Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Ludwig, Carl: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Bd. 1. Heidelberg, 1852.

Bild:
<< vorherige Seite
Stickgas, Wasserstoffgas, Wasser.

2. Stickgas ist in allen mit Luft und Flüssigkeit erfüllten Räumen
des thierischen Körpers. Seine physiologische Bedeutung ist unbe-
kannt. Es wird theils aus der Atmosphäre aufgenommen, zum Theil
scheint es durch Zersetzung stickstoffhaltiger Gewebsbestandtheile
gebildet zu werden. Siehe die Lehre von der Athmung.

3. und 4. Wasserstoffgas und Kohlenwasserstoffgas (?)
kommen im Darmkanal vor. Beide Gasarten, von denen namentlich die
letzte noch genauer bestimmt werden muss, sind Zersetzungsprodukte
der Nahrungsmittel. Ueber ihre physiologische Bedeutung ist nichts
bekannt.

5. Wasser. Die Bedeutung, welche diese im menschlichen Or-
ganismus so verbreitete Flüssigkeit für das Leben gewinnt, erhält sie,
so weit bekannt, durch folgende Eigenschaften: a) Das Wasser ist
Lösungsmittel sehr vieler Bestandtheile des Thierkörpers und
als solches das Mittel, die Bewegung vieler Atome durch den
thierischen Körper möglich zu machen, ohne die Hilfe der in der
Ferne wirkenden Anziehung (s. Diffussion), und die Verbindungen
respective Umsetzungen der Atome zu erleichtern. b) Das Wasser ist
Imbibitionsstoff; vermittelst seiner Adhäsion zu den meisten und we-
sentlichsten festen Bestandtheilen des Thierleibes, überzieht es diesel-
ben an ihrer Oberfläche mit einer feinen Schichte, und insofern diese
Substanzen von feinen Oeffnungen und Röhren (Poren) durchbohrt
sind, dringt es auch in das Innere derselben; in Folge dessen werden
die Gewebe für die in Wasser löslichen Substanzen durchgängig;
ferner verändert sich hiermit das specifische Gewicht, die Elasticität,
die Durchsichtigkeit und die electrische Leitungsfähigkeit der Gewebe.
c) Sein Dampf bedarf zu seiner Entstehung -- welche bekanntlich so
lange geschieht, als der das Wasser umgebende Luftraum nicht schon
mit Wassergas gesättigt ist -- beträchtlicher Mengen von Wärme, die in
den sogenannten latenten Zustand übergeführt werden. Durch die Ge-
genwart des Wassers, respective durch die Verdunstung desselben,
wie sie in der Haut, den Lungen u. s. w. fortwährend geschieht, wird
dem thierischen Körper ununterbrochen Wärme entzogen; das Wasser
ist demnach ein Abkühlungsmittel, und insoferne es vermittelst beson-
derer Apparate bald mehr bald weniger abkühlt, ein Wärmeregulator.

Nicht unwahrscheinlich, aber noch unerwiesen ist es, dass das Wasser auch
durch seine chemischen Eigenschaften Dienste leistet, sei es als Hydrat und Basis-
wasser, oder indem sich die dasselbe constituirenden einfachen Atome (H u. O) an
mancherlei Zersetzungen organischer Stoffe betheiligen.

Das Wasser wird zum grössern Theil mit den Nahrungsmitteln
aufgenommen, zum kleineren bildet es sich bei dem stetigen langsa-
men Verbrennungsprozesse der wasserstoffhaltigen Verbindungen
unserer Gewebe im lebenden Zustand.

6. Kohlensäure und ihre Salze.

Stickgas, Wasserstoffgas, Wasser.

2. Stickgas ist in allen mit Luft und Flüssigkeit erfüllten Räumen
des thierischen Körpers. Seine physiologische Bedeutung ist unbe-
kannt. Es wird theils aus der Atmosphäre aufgenommen, zum Theil
scheint es durch Zersetzung stickstoffhaltiger Gewebsbestandtheile
gebildet zu werden. Siehe die Lehre von der Athmung.

3. und 4. Wasserstoffgas und Kohlenwasserstoffgas (?)
kommen im Darmkanal vor. Beide Gasarten, von denen namentlich die
letzte noch genauer bestimmt werden muss, sind Zersetzungsprodukte
der Nahrungsmittel. Ueber ihre physiologische Bedeutung ist nichts
bekannt.

