[Spaltenumbruch]
gieng der Prophet Elisa, nachdem er dem Göttlichen Verhängniß nach die gottlosen Kinder verwünscht hatte, die von den Bä- ren zurissen worden. Auf dem Gebür- ge Gilboa erstach sich Saul aus Ver- zweifelung nebst seinem Waffen-Träger. 1. Buch der Chron. 11. v. 8. Auf dem Ge- bürge satzte sich der Prophet Jonas, als er aus dem Bauch des Wallfisches kroch, und den Untergang der grossen und be- rühmten Stadt Ninive propheceyete, wie zu lesen Jon. 2. v. 7.-11.
§. 2.
So treffen wir auch nicht we- niger in dem Neuen Testamente man- cherley denckwürdige Berge an, deren der Heilige Geist Erwehnung thut. Die heilige Mutter GOttes Maria ist, um ihre Bekandte und Befreundte die Eli- sabeth zu besuchen, über das Gebürge gantz geschwinde gegangen. Luc. 1. v. 39. Auf dem Gebürge Hebron ist Johannes der Täuffer gebohren. Luc. 1. v. 57. Auf dem Gebürge Thabor ward unser Hey- land verkläret, als er Petrum und Ja- cobum und Johannem bey sich hatte. Siehe Matthäi am 17. Cap. v. 1. Auf dem Oelberge hat unser Seligmacher bey dem Anfang seines Leidens zu seinem himmlischen Vater gebetet, und bluti- gen Schweiß daselbst geschwitzt, als er von seinem treulosen Jünger verrathen wurde. Matth. 26. v. 30. u. f. Auf dem Gebürge ward der Heyland von dem Geist der Finsterniß in die Versuchung geführet. Auf dem Gebürge Golgatha erreichte er den allertieffsten Grad seiner Erniedrigung, nemlich den schmählichen Creutzes-Tod, und stellte sich uns zum Segen zu einem Fluch dar. Mehr Stel- len hievon anzuführen, mögte fast un- verantwortlich seyn, indem ich so schon fast nach dem gusto einiger Leser die Gren- tzen überschritten.
§. 3.
Der Nutzen der Gebürge ist sehr viel und mancherley. Es haben auf denselben gemeiniglich nicht allein unse- re Heydnischen Vorfahren ihre Götzen- Tempel aufgerichtet, und die Begräb- nisse ihrer vornehmsten Anführer gestiff- tet, weil sie geglaubet, daß durch die ge- bürgischen Oerter denen Tempeln und Gräbern eine grössere Hochachtung und Religiosität gegen dieselbige zuwege ge- bracht würde; sondern es haben auch die Römisch-Catholischen, bey Fundation des Christenthums, die vornehmsten Sitze ihrer Geistlichkeit auf denen Bergen an- geleget, wie denn an denen meisten Orten [Spaltenumbruch]
in Teutschland die Bischöfflichen Sitze, sie mögen nun noch im Stande, oder allbe- reits eingegangen seyn, auf gebürgischen Gegenden erbauet. Die Ursachen hie- von sind mancherley: theils geschahe es um des guten Prospects willen, um ihre Augen in den Thälern und Plainen, die mit mancherley Gebüschen, Wasser und andern Gegenden durchschnitten waren, desto besser zu weyden; theils thaten sie es aus Noth, indem sie zu Anfang der Christlichen Bekehrung für den Heyd- nischen Anläuffen nicht sattsam gesichert waren, und sie von denen Bergen die feindlichen Partheyen, um sich in einige Sicherheit gegen sie zu setzen, desto besser entdecken konten; sie erbauten die Klöster und Stiffter auch deswegen auf die Ber- ge, weil die Heyden vor die Berge und Hügel allbereits viel Ehrerbietigkeit hat- ten, und diese Oerter hierdurch bey denen Heyden desto religieuser werden solten. Die gebürgischen