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Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

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Fünftes Buch.
in voller Rüstung, mit Namen, Altersangabe und der Jahres-
zahl 1625 1). Der Maler habe das "Studium" ausgestellt und
ein Blatt Papier darauf gemalt, auf das er nach Anhörung
und Berücksichtigung der Urtheile seine Firma setzen wollte.
Solche weisse Blätter finden sich nicht bloss auf mehreren Rei-
terbildern. Diessmal nun hatte man in der That das Pferd
als "gegen die Regeln der Kunst" getadelt, aber die Urtheile
waren so beschaffen, dass es nicht möglich war sie zu vereini-
gen. Der Maler kassirte nun verdriesslich die getadelten Theile
durch Uebermalung (borro), verzichtete aber auf eine verbesserte
Ausführung, und setzte hinter seinen Namen statt pinxit: expinxit.
Didacus Velazquius, Pictor Regis, expinxit
. Sein Biograph findet
dabei, in einer breiten Auslassung, zweierlei bemerkenswerth: die
Bescheidenheit des Künstlers, der sein Werk auf Laienurtheil hin
korrigirt; und die den Kritikern gegebene Lehre: dass ihre
Urtheile unausführbar, also praktisch werthlos, und von höch-
stens negativem Werth seien, wie die politischer Kannegiesser.

Das auffallende bei dieser Geschichte ist die Jahreszahl
1625. Denn Velazquez hatte ja eben erst jenes grosse, viel ge-
priesene und besungene Reiterbildniss vollendet. Philipp IV war
am 30. August 1623 dazu gekommen, ihm zum erstenmale zu
sitzen; die Folge war die Uebersiedlung nach Madrid und am
31. Oktober die Bestallung. Erst dann (despues de esto nach dem
genauen Bericht des Pacheco, eines Augenzeugen) führte er das
Reiterbildniss aus, das also wohl nicht vor dem Jahre 1624
fertig geworden sein kann. Wie sollte er unmittelbar darauf
ein zweites unternommen haben?

Es ist klar, dass Palomino eine dergestalt übermalte Lein-
wand sah; die Geschichte aber hat er sich wohl zurechtgelegt.
Vielleicht war sein estudio nichts andres als jenes erste Reiter-
bildniss des Jünglingkönigs. Diess war die Vermuthung Villa-
amil's. Nach dem Inventar Carl II (1686) stand letzteres in der
Wohnung des Schlossmarschalls im Schatzhaus, ohne Rahmen,
also bei Seite gestellt und vielleicht gar verworfen.

Wahrscheinlich war er in der Folge mit seinem Erstling
selbst nicht mehr zufrieden und hatte jene Correkturen vorge-

1) PHILIPPVS MAGN. HVIVS, NOM. IV. | POTENTISSIMVS HISPA-
NIARVM REX, | INDIAR. MAXIM. IMP. | ANNO CHRIST. XXV. SAECVLI
XVII. | ERA XX. A. Die Annahme Stirlings, dass er ein früheres Porträt kopirt
habe, ist unwahrscheinlich.

Fünftes Buch.
in voller Rüstung, mit Namen, Altersangabe und der Jahres-
zahl 1625 1). Der Maler habe das „Studium“ ausgestellt und
ein Blatt Papier darauf gemalt, auf das er nach Anhörung
und Berücksichtigung der Urtheile seine Firma setzen wollte.
Solche weisse Blätter finden sich nicht bloss auf mehreren Rei-
terbildern. Diessmal nun hatte man in der That das Pferd
als „gegen die Regeln der Kunst“ getadelt, aber die Urtheile
waren so beschaffen, dass es nicht möglich war sie zu vereini-
gen. Der Maler kassirte nun verdriesslich die getadelten Theile
durch Uebermalung (borró), verzichtete aber auf eine verbesserte
Ausführung, und setzte hinter seinen Namen statt pinxit: expinxit.
Didacus Velazquius, Pictor Regis, expinxit
. Sein Biograph findet
dabei, in einer breiten Auslassung, zweierlei bemerkenswerth: die
Bescheidenheit des Künstlers, der sein Werk auf Laienurtheil hin
korrigirt; und die den Kritikern gegebene Lehre: dass ihre
Urtheile unausführbar, also praktisch werthlos, und von höch-
stens negativem Werth seien, wie die politischer Kannegiesser.