5. Wasser. Die Bedeutung, welche diese im menschlichen Or-
ganismus so verbreitete Flüssigkeit für das Leben gewinnt, erhält sie,
so weit bekannt, durch folgende Eigenschaften: a) Das Wasser ist
Lösungsmittel sehr vieler Bestandtheile des Thierkörpers und
als solches das Mittel, die Bewegung vieler Atome durch den
thierischen Körper möglich zu machen, ohne die Hilfe der in der
Ferne wirkenden Anziehung (s. Diffussion), und die Verbindungen
respective Umsetzungen der Atome zu erleichtern. b) Das Wasser ist
Imbibitionsstoff; vermittelst seiner Adhäsion zu den meisten und we-
sentlichsten festen Bestandtheilen des Thierleibes, überzieht es diesel-
ben an ihrer Oberfläche mit einer feinen Schichte, und insofern diese
Substanzen von feinen Oeffnungen und Röhren (Poren) durchbohrt
sind, dringt es auch in das Innere derselben; in Folge dessen werden
die Gewebe für die in Wasser löslichen Substanzen durchgängig;
ferner verändert sich hiermit das specifische Gewicht, die Elasticität,
die Durchsichtigkeit und die electrische Leitungsfähigkeit der Gewebe.
c) Sein Dampf bedarf zu seiner Entstehung — welche bekanntlich so
lange geschieht, als der das Wasser umgebende Luftraum nicht schon
mit Wassergas gesättigt ist — beträchtlicher Mengen von Wärme, die in
den sogenannten latenten Zustand übergeführt werden. Durch die Ge-
genwart des Wassers, respective durch die Verdunstung desselben,
wie sie in der Haut, den Lungen u. s. w. fortwährend geschieht, wird
dem thierischen Körper ununterbrochen Wärme entzogen; das Wasser
ist demnach ein Abkühlungsmittel, und insoferne es vermittelst beson-
derer Apparate bald mehr bald weniger abkühlt, ein Wärmeregulator.

Nicht unwahrscheinlich, aber noch unerwiesen ist es, dass das Wasser auch
durch seine chemischen Eigenschaften Dienste leistet, sei es als Hydrat und Basis-
wasser, oder indem sich die dasselbe constituirenden einfachen Atome (H u. O) an
mancherlei Zersetzungen organischer Stoffe betheiligen.

Das Wasser wird zum grössern Theil mit den Nahrungsmitteln
aufgenommen, zum kleineren bildet es sich bei dem stetigen langsa-
men Verbrennungsprozesse der wasserstoffhaltigen Verbindungen
unserer Gewebe im lebenden Zustand.

