Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Fessler, Ignaz Aurelius]: Eleusinien des neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. Berlin, 1803.

Bild:
<< vorherige Seite

Stände sich ausschließend, wenigstens vorzüglich,
nur für ihren Stand und später durch ihren
Stand bilden. Du siehst, daß es eine nothwen-
dige Folge dieser Einrichtung ist, daß die Standes-
Mitglieder in der Regel nur einen Theil der
menschlichen Bildung
, keinesweges aber die
ganze, erhalten, und mehr oder weniger Einseitig-
keit des Geistes und der Bildung das Loos der
Einzelnen sey. Nach dieser nothwendigen Einrich-
tung und unter diesen Umständen, wird man
schwerlich irgendwo einen ganzen, rechten
Menschen
finden; man müßte sich einen solchen
aus mehreren Personen verschiedener und entgegen-
gesetzter Stände zusammensetzen; in einer einzigen
Person dürfte man ihn, auf dem großen Felde der
allgemeinen menschlichen Gesellschaft und ihrer
gewöhnlichen Bildungsanstalten, kaum finden.

Nun- kommt es darauf an, diese einseitige
Standesbildung auf einen Platz zu bringen, und
zu einer allgemeinen und reinmenschlichen umzu-
schmelzen, gleichsam (daß ich in dem so eben auf-
gestellten Bilde bleibe) die erwähnte Zusam-
mensetzung eines ganzen, rechten Men-
schen aus mehreren Personen
, von denen
jede etwas anderes hat, das zu einem ganzen
Menschen gehört, wirklich zu machen, und
zwar nicht bloß in Gedanken, sondern so, daß,
nach geschehener Verschmelzung, jeder Einzelne
für sich, so sehr als möglich, jener ganze
rechte Mensch in der That sey
. Diese Auf-
gabe ist nirgends in der großen Gesellschaft gelößt;

B 2

Staͤnde ſich ausſchließend, wenigſtens vorzuͤglich,
nur fuͤr ihren Stand und ſpaͤter durch ihren
Stand bilden. Du ſiehſt, daß es eine nothwen-
dige Folge dieſer Einrichtung iſt, daß die Standes-
Mitglieder in der Regel nur einen Theil der
menſchlichen Bildung
, keinesweges aber die
ganze, erhalten, und mehr oder weniger Einſeitig-
keit des Geiſtes und der Bildung das Loos der
Einzelnen ſey. Nach dieſer nothwendigen Einrich-
tung und unter dieſen Umſtaͤnden, wird man
ſchwerlich irgendwo einen ganzen, rechten
Menſchen
finden; man muͤßte ſich einen ſolchen
aus mehreren Perſonen verſchiedener und entgegen-
geſetzter Staͤnde zuſammenſetzen; in einer einzigen
Perſon duͤrfte man ihn, auf dem großen Felde der
allgemeinen menſchlichen Geſellſchaft und ihrer
gewoͤhnlichen Bildungsanſtalten, kaum finden.

Nun- kommt es darauf an, dieſe einſeitige
Standesbildung auf einen Platz zu bringen, und
zu einer allgemeinen und reinmenſchlichen umzu-
ſchmelzen, gleichſam (daß ich in dem ſo eben auf-
geſtellten Bilde bleibe) die erwaͤhnte Zuſam-
menſetzung eines ganzen, rechten Men-
ſchen aus mehreren Perſonen
, von denen
jede etwas anderes hat, das zu einem ganzen
Menſchen gehoͤrt, wirklich zu machen, und
zwar nicht bloß in Gedanken, ſondern ſo, daß,
nach geſchehener Verſchmelzung, jeder Einzelne
fuͤr ſich, ſo ſehr als moͤglich, jener ganze
rechte Menſch in der That ſey
. Dieſe Auf-
gabe iſt nirgends in der großen Geſellſchaft geloͤßt;

