1. Dieser Kopf scheint beym ersten Anblicke viel zu versprechen; scheint überhaupt betrachtet, wo nicht etwas von Apoll, doch gewiß etwas Antikes zu haben. -- Jch kenne sie nicht; aber die Anla- gen dieser Person können nicht gemein seyn. Die Stirn hat viel Männlichkeit; die Nase, wenn sie untenher (vermuthlich durch des Zeichners Schuld) theils nicht so schwankend umrissen, theils nicht zu horizontal wäre -- der Uebergang von der Nase zum Munde -- die Oberlippe -- und zum Theil und im Ganzen genommen das Unterkinn -- alles zeigt wenigstens Anlage zur Größe? ...
Aber nun -- diese Person soll nicht cultivirt, weiter nichts als eine gemeine brave, wackere, kluge Hausmutter seyn? Befehlerisch, im Urtheilen schnell, schwatzhaft; -- wie sich's gebührt? Es kann seyn; das Profil läugnet die Möglichkeit dessen nicht -- bestätiget nur, daß Anlage treff- lich, die Würksamkeit gemein, daß Anlage im Profil sichtbarer seyn könne, als das Erworbene.
Allein dieß Profil hat dennoch einerseits positife Spuren, daß die Anlage selbst nicht von derjenigen Kraft sey, die sich über alle Beschränkungen gewöhnlicher Erziehung wegschwinge; -- anderseits positife Spuren von Vernachlässigung. Die ersten, in der ganzen Form des Profils, welches, die Nase weggeschnitten, im Ganzen betrachtet beynahe perpendikular ist; das heißt, die Stirn ist nicht zurückgehend, der untere Theil des Gesichtes nicht hervorstechend; die andern -- in dem fleischigen Unterkinn vornehmlich.
2. Die Silhouette ist zu ernsthaft, und nicht fein genug -- zeigt aber doch viel von dem Charakter der Person. "Kränkelnd, hypochondrisch, -- um die Lippen herum -- tiefsinnig! scharfsin- "nig" -- zeigt's der Uebergang von der Stirn zur Nase, der tiefes Aug' vermuthen läßt; zeigt's zum Theil die Nase, vornehmlich der Uebergang von der Nase zum Munde bis zur Mitte des Kinns -- "witzig, spottend" -- wird nicht bestimmt von der Silhouette ausgesprochen, aber nicht wider- "sprochen. Hat viel Geschicke, Geschmack, Urtheilskraft." -- Eben so! "ein starkes Gedächtniß!" -- vermuthlich in der hohen Stirn! "langsam zürnend und lange" -- vornehmlich in der Ungebo- genheit der Stirne -- "Freunden treu" -- eben da! ...
3. Verzeichnet; aber in der Zeichnung noch voll wahrer Expression. "Jn der Natur eine "sehr empfindsame, zärtlich gütige, fein geistreiche Person -- Jedes leidende und seufzende Geschöpfe,
wie
Schattenriſſen ſehen laſſe.
Zehnte Tafel. Drey weibliche Silhouetten Wr.
1. Dieſer Kopf ſcheint beym erſten Anblicke viel zu verſprechen; ſcheint uͤberhaupt betrachtet, wo nicht etwas von Apoll, doch gewiß etwas Antikes zu haben. — Jch kenne ſie nicht; aber die Anla- gen dieſer Perſon koͤnnen nicht gemein ſeyn. Die Stirn hat viel Maͤnnlichkeit; die Naſe, wenn ſie untenher (vermuthlich durch des Zeichners Schuld) theils nicht ſo ſchwankend umriſſen, theils nicht zu horizontal waͤre — der Uebergang von der Naſe zum Munde — die Oberlippe — und zum Theil und im Ganzen genommen das Unterkinn — alles zeigt wenigſtens Anlage zur Groͤße? ...
Aber nun — dieſe Perſon ſoll nicht cultivirt, weiter nichts als eine gemeine brave, wackere, kluge Hausmutter ſeyn? Befehleriſch, im Urtheilen ſchnell, ſchwatzhaft; — wie ſich’s gebuͤhrt? Es kann ſeyn; das Profil laͤugnet die Moͤglichkeit deſſen nicht — beſtaͤtiget nur, daß Anlage treff- lich, die Wuͤrkſamkeit gemein, daß Anlage im Profil ſichtbarer ſeyn koͤnne, als das Erworbene.
Allein dieß Profil hat dennoch einerſeits poſitife Spuren, daß die Anlage ſelbſt nicht von derjenigen Kraft ſey, die ſich uͤber alle Beſchraͤnkungen gewoͤhnlicher Erziehung wegſchwinge; — anderſeits poſitife Spuren von Vernachlaͤſſigung. Die erſten, in der ganzen Form des Profils, welches, die Naſe weggeſchnitten, im Ganzen betrachtet beynahe perpendikular iſt; das heißt, die Stirn iſt nicht zuruͤckgehend, der untere Theil des Geſichtes nicht hervorſtechend; die andern — in dem fleiſchigen Unterkinn vornehmlich.
