Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

Bild:
<< vorherige Seite

Julianillo.
Bastards Don Juan umging. Julianillo wurde im Buen Retiro
einquartiert, erhielt einen Hofstaat, wurde Gentilhombre de la
Camara und -- Gesellschafter des Kronprinzen! Olivares liess ihn
den in Spanien ominösen, mit Judas gleichbedeutenden Namen
Julian mit dem besser klingenden Enrique Felipe de Guzman
vertauschen, "weil ich wünsche, dass er würdig das Andenken
meines grossen Vaters (!) erhalte, und meine Verirrungen und
mein wenig würdiges Andenken versöhne". Der Zufall wollte,
dass der Held des in aller Händen befindlichen Schelmenromans
des Mateo Aleman auch Guzman (de Alfarache) hiess, weil dessen
Grossmutter unter ihren schwer zu übersehenden Verehrern einen
dieses altadeligen Namens als den wahrscheinlichsten Vater ihrer
Tochter bezeichnet hatte. Die Satire fand sich also schon fertig
vor1). In demselben Alfarache bei Sevilla hatte Olivares eine
Kirche und Kloster bauen lassen, wo er begraben sein wollte.

Nachdem die Frau, welche man nach Sevilla verwiesen, zur
passenden Zeit gestorben war, vermählte er ihn mit der ersten
Dame des Palasts, Donna Juana Fernandez de Velasco, Tochter
des Condestabile von Castilien, Herzog von Frias, wobei der
Vater in den Contrakt setzen liess, es sei des Königs Wunsch
gewesen2). Am 28. Mai 1642 war die Hochzeit. Das Königs-
paar war Trauungszeuge; die Königin schenkte zum Hochzeits-
bett das auf 20,000 Dukaten geschätzte Prachtstück, in dem sie
den Prinzen geboren hatte. Das Ehrgefühl und der Stolz des
castilischen Adels zeigte sich in seltsamem Licht: am Tage nach
der Erklärung der Heirat machten Granden und Cardinäle in
Buen Retiro dem jüngsten Guzman ihre Aufwartung. Als er dem
toscanischen Gesandten Pucci seinen Gegenbesuch machte, er-
schienen in seinem Gefolge der Condestabile, der Graf von
Pennaranda und ein Dutzend Titulados. Was konnte da ein
armer Maler machen3)!

1) Der Florentiner Ottavio Pucci theilt folgenden Vers mit:
Vuestra Maestad despache
al segundo don Julian (der erste war der Verräter Spaniens),
que es el segundo Guzman,
que ayer lo fue de Alfarache.
2) Auf den Gassen sang man:
Soy la casa de Velasco,
que de nada me da asco.
3) Si conobbe in quel caso la vilta degl' animi adulatori, perche tutti i
Grandi
della corte, e tutti i Titoli, e Signori furono dargli il Parabien a D. Enrico,

Julianillo.
Bastards Don Juan umging. Julianillo wurde im Buen Retiro
einquartiert, erhielt einen Hofstaat, wurde Gentilhombre de la
Cámara und — Gesellschafter des Kronprinzen! Olivares liess ihn
den in Spanien ominösen, mit Judas gleichbedeutenden Namen
Julian mit dem besser klingenden Enrique Felipe de Guzman
vertauschen, „weil ich wünsche, dass er würdig das Andenken
meines grossen Vaters (!) erhalte, und meine Verirrungen und
mein wenig würdiges Andenken versöhne“. Der Zufall wollte,
dass der Held des in aller Händen befindlichen Schelmenromans
des Mateo Aleman auch Guzman (de Alfarache) hiess, weil dessen
Grossmutter unter ihren schwer zu übersehenden Verehrern einen
dieses altadeligen Namens als den wahrscheinlichsten Vater ihrer
Tochter bezeichnet hatte. Die Satire fand sich also schon fertig
vor1). In demselben Alfarache bei Sevilla hatte Olivares eine
Kirche und Kloster bauen lassen, wo er begraben sein wollte.

