Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 4. Berlin, 1960.

Bild:
<< vorherige Seite

Worte zweimal stammelt. -- Ich muste unter den kanonischen Ent-
zückungen oft an Ihre denken und an Ihre Wünsche. --

Alle meine häuslichen Verhältnisse sind durch Ahlefeldt, meinen
Stuben- und Herzens-Nachbar, heiter und gesellig. Meine schriftstelle-[5]
rische Spinmaschine ist im besten Gang und alle Räder laufen und5
sausen darin zum Besten dieses und der künftigen Jahrhunderte. Ich
bin begierig zu wissen, wie der holländische Glaskiel, womit ich Ihnen
ein Geschenk gemacht,


sich noch hält ... Aus dieser langen Stockung mitten im Perioden10
sehen Sie das Treiben durch die Strassen, wozu noch das Zimmern am
Titan komt. Verzeihen Sie daher diesen öden luftigen Brief. -- Daß
die Berlepsch in Meklenburg ist und (unter uns) doch wahrscheinlich
wieder nach Schotland geht, wissen Sie wohl. -- Fr. v. Berg, die ich
mit ihrer Tochter bei dem Minister v. Alvensleben gesprochen, eine15
geistige Amazone, gedenkt Ihrer und Ihrer Harzreise mit ihr noch mit
dem schönsten Feuer der Liebe. --

Ihre liebe Gattin möge diesmal mein Schweigen gegen sie ent-
schuldigen, da ja fast dieser Brief eines ist. Alles um Ihren Tisch sei
gegrüsset. Alle Stunden kan mir das Leben wiederbringen, nur nicht20
die glänzenden von 8 bis 101/2 Uhr an Ihrer Seite; und keine Freude
kan diese Sehnsucht mildern. Leben Sie wohl, Geliebtester!

R.

Der Tolle Bury ist bey Richter, und raucht Tobac bey seinem Freund

5. An Böttiger in Weimar.25

Zuerst die beiden Bücher die ich nicht gestohlen da ich nicht einmal
aus Büchern stehle -- ich gab sie meiner Hausfrau zum Zurüktragen;
wahrscheinlich vergas sie den Ort und brachte sie zu Herder. -- Im
heutigen Brief bin ich noch in Rüksicht des Stofs ein pauvre honteux.30
Ein Paar Worte über Mozarts Requiem, Büri und Merkel kan
Ihnen Herder vorlesen da ichs nicht von mir gewinnen kan, mich --
ausser meinen Büchern -- zu wiederholen. Grosse Gelehrte hab' ich
hier weniger noch besucht als gelehrte Grosse; dreimal as ich bei dem
treflichen Minister v. Alvensleben, wo ich auch den guten Ifland35
fand. Sein eignes Zeugnis und sein Spiel in der Lästerschule beweisen[6]

1*

Worte zweimal ſtammelt. — Ich muſte unter den kanoniſchen Ent-
zückungen oft an Ihre denken und an Ihre Wünſche. —

Alle meine häuslichen Verhältniſſe ſind durch Ahlefeldt, meinen
Stuben- und Herzens-Nachbar, heiter und geſellig. Meine ſchriftſtelle-[5]
riſche Spinmaſchine iſt im beſten Gang und alle Räder laufen und5
ſauſen darin zum Beſten dieſes und der künftigen Jahrhunderte. Ich
bin begierig zu wiſſen, wie der holländiſche Glaskiel, womit ich Ihnen
ein Geſchenk gemacht,


ſich noch hält ... Aus dieſer langen Stockung mitten im Perioden10
ſehen Sie das Treiben durch die Straſſen, wozu noch das Zimmern am
Titan komt. Verzeihen Sie daher dieſen öden luftigen Brief. — Daß
die Berlepsch in Meklenburg iſt und (unter uns) doch wahrſcheinlich
wieder nach Schotland geht, wiſſen Sie wohl. — Fr. v. Berg, die ich
mit ihrer Tochter bei dem Miniſter v. Alvensleben geſprochen, eine15
geiſtige Amazone, gedenkt Ihrer und Ihrer Harzreiſe mit ihr noch mit
dem ſchönſten Feuer der Liebe. —

Ihre liebe Gattin möge diesmal mein Schweigen gegen ſie ent-
ſchuldigen, da ja faſt dieſer Brief eines iſt. Alles um Ihren Tiſch ſei
gegrüſſet. Alle Stunden kan mir das Leben wiederbringen, nur nicht20
die glänzenden von 8 bis 10½ Uhr an Ihrer Seite; und keine Freude
kan dieſe Sehnſucht mildern. Leben Sie wohl, Geliebteſter!

R.

