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Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834.

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Planetensysteme.
tausenden herrschenden Meinung kühn entgegen zu treten, und sich
den Gefahren auszusetzen, oder sie geschickt zu umgehen, denen ein
Jahrhundert später sein große Nachfolger, Galilei, auf derselben
Bahn unterlegen ist. Daher Kepler, in Beziehung auf diese Vor-
urtheile, die Copernicus zu bekämpfen hatte, von ihm sagte: Vir
fuit maximi ingenii et, quod in hoc exercitio magni mo-
menti est, animo liber.

§. 111. (Copernicanisches Planetensystem). Nach seinem Sy-
steme also ruht die Sonne in der Mitte der Planetenwelt, und
um sie bewegen sich in immer größeren concentrischen Kreisen,
deren Halbmesser und Umlaufszeiten bereits oben (§. 100) gegeben
wurden, zunächst Merkur, dann Venus, die Erde, Mars, Jupiter
und Saturn, denn die fünf übrigen Planeten waren ihm (nach
§. 92) noch unbekannt. Die Bewegungen aller dieser Planeten
um die Sonne gehen sämmtlich in der Richtung von West gen
Ost, während zugleich die Erde, von dem in 27 Tagen sich um
sie bewegenden Mond begleitet, in derselben Richtung, sich täglich
um ihre gegen die Ecliptik oder gegen die Ebene der jährlichen
Bahn der Erde schief gestellte Axe dreht, und dadurch die Abwechs-
lung des Tags und der Nacht sowohl, als auch die der Jahres-
zeiten erzeugt, wie wir bereits oben (Kapitel VII.) gesehen haben.

§. 112. (Erklärung der Erscheinungen durch dieses System).
Diese Darstellung ist so einfach, daß sie nur gehört zu werden
braucht, um auch sogleich verstanden zu werden, und daß sie daher
auch, zu ihrer weitern Erläuterung, keiner eigenen Zeichnung be-
dürfen wird. Sehen wir dafür, ob sich durch sie jene sonderbaren
Bewegungen der Planeten, die den Alten so viele Mühe machten
eben so leicht erklären lassen.

Sey S (Fig. 20) der Mittelpunkt der Sonne, und zugleich
der Mittelpunkt der beiden Kreise I, II, III. . und 1, 2, 3. . in
deren erstem sich die Erde, und in dem zweiten irgend ein oberer
Planet um die Sonne gleichförmig gegen Osten, und so bewegen
soll, daß für dieselben Augenblicke, wo die Erde in dem Punkte I,
oder II . . ist, der Planet den Punkt 1 oder 2 . . seiner Bahn ein-
nehme. Wenn die Erde bald nach der Conjunction des Planeten
mit der Sonne in I ist, so sieht sie den Planeten 1 in der Sphäre
des Himmels bei dem Punkte 1, und die scheinbare directe Be-

Planetenſyſteme.
tauſenden herrſchenden Meinung kühn entgegen zu treten, und ſich
den Gefahren auszuſetzen, oder ſie geſchickt zu umgehen, denen ein
Jahrhundert ſpäter ſein große Nachfolger, Galilei, auf derſelben
Bahn unterlegen iſt. Daher Kepler, in Beziehung auf dieſe Vor-
urtheile, die Copernicus zu bekämpfen hatte, von ihm ſagte: Vir
fuit maximi ingenii et, quod in hoc exercitio magni mo-
menti est, animo liber.

§. 111. (Copernicaniſches Planetenſyſtem). Nach ſeinem Sy-
ſteme alſo ruht die Sonne in der Mitte der Planetenwelt, und
um ſie bewegen ſich in immer größeren concentriſchen Kreiſen,
deren Halbmeſſer und Umlaufszeiten bereits oben (§. 100) gegeben
wurden, zunächſt Merkur, dann Venus, die Erde, Mars, Jupiter
und Saturn, denn die fünf übrigen Planeten waren ihm (nach
§. 92) noch unbekannt. Die Bewegungen aller dieſer Planeten
um die Sonne gehen ſämmtlich in der Richtung von Weſt gen
Oſt, während zugleich die Erde, von dem in 27 Tagen ſich um
ſie bewegenden Mond begleitet, in derſelben Richtung, ſich täglich
um ihre gegen die Ecliptik oder gegen die Ebene der jährlichen
Bahn der Erde ſchief geſtellte Axe dreht, und dadurch die Abwechs-
lung des Tags und der Nacht ſowohl, als auch die der Jahres-
zeiten erzeugt, wie wir bereits oben (Kapitel VII.) geſehen haben.

