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Jahn, Otto: Gottfried Herrmann. Eine Gedächnissrede. Leipzig, 1849.

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den Hauptstamm bildeten die Tragiker, Pindar und Homer. Wer nun etwa eine praktische Anwendung der Kritik mit grammatischen und metrischen Excursen erwartete, der fand sich getäuscht. Das Verständniss des Schriftstellers war das Ziel, auf das er graden Wegs ohne Umschweife zuging; nie sollte man den Schriftsteller selbst aus den Augen verlieren. Das mechanische Verständniss setzte er voraus, oder deutete es in schwierigen Fällen kurz an, hielt aber vor Allem darauf, dass man stets strenge dem Gedankengange des Schriftstellers folge und den eigenthümlichen Ausdruck desselben klar erkenne, was, ohne dass er viele Worte darüber machte, wie unvermerkt aus der ganzen Behandlungsart hervorging. So schritt die Erklärung in einem Flusse fort, nur da da, wo es nöthig war, hielt er an um ausführliche Erläuterung oder Verbesserung einer schwierigen Stelle zu geben, und lehrte so durch die That, stets nur auf die Sache zu sehen und das Beiwerk nicht zur Hauptsache zu machen. Wenn er dann eine schwierige Stelle ausführlich behandelte, war es ein wahrer Genuss zu sehen, mit welcher Klarheit und Schärfe er den Fehler aufdeckte, nachwies was dem Zusammenhange gemäss gesagt sein müsse, und dann wie im Blitze das Richtige oder jedesfalls das Schöne und Passende fand, das Alles mit einer Lebhaftigkeit, Kraft und Eleganz des Vortrags, dass das Wort des alten Dichters auch von ihm gilt:

Die rasche Peitho thronte auf den Lippen ihm;
ja, er bezauberte den Hörer und allein
liess er den Stachel in der Seele ihm zurück.

Und doch hatte die Verehrung seiner Schüler noch einen tieferen Grund, als in der Bewunderung für den Meister ihrer Kunst. Die frische, kerngesunde Natur, welche von nichts Gemachtem, Ergrübeltem noch Erkünsteltem wusste, die Hingebung und Begeisterung für die Sache, die reine Wahrheitsliebe, der sittliche Ernst, die der eigenen Grösse unbewusste Einfachheit und Unbefangenheit, welche sich in Hermanns Wesen, in jeder Geberde und in jedem Worte treu und wahr aussprachen, gewannen über das jugendliche Gemüth eine unwiderstehliche Macht. Und wie jede bedeutende Erscheinung übte er diesen Einfluss, meist unbewusst, auf die verschiedensten Naturen; er hob den Zaghaften, mässigte den Hastigen, spornte den Trägen, zwang den Flüchtigen sich zu sammeln, die Einheit und Klarheit seines sittlichen Wesens nöthigte Jeden, in sich selbst zurück zu gehen und mit sich einig

den Hauptstamm bildeten die Tragiker, Pindar und Homer. Wer nun etwa eine praktische Anwendung der Kritik mit grammatischen und metrischen Excursen erwartete, der fand sich getäuscht. Das Verständniss des Schriftstellers war das Ziel, auf das er graden Wegs ohne Umschweife zuging; nie sollte man den Schriftsteller selbst aus den Augen verlieren. Das mechanische Verständniss setzte er voraus, oder deutete es in schwierigen Fällen kurz an, hielt aber vor Allem darauf, dass man stets strenge dem Gedankengange des Schriftstellers folge und den eigenthümlichen Ausdruck desselben klar erkenne, was, ohne dass er viele Worte darüber machte, wie unvermerkt aus der ganzen Behandlungsart hervorging. So schritt die Erklärung in einem Flusse fort, nur da da, wo es nöthig war, hielt er an um ausführliche Erläuterung oder Verbesserung einer schwierigen Stelle zu geben, und lehrte so durch die That, stets nur auf die Sache zu sehen und das Beiwerk nicht zur Hauptsache zu machen. Wenn er dann eine schwierige Stelle ausführlich behandelte, war es ein wahrer Genuss zu sehen, mit welcher Klarheit und Schärfe er den Fehler aufdeckte, nachwies was dem Zusammenhange gemäss gesagt sein müsse, und dann wie im Blitze das Richtige oder jedesfalls das Schöne und Passende fand, das Alles mit einer Lebhaftigkeit, Kraft und Eleganz des Vortrags, dass das Wort des alten Dichters auch von ihm gilt:

Die rasche Peitho thronte auf den Lippen ihm;
ja, er bezauberte den Hörer und allein
liess er den Stachel in der Seele ihm zurück.

