Die Grenzboten. Jg. 56, 1897, Zweites Vierteljahr.München und Konstanz von den gelehrten Richtern, sondern allein vom Volke zu erwarten ist. Wenn München und Konstanz") n München erwies mir Dr. Lossen, der damals noch nicht Pro¬ ") Fortsetzung der Lebenserinnerungen von Carl Jentsch. Bergl. Ur. 8: "Jenseits der
Mainlinie." .-, München und Konstanz von den gelehrten Richtern, sondern allein vom Volke zu erwarten ist. Wenn München und Konstanz") n München erwies mir Dr. Lossen, der damals noch nicht Pro¬ ") Fortsetzung der Lebenserinnerungen von Carl Jentsch. Bergl. Ur. 8: „Jenseits der
Mainlinie." .-, <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0231" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/225159"/> <fw type="header" place="top"> München und Konstanz</fw><lb/> <p xml:id="ID_759" prev="#ID_758"> von den gelehrten Richtern, sondern allein vom Volke zu erwarten ist. Wenn<lb/> diese Wahrheit trotz des Dranges nach Verbesserung der Rechtspflege dunkel<lb/> geblieben ist, wenn mau sich von den Schwurgerichten, statt sie zu vervoll¬<lb/> kommnen, abwenden oder sie wenigstens in ihrer Zuständigkeit einschränken<lb/> will, sich in unberechtigten Vorwürfen namentlich gegen die jüngern Richter<lb/> ergeht und nach Änderungen tastet, die keine Hilfe bringen können, so beweist<lb/> das deutlich, daß nicht nur die Wissenschaft in falsche Bahnen geraten, sondern<lb/> auch die juristische Kritik erlahmt ist. Darunter leidet aber neben der Juris¬<lb/> prudenz auch unser gesamtes politisches und wirtschaftliches Leben. Auch die<lb/> öffentliche Meinung bedarf zwar nicht der juristischen Bevormundung, die an<lb/> ihrer Stelle denkt, wohl aber eines urteilsfähigen juristischen Beirath, der<lb/> jedem gerecht werden will und von der ungerechten Einseitigkeit schroffer<lb/> Parteigegensätze zu überzeugen versteht.</p><lb/> <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/> </div> <div n="1"> <head> München und Konstanz")</head><lb/> <p xml:id="ID_760" next="#ID_761"> n München erwies mir Dr. Lossen, der damals noch nicht Pro¬<lb/> fessor und Sekretär der königlichen Akademie der Wissenschaften<lb/> war, so lange Gastfreundschaft, bis ich mit seiner Hilfe eine<lb/> Wohnung gefunden hatte. Ich mietete zwei möblirte Zimmer<lb/> in der Türkenstraßc, gegenüber dem Eingang der Türkentascrne.<lb/> Als ich einzog, hingen die Wände voll Landkarten. Entschuldigen Sie nur,<lb/> Herr Dokter, sagte Frau Müller, das wollen wir gleich wegräumen, der Ferdl<lb/> und die Lulu treiben mit Leidenschaft Geographie. Frau Müller war von<lb/> kleiner Mittelgröße aber überaus kräftig und in allen ihren Bewegungen<lb/> energisch; die blonden Haarsträhne hingen zum Teil wirr über ihr freundliches,<lb/> freudestrahlendes Gesicht, und über ihr tiefes Negligee hatte sie ein rot- und<lb/> grünkarrirtes Tuch lose geschlungen. Als wir mit dem bischen Einräumen<lb/> fertig waren, kam sie noch einmal hereingestürzt und rief: Wünschen Sie noch<lb/> was, Herr Doktor? Ich möchte Sie so recht — so recht gemütlich machen!<lb/> Dabei machten ihre entblößten muskulösen Armee Stvßbewegungen wie beim<lb/> Bettenaufschütteln, sodaß es schien, als wollte sie mir durch eine Art Massage<lb/> zur Gemütlichkeit verhelfen. Gemütlich war es ja nun wirklich bei ihr. Sie<lb/> war eine herzensgute Frau, dabei voll Arbeitskraft und Lebenslust — und</p><lb/> <note xml:id="FID_28" place="foot"> ") Fortsetzung der Lebenserinnerungen von Carl Jentsch. Bergl. Ur. 8: „Jenseits der<lb/> Mainlinie." .-,</note><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0231]
München und Konstanz
von den gelehrten Richtern, sondern allein vom Volke zu erwarten ist. Wenn
diese Wahrheit trotz des Dranges nach Verbesserung der Rechtspflege dunkel
geblieben ist, wenn mau sich von den Schwurgerichten, statt sie zu vervoll¬
kommnen, abwenden oder sie wenigstens in ihrer Zuständigkeit einschränken
will, sich in unberechtigten Vorwürfen namentlich gegen die jüngern Richter
ergeht und nach Änderungen tastet, die keine Hilfe bringen können, so beweist
das deutlich, daß nicht nur die Wissenschaft in falsche Bahnen geraten, sondern
auch die juristische Kritik erlahmt ist. Darunter leidet aber neben der Juris¬
prudenz auch unser gesamtes politisches und wirtschaftliches Leben. Auch die
öffentliche Meinung bedarf zwar nicht der juristischen Bevormundung, die an
ihrer Stelle denkt, wohl aber eines urteilsfähigen juristischen Beirath, der
jedem gerecht werden will und von der ungerechten Einseitigkeit schroffer
Parteigegensätze zu überzeugen versteht.
München und Konstanz")
n München erwies mir Dr. Lossen, der damals noch nicht Pro¬
fessor und Sekretär der königlichen Akademie der Wissenschaften
war, so lange Gastfreundschaft, bis ich mit seiner Hilfe eine
Wohnung gefunden hatte. Ich mietete zwei möblirte Zimmer
in der Türkenstraßc, gegenüber dem Eingang der Türkentascrne.
Als ich einzog, hingen die Wände voll Landkarten. Entschuldigen Sie nur,
Herr Dokter, sagte Frau Müller, das wollen wir gleich wegräumen, der Ferdl
und die Lulu treiben mit Leidenschaft Geographie. Frau Müller war von
kleiner Mittelgröße aber überaus kräftig und in allen ihren Bewegungen
energisch; die blonden Haarsträhne hingen zum Teil wirr über ihr freundliches,
freudestrahlendes Gesicht, und über ihr tiefes Negligee hatte sie ein rot- und
grünkarrirtes Tuch lose geschlungen. Als wir mit dem bischen Einräumen
fertig waren, kam sie noch einmal hereingestürzt und rief: Wünschen Sie noch
was, Herr Doktor? Ich möchte Sie so recht — so recht gemütlich machen!
Dabei machten ihre entblößten muskulösen Armee Stvßbewegungen wie beim
Bettenaufschütteln, sodaß es schien, als wollte sie mir durch eine Art Massage
zur Gemütlichkeit verhelfen. Gemütlich war es ja nun wirklich bei ihr. Sie
war eine herzensgute Frau, dabei voll Arbeitskraft und Lebenslust — und
") Fortsetzung der Lebenserinnerungen von Carl Jentsch. Bergl. Ur. 8: „Jenseits der
Mainlinie." .-,
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