Der Tolle Bury iſt bey Richter, und raucht Tobac bey ſeinem Freund

5. An Böttiger in Weimar.25

Zuerſt die beiden Bücher die ich nicht geſtohlen da ich nicht einmal
aus Büchern ſtehle — ich gab ſie meiner Hausfrau zum Zurüktragen;
wahrſcheinlich vergas ſie den Ort und brachte ſie zu Herder. — Im
heutigen Brief bin ich noch in Rükſicht des Stofs ein pauvre honteux.30
Ein Paar Worte über Mozarts Requiem, Büri und Merkel kan
Ihnen Herder vorleſen da ichs nicht von mir gewinnen kan, mich —
auſſer meinen Büchern — zu wiederholen. Groſſe Gelehrte hab’ ich
hier weniger noch beſucht als gelehrte Groſſe; dreimal as ich bei dem
treflichen Miniſter v. Alvensleben, wo ich auch den guten Ifland35
fand. Sein eignes Zeugnis und ſein Spiel in der Läſterſchule beweiſen[6]

1*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="letter" n="1">
        <p><pb facs="#f0008" n="3"/>
Worte zweimal &#x017F;tammelt. &#x2014; Ich mu&#x017F;te unter den kanoni&#x017F;chen Ent-<lb/>
zückungen oft an Ihre denken und an Ihre Wün&#x017F;che. &#x2014;</p><lb/>
        <p>Alle meine häuslichen Verhältni&#x017F;&#x017F;e &#x017F;ind durch <hi rendition="#aq">Ahlefeldt,</hi> meinen<lb/>
Stuben- und Herzens-Nachbar, heiter und ge&#x017F;ellig. Meine &#x017F;chrift&#x017F;telle-<note place="right"><ref target="1922_Bd4_5">[5]</ref></note><lb/>
ri&#x017F;che Spinma&#x017F;chine i&#x017F;t im be&#x017F;ten Gang und alle Räder laufen und<lb n="5"/>
&#x017F;au&#x017F;en darin zum Be&#x017F;ten die&#x017F;es und der künftigen Jahrhunderte. Ich<lb/>
bin begierig zu wi&#x017F;&#x017F;en, wie der holländi&#x017F;che Glaskiel, womit ich Ihnen<lb/>
ein Ge&#x017F;chenk gemacht,</p><lb/>
        <div n="2">
          <dateline> <hi rendition="#right">d. 17. Okt.</hi> </dateline><lb/>
          <p>&#x017F;ich noch hält ... Aus die&#x017F;er langen Stockung mitten im Perioden<lb n="10"/>
&#x017F;ehen Sie das Treiben durch die Stra&#x017F;&#x017F;en, wozu noch das Zimmern am<lb/>
Titan komt. Verzeihen Sie daher die&#x017F;en öden luftigen Brief. &#x2014; Daß<lb/>
die <hi rendition="#aq">Berlepsch</hi> in Meklenburg i&#x017F;t und (<hi rendition="#g">unter uns</hi>) doch wahr&#x017F;cheinlich<lb/>
wieder nach Schotland geht, wi&#x017F;&#x017F;en Sie wohl. &#x2014; Fr. v. Berg, die ich<lb/>
mit ihrer Tochter bei dem Mini&#x017F;ter <hi rendition="#aq">v. Alvensleben</hi> ge&#x017F;prochen, eine<lb n="15"/>
gei&#x017F;tige Amazone, gedenkt Ihrer und Ihrer Harzrei&#x017F;e mit ihr noch mit<lb/>
dem &#x017F;chön&#x017F;ten Feuer der Liebe. &#x2014;</p><lb/>
          <p>Ihre liebe Gattin möge diesmal mein Schweigen gegen &#x017F;ie ent-<lb/>
&#x017F;chuldigen, da ja fa&#x017F;t die&#x017F;er Brief eines i&#x017F;t. Alles um Ihren Ti&#x017F;ch &#x017F;ei<lb/>
gegrü&#x017F;&#x017F;et. Alle Stunden kan mir das Leben wiederbringen, nur nicht<lb n="20"/>
die glänzenden von 8 bis 10½ Uhr an Ihrer Seite; und keine Freude<lb/>
kan die&#x017F;e Sehn&#x017F;ucht mildern. Leben Sie wohl, Geliebte&#x017F;ter!</p><lb/>
          <closer>
            <salute> <hi rendition="#right">R.</hi> </salute>
          </closer><lb/>
          <postscript>
            <p> <hi rendition="#smaller">Der Tolle Bury i&#x017F;t bey Richter, und raucht Tobac bey &#x017F;einem Freund</hi> </p>
          </postscript>
        </div>
      </div><lb/>
      <div type="letter" n="1">
        <head>5. An <hi rendition="#g">Böttiger in Weimar.</hi><lb n="25"/>
</head>
        <dateline> <hi rendition="#right"><hi rendition="#aq">Berlin.</hi> d. 17. Okt. 1800.</hi> </dateline><lb/>
        <p>Zuer&#x017F;t die beiden Bücher die ich nicht ge&#x017F;tohlen da ich nicht einmal<lb/>
