Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lenz, Jakob Michael Reinhold: Anmerkungen übers Theater, nebst angehängten übersetzten Stück Shakespears. Leipzig, 1774.

Bild:
<< vorherige Seite



ben im Sprechen." Sie sehen aus dieser
Erklärung, daß wir nach unserer modernen
dramaturgischen Sprache diese beyde Worte
in eins zusammenfassen, übersetzen können.
Charakter, der kenntliche Umriß eines Men-
schen auf der Bühne. Er fodert also,
daß wir die Fabel des Stücks nach den
Charakteren der handelnden Personen ein-
richten, wie er im neunten Kap. noch deut-
licher sich erklärt: "der Dichter solle Bege-
benheiten nicht vorstellen, wie sie gesche-
hen sind, sondern geschehen sollten."

Nachdem er nun selbst zugestanden, daß
der Charakter der handelnden Personen den
Grund ihrer Handlungen, und also auch der
Fabel des Stücks enthalte: sollt' es uns fast
wundern, daß er in eben diesem Kapitel fort-
fährt: "Das Wichtigste unter allen ist die
Zusammensetzung der Begebenheiten. Denn
das Trauerspiel ist nicht eine Nachahmung
des Menschen, sondern der Handlungen, des
Lebens, des Glücks oder Unglücks, denn die
Glückseligkeit ist in den Handlungen gegrün-
det, und der Entzweck des Trauerspiels ist
eine Handlung, nicht eine Beschaffenheit."
Als ob die Beschaffenheit eines Menschen
überhaupt vorgestellt werden könne, ohne ihn
in Handlung zu setzen. Er ist dies und das,
woran weiß ich es, lieber Freund, woran

weißt
B 3



ben im Sprechen.‟ Sie ſehen aus dieſer
Erklaͤrung, daß wir nach unſerer modernen
dramaturgiſchen Sprache dieſe beyde Worte
in eins zuſammenfaſſen, uͤberſetzen koͤnnen.
Charakter, der kenntliche Umriß eines Men-
ſchen auf der Buͤhne. Er fodert alſo,
daß wir die Fabel des Stuͤcks nach den
Charakteren der handelnden Perſonen ein-
richten, wie er im neunten Kap. noch deut-
licher ſich erklaͤrt: „der Dichter ſolle Bege-
benheiten nicht vorſtellen, wie ſie geſche-
hen ſind, ſondern geſchehen ſollten.‟

Nachdem er nun ſelbſt zugeſtanden, daß
der Charakter der handelnden Perſonen den
Grund ihrer Handlungen, und alſo auch der
Fabel des Stuͤcks enthalte: ſollt’ es uns faſt
wundern, daß er in eben dieſem Kapitel fort-
faͤhrt: „Das Wichtigſte unter allen iſt die
Zuſammenſetzung der Begebenheiten. Denn
das Trauerſpiel iſt nicht eine Nachahmung
des Menſchen, ſondern der Handlungen, des
Lebens, des Gluͤcks oder Ungluͤcks, denn die
Gluͤckſeligkeit iſt in den Handlungen gegruͤn-
det, und der Entzweck des Trauerſpiels iſt
eine Handlung, nicht eine Beſchaffenheit.‟
Als ob die Beſchaffenheit eines Menſchen
uͤberhaupt vorgeſtellt werden koͤnne, ohne ihn
in Handlung zu ſetzen. Er iſt dies und das,
woran weiß ich es, lieber Freund, woran