Gegenden haben bey der lieblichen Sommers-Zeit vor denen andern gewiß einen besondern Vorzug, und kan einer alle seine Sinnen auf den- selben ergötzen. Wenn das Gesicht seine Strahlen in die herumliegende Land- schafft von denen hohen Bergen abschies- sen läßt, und hier einen duncklen blau- grünlichten Thal, der sich in eine grosse Tieffe senckt, dort eine Weyde, die mit den Vieh-Heerden besetzt ist, nicht weit da- von einen hellen Strohm, der seine blan- cken Wellen an dessen Ufer anschlägt, und hinter diesen einen gelben Strich von de- nen fruchtbaresten Feldern erblickt, und dabey so mancherley Städte, Schlösser und Dörfer, die auf dieser grossen Etendue gleichsam ausgestreuet sind, wahrnimmt, so kan ihm diese Abwechselung der Natur, nicht anders, als vergnügt anscheinen. Das Gehör belustiget sich, wenn es nicht allein die stille Wald-Music derer Nachti- gallen, Stieglitzen, Hänfflinge, Bier- holder und anderer Vögel, die ein liebli- ches Concert mit einander anstimmen, sondern auch die mancherley Thone de- rer Hirten und Schäfer, die in ihrer Einsamkeit der Natur dadurch bezeugen, daß auch ein frölich Hertze in einem zu- rissenen Kleide wohnen könne, nebst dem Blöcken ihrer Schäflein, dem Wiehern der Pferde, und dem Brummen der Kü- he, anhöret. So fällt auch dem Gehör gantz angenehm, wenn der Klang und das Geräusche mancher arbeitsamen Leu- te, als der Berg-Leute, der Klaffter-
Schlä-
A 2
Des Erſten Theils 2. Capitel/ von dem Gebuͤrge.
[Spaltenumbruch]
gieng der Prophet Eliſa, nachdem er dem Goͤttlichen Verhaͤngniß nach die gottloſen Kinder verwuͤnſcht hatte, die von den Baͤ- ren zuriſſen worden. Auf dem Gebuͤr- ge Gilboa erſtach ſich Saul aus Ver- zweifelung nebſt ſeinem Waffen-Traͤger. 1. Buch der Chron. 11. v. 8. Auf dem Ge- buͤrge ſatzte ſich der Prophet Jonas, als er aus dem Bauch des Wallfiſches kroch, und den Untergang der groſſen und be- ruͤhmten Stadt Ninive propheceyete, wie zu leſen Jon. 2. v. 7.-11.
§. 2.
So treffen wir auch nicht we- niger in dem Neuen Teſtamente man- cherley denckwuͤrdige Berge an, deren der Heilige Geiſt Erwehnung thut. Die heilige Mutter GOttes Maria iſt, um ihre Bekandte und Befreundte die Eli- ſabeth zu beſuchen, uͤber das Gebuͤrge gantz geſchwinde gegangen. Luc. 1. v. 39. Auf dem Gebuͤrge Hebron iſt Johannes der Taͤuffer gebohren. Luc. 1. v. 57. Auf dem Gebuͤrge Thabor ward unſer Hey- land verklaͤret, als er Petrum und Ja- cobum und Johannem bey ſich hatte. Siehe Matthaͤi am 17. Cap. v. 1. Auf dem Oelberge hat unſer Seligmacher bey dem Anfang ſeines Leidens zu ſeinem himmliſchen Vater gebetet, und bluti- gen Schweiß daſelbſt geſchwitzt, als er von ſeinem treuloſen Juͤnger verrathen wurde. Matth. 26. v. 30. u. f. Auf dem Gebuͤrge ward der Heyland von dem Geiſt der Finſterniß in die Verſuchung gefuͤhret. Auf dem Gebuͤrge Golgatha erreichte er den allertieffſten Grad ſeiner Erniedrigung, nemlich den ſchmaͤhlichen Creutzes-Tod, und ſtellte ſich uns zum Segen zu einem Fluch dar. Mehr Stel- len hievon anzufuͤhren, moͤgte faſt un- verantwortlich ſeyn, indem ich ſo ſchon faſt nach dem guſto einiger Leſer die Gren- tzen uͤberſchritten.
