Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956.

Bild:
<< vorherige Seite

deren Namen man verfluchen solte, tut Ihnen ia einen Tort nach dem
andern an. Das ist gar zu arg, was Sie mir geschrieben haben; ich
wundre mich, wenn Sie nicht krank darüber geworden sind. Aber wenn
sie dieses noch einmal tut, so halt ich es für das beste, wenn Sie tüchtige
Zeugen, die es gehört haben, aufrufen und die Kanaille verklagen.5
Solche Grobheiten können Sie unmöglich leiden. Das ist gar das
Fatalste, daß Ihnen der Aktuar das Qua[r]tier aufgesagt hat. Ich weis
nicht, ob es gut ist, wenn Sie nach Hof ziehen. Den Hauszins ersparen
Sie -- das ist auch das einzige. Aber hernach wird Ihnen der Aktuar
nicht mehr dienen; und er kan es nach den Gesezzen nicht. Und in Hof10
finden Sie gewis keinen solchen guten Advokaten. Ferner, bedenken
Sie die Drangsalen, die Ihnen dieses grobe Mensch antun würde, die
Schimpfworte, welche Sie täglich von ihr hören müsten; und dann das
Riedelspak, welche Plagen würden Sie nicht von denen auszustehen
haben! -- Doch Sie können es überlegen. Schreiben Sie mir, wenn15
Sie ausziehen müssen. -- Meine Weste hab' ich noch nicht machen
lassen. Aber Sie brauchen mir keine Leinwand zu schikken; ich werde sie
mir noch lange nicht machen lassen, weil sie sich zu meinem Bieber nicht
schikt. Dafür schikken Sie mir lieber feine Oberhemde, keine Unter-
hemde brauch' ich nicht; aber iene müssen a la Hamlet gemacht sein.20
Bei Ihnen wird dies niemand verstehen; das heist nämlich, forn bei der
Brust müssen sie offen sein, daß man den blossen Hals und die Brust
sehen kan; das ist hier Mode. -- Da haben Sie wol getan, daß Sie[14]
meinen Brief an Stadsyndikus, dem Aktuar nicht gewiesen haben. --
Wegen meinen Brüdern wil ich im nächsten Briefe schreiben; das25
können Sie ihnen voraussagen, daß ich iedem in iedem Monat Geld
schikken würde -- wenn ich es nämlich hab, und wenn sie fleissig sind. --
In drei Wochen schreib' ich nicht; vielleicht schreib' ich darnach was
Gutes und Angenehmes; auch schreib' ich in 3 Wochen weder an Rektor
noch Pfarrer noch Aktuar; ich habe meine Ursachen dazu. Beiläufig30
schreiben Sie mir, was die Aktuariusin oder ihre Christiana so von
neuer Ware nötig hat; ich möcht' ihr gern zur Messe ein Geschenk
machen, wenn ich nämlich -- Geld hab. Ich bin

Ihr
bester Sohn35
[Spaltenumbruch] Leipzig den 27 August 1781.[Spaltenumbruch] J. P. F. Richter

deren Namen man verfluchen ſolte, tut Ihnen ia einen Tort nach dem
andern an. Das iſt gar zu arg, was Sie mir geſchrieben haben; ich
wundre mich, wenn Sie nicht krank darüber geworden ſind. Aber wenn
ſie dieſes noch einmal tut, ſo halt ich es für das beſte, wenn Sie tüchtige
Zeugen, die es gehört haben, aufrufen und die Kanaille verklagen.5
Solche Grobheiten können Sie unmöglich leiden. Das iſt gar das
Fatalſte, daß Ihnen der Aktuar das Qua[r]tier aufgeſagt hat. Ich weis
nicht, ob es gut iſt, wenn Sie nach Hof ziehen. Den Hauszins erſparen
Sie — das iſt auch das einzige. Aber hernach wird Ihnen der Aktuar
nicht mehr dienen; und er kan es nach den Geſezzen nicht. Und in Hof10
finden Sie gewis keinen ſolchen guten Advokaten. Ferner, bedenken
Sie die Drangſalen, die Ihnen dieſes grobe Menſch antun würde, die
Schimpfworte, welche Sie täglich von ihr hören müſten; und dann das
Riedelspak, welche Plagen würden Sie nicht von denen auszuſtehen
haben! — Doch Sie können es überlegen. Schreiben Sie mir, wenn15
Sie ausziehen müſſen. — Meine Weſte hab’ ich noch nicht machen
laſſen. Aber Sie brauchen mir keine Leinwand zu ſchikken; ich werde ſie
mir noch lange nicht machen laſſen, weil ſie ſich zu meinem Bieber nicht
ſchikt. Dafür ſchikken Sie mir lieber feine Oberhemde, keine Unter-
hemde brauch’ ich nicht; aber iene müſſen à la Hamlet gemacht ſein.20
Bei Ihnen wird dies niemand verſtehen; das heiſt nämlich, forn bei der
Bruſt müſſen ſie offen ſein, daß man den bloſſen Hals und die Bruſt
ſehen kan; das iſt hier Mode. — Da haben Sie wol getan, daß Sie[14]
meinen Brief an Stadſyndikus, dem Aktuar nicht gewieſen haben. —
Wegen meinen Brüdern wil ich im nächſten Briefe ſchreiben; das25
können Sie ihnen vorausſagen, daß ich iedem in iedem Monat Geld
ſchikken würde — wenn ich es nämlich hab, und wenn ſie fleiſſig ſind. —
In drei Wochen ſchreib’ ich nicht; vielleicht ſchreib’ ich darnach was
Gutes und Angenehmes; auch ſchreib’ ich in 3 Wochen weder an Rektor
noch Pfarrer noch Aktuar; ich habe meine Urſachen dazu. Beiläufig30
ſchreiben Sie mir, was die Aktuariuſin oder ihre Chriſtiana ſo von
neuer Ware nötig hat; ich möcht’ ihr gern zur Meſſe ein Geſchenk
machen, wenn ich nämlich — Geld hab. Ich bin