Nachdem die Frau, welche man nach Sevilla verwiesen, zur
passenden Zeit gestorben war, vermählte er ihn mit der ersten
Dame des Palasts, Doña Juana Fernandez de Velasco, Tochter
des Condestabile von Castilien, Herzog von Frias, wobei der
Vater in den Contrakt setzen liess, es sei des Königs Wunsch
gewesen2). Am 28. Mai 1642 war die Hochzeit. Das Königs-
paar war Trauungszeuge; die Königin schenkte zum Hochzeits-
bett das auf 20,000 Dukaten geschätzte Prachtstück, in dem sie
den Prinzen geboren hatte. Das Ehrgefühl und der Stolz des
castilischen Adels zeigte sich in seltsamem Licht: am Tage nach
der Erklärung der Heirat machten Granden und Cardinäle in
Buen Retiro dem jüngsten Guzman ihre Aufwartung. Als er dem
toscanischen Gesandten Pucci seinen Gegenbesuch machte, er-
schienen in seinem Gefolge der Condestabile, der Graf von
Peñaranda und ein Dutzend Titulados. Was konnte da ein
armer Maler machen3)!

1) Der Florentiner Ottavio Pucci theilt folgenden Vers mit:
Vuestra Maestad despache
al segundo don Julian (der erste war der Verräter Spaniens),
que es el segundo Guzman,
que ayer lo fue de Alfarache.
2) Auf den Gassen sang man:
Soy la casa de Velasco,
que de nada me da asco.
3) Si conobbe in quel caso la viltà degl’ animi adulatori, perchè tutti i
Grandi
della corte, e tutti i Titoli, e Signori furono dargli il Parabien à D. Enrico,
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0143" n="123"/><fw place="top" type="header">Julianillo.</fw><lb/>
Bastards Don Juan umging. Julianillo wurde im Buen Retiro<lb/>
einquartiert, erhielt einen Hofstaat, wurde Gentilhombre de la<lb/>
Cámara und &#x2014; Gesellschafter des Kronprinzen! Olivares liess ihn<lb/>
den in Spanien ominösen, mit Judas gleichbedeutenden Namen<lb/>
Julian mit dem besser klingenden Enrique Felipe de Guzman<lb/>
vertauschen, &#x201E;weil ich wünsche, dass er würdig das Andenken<lb/>
meines grossen Vaters (!) erhalte, und meine Verirrungen und<lb/>
mein wenig würdiges Andenken versöhne&#x201C;. Der Zufall wollte,<lb/>
dass der Held des in aller Händen befindlichen Schelmenromans<lb/>
des Mateo Aleman auch Guzman (de Alfarache) hiess, weil dessen<lb/>
Grossmutter unter ihren schwer zu übersehenden Verehrern einen<lb/>
dieses altadeligen Namens als den wahrscheinlichsten Vater ihrer<lb/>
Tochter bezeichnet hatte. Die Satire fand sich also schon fertig<lb/>
vor<note place="foot" n="1)">Der Florentiner Ottavio Pucci theilt folgenden Vers mit:<lb/><hi rendition="#et">Vuestra Maestad despache<lb/>
al segundo don Julian (der erste war der Verräter Spaniens),<lb/>
que es el segundo Guzman,<lb/>
que ayer lo fue de Alfarache.</hi></note>. In demselben Alfarache bei Sevilla hatte Olivares eine<lb/>
Kirche und Kloster bauen lassen, wo er begraben sein wollte.</p><lb/>
            <p>Nachdem die Frau, welche man nach Sevilla verwiesen, zur<lb/>
passenden Zeit gestorben war, vermählte er ihn mit der ersten<lb/>
Dame des Palasts, Doña Juana Fernandez de Velasco, Tochter<lb/>
des Condestabile von Castilien, Herzog von Frias, wobei der<lb/>
Vater in den Contrakt setzen liess, es sei des Königs Wunsch<lb/>
gewesen<note place="foot" n="2)">Auf den Gassen sang man:<lb/><hi rendition="#et">Soy la casa de Velasco,<lb/>
que de nada me da asco.</hi></note>. Am 28. Mai 1642 war die Hochzeit. Das Königs-<lb/>
paar war Trauungszeuge; die Königin schenkte zum Hochzeits-<lb/>