2. Die Silhouette iſt zu ernſthaft, und nicht fein genug — zeigt aber doch viel von dem Charakter der Perſon. „Kraͤnkelnd, hypochondriſch, — um die Lippen herum — tiefſinnig! ſcharfſin- „nig“ — zeigt’s der Uebergang von der Stirn zur Naſe, der tiefes Aug’ vermuthen laͤßt; zeigt’s zum Theil die Naſe, vornehmlich der Uebergang von der Naſe zum Munde bis zur Mitte des Kinns — „witzig, ſpottend“ — wird nicht beſtimmt von der Silhouette ausgeſprochen, aber nicht wider- „ſprochen. Hat viel Geſchicke, Geſchmack, Urtheilskraft.“ — Eben ſo! „ein ſtarkes Gedaͤchtniß!“ — vermuthlich in der hohen Stirn! „langſam zuͤrnend und lange“ — vornehmlich in der Ungebo- genheit der Stirne — „Freunden treu“ — eben da! ...
3. Verzeichnet; aber in der Zeichnung noch voll wahrer Expreſſion. „Jn der Natur eine „ſehr empfindſame, zaͤrtlich guͤtige, fein geiſtreiche Perſon — Jedes leidende und ſeufzende Geſchoͤpfe,
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Schattenriſſen ſehen laſſe.
Zehnte Tafel.
Drey weibliche Silhouetten Wr.
1. Dieſer Kopf ſcheint beym erſten Anblicke viel zu verſprechen; ſcheint uͤberhaupt betrachtet, wo
nicht etwas von Apoll, doch gewiß etwas Antikes zu haben. — Jch kenne ſie nicht; aber die Anla-
gen dieſer Perſon koͤnnen nicht gemein ſeyn. Die Stirn hat viel Maͤnnlichkeit; die Naſe, wenn ſie
untenher (vermuthlich durch des Zeichners Schuld) theils nicht ſo ſchwankend umriſſen, theils nicht
zu horizontal waͤre — der Uebergang von der Naſe zum Munde — die Oberlippe — und zum Theil
und im Ganzen genommen das Unterkinn — alles zeigt wenigſtens Anlage zur Groͤße? ...
Aber nun — dieſe Perſon ſoll nicht cultivirt, weiter nichts als eine gemeine brave, wackere,
kluge Hausmutter ſeyn? Befehleriſch, im Urtheilen ſchnell, ſchwatzhaft; — wie ſich’s gebuͤhrt? Es
kann ſeyn; das Profil laͤugnet die Moͤglichkeit deſſen nicht — beſtaͤtiget nur, daß Anlage treff-
lich, die Wuͤrkſamkeit gemein, daß Anlage im Profil ſichtbarer ſeyn koͤnne, als das Erworbene.
Allein dieß Profil hat dennoch einerſeits poſitife Spuren, daß die Anlage ſelbſt nicht von
derjenigen Kraft ſey, die ſich uͤber alle Beſchraͤnkungen gewoͤhnlicher Erziehung wegſchwinge; —
anderſeits poſitife Spuren von Vernachlaͤſſigung. Die erſten, in der ganzen Form des Profils,
welches, die Naſe weggeſchnitten, im Ganzen betrachtet beynahe perpendikular iſt; das heißt, die
Stirn iſt nicht zuruͤckgehend, der untere Theil des Geſichtes nicht hervorſtechend; die andern —
in dem fleiſchigen Unterkinn vornehmlich.
2. Die Silhouette iſt zu ernſthaft, und nicht fein genug — zeigt aber doch viel von dem
Charakter der Perſon. „Kraͤnkelnd, hypochondriſch, — um die Lippen herum — tiefſinnig! ſcharfſin-
„nig“ — zeigt’s der Uebergang von der Stirn zur Naſe, der tiefes Aug’ vermuthen laͤßt; zeigt’s zum
Theil die Naſe, vornehmlich der Uebergang von der Naſe zum Munde bis zur Mitte des Kinns —
„witzig, ſpottend“ — wird nicht beſtimmt von der Silhouette ausgeſprochen, aber nicht wider-
„ſprochen. Hat viel Geſchicke, Geſchmack, Urtheilskraft.“ — Eben ſo! „ein ſtarkes Gedaͤchtniß!“ —
vermuthlich in der hohen Stirn! „langſam zuͤrnend und lange“ — vornehmlich in der Ungebo-
genheit der Stirne — „Freunden treu“ — eben da! ...
3. Verzeichnet; aber in der Zeichnung noch voll wahrer Expreſſion. „Jn der Natur eine
„ſehr empfindſame, zaͤrtlich guͤtige, fein geiſtreiche Perſon — Jedes leidende und ſeufzende Geſchoͤpfe,
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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776, S. 119. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/167>, abgerufen am 23.02.2025.
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