§. 3.
Der Nutzen der Gebuͤrge iſt ſehr viel und mancherley. Es haben auf denſelben gemeiniglich nicht allein unſe- re Heydniſchen Vorfahren ihre Goͤtzen- Tempel aufgerichtet, und die Begraͤb- niſſe ihrer vornehmſten Anfuͤhrer geſtiff- tet, weil ſie geglaubet, daß durch die ge- buͤrgiſchen Oerter denen Tempeln und Graͤbern eine groͤſſere Hochachtung und Religioſitaͤt gegen dieſelbige zuwege ge- bracht wuͤrde; ſondern es haben auch die Roͤmiſch-Catholiſchen, bey Fundation des Chriſtenthums, die vornehmſten Sitze ihrer Geiſtlichkeit auf denen Bergen an- geleget, wie denn an denen meiſten Orten [Spaltenumbruch]
in Teutſchland die Biſchoͤfflichen Sitze, ſie moͤgen nun noch im Stande, oder allbe- reits eingegangen ſeyn, auf gebuͤrgiſchen Gegenden erbauet. Die Urſachen hie- von ſind mancherley: theils geſchahe es um des guten Proſpects willen, um ihre Augen in den Thaͤlern und Plainen, die mit mancherley Gebuͤſchen, Waſſer und andern Gegenden durchſchnitten waren, deſto beſſer zu weyden; theils thaten ſie es aus Noth, indem ſie zu Anfang der Chriſtlichen Bekehrung fuͤr den Heyd- niſchen Anlaͤuffen nicht ſattſam geſichert waren, und ſie von denen Bergen die feindlichen Partheyen, um ſich in einige Sicherheit gegen ſie zu ſetzen, deſto beſſer entdecken konten; ſie erbauten die Kloͤſter und Stiffter auch deswegen auf die Ber- ge, weil die Heyden vor die Berge und Huͤgel allbereits viel Ehrerbietigkeit hat- ten, und dieſe Oerter hierdurch bey denen Heyden deſto religieuſer werden ſolten. Die gebuͤrgiſchen Gegenden haben bey der lieblichen Sommers-Zeit vor denen andern gewiß einen beſondern Vorzug, und kan einer alle ſeine Sinnen auf den- ſelben ergoͤtzen. Wenn das Geſicht ſeine Strahlen in die herumliegende Land- ſchafft von denen hohen Bergen abſchieſ- ſen laͤßt, und hier einen duncklen blau- gruͤnlichten Thal, der ſich in eine groſſe Tieffe ſenckt, dort eine Weyde, die mit den Vieh-Heerden beſetzt iſt, nicht weit da- von einen hellen Strohm, der ſeine blan- cken Wellen an deſſen Ufer anſchlaͤgt, und hinter dieſen einen gelben Strich von de- nen fruchtbareſten Feldern erblickt, und dabey ſo mancherley Staͤdte, Schloͤſſer und Doͤrfer, die auf dieſer groſſen Etendue gleichſam ausgeſtreuet ſind, wahrnim̃t, ſo kan ihm dieſe Abwechſelung der Natur, nicht anders, als vergnuͤgt anſcheinen. Das Gehoͤr beluſtiget ſich, wenn es nicht allein die ſtille Wald-Muſic derer Nachti- gallen, Stieglitzen, Haͤnfflinge, Bier- holder und anderer Voͤgel, die ein liebli- ches Concert mit einander anſtimmen, ſondern auch die mancherley Thone de- rer Hirten und Schaͤfer, die in ihrer Einſamkeit der Natur dadurch bezeugen, daß auch ein froͤlich Hertze in einem zu- riſſenen Kleide wohnen koͤnne, nebſt dem Bloͤcken ihrer Schaͤflein, dem Wiehern der Pferde, und dem Brummen der Kuͤ- he, anhoͤret. So faͤllt auch dem Gehoͤr gantz angenehm, wenn der Klang und das Geraͤuſche mancher arbeitſamen Leu- te, als der Berg-Leute, der Klaffter-
