Eichendorff, Joseph von: Gedichte. Berlin, 1837.Die verlorene Braut. Vater und Kind gestorben Ruhten im Grabe tief, Die Mutter hatt' erworben Seitdem ein ander Lieb. Da droben auf dem Schlosse Da schallt das Hochzeitsfest, Da lacht's und wiehern Rosse, Durch's Grün zieh'n bunte Gäst'. Die Braut schaut' in's Gefilde Noch einmal vom Altan, Es sah so ernst und milde Sie da der Abend an. Rings waren schon verdunkelt Die Thäler und der Rhein, In ihrem Brautschmuck funkelt Nur noch der Abendschein. Sie hörte Glocken gehen Im weiten, tiefen Thal, Es bracht' der Lüfte Wehen Fern über'n Wald den Schall. Sie dacht': "O falscher Abend!
Wen das bedeuten mag? Wen läuten sie zu Grabe An meinem Hochzeitstag?" Die verlorene Braut. Vater und Kind geſtorben Ruhten im Grabe tief, Die Mutter hatt' erworben Seitdem ein ander Lieb. Da droben auf dem Schloſſe Da ſchallt das Hochzeitsfeſt, Da lacht's und wiehern Roſſe, Durch's Gruͤn zieh'n bunte Gaͤſt'. Die Braut ſchaut' in's Gefilde Noch einmal vom Altan, Es ſah ſo ernſt und milde Sie da der Abend an. Rings waren ſchon verdunkelt Die Thaͤler und der Rhein, In ihrem Brautſchmuck funkelt Nur noch der Abendſchein. Sie hoͤrte Glocken gehen Im weiten, tiefen Thal, Es bracht' der Luͤfte Wehen Fern uͤber'n Wald den Schall. Sie dacht': „O falſcher Abend!
Wen das bedeuten mag? Wen laͤuten ſie zu Grabe An meinem Hochzeitstag?“ <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0462" n="444"/> </div> <div n="2"> <head> <hi rendition="#b">Die verlorene Braut.</hi><lb/> </head> <lg type="poem"> <l><hi rendition="#in">V</hi>ater und Kind geſtorben</l><lb/> <l>Ruhten im Grabe tief,</l><lb/> <l>Die Mutter hatt' erworben</l><lb/> <l>Seitdem ein ander Lieb.</l><lb/> </lg> <lg type="poem"> <l>Da droben auf dem Schloſſe</l><lb/> <l>Da ſchallt das Hochzeitsfeſt,</l><lb/> <l>Da lacht's und wiehern Roſſe,</l><lb/> <l>Durch's Gruͤn zieh'n bunte Gaͤſt'.</l><lb/> </lg> <lg type="poem"> <l>Die Braut ſchaut' in's Gefilde</l><lb/> <l>Noch einmal vom Altan,</l><lb/> <l>Es ſah ſo ernſt und milde</l><lb/> <l>Sie da der Abend an.</l><lb/> </lg> <lg type="poem"> <l>Rings waren ſchon verdunkelt</l><lb/> <l>Die Thaͤler und der Rhein,</l><lb/> <l>In ihrem Brautſchmuck funkelt</l><lb/> <l>Nur noch der Abendſchein.</l><lb/> </lg> <lg type="poem"> <l>Sie hoͤrte Glocken gehen</l><lb/> <l>Im weiten, tiefen Thal,</l><lb/> <l>Es bracht' der Luͤfte Wehen</l><lb/> <l>Fern uͤber'n Wald den Schall.</l><lb/> </lg> <lg type="poem"> <l>Sie dacht': „O falſcher Abend!</l><lb/> <l>Wen das bedeuten mag?</l><lb/> <l>Wen laͤuten ſie zu Grabe</l><lb/> <l>An meinem Hochzeitstag?“</l><lb/> </lg> </div> </div> </body> </text> </TEI> [444/0462]
Die verlorene Braut.
Vater und Kind geſtorben
Ruhten im Grabe tief,
Die Mutter hatt' erworben
Seitdem ein ander Lieb.
Da droben auf dem Schloſſe
Da ſchallt das Hochzeitsfeſt,
Da lacht's und wiehern Roſſe,
Durch's Gruͤn zieh'n bunte Gaͤſt'.
Die Braut ſchaut' in's Gefilde
Noch einmal vom Altan,
Es ſah ſo ernſt und milde
Sie da der Abend an.
Rings waren ſchon verdunkelt
Die Thaͤler und der Rhein,
In ihrem Brautſchmuck funkelt
Nur noch der Abendſchein.
Sie hoͤrte Glocken gehen
Im weiten, tiefen Thal,
Es bracht' der Luͤfte Wehen
Fern uͤber'n Wald den Schall.
Sie dacht': „O falſcher Abend!
Wen das bedeuten mag?
Wen laͤuten ſie zu Grabe
An meinem Hochzeitstag?“
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Zitationshilfe: | Eichendorff, Joseph von: Gedichte. Berlin, 1837, S. 444. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/eichendorff_gedichte_1837/462>, abgerufen am 26.02.2025. |