6. Kohlensäure und ihre Salze.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0032" n="18"/>
        <fw place="top" type="header">Stickgas, Wasserstoffgas, Wasser.</fw><lb/>
        <p>2. <hi rendition="#g">Stickgas</hi> ist in allen mit Luft und Flüssigkeit erfüllten Räumen<lb/>
des thierischen Körpers. Seine physiologische Bedeutung ist unbe-<lb/>
kannt. Es wird theils aus der Atmosphäre aufgenommen, zum Theil<lb/>
scheint es durch Zersetzung stickstoffhaltiger Gewebsbestandtheile<lb/>
gebildet zu werden. Siehe die Lehre von der Athmung.</p><lb/>
        <p>3. und 4. <hi rendition="#g">Wasserstoffgas</hi> und <hi rendition="#g">Kohlenwasserstoffgas</hi> (?)<lb/>
kommen im Darmkanal vor. Beide Gasarten, von denen namentlich die<lb/>
letzte noch genauer bestimmt werden muss, sind Zersetzungsprodukte<lb/>
der Nahrungsmittel. Ueber ihre physiologische Bedeutung ist nichts<lb/>
bekannt.</p><lb/>
        <p>5. <hi rendition="#g">Wasser</hi>. Die Bedeutung, welche diese im menschlichen Or-<lb/>
ganismus so verbreitete Flüssigkeit für das Leben gewinnt, erhält sie,<lb/>
so weit bekannt, durch folgende Eigenschaften: a) Das Wasser ist<lb/>
Lösungsmittel sehr vieler Bestandtheile des Thierkörpers und<lb/>
als solches das Mittel, die Bewegung vieler Atome durch den<lb/>
thierischen Körper möglich zu machen, ohne die Hilfe der in der<lb/>
Ferne wirkenden Anziehung (s. Diffussion), und die Verbindungen<lb/>
respective Umsetzungen der Atome zu erleichtern. b) Das Wasser ist<lb/>
Imbibitionsstoff; vermittelst seiner Adhäsion zu den meisten und we-<lb/>
sentlichsten festen Bestandtheilen des Thierleibes, überzieht es diesel-<lb/>
ben an ihrer Oberfläche mit einer feinen Schichte, und insofern diese<lb/>
Substanzen von feinen Oeffnungen und Röhren (Poren) durchbohrt<lb/>
sind, dringt es auch in das Innere derselben; in Folge dessen werden<lb/>
die Gewebe für die in Wasser löslichen Substanzen durchgängig;<lb/>
ferner verändert sich hiermit das specifische Gewicht, die Elasticität,<lb/>
die Durchsichtigkeit und die electrische Leitungsfähigkeit der Gewebe.<lb/>
c) Sein Dampf bedarf zu seiner Entstehung &#x2014; welche bekanntlich so<lb/>
lange geschieht, als der das Wasser umgebende Luftraum nicht schon<lb/>
mit Wassergas gesättigt ist &#x2014; beträchtlicher Mengen von Wärme, die in<lb/>
den sogenannten latenten Zustand übergeführt werden. Durch die Ge-<lb/>
genwart des Wassers, respective durch die Verdunstung desselben,<lb/>
wie sie in der Haut, den Lungen u. s. w. fortwährend geschieht, wird<lb/>
dem thierischen Körper ununterbrochen Wärme entzogen; das Wasser<lb/>
ist demnach ein Abkühlungsmittel, und insoferne es vermittelst beson-<lb/>
derer Apparate bald mehr bald weniger abkühlt, ein Wärmeregulator.</p><lb/>
        <p>Nicht unwahrscheinlich, aber noch unerwiesen ist es, dass das Wasser auch<lb/>
durch seine chemischen Eigenschaften Dienste leistet, sei es als Hydrat und Basis-<lb/>
wasser, oder indem sich die dasselbe constituirenden einfachen Atome (H u. O) an<lb/>
mancherlei Zersetzungen organischer Stoffe betheiligen.</p><lb/>
        <p>Das Wasser wird zum grössern Theil mit den Nahrungsmitteln<lb/>
aufgenommen, zum kleineren bildet es sich bei dem stetigen langsa-<lb/>
men Verbrennungsprozesse der wasserstoffhaltigen Verbindungen<lb/>
unserer Gewebe im lebenden Zustand.</p><lb/>
        <p>6. <hi rendition="#g">Kohlensäure und ihre Salze</hi>.</p><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[18/0032] Stickgas, Wasserstoffgas, Wasser. 2. Stickgas ist in allen mit Luft und Flüssigkeit erfüllten Räumen des thierischen Körpers. Seine physiologische Bedeutung ist unbe- kannt. Es wird theils aus der Atmosphäre aufgenommen, zum Theil scheint es durch Zersetzung stickstoffhaltiger Gewebsbestandtheile gebildet zu werden. Siehe die Lehre von der Athmung. 3. und 4. Wasserstoffgas und Kohlenwasserstoffgas (?) kommen im Darmkanal vor. Beide Gasarten, von denen namentlich die letzte noch genauer bestimmt werden muss, sind Zersetzungsprodukte der Nahrungsmittel. Ueber ihre physiologische Bedeutung ist nichts bekannt. 5. Wasser. Die Bedeutung, welche diese im menschlichen Or- ganismus so verbreitete Flüssigkeit für das Leben gewinnt, erhält sie, so weit bekannt, durch folgende Eigenschaften: a) Das Wasser ist Lösungsmittel sehr vieler Bestandtheile des Thierkörpers und als solches das Mittel, die Bewegung vieler Atome durch den thierischen Körper möglich zu machen, ohne die Hilfe der in der Ferne wirkenden Anziehung (s. Diffussion), und die Verbindungen respective Umsetzungen der Atome zu erleichtern. b) Das Wasser ist Imbibitionsstoff; vermittelst seiner Adhäsion zu den meisten und we- sentlichsten festen Bestandtheilen des Thierleibes, überzieht es diesel- ben an ihrer Oberfläche mit einer feinen Schichte, und insofern diese Substanzen von feinen Oeffnungen und Röhren (Poren) durchbohrt sind, dringt es auch in das Innere derselben; in Folge dessen werden die Gewebe für die in Wasser löslichen Substanzen durchgängig; ferner verändert sich hiermit das specifische Gewicht, die Elasticität, die Durchsichtigkeit und die electrische Leitungsfähigkeit der Gewebe. c) Sein Dampf bedarf zu seiner Entstehung — welche bekanntlich so lange geschieht, als der das Wasser umgebende Luftraum nicht schon mit Wassergas gesättigt ist — beträchtlicher Mengen von Wärme, die in den sogenannten latenten Zustand übergeführt werden. Durch die Ge- genwart des Wassers, respective durch die Verdunstung desselben, wie sie in der Haut, den Lungen u. s. w. fortwährend geschieht, wird dem thierischen Körper ununterbrochen Wärme entzogen; das Wasser ist demnach ein Abkühlungsmittel, und insoferne es vermittelst beson- derer Apparate bald mehr bald weniger abkühlt, ein Wärmeregulator. Nicht unwahrscheinlich, aber noch unerwiesen ist es, dass das Wasser auch durch seine chemischen Eigenschaften Dienste leistet, sei es als Hydrat und Basis- wasser, oder indem sich die dasselbe constituirenden einfachen Atome (H u. O) an mancherlei Zersetzungen organischer Stoffe betheiligen. Das Wasser wird zum grössern Theil mit den Nahrungsmitteln aufgenommen, zum kleineren bildet es sich bei dem stetigen langsa- men Verbrennungsprozesse der wasserstoffhaltigen Verbindungen unserer Gewebe im lebenden Zustand. 6. Kohlensäure und ihre Salze.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/ludwig_physiologie01_1852
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/ludwig_physiologie01_1852/32
Zitationshilfe: Ludwig, Carl: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Bd. 1. Heidelberg, 1852, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/ludwig_physiologie01_1852/32>, abgerufen am 26.05.2019.