Schlaͤ-
A 2
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><divn="3"><p><pbfacs="#f0043"n="3"/><fwplace="top"type="header"><hirendition="#b">Des Erſten Theils 2. Capitel/ von dem Gebuͤrge.</hi></fw><lb/><cb/>
gieng der Prophet Eliſa, nachdem er dem<lb/>
Goͤttlichen Verhaͤngniß nach die gottloſen<lb/>
Kinder verwuͤnſcht hatte, die von den Baͤ-<lb/>
ren zuriſſen worden. Auf dem Gebuͤr-<lb/>
ge Gilboa erſtach ſich Saul aus Ver-<lb/>
zweifelung nebſt ſeinem Waffen-Traͤger.<lb/>
1. Buch der Chron. 11. v. 8. Auf dem Ge-<lb/>
buͤrge ſatzte ſich der Prophet Jonas, als<lb/>
er aus dem Bauch des Wallfiſches kroch,<lb/>
und den Untergang der groſſen und be-<lb/>
ruͤhmten Stadt Ninive propheceyete,<lb/>
wie zu leſen Jon. 2. v. 7.-11.</p></div><lb/><divn="3"><head>§. 2.</head><p>So treffen wir auch nicht we-<lb/>
niger in dem Neuen Teſtamente man-<lb/>
cherley denckwuͤrdige Berge an, deren<lb/>
der Heilige Geiſt Erwehnung thut. Die<lb/>
heilige Mutter GOttes Maria iſt, um<lb/>
ihre Bekandte und Befreundte die Eli-<lb/>ſabeth zu beſuchen, uͤber das Gebuͤrge<lb/>
gantz geſchwinde gegangen. Luc. 1. v. 39.<lb/>
Auf dem Gebuͤrge Hebron iſt Johannes<lb/>
der Taͤuffer gebohren. Luc. 1. v. 57. Auf<lb/>
dem Gebuͤrge Thabor ward unſer Hey-<lb/>
land verklaͤret, als er Petrum und Ja-<lb/>
cobum und Johannem bey ſich hatte.<lb/>
Siehe Matthaͤi am 17. Cap. v. 1. Auf<lb/>
dem Oelberge hat unſer Seligmacher<lb/>
bey dem Anfang ſeines Leidens zu ſeinem<lb/>
himmliſchen Vater gebetet, und bluti-<lb/>
gen Schweiß daſelbſt geſchwitzt, als er<lb/>
von ſeinem treuloſen Juͤnger verrathen<lb/>
wurde. Matth. 26. v. 30. u. f. Auf dem<lb/>
Gebuͤrge ward der Heyland von dem<lb/>
Geiſt der Finſterniß in die Verſuchung<lb/>
gefuͤhret. Auf dem Gebuͤrge Golgatha<lb/>
erreichte er den allertieffſten Grad ſeiner<lb/>
Erniedrigung, nemlich den ſchmaͤhlichen<lb/>
Creutzes-Tod, und ſtellte ſich uns zum<lb/>
Segen zu einem Fluch dar. Mehr Stel-<lb/>
len hievon anzufuͤhren, moͤgte faſt un-<lb/>
verantwortlich ſeyn, indem ich ſo ſchon<lb/>
faſt nach dem <hirendition="#aq">guſto</hi> einiger Leſer die Gren-<lb/>
tzen uͤberſchritten.</p></div><lb/><divn="3"><head>§. 3.</head><p>Der Nutzen der Gebuͤrge iſt<lb/>ſehr viel und mancherley. Es haben auf<lb/>
denſelben gemeiniglich nicht allein unſe-<lb/>
re Heydniſchen Vorfahren ihre Goͤtzen-<lb/>
Tempel aufgerichtet, und die Begraͤb-<lb/>
niſſe ihrer vornehmſten Anfuͤhrer geſtiff-<lb/>
tet, weil ſie geglaubet, daß durch die ge-<lb/>
buͤrgiſchen Oerter denen Tempeln und<lb/>
Graͤbern eine groͤſſere Hochachtung und<lb/><hirendition="#aq">Religioſit</hi>aͤt gegen dieſelbige zuwege ge-<lb/>
bracht wuͤrde; ſondern es haben auch die<lb/>
Roͤmiſch-Catholiſchen, bey <hirendition="#aq">Fundation</hi> des<lb/>
Chriſtenthums, die vornehmſten Sitze<lb/>
ihrer Geiſtlichkeit auf denen Bergen an-<lb/>
geleget, wie denn an denen meiſten Orten<lb/><cb/>
