der übertriebenen Behauptung geführt, dass der Alkohol unter allen Umständen als ein verderbliches Gift zu betrachten sei. Wissenschaft- lich lässt sich dieser Satz so schlecht oder so gut begründen, wie für zahllose andere Genuss- und selbst Nahrungsmittel. Richtig aber ist es, dass in den besonderen psychischen Wirkungen des Alkohols eine gewaltige Gefahr des Missbrauchs liegt, und dass der Nutzen, den eine vernünftige Anwendung des Mittels unter den oben entwickelten Indicationen stiften kann, thatsächlich gar nicht in Betracht kommt gegenüber dem furchtbaren Unheil, welches Tag für Tag durch diesen Missbrauch erzeugt wird. Gäbe es gar keinen Alkohol, so würde die Welt ohne Zweifel glücklicher sein, als sie es jetzt ist. So wenig ich daher anerkennen kann, dass die Verwerthung der mächtigen Eigen- schaften des Alkohols an sich verwerflich ist, so möchte ich doch die Frage nicht verneinen, ob es nicht wegen der grossen Gefahren, die das Mittel in sich birgt, praktisch mit Energie angestrebt werden sollte, den Alkoholgenuss aus der Reihe unserer täglichen Lebens- gewohnheiten zu entfernen. Wirklich stichhaltige Gründe für die An- wendung des Mittels sind verhältnissmässig selten, und die Schwierig- keit, Mass zu halten, ist so gross, dass sich erfahrungsgemäss auch ohne die Entwicklung eines wirklichen chronischen Alkoholismus sehr vielfach leichtere und schwerere Schädigungen der constitutionellen Widerstandskraft ausbilden, welche die Häufigkeit von Erkrankungen vermehren und die Lebensdauer verkürzen.
Wie ich hoffe, werden diese Auseinandersetzungen einigermassen zur Beruhigung jenes Schriftstellers beitragen, der mir in der "Inter- nationalen Monatsschrift zur Bekämpfung der Trinksitten", 1. Jahrgang 1891, p. 30, anknüpfend an ein unsinniges Zeitungsreferat über meinen Berliner Vortrag, entrüstet und zweifelnd die Empfehlung des "Thee- punsch" und der Anwendung leichter Weine und Biere bei Kindern als Ergebniss meiner "gelehrt scheinenden Untersuchungen" zuschiebt und sogar die vielgeprüfte Dörptsche Universität noch halb und halb für meine alkoholischen Neigungen verantwortlich macht. Der agita- torische Charakter der dort vertretenen Bewegung mag die Methode des vorschnellen Aburtheilens entschuldigen, aber das Vertrauen auf die Zuverlässigkeit des zusammengetragenen Materiales wird dadurch nicht gerade gestärkt.
b. Paraldehyd.
Eine interessante Parallele zu den Erfahrungen am Alkohol scheinen mir die Versuche mit Paraldehyd zu bieten. Auch hier
Kraepelin, Beeinflussung. 14
der übertriebenen Behauptung geführt, dass der Alkohol unter allen Umständen als ein verderbliches Gift zu betrachten sei. Wissenschaft- lich lässt sich dieser Satz so schlecht oder so gut begründen, wie für zahllose andere Genuss- und selbst Nahrungsmittel. Richtig aber ist es, dass in den besonderen psychischen Wirkungen des Alkohols eine gewaltige Gefahr des Missbrauchs liegt, und dass der Nutzen, den eine vernünftige Anwendung des Mittels unter den oben entwickelten Indicationen stiften kann, thatsächlich gar nicht in Betracht kommt gegenüber dem furchtbaren Unheil, welches Tag für Tag durch diesen Missbrauch erzeugt wird. Gäbe es gar keinen Alkohol, so würde die Welt ohne Zweifel glücklicher sein, als sie es jetzt ist. So wenig ich daher anerkennen kann, dass die Verwerthung der mächtigen Eigen- schaften des Alkohols an sich verwerflich ist, so möchte ich doch die Frage nicht verneinen, ob es nicht wegen der grossen Gefahren, die das Mittel in sich birgt, praktisch mit Energie angestrebt werden sollte, den Alkoholgenuss aus der Reihe unserer täglichen Lebens- gewohnheiten zu entfernen. Wirklich stichhaltige Gründe für die An- wendung des Mittels sind verhältnissmässig selten, und die Schwierig- keit, Mass zu halten, ist so gross, dass sich erfahrungsgemäss auch ohne die Entwicklung eines wirklichen chronischen Alkoholismus sehr vielfach leichtere und schwerere Schädigungen der constitutionellen Widerstandskraft ausbilden, welche die Häufigkeit von Erkrankungen vermehren und die Lebensdauer verkürzen.