weißt
B 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <p><pb facs="#f0027" n="21"/><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
ben im Sprechen.&#x201F; Sie &#x017F;ehen aus die&#x017F;er<lb/>
Erkla&#x0364;rung, daß wir nach un&#x017F;erer modernen<lb/>
dramaturgi&#x017F;chen Sprache die&#x017F;e beyde Worte<lb/>
in eins zu&#x017F;ammenfa&#x017F;&#x017F;en, u&#x0364;ber&#x017F;etzen ko&#x0364;nnen.<lb/>
Charakter, der kenntliche Umriß eines Men-<lb/>
&#x017F;chen auf der Bu&#x0364;hne. Er fodert al&#x017F;o,<lb/>
daß wir die Fabel des Stu&#x0364;cks nach den<lb/>
Charakteren der handelnden Per&#x017F;onen ein-<lb/>
richten, wie er im neunten Kap. noch deut-<lb/>
licher &#x017F;ich erkla&#x0364;rt: &#x201E;der Dichter &#x017F;olle Bege-<lb/>
benheiten nicht vor&#x017F;tellen, wie &#x017F;ie ge&#x017F;che-<lb/>
hen &#x017F;ind, &#x017F;ondern ge&#x017F;chehen &#x017F;ollten.&#x201F;</p><lb/>
        <p>Nachdem er nun &#x017F;elb&#x017F;t zuge&#x017F;tanden, daß<lb/>
der Charakter der handelnden Per&#x017F;onen den<lb/>
Grund ihrer Handlungen, und al&#x017F;o auch der<lb/>
Fabel des Stu&#x0364;cks enthalte: &#x017F;ollt&#x2019; es uns fa&#x017F;t<lb/>
wundern, daß er in eben die&#x017F;em Kapitel fort-<lb/>
fa&#x0364;hrt: &#x201E;Das <hi rendition="#g">Wichtig&#x017F;te</hi> unter allen i&#x017F;t die<lb/>
Zu&#x017F;ammen&#x017F;etzung der Begebenheiten. Denn<lb/>
das Trauer&#x017F;piel i&#x017F;t nicht eine Nachahmung<lb/>
des Men&#x017F;chen, &#x017F;ondern der Handlungen, des<lb/>
Lebens, des Glu&#x0364;cks oder Unglu&#x0364;cks, denn die<lb/>
Glu&#x0364;ck&#x017F;eligkeit i&#x017F;t in den Handlungen gegru&#x0364;n-<lb/>
det, und der Entzweck des Trauer&#x017F;piels i&#x017F;t<lb/>
eine Handlung, nicht eine Be&#x017F;chaffenheit.&#x201F;<lb/>
Als ob die Be&#x017F;chaffenheit eines Men&#x017F;chen<lb/>
u&#x0364;berhaupt vorge&#x017F;tellt werden ko&#x0364;nne, ohne ihn<lb/>
in Handlung zu &#x017F;etzen. Er i&#x017F;t dies und das,<lb/>
woran weiß ich es, lieber Freund, woran<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">B 3</fw><fw place="bottom" type="catch">weißt</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[21/0027] ben im Sprechen.‟ Sie ſehen aus dieſer Erklaͤrung, daß wir nach unſerer modernen dramaturgiſchen Sprache dieſe beyde Worte in eins zuſammenfaſſen, uͤberſetzen koͤnnen. Charakter, der kenntliche Umriß eines Men- ſchen auf der Buͤhne. Er fodert alſo, daß wir die Fabel des Stuͤcks nach den Charakteren der handelnden Perſonen ein- richten, wie er im neunten Kap. noch deut- licher ſich erklaͤrt: „der Dichter ſolle Bege- benheiten nicht vorſtellen, wie ſie geſche- hen ſind, ſondern geſchehen ſollten.‟ Nachdem er nun ſelbſt zugeſtanden, daß der Charakter der handelnden Perſonen den Grund ihrer Handlungen, und alſo auch der Fabel des Stuͤcks enthalte: ſollt’ es uns faſt wundern, daß er in eben dieſem Kapitel fort- faͤhrt: „Das Wichtigſte unter allen iſt die Zuſammenſetzung der Begebenheiten. Denn das Trauerſpiel iſt nicht eine Nachahmung des Menſchen, ſondern der Handlungen, des Lebens, des Gluͤcks oder Ungluͤcks, denn die Gluͤckſeligkeit iſt in den Handlungen gegruͤn- det, und der Entzweck des Trauerſpiels iſt eine Handlung, nicht eine Beſchaffenheit.‟ Als ob die Beſchaffenheit eines Menſchen uͤberhaupt vorgeſtellt werden koͤnne, ohne ihn in Handlung zu ſetzen. Er iſt dies und das, woran weiß ich es, lieber Freund, woran weißt B 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lenz_anmerkungen_1774
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lenz_anmerkungen_1774/27
Zitationshilfe: Lenz, Jakob Michael Reinhold: Anmerkungen übers Theater, nebst angehängten übersetzten Stück Shakespears. Leipzig, 1774, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lenz_anmerkungen_1774/27>, abgerufen am 18.09.2019.