in Teutſchland die Biſchoͤfflichen Sitze, ſie<lb/>
moͤgen nun noch im Stande, oder allbe-<lb/>
reits eingegangen ſeyn, auf gebuͤrgiſchen<lb/>
Gegenden erbauet. Die Urſachen hie-<lb/>
von ſind mancherley: theils geſchahe es<lb/>
um des guten <hirendition="#aq">Proſpects</hi> willen, um ihre<lb/>
Augen in den Thaͤlern und <hirendition="#aq">Plain</hi>en, die<lb/>
mit mancherley Gebuͤſchen, Waſſer und<lb/>
andern Gegenden durchſchnitten waren,<lb/>
deſto beſſer zu weyden; theils thaten ſie<lb/>
es aus Noth, indem ſie zu Anfang der<lb/>
Chriſtlichen Bekehrung fuͤr den Heyd-<lb/>
niſchen Anlaͤuffen nicht ſattſam geſichert<lb/>
waren, und ſie von denen Bergen die<lb/>
feindlichen Partheyen, um ſich in einige<lb/>
Sicherheit gegen ſie zu ſetzen, deſto beſſer<lb/>
entdecken konten; ſie erbauten die Kloͤſter<lb/>
und Stiffter auch deswegen auf die Ber-<lb/>
ge, weil die Heyden vor die Berge und<lb/>
Huͤgel allbereits viel Ehrerbietigkeit hat-<lb/>
ten, und dieſe Oerter hierdurch bey denen<lb/>
Heyden deſto <hirendition="#aq">religieuſ</hi>er werden ſolten.<lb/>
Die gebuͤrgiſchen Gegenden haben bey<lb/>
der lieblichen Sommers-Zeit vor denen<lb/>
andern gewiß einen beſondern Vorzug,<lb/>
und kan einer alle ſeine Sinnen auf den-<lb/>ſelben ergoͤtzen. Wenn das Geſicht ſeine<lb/>
Strahlen in die herumliegende Land-<lb/>ſchafft von denen hohen Bergen abſchieſ-<lb/>ſen laͤßt, und hier einen duncklen blau-<lb/>
gruͤnlichten Thal, der ſich in eine groſſe<lb/>
Tieffe ſenckt, dort eine Weyde, die mit<lb/>
den Vieh-Heerden beſetzt iſt, nicht weit da-<lb/>
von einen hellen Strohm, der ſeine blan-<lb/>
cken Wellen an deſſen Ufer anſchlaͤgt, und<lb/>
hinter dieſen einen gelben Strich von de-<lb/>
nen fruchtbareſten Feldern erblickt, und<lb/>
dabey ſo mancherley Staͤdte, Schloͤſſer<lb/>
und Doͤrfer, die auf dieſer groſſen <hirendition="#aq">Etendue</hi><lb/>
gleichſam ausgeſtreuet ſind, wahrnim̃t,<lb/>ſo kan ihm dieſe Abwechſelung der Natur,<lb/>
nicht anders, als vergnuͤgt anſcheinen.<lb/>
Das Gehoͤr beluſtiget ſich, wenn es nicht<lb/>
allein die ſtille Wald-Muſic derer Nachti-<lb/>
gallen, Stieglitzen, Haͤnfflinge, Bier-<lb/>
holder und anderer Voͤgel, die ein liebli-<lb/>
ches <hirendition="#aq">Concert</hi> mit einander anſtimmen,<lb/>ſondern auch die mancherley Thone de-<lb/>
rer Hirten und Schaͤfer, die in ihrer<lb/>
Einſamkeit der Natur dadurch bezeugen,<lb/>
daß auch ein froͤlich Hertze in einem zu-<lb/>
riſſenen Kleide wohnen koͤnne, nebſt dem<lb/>
Bloͤcken ihrer Schaͤflein, dem Wiehern<lb/>
der Pferde, und dem Brummen der Kuͤ-<lb/>
he, anhoͤret. So faͤllt auch dem Gehoͤr<lb/>
gantz angenehm, wenn der Klang und<lb/>
das Geraͤuſche mancher arbeitſamen Leu-<lb/>
te, als der Berg-Leute, der Klaffter-<lb/><fwplace="bottom"type="sig">A 2</fw><fwplace="bottom"type="catch">Schlaͤ-</fw><lb/></p></div></div></div></body></text></TEI>
[3/0043]
Des Erſten Theils 2. Capitel/ von dem Gebuͤrge.
