Warum schreibst Du keine Zeile, Mensch? Lebst Du nicht mehr? Ich muß alle Stärke des Gemüths zusammennehmen, um in diesem Drange der Dinge fest zu stehen. Sollte Dir ein Unglück begegnet sein, laß es uns bald wissen; ich will zu Dir kommen, Du hast ja für die Freiheit gefochten, für das einzige Unwan¬ delbare im Leben. Hier ist viel Unheil. Camilla weicht mir aus, steht mir nicht Rede. Das thut mir unend¬ lich weh. Alberta liegt krank, Hyppolit hat ihr das Herz gebrochen, der Südländer ist rasselnd in ihm aufgesprungen, er ras't in Liebe für die schöne Julia. Diese flieht ihn wie ein Reh den Wolf, und hält sich mehrere Tage in ihren Zimmern verschlossen. Heut kam sie zu Tisch; im Augenblick als wir uns setzten, fuhr die Fürstin Constantie vor. Nun ist die Verwirrung vollständig. Hyppolit schäumt wie ein Eber, ich habe meine Noth, ihn in civilisirten Schranken zu halten. Wäre dieser Mensch ohne Bildung, man sähe die Tha¬ ten eines blutigen Barbaren. Der Graf ist äußerst nie¬ dergeschlagen und sprach heute wehmüthige rührende Worte mit mir. "Ich bin alt geworden -- sagte er
21. Valerius an Constantin.
Warum ſchreibſt Du keine Zeile, Menſch? Lebſt Du nicht mehr? Ich muß alle Stärke des Gemüths zuſammennehmen, um in dieſem Drange der Dinge feſt zu ſtehen. Sollte Dir ein Unglück begegnet ſein, laß es uns bald wiſſen; ich will zu Dir kommen, Du haſt ja für die Freiheit gefochten, für das einzige Unwan¬ delbare im Leben. Hier iſt viel Unheil. Camilla weicht mir aus, ſteht mir nicht Rede. Das thut mir unend¬ lich weh. Alberta liegt krank, Hyppolit hat ihr das Herz gebrochen, der Südländer iſt raſſelnd in ihm aufgeſprungen, er raſ't in Liebe für die ſchöne Julia. Dieſe flieht ihn wie ein Reh den Wolf, und hält ſich mehrere Tage in ihren Zimmern verſchloſſen. Heut kam ſie zu Tiſch; im Augenblick als wir uns ſetzten, fuhr die Fürſtin Conſtantie vor. Nun iſt die Verwirrung vollſtändig. Hyppolit ſchäumt wie ein Eber, ich habe meine Noth, ihn in civiliſirten Schranken zu halten. Wäre dieſer Menſch ohne Bildung, man ſähe die Tha¬ ten eines blutigen Barbaren. Der Graf iſt äußerſt nie¬ dergeſchlagen und ſprach heute wehmüthige rührende Worte mit mir. „Ich bin alt geworden — ſagte er
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21.
Valerius an Constantin.
Warum ſchreibſt Du keine Zeile, Menſch? Lebſt
Du nicht mehr? Ich muß alle Stärke des Gemüths
zuſammennehmen, um in dieſem Drange der Dinge feſt
zu ſtehen. Sollte Dir ein Unglück begegnet ſein, laß
es uns bald wiſſen; ich will zu Dir kommen, Du haſt
ja für die Freiheit gefochten, für das einzige Unwan¬
delbare im Leben. Hier iſt viel Unheil. Camilla weicht
mir aus, ſteht mir nicht Rede. Das thut mir unend¬
lich weh. Alberta liegt krank, Hyppolit hat ihr das
Herz gebrochen, der Südländer iſt raſſelnd in ihm
aufgeſprungen, er raſ't in Liebe für die ſchöne Julia.
Dieſe flieht ihn wie ein Reh den Wolf, und hält ſich
mehrere Tage in ihren Zimmern verſchloſſen. Heut kam
ſie zu Tiſch; im Augenblick als wir uns ſetzten, fuhr
die Fürſtin Conſtantie vor. Nun iſt die Verwirrung
vollſtändig. Hyppolit ſchäumt wie ein Eber, ich habe
meine Noth, ihn in civiliſirten Schranken zu halten.
Wäre dieſer Menſch ohne Bildung, man ſähe die Tha¬
ten eines blutigen Barbaren. Der Graf iſt äußerſt nie¬
dergeſchlagen und ſprach heute wehmüthige rührende
Worte mit mir. „Ich bin alt geworden — ſagte er
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Laube, Heinrich: Das junge Europa. Bd. 1, 2. Leipzig, 1833, S. 41. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laube_europa0102_1833/53>, abgerufen am 26.02.2025.
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