Ihr
beſter Sohn35
[Spaltenumbruch] Leipzig den 27 Auguſt 1781.[Spaltenumbruch] J. P. F. Richter
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="letter" n="1">
        <p><pb facs="#f0035" n="13"/>
deren Namen man verfluchen &#x017F;olte, tut Ihnen ia einen Tort nach dem<lb/>
andern an. Das i&#x017F;t gar zu arg, was Sie mir ge&#x017F;chrieben haben; ich<lb/>
wundre mich, wenn Sie nicht krank darüber geworden &#x017F;ind. Aber wenn<lb/>
&#x017F;ie die&#x017F;es noch einmal tut, &#x017F;o halt ich es für das be&#x017F;te, wenn Sie tüchtige<lb/>
Zeugen, die es gehört haben, aufrufen und die Kanaille verklagen.<lb n="5"/>
Solche Grobheiten können Sie unmöglich leiden. Das i&#x017F;t gar das<lb/>
Fatal&#x017F;te, daß Ihnen der Aktuar das Qua<metamark>[</metamark>r<metamark>]</metamark>tier aufge&#x017F;agt hat. Ich weis<lb/>
nicht, ob es gut i&#x017F;t, wenn Sie nach Hof ziehen. Den Hauszins er&#x017F;paren<lb/>
Sie &#x2014; das i&#x017F;t auch das einzige. Aber hernach wird Ihnen der Aktuar<lb/>
nicht mehr dienen; und er kan es nach den Ge&#x017F;ezzen nicht. Und in Hof<lb n="10"/>
finden Sie gewis keinen &#x017F;olchen guten Advokaten. Ferner, bedenken<lb/>
Sie die Drang&#x017F;alen, die Ihnen die&#x017F;es grobe Men&#x017F;ch antun würde, die<lb/>
Schimpfworte, welche Sie täglich von ihr hören mü&#x017F;ten; und dann das<lb/>
Riedelspak, welche Plagen würden Sie nicht von denen auszu&#x017F;tehen<lb/>
haben! &#x2014; Doch Sie können es überlegen. Schreiben Sie mir, wenn<lb n="15"/>
Sie ausziehen mü&#x017F;&#x017F;en. &#x2014; Meine We&#x017F;te hab&#x2019; ich noch nicht machen<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en. Aber Sie brauchen mir keine Leinwand zu &#x017F;chikken; ich werde &#x017F;ie<lb/>
mir noch lange nicht machen la&#x017F;&#x017F;en, weil &#x017F;ie &#x017F;ich zu meinem Bieber nicht<lb/>
&#x017F;chikt. Dafür &#x017F;chikken Sie mir lieber feine Oberhemde, keine Unter-<lb/>
hemde brauch&#x2019; ich nicht; aber iene mü&#x017F;&#x017F;en <hi rendition="#aq">à la Hamlet</hi> gemacht &#x017F;ein.<lb n="20"/>
Bei Ihnen wird dies niemand ver&#x017F;tehen; das hei&#x017F;t nämlich, forn bei der<lb/>
Bru&#x017F;t mü&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ie offen &#x017F;ein, daß man den blo&#x017F;&#x017F;en Hals und die Bru&#x017F;t<lb/>
&#x017F;ehen kan; das i&#x017F;t hier Mode. &#x2014; Da haben Sie wol getan, daß Sie<note place="right"><ref target="1922_Bd#_14">[14]</ref></note><lb/>
meinen Brief an Stad&#x017F;yndikus, dem Aktuar nicht gewie&#x017F;en haben. &#x2014;<lb/>
Wegen meinen Brüdern wil ich im näch&#x017F;ten Briefe &#x017F;chreiben; das<lb n="25"/>
können Sie ihnen voraus&#x017F;agen, daß ich iedem in iedem Monat Geld<lb/>
&#x017F;chikken würde &#x2014; wenn ich es nämlich hab, und wenn &#x017F;ie flei&#x017F;&#x017F;ig &#x017F;ind. &#x2014;<lb/>
In drei Wochen &#x017F;chreib&#x2019; ich nicht; vielleicht &#x017F;chreib&#x2019; ich darnach was<lb/>
Gutes und Angenehmes; auch &#x017F;chreib&#x2019; ich in 3 Wochen weder an Rektor<lb/>
noch Pfarrer noch Aktuar; ich habe meine Ur&#x017F;achen dazu. Beiläufig<lb n="30"/>
&#x017F;chreiben Sie mir, was die Aktuariu&#x017F;in oder ihre Chri&#x017F;tiana &#x017F;o von<lb/>