gieng der Prophet Eliſa, nachdem er dem
Goͤttlichen Verhaͤngniß nach die gottloſen
Kinder verwuͤnſcht hatte, die von den Baͤ-
ren zuriſſen worden. Auf dem Gebuͤr-
ge Gilboa erſtach ſich Saul aus Ver-
zweifelung nebſt ſeinem Waffen-Traͤger.
1. Buch der Chron. 11. v. 8. Auf dem Ge-
buͤrge ſatzte ſich der Prophet Jonas, als
er aus dem Bauch des Wallfiſches kroch,
und den Untergang der groſſen und be-
ruͤhmten Stadt Ninive propheceyete,
wie zu leſen Jon. 2. v. 7.-11.
§. 2. So treffen wir auch nicht we-
niger in dem Neuen Teſtamente man-
cherley denckwuͤrdige Berge an, deren
der Heilige Geiſt Erwehnung thut. Die
heilige Mutter GOttes Maria iſt, um
ihre Bekandte und Befreundte die Eli-
ſabeth zu beſuchen, uͤber das Gebuͤrge
gantz geſchwinde gegangen. Luc. 1. v. 39.
Auf dem Gebuͤrge Hebron iſt Johannes
der Taͤuffer gebohren. Luc. 1. v. 57. Auf
dem Gebuͤrge Thabor ward unſer Hey-
land verklaͤret, als er Petrum und Ja-
cobum und Johannem bey ſich hatte.
Siehe Matthaͤi am 17. Cap. v. 1. Auf
dem Oelberge hat unſer Seligmacher
bey dem Anfang ſeines Leidens zu ſeinem
himmliſchen Vater gebetet, und bluti-
gen Schweiß daſelbſt geſchwitzt, als er
von ſeinem treuloſen Juͤnger verrathen
wurde. Matth. 26. v. 30. u. f. Auf dem
Gebuͤrge ward der Heyland von dem
Geiſt der Finſterniß in die Verſuchung
gefuͤhret. Auf dem Gebuͤrge Golgatha
erreichte er den allertieffſten Grad ſeiner
Erniedrigung, nemlich den ſchmaͤhlichen
Creutzes-Tod, und ſtellte ſich uns zum
Segen zu einem Fluch dar. Mehr Stel-
len hievon anzufuͤhren, moͤgte faſt un-
verantwortlich ſeyn, indem ich ſo ſchon
faſt nach dem guſto einiger Leſer die Gren-
tzen uͤberſchritten.