bett das auf 20,000 Dukaten geschätzte Prachtstück, in dem sie<lb/>
den Prinzen geboren hatte. Das Ehrgefühl und der Stolz des<lb/>
castilischen Adels zeigte sich in seltsamem Licht: am Tage nach<lb/>
der Erklärung der Heirat machten Granden und Cardinäle in<lb/>
Buen Retiro dem jüngsten Guzman ihre Aufwartung. Als er dem<lb/>
toscanischen Gesandten Pucci seinen Gegenbesuch machte, er-<lb/>
schienen in seinem Gefolge der Condestabile, der Graf von<lb/>
Peñaranda und ein Dutzend Titulados. Was konnte da ein<lb/>
armer Maler machen<note xml:id="seg2pn_6_1" next="#seg2pn_6_2" place="foot" n="3)">Si conobbe in quel caso la <hi rendition="#i">viltà</hi> degl&#x2019; animi adulatori, perchè <hi rendition="#i">tutti i<lb/>
Grandi</hi> della corte, e tutti i Titoli, e Signori furono dargli il Parabien à D. Enrico,</note>!</p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[123/0143] Julianillo. Bastards Don Juan umging. Julianillo wurde im Buen Retiro einquartiert, erhielt einen Hofstaat, wurde Gentilhombre de la Cámara und — Gesellschafter des Kronprinzen! Olivares liess ihn den in Spanien ominösen, mit Judas gleichbedeutenden Namen Julian mit dem besser klingenden Enrique Felipe de Guzman vertauschen, „weil ich wünsche, dass er würdig das Andenken meines grossen Vaters (!) erhalte, und meine Verirrungen und mein wenig würdiges Andenken versöhne“. Der Zufall wollte, dass der Held des in aller Händen befindlichen Schelmenromans des Mateo Aleman auch Guzman (de Alfarache) hiess, weil dessen Grossmutter unter ihren schwer zu übersehenden Verehrern einen dieses altadeligen Namens als den wahrscheinlichsten Vater ihrer Tochter bezeichnet hatte. Die Satire fand sich also schon fertig vor 1). In demselben Alfarache bei Sevilla hatte Olivares eine Kirche und Kloster bauen lassen, wo er begraben sein wollte. Nachdem die Frau, welche man nach Sevilla verwiesen, zur passenden Zeit gestorben war, vermählte er ihn mit der ersten Dame des Palasts, Doña Juana Fernandez de Velasco, Tochter des Condestabile von Castilien, Herzog von Frias, wobei der Vater in den Contrakt setzen liess, es sei des Königs Wunsch gewesen 2). Am 28. Mai 1642 war die Hochzeit. Das Königs- paar war Trauungszeuge; die Königin schenkte zum Hochzeits- bett das auf 20,000 Dukaten geschätzte Prachtstück, in dem sie den Prinzen geboren hatte. Das Ehrgefühl und der Stolz des castilischen Adels zeigte sich in seltsamem Licht: am Tage nach der Erklärung der Heirat machten Granden und Cardinäle in Buen Retiro dem jüngsten Guzman ihre Aufwartung. Als er dem toscanischen Gesandten Pucci seinen Gegenbesuch machte, er- schienen in seinem Gefolge der Condestabile, der Graf von Peñaranda und ein Dutzend Titulados. Was konnte da ein armer Maler machen 3)! 1) Der Florentiner Ottavio Pucci theilt folgenden Vers mit: Vuestra Maestad despache al segundo don Julian (der erste war der Verräter Spaniens), que es el segundo Guzman, que ayer lo fue de Alfarache. 2) Auf den Gassen sang man: Soy la casa de Velasco, que de nada me da asco. 3) Si conobbe in quel caso la viltà degl’ animi adulatori, perchè tutti i Grandi della corte, e tutti i Titoli, e Signori furono dargli il Parabien à D. Enrico,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/143
Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 123. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/143>, abgerufen am 18.10.2019.