Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Bd. 1. Leipzig, 1774.

Bild:
<< vorherige Seite



zu finden erwartete, gehörig durchgezogen; als Lotte
den Kutscher halten, und ihre Brüder herabsteigen
lies, die noch einmal ihre Hand zu küssen begehr-
ten, das denn der ältste mit aller Zärtlichkeit, die
dem Alter von funßehn Jahren eigen seyn kann,
der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinn that.
Sie ließ die Kleinen noch einmal grüßen, und
wir fuhren weiter.

Die Baase fragte: ob sie mit dem Buche
fertig wäre, das sie ihr neulich geschickt hätte. Nein,
sagte Lotte, es gefällt mir nicht, sie könnens wieder
haben. Das vorige war auch nicht besser. Jch
erstaunte, als ich fragte: was es für Bücher wären
und sie mir antwortete: *) -- Jch fand so viel Cha-
rakter in allem was sie sagte, ich sah mit jedem

Worte
*) Man sieht sich genöthigt, diese Stelle des
Briefs zu unterdrücken, um niemand Ge-
legenheit zu einiger Beschwerde zu geben.
Ob gleich im Grunde jedem Autor wenig an
dem Urtheile eines einzelnen Mädgens, und
eines jungen unsteten Menschen gelegen seyn
kann.
C



zu finden erwartete, gehoͤrig durchgezogen; als Lotte
den Kutſcher halten, und ihre Bruͤder herabſteigen
lies, die noch einmal ihre Hand zu kuͤſſen begehr-
ten, das denn der aͤltſte mit aller Zaͤrtlichkeit, die
dem Alter von funſzehn Jahren eigen ſeyn kann,
der andere mit viel Heftigkeit und Leichtſinn that.
Sie ließ die Kleinen noch einmal gruͤßen, und
wir fuhren weiter.

Die Baaſe fragte: ob ſie mit dem Buche
fertig waͤre, das ſie ihr neulich geſchickt haͤtte. Nein,
ſagte Lotte, es gefaͤllt mir nicht, ſie koͤnnens wieder
haben. Das vorige war auch nicht beſſer. Jch
erſtaunte, als ich fragte: was es fuͤr Buͤcher waͤren
und ſie mir antwortete: *) — Jch fand ſo viel Cha-
rakter in allem was ſie ſagte, ich ſah mit jedem

Worte
*) Man ſieht ſich genoͤthigt, dieſe Stelle des
Briefs zu unterdruͤcken, um niemand Ge-
legenheit zu einiger Beſchwerde zu geben.
Ob gleich im Grunde jedem Autor wenig an
dem Urtheile eines einzelnen Maͤdgens, und
eines jungen unſteten Menſchen gelegen ſeyn
kann.
C
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="diaryEntry">
        <p><pb facs="#f0033" n="33"/><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
zu finden erwartete, geho&#x0364;rig durchgezogen; als Lotte<lb/>
den Kut&#x017F;cher halten, und ihre Bru&#x0364;der herab&#x017F;teigen<lb/>
lies, die noch einmal ihre Hand zu ku&#x0364;&#x017F;&#x017F;en begehr-<lb/>
ten, das denn der a&#x0364;lt&#x017F;te mit aller Za&#x0364;rtlichkeit, die<lb/>
dem Alter von fun&#x017F;zehn Jahren eigen &#x017F;eyn kann,<lb/>
der andere mit viel Heftigkeit und Leicht&#x017F;inn that.<lb/>
Sie ließ die Kleinen noch einmal gru&#x0364;ßen, und<lb/>
wir fuhren weiter.</p><lb/>
        <p>Die Baa&#x017F;e fragte: ob &#x017F;ie mit dem Buche<lb/>
fertig wa&#x0364;re, das &#x017F;ie ihr neulich ge&#x017F;chickt ha&#x0364;tte. Nein,<lb/>
&#x017F;agte Lotte, es gefa&#x0364;llt mir nicht, &#x017F;ie ko&#x0364;nnens wieder<lb/>
haben. Das vorige war auch nicht be&#x017F;&#x017F;er. Jch<lb/>
er&#x017F;taunte, als ich fragte: was es fu&#x0364;r Bu&#x0364;cher wa&#x0364;ren<lb/>
und &#x017F;ie mir antwortete: <note place="foot" n="*)">Man &#x017F;ieht &#x017F;ich geno&#x0364;thigt, die&#x017F;e Stelle des<lb/>
Briefs zu unterdru&#x0364;cken, um niemand Ge-<lb/>
legenheit zu einiger Be&#x017F;chwerde zu geben.<lb/>
Ob gleich im Grunde jedem Autor wenig an<lb/>
dem Urtheile eines einzelnen Ma&#x0364;dgens, und<lb/>
eines jungen un&#x017F;teten Men&#x017F;chen gelegen &#x017F;eyn<lb/>
kann.</note> &#x2014; Jch fand &#x017F;o viel Cha-<lb/>
rakter in allem was &#x017F;ie &#x017F;agte, ich &#x017F;ah mit jedem<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">C</fw><fw place="bottom" type="catch">Worte</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[33/0033] zu finden erwartete, gehoͤrig durchgezogen; als Lotte den Kutſcher halten, und ihre Bruͤder herabſteigen lies, die noch einmal ihre Hand zu kuͤſſen begehr- ten, das denn der aͤltſte mit aller Zaͤrtlichkeit, die dem Alter von funſzehn Jahren eigen ſeyn kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtſinn that. Sie ließ die Kleinen noch einmal gruͤßen, und wir fuhren weiter. Die Baaſe fragte: ob ſie mit dem Buche fertig waͤre, das ſie ihr neulich geſchickt haͤtte. Nein, ſagte Lotte, es gefaͤllt mir nicht, ſie koͤnnens wieder haben. Das vorige war auch nicht beſſer. Jch erſtaunte, als ich fragte: was es fuͤr Buͤcher waͤren und ſie mir antwortete: *) — Jch fand ſo viel Cha- rakter in allem was ſie ſagte, ich ſah mit jedem Worte *) Man ſieht ſich genoͤthigt, dieſe Stelle des Briefs zu unterdruͤcken, um niemand Ge- legenheit zu einiger Beſchwerde zu geben. Ob gleich im Grunde jedem Autor wenig an dem Urtheile eines einzelnen Maͤdgens, und eines jungen unſteten Menſchen gelegen ſeyn kann. C

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther01_1774
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther01_1774/33
Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Bd. 1. Leipzig, 1774, S. 33. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther01_1774/33>, abgerufen am 25.03.2019.