§. 112. (Erklärung der Erſcheinungen durch dieſes Syſtem).
Dieſe Darſtellung iſt ſo einfach, daß ſie nur gehört zu werden
braucht, um auch ſogleich verſtanden zu werden, und daß ſie daher
auch, zu ihrer weitern Erläuterung, keiner eigenen Zeichnung be-
dürfen wird. Sehen wir dafür, ob ſich durch ſie jene ſonderbaren
Bewegungen der Planeten, die den Alten ſo viele Mühe machten
eben ſo leicht erklären laſſen.

Sey S (Fig. 20) der Mittelpunkt der Sonne, und zugleich
der Mittelpunkt der beiden Kreiſe I, II, III. . und 1, 2, 3. . in
deren erſtem ſich die Erde, und in dem zweiten irgend ein oberer
Planet um die Sonne gleichförmig gegen Oſten, und ſo bewegen
ſoll, daß für dieſelben Augenblicke, wo die Erde in dem Punkte I,
oder II . . iſt, der Planet den Punkt 1 oder 2 . . ſeiner Bahn ein-
nehme. Wenn die Erde bald nach der Conjunction des Planeten
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des Himmels bei dem Punkte 1, und die ſcheinbare directe Be-

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[238/0250] Planetenſyſteme. tauſenden herrſchenden Meinung kühn entgegen zu treten, und ſich den Gefahren auszuſetzen, oder ſie geſchickt zu umgehen, denen ein Jahrhundert ſpäter ſein große Nachfolger, Galilei, auf derſelben Bahn unterlegen iſt. Daher Kepler, in Beziehung auf dieſe Vor- urtheile, die Copernicus zu bekämpfen hatte, von ihm ſagte: Vir fuit maximi ingenii et, quod in hoc exercitio magni mo- menti est, animo liber. §. 111. (Copernicaniſches Planetenſyſtem). Nach ſeinem Sy- ſteme alſo ruht die Sonne in der Mitte der Planetenwelt, und um ſie bewegen ſich in immer größeren concentriſchen Kreiſen, deren Halbmeſſer und Umlaufszeiten bereits oben (§. 100) gegeben wurden, zunächſt Merkur, dann Venus, die Erde, Mars, Jupiter und Saturn, denn die fünf übrigen Planeten waren ihm (nach §. 92) noch unbekannt. Die Bewegungen aller dieſer Planeten um die Sonne gehen ſämmtlich in der Richtung von Weſt gen Oſt, während zugleich die Erde, von dem in 27 Tagen ſich um ſie bewegenden Mond begleitet, in derſelben Richtung, ſich täglich um ihre gegen die Ecliptik oder gegen die Ebene der jährlichen Bahn der Erde ſchief geſtellte Axe dreht, und dadurch die Abwechs- lung des Tags und der Nacht ſowohl, als auch die der Jahres- zeiten erzeugt, wie wir bereits oben (Kapitel VII.) geſehen haben. §. 112. (Erklärung der Erſcheinungen durch dieſes Syſtem). Dieſe Darſtellung iſt ſo einfach, daß ſie nur gehört zu werden braucht, um auch ſogleich verſtanden zu werden, und daß ſie daher auch, zu ihrer weitern Erläuterung, keiner eigenen Zeichnung be- dürfen wird. Sehen wir dafür, ob ſich durch ſie jene ſonderbaren Bewegungen der Planeten, die den Alten ſo viele Mühe machten eben ſo leicht erklären laſſen. Sey S (Fig. 20) der Mittelpunkt der Sonne, und zugleich der Mittelpunkt der beiden Kreiſe I, II, III. . und 1, 2, 3. . in deren erſtem ſich die Erde, und in dem zweiten irgend ein oberer Planet um die Sonne gleichförmig gegen Oſten, und ſo bewegen ſoll, daß für dieſelben Augenblicke, wo die Erde in dem Punkte I, oder II . . iſt, der Planet den Punkt 1 oder 2 . . ſeiner Bahn ein- nehme. Wenn die Erde bald nach der Conjunction des Planeten mit der Sonne in I iſt, ſo ſieht ſie den Planeten 1 in der Sphäre des Himmels bei dem Punkte 1, und die ſcheinbare directe Be-

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Zitationshilfe: Littrow, Joseph Johann von: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems. Bd. 1. Stuttgart, 1834, S. 238. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/littrow_weltsystem01_1834/250>, abgerufen am 22.07.2019.