aus Büchern &#x017F;tehle &#x2014; ich gab &#x017F;ie meiner Hausfrau zum Zurüktragen;<lb/>
wahr&#x017F;cheinlich vergas &#x017F;ie den Ort und brachte &#x017F;ie zu <hi rendition="#aq">Herder.</hi> &#x2014; Im<lb/>
heutigen Brief bin ich noch in Rük&#x017F;icht des Stofs ein <hi rendition="#aq">pauvre honteux.</hi><lb n="30"/>
Ein Paar Worte über Mozarts <hi rendition="#aq">Requiem,</hi> Büri und Merkel kan<lb/>
Ihnen <hi rendition="#aq">Herder</hi> vorle&#x017F;en da ichs nicht von mir gewinnen kan, mich &#x2014;<lb/>
au&#x017F;&#x017F;er meinen Büchern &#x2014; zu wiederholen. Gro&#x017F;&#x017F;e Gelehrte hab&#x2019; ich<lb/>
hier weniger noch be&#x017F;ucht als gelehrte Gro&#x017F;&#x017F;e; dreimal as ich bei dem<lb/>
treflichen Mini&#x017F;ter <hi rendition="#aq">v. Alvensleben,</hi> wo ich auch den guten <hi rendition="#aq">Ifland</hi><lb n="35"/>
fand. Sein eignes Zeugnis und &#x017F;ein Spiel in der Lä&#x017F;ter&#x017F;chule bewei&#x017F;en<note place="right"><ref target="1922_Bd4_6">[6]</ref></note><lb/>
<fw place="bottom" type="sig">1*</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[3/0008] Worte zweimal ſtammelt. — Ich muſte unter den kanoniſchen Ent- zückungen oft an Ihre denken und an Ihre Wünſche. — Alle meine häuslichen Verhältniſſe ſind durch Ahlefeldt, meinen Stuben- und Herzens-Nachbar, heiter und geſellig. Meine ſchriftſtelle- riſche Spinmaſchine iſt im beſten Gang und alle Räder laufen und 5 ſauſen darin zum Beſten dieſes und der künftigen Jahrhunderte. Ich bin begierig zu wiſſen, wie der holländiſche Glaskiel, womit ich Ihnen ein Geſchenk gemacht, [5] d. 17. Okt. ſich noch hält ... Aus dieſer langen Stockung mitten im Perioden 10 ſehen Sie das Treiben durch die Straſſen, wozu noch das Zimmern am Titan komt. Verzeihen Sie daher dieſen öden luftigen Brief. — Daß die Berlepsch in Meklenburg iſt und (unter uns) doch wahrſcheinlich wieder nach Schotland geht, wiſſen Sie wohl. — Fr. v. Berg, die ich mit ihrer Tochter bei dem Miniſter v. Alvensleben geſprochen, eine 15 geiſtige Amazone, gedenkt Ihrer und Ihrer Harzreiſe mit ihr noch mit dem ſchönſten Feuer der Liebe. — Ihre liebe Gattin möge diesmal mein Schweigen gegen ſie ent- ſchuldigen, da ja faſt dieſer Brief eines iſt. Alles um Ihren Tiſch ſei gegrüſſet. Alle Stunden kan mir das Leben wiederbringen, nur nicht 20 die glänzenden von 8 bis 10½ Uhr an Ihrer Seite; und keine Freude kan dieſe Sehnſucht mildern. Leben Sie wohl, Geliebteſter! R. Der Tolle Bury iſt bey Richter, und raucht Tobac bey ſeinem Freund 5. An Böttiger in Weimar. 25 Berlin. d. 17. Okt. 1800. Zuerſt die beiden Bücher die ich nicht geſtohlen da ich nicht einmal aus Büchern ſtehle — ich gab ſie meiner Hausfrau zum Zurüktragen; wahrſcheinlich vergas ſie den Ort und brachte ſie zu Herder. — Im heutigen Brief bin ich noch in Rükſicht des Stofs ein pauvre honteux. 30 Ein Paar Worte über Mozarts Requiem, Büri und Merkel kan Ihnen Herder vorleſen da ichs nicht von mir gewinnen kan, mich — auſſer meinen Büchern — zu wiederholen. Groſſe Gelehrte hab’ ich hier weniger noch beſucht als gelehrte Groſſe; dreimal as ich bei dem treflichen Miniſter v. Alvensleben, wo ich auch den guten Ifland 35 fand. Sein eignes Zeugnis und ſein Spiel in der Läſterſchule beweiſen [6] 1*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T15:08:29Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T15:08:29Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe04_1960
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe04_1960/8
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 4. Berlin, 1960, S. 3. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe04_1960/8>, abgerufen am 26.06.2019.