Das auffallende bei dieser Geschichte ist die Jahreszahl
1625. Denn Velazquez hatte ja eben erst jenes grosse, viel ge-
priesene und besungene Reiterbildniss vollendet. Philipp IV war
am 30. August 1623 dazu gekommen, ihm zum erstenmale zu
sitzen; die Folge war die Uebersiedlung nach Madrid und am
31. Oktober die Bestallung. Erst dann (despues de esto nach dem
genauen Bericht des Pacheco, eines Augenzeugen) führte er das
Reiterbildniss aus, das also wohl nicht vor dem Jahre 1624
fertig geworden sein kann. Wie sollte er unmittelbar darauf
ein zweites unternommen haben?

Es ist klar, dass Palomino eine dergestalt übermalte Lein-
wand sah; die Geschichte aber hat er sich wohl zurechtgelegt.
Vielleicht war sein estudio nichts andres als jenes erste Reiter-
bildniss des Jünglingkönigs. Diess war die Vermuthung Villa-
amil’s. Nach dem Inventar Carl II (1686) stand letzteres in der
Wohnung des Schlossmarschalls im Schatzhaus, ohne Rahmen,
also bei Seite gestellt und vielleicht gar verworfen.

Wahrscheinlich war er in der Folge mit seinem Erstling
selbst nicht mehr zufrieden und hatte jene Correkturen vorge-

1) PHILIPPVS MAGN. HVIVS, NOM. IV. | POTENTISSIMVS HISPA-
NIARVM REX, | INDIAR. MAXIM. IMP. | ANNO CHRIST. XXV. SÆCVLI
XVII. | ERA XX. A. Die Annahme Stirlings, dass er ein früheres Porträt kopirt
habe, ist unwahrscheinlich.
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[14/0034] Fünftes Buch. in voller Rüstung, mit Namen, Altersangabe und der Jahres- zahl 1625 1). Der Maler habe das „Studium“ ausgestellt und ein Blatt Papier darauf gemalt, auf das er nach Anhörung und Berücksichtigung der Urtheile seine Firma setzen wollte. Solche weisse Blätter finden sich nicht bloss auf mehreren Rei- terbildern. Diessmal nun hatte man in der That das Pferd als „gegen die Regeln der Kunst“ getadelt, aber die Urtheile waren so beschaffen, dass es nicht möglich war sie zu vereini- gen. Der Maler kassirte nun verdriesslich die getadelten Theile durch Uebermalung (borró), verzichtete aber auf eine verbesserte Ausführung, und setzte hinter seinen Namen statt pinxit: expinxit. Didacus Velazquius, Pictor Regis, expinxit. Sein Biograph findet dabei, in einer breiten Auslassung, zweierlei bemerkenswerth: die Bescheidenheit des Künstlers, der sein Werk auf Laienurtheil hin korrigirt; und die den Kritikern gegebene Lehre: dass ihre Urtheile unausführbar, also praktisch werthlos, und von höch- stens negativem Werth seien, wie die politischer Kannegiesser. Das auffallende bei dieser Geschichte ist die Jahreszahl 1625. Denn Velazquez hatte ja eben erst jenes grosse, viel ge- priesene und besungene Reiterbildniss vollendet. Philipp IV war am 30. August 1623 dazu gekommen, ihm zum erstenmale zu sitzen; die Folge war die Uebersiedlung nach Madrid und am 31. Oktober die Bestallung. Erst dann (despues de esto nach dem genauen Bericht des Pacheco, eines Augenzeugen) führte er das Reiterbildniss aus, das also wohl nicht vor dem Jahre 1624 fertig geworden sein kann. Wie sollte er unmittelbar darauf ein zweites unternommen haben? Es ist klar, dass Palomino eine dergestalt übermalte Lein- wand sah; die Geschichte aber hat er sich wohl zurechtgelegt. Vielleicht war sein estudio nichts andres als jenes erste Reiter- bildniss des Jünglingkönigs. Diess war die Vermuthung Villa- amil’s. Nach dem Inventar Carl II (1686) stand letzteres in der Wohnung des Schlossmarschalls im Schatzhaus, ohne Rahmen, also bei Seite gestellt und vielleicht gar verworfen. Wahrscheinlich war er in der Folge mit seinem Erstling selbst nicht mehr zufrieden und hatte jene Correkturen vorge- 1) PHILIPPVS MAGN. HVIVS, NOM. IV. | POTENTISSIMVS HISPA- NIARVM REX, | INDIAR. MAXIM. IMP. | ANNO CHRIST. XXV. SÆCVLI XVII. | ERA XX. A. Die Annahme Stirlings, dass er ein früheres Porträt kopirt habe, ist unwahrscheinlich.

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Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/34>, abgerufen am 16.06.2019.