neuer Ware nötig hat; ich möcht&#x2019; ihr gern zur Me&#x017F;&#x017F;e ein Ge&#x017F;chenk<lb/>
machen, wenn ich nämlich &#x2014; Geld hab. Ich bin</p><lb/>
        <closer>
          <salute> <hi rendition="#et">Ihr<lb/>
be&#x017F;ter Sohn<lb n="35"/>
</hi> <cb/>
            <date> <hi rendition="#left">Leipzig den 27 Augu&#x017F;t 1781.</hi> </date>
            <cb/> <hi rendition="#right">J. P. F. Richter</hi> </salute>
        </closer><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[13/0035] deren Namen man verfluchen ſolte, tut Ihnen ia einen Tort nach dem andern an. Das iſt gar zu arg, was Sie mir geſchrieben haben; ich wundre mich, wenn Sie nicht krank darüber geworden ſind. Aber wenn ſie dieſes noch einmal tut, ſo halt ich es für das beſte, wenn Sie tüchtige Zeugen, die es gehört haben, aufrufen und die Kanaille verklagen. 5 Solche Grobheiten können Sie unmöglich leiden. Das iſt gar das Fatalſte, daß Ihnen der Aktuar das Qua[r]tier aufgeſagt hat. Ich weis nicht, ob es gut iſt, wenn Sie nach Hof ziehen. Den Hauszins erſparen Sie — das iſt auch das einzige. Aber hernach wird Ihnen der Aktuar nicht mehr dienen; und er kan es nach den Geſezzen nicht. Und in Hof 10 finden Sie gewis keinen ſolchen guten Advokaten. Ferner, bedenken Sie die Drangſalen, die Ihnen dieſes grobe Menſch antun würde, die Schimpfworte, welche Sie täglich von ihr hören müſten; und dann das Riedelspak, welche Plagen würden Sie nicht von denen auszuſtehen haben! — Doch Sie können es überlegen. Schreiben Sie mir, wenn 15 Sie ausziehen müſſen. — Meine Weſte hab’ ich noch nicht machen laſſen. Aber Sie brauchen mir keine Leinwand zu ſchikken; ich werde ſie mir noch lange nicht machen laſſen, weil ſie ſich zu meinem Bieber nicht ſchikt. Dafür ſchikken Sie mir lieber feine Oberhemde, keine Unter- hemde brauch’ ich nicht; aber iene müſſen à la Hamlet gemacht ſein. 20 Bei Ihnen wird dies niemand verſtehen; das heiſt nämlich, forn bei der Bruſt müſſen ſie offen ſein, daß man den bloſſen Hals und die Bruſt ſehen kan; das iſt hier Mode. — Da haben Sie wol getan, daß Sie meinen Brief an Stadſyndikus, dem Aktuar nicht gewieſen haben. — Wegen meinen Brüdern wil ich im nächſten Briefe ſchreiben; das 25 können Sie ihnen vorausſagen, daß ich iedem in iedem Monat Geld ſchikken würde — wenn ich es nämlich hab, und wenn ſie fleiſſig ſind. — In drei Wochen ſchreib’ ich nicht; vielleicht ſchreib’ ich darnach was Gutes und Angenehmes; auch ſchreib’ ich in 3 Wochen weder an Rektor noch Pfarrer noch Aktuar; ich habe meine Urſachen dazu. Beiläufig 30 ſchreiben Sie mir, was die Aktuariuſin oder ihre Chriſtiana ſo von neuer Ware nötig hat; ich möcht’ ihr gern zur Meſſe ein Geſchenk machen, wenn ich nämlich — Geld hab. Ich bin [14] Ihr beſter Sohn 35 Leipzig den 27 Auguſt 1781. J. P. F. Richter

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2016-11-22T14:52:17Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition. (2016-11-22T14:52:17Z)

Weitere Informationen:

Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).

Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/35
Zitationshilfe: Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 1. Berlin, 1956, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe01_1956/35>, abgerufen am 10.12.2019.