B 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0041" n="19"/>
Sta&#x0364;nde &#x017F;ich aus&#x017F;chließend, wenig&#x017F;tens vorzu&#x0364;glich,<lb/>
nur <hi rendition="#g">fu&#x0364;r</hi> ihren Stand und &#x017F;pa&#x0364;ter <hi rendition="#g">durch</hi> ihren<lb/>
Stand bilden. Du &#x017F;ieh&#x017F;t, daß es eine nothwen-<lb/>
dige Folge die&#x017F;er Einrichtung i&#x017F;t, daß die Standes-<lb/>
Mitglieder in der Regel <hi rendition="#g">nur einen Theil der<lb/>
men&#x017F;chlichen Bildung</hi>, keinesweges aber die<lb/>
ganze, erhalten, und mehr oder weniger Ein&#x017F;eitig-<lb/>
keit des Gei&#x017F;tes und der Bildung das Loos der<lb/>
Einzelnen &#x017F;ey. Nach die&#x017F;er nothwendigen Einrich-<lb/>
tung und unter die&#x017F;en Um&#x017F;ta&#x0364;nden, wird man<lb/>
&#x017F;chwerlich irgendwo einen <hi rendition="#g">ganzen, rechten<lb/>
Men&#x017F;chen</hi> finden; man mu&#x0364;ßte &#x017F;ich einen &#x017F;olchen<lb/>
aus mehreren Per&#x017F;onen ver&#x017F;chiedener und entgegen-<lb/>
ge&#x017F;etzter Sta&#x0364;nde zu&#x017F;ammen&#x017F;etzen; in einer einzigen<lb/>
Per&#x017F;on du&#x0364;rfte man ihn, auf dem großen Felde der<lb/>
allgemeinen men&#x017F;chlichen Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft und ihrer<lb/>
gewo&#x0364;hnlichen Bildungsan&#x017F;talten, kaum finden.</p><lb/>
          <p>Nun- kommt es darauf an, die&#x017F;e ein&#x017F;eitige<lb/>
Standesbildung auf einen Platz zu bringen, und<lb/>
zu einer allgemeinen und reinmen&#x017F;chlichen umzu-<lb/>
&#x017F;chmelzen, gleich&#x017F;am (daß ich in dem &#x017F;o eben auf-<lb/>
ge&#x017F;tellten Bilde bleibe) <hi rendition="#g">die erwa&#x0364;hnte Zu&#x017F;am-<lb/>
men&#x017F;etzung eines ganzen, rechten Men-<lb/>
&#x017F;chen aus mehreren Per&#x017F;onen</hi>, von denen<lb/>
jede etwas anderes hat, das zu einem ganzen<lb/>
Men&#x017F;chen geho&#x0364;rt, <hi rendition="#g">wirklich zu machen</hi>, und<lb/>
zwar nicht bloß in Gedanken, &#x017F;ondern &#x017F;o, daß,<lb/>
nach ge&#x017F;chehener Ver&#x017F;chmelzung, <hi rendition="#g">jeder Einzelne<lb/>
fu&#x0364;r &#x017F;ich, &#x017F;o &#x017F;ehr als mo&#x0364;glich, jener ganze<lb/>
rechte Men&#x017F;ch in der That &#x017F;ey</hi>. Die&#x017F;e Auf-<lb/>
gabe i&#x017F;t nirgends in der großen Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft gelo&#x0364;ßt;<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">B 2</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[19/0041] Staͤnde ſich ausſchließend, wenigſtens vorzuͤglich, nur fuͤr ihren Stand und ſpaͤter durch ihren Stand bilden. Du ſiehſt, daß es eine nothwen- dige Folge dieſer Einrichtung iſt, daß die Standes- Mitglieder in der Regel nur einen Theil der menſchlichen Bildung, keinesweges aber die ganze, erhalten, und mehr oder weniger Einſeitig- keit des Geiſtes und der Bildung das Loos der Einzelnen ſey. Nach dieſer nothwendigen Einrich- tung und unter dieſen Umſtaͤnden, wird man ſchwerlich irgendwo einen ganzen, rechten Menſchen finden; man muͤßte ſich einen ſolchen aus mehreren Perſonen verſchiedener und entgegen- geſetzter Staͤnde zuſammenſetzen; in einer einzigen Perſon duͤrfte man ihn, auf dem großen Felde der allgemeinen menſchlichen Geſellſchaft und ihrer gewoͤhnlichen Bildungsanſtalten, kaum finden. Nun- kommt es darauf an, dieſe einſeitige Standesbildung auf einen Platz zu bringen, und zu einer allgemeinen und reinmenſchlichen umzu- ſchmelzen, gleichſam (daß ich in dem ſo eben auf- geſtellten Bilde bleibe) die erwaͤhnte Zuſam- menſetzung eines ganzen, rechten Men- ſchen aus mehreren Perſonen, von denen jede etwas anderes hat, das zu einem ganzen Menſchen gehoͤrt, wirklich zu machen, und zwar nicht bloß in Gedanken, ſondern ſo, daß, nach geſchehener Verſchmelzung, jeder Einzelne fuͤr ſich, ſo ſehr als moͤglich, jener ganze rechte Menſch in der That ſey. Dieſe Auf- gabe iſt nirgends in der großen Geſellſchaft geloͤßt; B 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/fessler_eleusinien02_1803
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/fessler_eleusinien02_1803/41
Zitationshilfe: [Fessler, Ignaz Aurelius]: Eleusinien des neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. Berlin, 1803, S. 19. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/fessler_eleusinien02_1803/41>, abgerufen am 24.05.2019.