Ich weiß es Freund, Du wirst außer Dir sein über meinen Brief, Du wirst mich dumm, albern, ver¬ rückt nennen. Vergieb mir meine Albernheit, ich will wenigstens wahr sein, und Dir alles geben, was sich mir durch den Kopf bewegt. Ich fühl' es daß ich auf einer Grenzlinie angekommen bin und plötzlich ein an¬ drer Mensch werde, ich fühl' es, daß Dir dieser neue Mensch weniger behagen wird als der alte mit seinen Fehlern. Aber gestatte mir, daß ich Euch allmählig Al¬ les, was sich in mir bewegt, darlege. Daß ich viel¬ leicht mehrere Monate nur rhapsodisch zu schreiben im Stande bin, kann Euch nicht wundern, wo soll ich die Ordnung hernehmen, da ich eben in eine Krisis trete, die nach Ordnung lechzt. Die Welt mit ihrer Unordnung ist mir plötzlich auf die Brust gefallen, ich will sie allmählig herunterwerfen, Gott weiß, was mir dann übrig bleibt. Ob ich reicher oder ärmer werde! Wenn auch ärmer, ich will aufräumen. Ich glaube Dir schon einmal etwas Aehnliches geschrieben zu haben, es ist nicht dasselbe gewesen, was ich jetzt denke, viel¬
25. Constantin an Valerius.
Ich weiß es Freund, Du wirſt außer Dir ſein über meinen Brief, Du wirſt mich dumm, albern, ver¬ rückt nennen. Vergieb mir meine Albernheit, ich will wenigſtens wahr ſein, und Dir alles geben, was ſich mir durch den Kopf bewegt. Ich fühl' es daß ich auf einer Grenzlinie angekommen bin und plötzlich ein an¬ drer Menſch werde, ich fühl' es, daß Dir dieſer neue Menſch weniger behagen wird als der alte mit ſeinen Fehlern. Aber geſtatte mir, daß ich Euch allmählig Al¬ les, was ſich in mir bewegt, darlege. Daß ich viel¬ leicht mehrere Monate nur rhapſodiſch zu ſchreiben im Stande bin, kann Euch nicht wundern, wo ſoll ich die Ordnung hernehmen, da ich eben in eine Kriſis trete, die nach Ordnung lechzt. Die Welt mit ihrer Unordnung iſt mir plötzlich auf die Bruſt gefallen, ich will ſie allmählig herunterwerfen, Gott weiß, was mir dann übrig bleibt. Ob ich reicher oder ärmer werde! Wenn auch ärmer, ich will aufräumen. Ich glaube Dir ſchon einmal etwas Aehnliches geſchrieben zu haben, es iſt nicht daſſelbe geweſen, was ich jetzt denke, viel¬
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25.
Constantin an Valerius.
Ich weiß es Freund, Du wirſt außer Dir ſein
über meinen Brief, Du wirſt mich dumm, albern, ver¬
rückt nennen. Vergieb mir meine Albernheit, ich will
wenigſtens wahr ſein, und Dir alles geben, was ſich
mir durch den Kopf bewegt. Ich fühl' es daß ich auf
einer Grenzlinie angekommen bin und plötzlich ein an¬
drer Menſch werde, ich fühl' es, daß Dir dieſer neue
Menſch weniger behagen wird als der alte mit ſeinen
Fehlern. Aber geſtatte mir, daß ich Euch allmählig Al¬
les, was ſich in mir bewegt, darlege. Daß ich viel¬
leicht mehrere Monate nur rhapſodiſch zu ſchreiben im
Stande bin, kann Euch nicht wundern, wo ſoll ich
die Ordnung hernehmen, da ich eben in eine Kriſis
trete, die nach Ordnung lechzt. Die Welt mit ihrer
Unordnung iſt mir plötzlich auf die Bruſt gefallen, ich
will ſie allmählig herunterwerfen, Gott weiß, was mir
dann übrig bleibt. Ob ich reicher oder ärmer werde!
Wenn auch ärmer, ich will aufräumen. Ich glaube
Dir ſchon einmal etwas Aehnliches geſchrieben zu haben,
es iſt nicht daſſelbe geweſen, was ich jetzt denke, viel¬
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Laube, Heinrich: Das junge Europa. Bd. 1, 2. Leipzig, 1833, S. 70. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laube_europa0102_1833/82>, abgerufen am 26.02.2025.
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