§. 3. Der Nutzen der Gebuͤrge iſt
ſehr viel und mancherley. Es haben auf
denſelben gemeiniglich nicht allein unſe-
re Heydniſchen Vorfahren ihre Goͤtzen-
Tempel aufgerichtet, und die Begraͤb-
niſſe ihrer vornehmſten Anfuͤhrer geſtiff-
tet, weil ſie geglaubet, daß durch die ge-
buͤrgiſchen Oerter denen Tempeln und
Graͤbern eine groͤſſere Hochachtung und
Religioſitaͤt gegen dieſelbige zuwege ge-
bracht wuͤrde; ſondern es haben auch die
Roͤmiſch-Catholiſchen, bey Fundation des
Chriſtenthums, die vornehmſten Sitze
ihrer Geiſtlichkeit auf denen Bergen an-
geleget, wie denn an denen meiſten Orten
in Teutſchland die Biſchoͤfflichen Sitze, ſie
moͤgen nun noch im Stande, oder allbe-
reits eingegangen ſeyn, auf gebuͤrgiſchen
Gegenden erbauet. Die Urſachen hie-
von ſind mancherley: theils geſchahe es
um des guten Proſpects willen, um ihre
Augen in den Thaͤlern und Plainen, die
mit mancherley Gebuͤſchen, Waſſer und
andern Gegenden durchſchnitten waren,
deſto beſſer zu weyden; theils thaten ſie
es aus Noth, indem ſie zu Anfang der
Chriſtlichen Bekehrung fuͤr den Heyd-
niſchen Anlaͤuffen nicht ſattſam geſichert
waren, und ſie von denen Bergen die
feindlichen Partheyen, um ſich in einige
Sicherheit gegen ſie zu ſetzen, deſto beſſer
entdecken konten; ſie erbauten die Kloͤſter
und Stiffter auch deswegen auf die Ber-
ge, weil die Heyden vor die Berge und
Huͤgel allbereits viel Ehrerbietigkeit hat-
ten, und dieſe Oerter hierdurch bey denen
Heyden deſto religieuſer werden ſolten.
Die gebuͤrgiſchen Gegenden haben bey
der lieblichen Sommers-Zeit vor denen
andern gewiß einen beſondern Vorzug,
und kan einer alle ſeine Sinnen auf den-
ſelben ergoͤtzen. Wenn das Geſicht ſeine
Strahlen in die herumliegende Land-
ſchafft von denen hohen Bergen abſchieſ-
ſen laͤßt, und hier einen duncklen blau-
gruͤnlichten Thal, der ſich in eine groſſe
Tieffe ſenckt, dort eine Weyde, die mit
den Vieh-Heerden beſetzt iſt, nicht weit da-
von einen hellen Strohm, der ſeine blan-
cken Wellen an deſſen Ufer anſchlaͤgt, und
hinter dieſen einen gelben Strich von de-
nen fruchtbareſten Feldern erblickt, und
dabey ſo mancherley Staͤdte, Schloͤſſer
und Doͤrfer, die auf dieſer groſſen Etendue
gleichſam ausgeſtreuet ſind, wahrnim̃t,
ſo kan ihm dieſe Abwechſelung der Natur,
nicht anders, als vergnuͤgt anſcheinen.
Das Gehoͤr beluſtiget ſich, wenn es nicht
allein die ſtille Wald-Muſic derer Nachti-
gallen, Stieglitzen, Haͤnfflinge, Bier-
holder und anderer Voͤgel, die ein liebli-
ches Concert mit einander anſtimmen,
ſondern auch die mancherley Thone de-
rer Hirten und Schaͤfer, die in ihrer
Einſamkeit der Natur dadurch bezeugen,
daß auch ein froͤlich Hertze in einem zu-
riſſenen Kleide wohnen koͤnne, nebſt dem
Bloͤcken ihrer Schaͤflein, dem Wiehern
der Pferde, und dem Brummen der Kuͤ-
he, anhoͤret. So faͤllt auch dem Gehoͤr
gantz angenehm, wenn der Klang und
das Geraͤuſche mancher arbeitſamen Leu-
te, als der Berg-Leute, der Klaffter-
Schlaͤ-
A 2
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Fleming, Hans Friedrich von: Der Vollkommene Teutsche Jäger. Bd. 2. Leipzig, 1724, S. 3. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fleming_jaeger02_1724/43>, abgerufen am 22.02.2025.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2025 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
(Kontakt).
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2025. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.