Und doch hatte die Verehrung seiner Schüler noch einen tieferen Grund, als in der Bewunderung für den Meister ihrer Kunst. Die frische, kerngesunde Natur, welche von nichts Gemachtem, Ergrübeltem noch Erkünsteltem wusste, die Hingebung und Begeisterung für die Sache, die reine Wahrheitsliebe, der sittliche Ernst, die der eigenen Grösse unbewusste Einfachheit und Unbefangenheit, welche sich in Hermanns Wesen, in jeder Geberde und in jedem Worte treu und wahr aussprachen, gewannen über das jugendliche Gemüth eine unwiderstehliche Macht. Und wie jede bedeutende Erscheinung übte er diesen Einfluss, meist unbewusst, auf die verschiedensten Naturen; er hob den Zaghaften, mässigte den Hastigen, spornte den Trägen, zwang den Flüchtigen sich zu sammeln, die Einheit und Klarheit seines sittlichen Wesens nöthigte Jeden, in sich selbst zurück zu gehen und mit sich einig

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den Hauptstamm bildeten die Tragiker, Pindar und Homer. Wer nun etwa eine praktische Anwendung der Kritik mit grammatischen und metrischen Excursen erwartete, der fand sich getäuscht. Das Verständniss des Schriftstellers war das Ziel, auf das er graden Wegs ohne Umschweife zuging; nie sollte man den Schriftsteller selbst aus den Augen verlieren. Das mechanische Verständniss setzte er voraus, oder deutete es in schwierigen Fällen kurz an, hielt aber vor Allem darauf, dass man stets strenge dem Gedankengange des Schriftstellers folge und den eigenthümlichen Ausdruck desselben klar erkenne, was, ohne dass er viele Worte darüber machte, wie unvermerkt aus der ganzen Behandlungsart hervorging. So schritt die Erklärung in einem Flusse fort, nur da da, wo es nöthig war, hielt er an um ausführliche Erläuterung oder Verbesserung einer schwierigen Stelle zu geben, und lehrte so durch die That, stets nur auf die Sache zu sehen und das Beiwerk nicht zur Hauptsache zu machen. Wenn er dann eine schwierige Stelle ausführlich behandelte, war es ein wahrer Genuss zu sehen, mit welcher Klarheit und Schärfe er den Fehler aufdeckte, nachwies was dem Zusammenhange gemäss gesagt sein müsse, und dann wie im Blitze das Richtige oder jedesfalls das Schöne und Passende fand, das Alles mit einer Lebhaftigkeit, Kraft und Eleganz des Vortrags, dass das Wort des alten Dichters auch von ihm gilt:</p>
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[24/0024] den Hauptstamm bildeten die Tragiker, Pindar und Homer. Wer nun etwa eine praktische Anwendung der Kritik mit grammatischen und metrischen Excursen erwartete, der fand sich getäuscht. Das Verständniss des Schriftstellers war das Ziel, auf das er graden Wegs ohne Umschweife zuging; nie sollte man den Schriftsteller selbst aus den Augen verlieren. Das mechanische Verständniss setzte er voraus, oder deutete es in schwierigen Fällen kurz an, hielt aber vor Allem darauf, dass man stets strenge dem Gedankengange des Schriftstellers folge und den eigenthümlichen Ausdruck desselben klar erkenne, was, ohne dass er viele Worte darüber machte, wie unvermerkt aus der ganzen Behandlungsart hervorging. So schritt die Erklärung in einem Flusse fort, nur da da, wo es nöthig war, hielt er an um ausführliche Erläuterung oder Verbesserung einer schwierigen Stelle zu geben, und lehrte so durch die That, stets nur auf die Sache zu sehen und das Beiwerk nicht zur Hauptsache zu machen. Wenn er dann eine schwierige Stelle ausführlich behandelte, war es ein wahrer Genuss zu sehen, mit welcher Klarheit und Schärfe er den Fehler aufdeckte, nachwies was dem Zusammenhange gemäss gesagt sein müsse, und dann wie im Blitze das Richtige oder jedesfalls das Schöne und Passende fand, das Alles mit einer Lebhaftigkeit, Kraft und Eleganz des Vortrags, dass das Wort des alten Dichters auch von ihm gilt: Die rasche Peitho thronte auf den Lippen ihm; ja, er bezauberte den Hörer und allein liess er den Stachel in der Seele ihm zurück. Und doch hatte die Verehrung seiner Schüler noch einen tieferen Grund, als in der Bewunderung für den Meister ihrer Kunst. Die frische, kerngesunde Natur, welche von nichts Gemachtem, Ergrübeltem noch Erkünsteltem wusste, die Hingebung und Begeisterung für die Sache, die reine Wahrheitsliebe, der sittliche Ernst, die der eigenen Grösse unbewusste Einfachheit und Unbefangenheit, welche sich in Hermanns Wesen, in jeder Geberde und in jedem Worte treu und wahr aussprachen, gewannen über das jugendliche Gemüth eine unwiderstehliche Macht. Und wie jede bedeutende Erscheinung übte er diesen Einfluss, meist unbewusst, auf die verschiedensten Naturen; er hob den Zaghaften, mässigte den Hastigen, spornte den Trägen, zwang den Flüchtigen sich zu sammeln, die Einheit und Klarheit seines sittlichen Wesens nöthigte Jeden, in sich selbst zurück zu gehen und mit sich einig

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Zitationshilfe: Jahn, Otto: Gottfried Herrmann. Eine Gedächnissrede. Leipzig, 1849, S. 24. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jahn_rede_1849/24>, abgerufen am 19.08.2019.