
&#x017F;ich fu&#x0364;hlt, die nur durch die Idee vom Unend¬<lb/>
lichen ausgefu&#x0364;llt werden kann, und &#x017F;o brachte er<lb/>
dann wieder, mit einigem Zwang wegen des Aus¬<lb/>
drucks, folgendes Gedicht zuwege:</p><lb/>
      <p rendition="#c"> <hi rendition="#fr">Die Seele des Wei&#x017F;en.</hi> </p><lb/>
      <lg type="poem">
        <lg n="1">
          <l>Des Wei&#x017F;en Seel in ihrem Fluge</l><lb/>
          <l>Erhub &#x017F;ich u&#x0364;ber Wolken hoch;</l><lb/>
          <l>Und folgte ku&#x0364;hn dem innern Zuge,</l><lb/>
          <l>Der ma&#x0364;chtig himmelan &#x017F;ie zog. &#x2014;</l><lb/>
        </lg>
        <lg n="2">
          <l>Sie &#x017F;trebt, das Leere auszufu&#x0364;llen.</l><lb/>
          <l>Das &#x017F;ie in &#x017F;ich mit Ekel &#x017F;ieht.</l><lb/>
          <l>Und for&#x017F;cht, um die Begier zu &#x017F;tillen.</l><lb/>
          <l>Nach Wahrheit, die ihr &#x017F;tets entflieht.</l><lb/>
        </lg>
        <lg n="3">
          <l>Sie thu&#x0364;rmt Gedanken auf Gedanken,</l><lb/>
          <l>Durch&#x017F;chauet ku&#x0364;hn der Himmel Heer,</l><lb/>
          <l>Er&#x017F;chwingt den Weltbau ohne Schranken,</l><lb/>
          <l>Doch der Gedanke la&#x0364;ßt &#x017F;ie leer. &#x2014;</l><lb/>
        </lg>
        <lg n="4">
          <l>Sie wagt es nun, &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t zu denken.</l><lb/>
          <l>Sich, die &#x017F;o oft &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t entflieht;</l><lb/>
          <l>Wagt's, in ihr Seyn &#x017F;ich zu ver&#x017F;enken.</l><lb/>
          <l>Und &#x017F;ieht, daß &#x017F;ie &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t nicht gnu&#x0364;gt. &#x2014;</l><lb/>
        </lg>
      </lg>
    </body>
  </text>
</TEI>
[102/0112] ſind — und der dennoch immer eine Luͤcke in ſich fuͤhlt, die nur durch die Idee vom Unend¬ lichen ausgefuͤllt werden kann, und ſo brachte er dann wieder, mit einigem Zwang wegen des Aus¬ drucks, folgendes Gedicht zuwege: Die Seele des Weiſen. Des Weiſen Seel in ihrem Fluge Erhub ſich uͤber Wolken hoch; Und folgte kuͤhn dem innern Zuge, Der maͤchtig himmelan ſie zog. — Sie ſtrebt, das Leere auszufuͤllen. Das ſie in ſich mit Ekel ſieht. Und forſcht, um die Begier zu ſtillen. Nach Wahrheit, die ihr ſtets entflieht. Sie thuͤrmt Gedanken auf Gedanken, Durchſchauet kuͤhn der Himmel Heer, Erſchwingt den Weltbau ohne Schranken, Doch der Gedanke laͤßt ſie leer. — Sie wagt es nun, ſich ſelbſt zu denken. Sich, die ſo oft ſich ſelbſt entflieht; Wagt's, in ihr Seyn ſich zu verſenken. Und ſieht, daß ſie ſich ſelbſt nicht gnuͤgt. —

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_reiser03_1786
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_reiser03_1786/112
Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp: Anton Reiser. Bd. 3. Berlin, 1786, S. 102. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/moritz_reiser03_1786/112>, abgerufen am 20.08.2019.