Karsch, Anna Luise: Gedichte. Berlin, 1792.Ob Sappho für den Ruhm schreibt? An Frau, schreib ich für den Ruhm, und für die Ewigkeit? Nein, zum Vergnügen meiner Freunde! O das Gerüchte trägt nur eine kurze Zeit Mit unserm Ruhme sich; sobald wir von dem Feinde Der Menschheit überwunden sind, Verflattert er so leicht wie Blätter, die der Wind In irgend einen Fluß gewaltig fortgetrieben, Homer, Virgil, Horaz und Pindar sind geblieben; Ob Sappho fuͤr den Ruhm ſchreibt? An Frau, ſchreib ich fuͤr den Ruhm, und fuͤr die Ewigkeit? Nein, zum Vergnuͤgen meiner Freunde! O das Geruͤchte traͤgt nur eine kurze Zeit Mit unſerm Ruhme ſich; ſobald wir von dem Feinde Der Menſchheit uͤberwunden ſind, Verflattert er ſo leicht wie Blaͤtter, die der Wind In irgend einen Fluß gewaltig fortgetrieben, Homer, Virgil, Horaz und Pindar ſind geblieben; <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0428" n="268"/> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> <div n="3"> <head> <hi rendition="#b">Ob Sappho<lb/> fuͤr den Ruhm ſchreibt?</hi> </head><lb/> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> <p> <hi rendition="#c">An<lb/><hi rendition="#g">die Frau von Reichmann</hi><lb/> den 10. Maͤrz 1762.</hi> </p><lb/> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> <lg type="poem"> <l><hi rendition="#in">F</hi>rau, ſchreib ich fuͤr den Ruhm, und fuͤr die Ewigkeit?</l><lb/> <l>Nein, zum Vergnuͤgen meiner Freunde!</l><lb/> <l>O das Geruͤchte traͤgt nur eine kurze Zeit</l><lb/> <l>Mit unſerm Ruhme ſich; ſobald wir von dem Feinde</l><lb/> <l>Der Menſchheit uͤberwunden ſind,</l><lb/> <l>Verflattert er ſo leicht wie Blaͤtter, die der Wind</l><lb/> <l>In irgend einen Fluß gewaltig fortgetrieben,</l><lb/> <l>Homer, Virgil, Horaz und Pindar ſind geblieben;</l><lb/> </lg> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [268/0428]
Ob Sappho
fuͤr den Ruhm ſchreibt?
An
die Frau von Reichmann
den 10. Maͤrz 1762.
Frau, ſchreib ich fuͤr den Ruhm, und fuͤr die Ewigkeit?
Nein, zum Vergnuͤgen meiner Freunde!
O das Geruͤchte traͤgt nur eine kurze Zeit
Mit unſerm Ruhme ſich; ſobald wir von dem Feinde
Der Menſchheit uͤberwunden ſind,
Verflattert er ſo leicht wie Blaͤtter, die der Wind
In irgend einen Fluß gewaltig fortgetrieben,
Homer, Virgil, Horaz und Pindar ſind geblieben;
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Zitationshilfe: | Karsch, Anna Luise: Gedichte. Berlin, 1792, S. 268. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/karsch_gedichte_1792/428>, abgerufen am 22.02.2025. |