Wie ich hoffe, werden diese Auseinandersetzungen einigermassen zur Beruhigung jenes Schriftstellers beitragen, der mir in der „Inter- nationalen Monatsschrift zur Bekämpfung der Trinksitten“, 1. Jahrgang 1891, p. 30, anknüpfend an ein unsinniges Zeitungsreferat über meinen Berliner Vortrag, entrüstet und zweifelnd die Empfehlung des „Thee- punsch“ und der Anwendung leichter Weine und Biere bei Kindern als Ergebniss meiner „gelehrt scheinenden Untersuchungen“ zuschiebt und sogar die vielgeprüfte Dörptsche Universität noch halb und halb für meine alkoholischen Neigungen verantwortlich macht. Der agita- torische Charakter der dort vertretenen Bewegung mag die Methode des vorschnellen Aburtheilens entschuldigen, aber das Vertrauen auf die Zuverlässigkeit des zusammengetragenen Materiales wird dadurch nicht gerade gestärkt.
b. Paraldehyd.
Eine interessante Parallele zu den Erfahrungen am Alkohol scheinen mir die Versuche mit Paraldehyd zu bieten. Auch hier
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lich lässt sich dieser Satz so schlecht oder so gut begründen, wie für
zahllose andere Genuss- und selbst Nahrungsmittel. Richtig aber ist
es, dass in den besonderen psychischen Wirkungen des Alkohols eine
gewaltige Gefahr des Missbrauchs liegt, und dass der Nutzen, den
eine vernünftige Anwendung des Mittels unter den oben entwickelten
Indicationen stiften kann, thatsächlich gar nicht in Betracht kommt
gegenüber dem furchtbaren Unheil, welches Tag für Tag durch diesen
Missbrauch erzeugt wird. Gäbe es gar keinen Alkohol, so würde die
Welt ohne Zweifel glücklicher sein, als sie es jetzt ist. So wenig ich
daher anerkennen kann, dass die Verwerthung der mächtigen Eigen-
schaften des Alkohols an sich verwerflich ist, so möchte ich doch die
Frage nicht verneinen, ob es nicht wegen der grossen Gefahren, die
das Mittel in sich birgt, praktisch mit Energie angestrebt werden
sollte, den Alkoholgenuss aus der Reihe unserer täglichen Lebens-
gewohnheiten zu entfernen. Wirklich stichhaltige Gründe für die An-
wendung des Mittels sind verhältnissmässig selten, und die Schwierig-
keit, Mass zu halten, ist so gross, dass sich erfahrungsgemäss auch
ohne die Entwicklung eines wirklichen chronischen Alkoholismus sehr
vielfach leichtere und schwerere Schädigungen der constitutionellen
Widerstandskraft ausbilden, welche die Häufigkeit von Erkrankungen
vermehren und die Lebensdauer verkürzen.
Wie ich hoffe, werden diese Auseinandersetzungen einigermassen
zur Beruhigung jenes Schriftstellers beitragen, der mir in der „Inter-
nationalen Monatsschrift zur Bekämpfung der Trinksitten“, 1. Jahrgang
1891, p. 30, anknüpfend an ein unsinniges Zeitungsreferat über meinen
Berliner Vortrag, entrüstet und zweifelnd die Empfehlung des „Thee-
punsch“ und der Anwendung leichter Weine und Biere bei Kindern
als Ergebniss meiner „gelehrt scheinenden Untersuchungen“ zuschiebt
und sogar die vielgeprüfte Dörptsche Universität noch halb und halb
für meine alkoholischen Neigungen verantwortlich macht. Der agita-
torische Charakter der dort vertretenen Bewegung mag die Methode
des vorschnellen Aburtheilens entschuldigen, aber das Vertrauen auf
die Zuverlässigkeit des zusammengetragenen Materiales wird dadurch
nicht gerade gestärkt.
b. Paraldehyd.
Eine interessante Parallele zu den Erfahrungen am Alkohol
scheinen mir die Versuche mit Paraldehyd zu bieten. Auch hier
Kraepelin, Beeinflussung. 14
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Kraepelin, Emil: Ueber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch einige Arzneimittel. Jena, 1892, S. 209. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kraepelin_arzneimittel_1892/225>, abgerufen am 22.02.2025.
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