Wo treues Wollen, redlich Streben Und rechten Sinn der Rechte spürt, Das muß die Seele ihm erheben, Das hat mich jedesmal gerührt.
Das Reich des Glaubens ist geendet, Zerstört die alte Herrlichkeit, Die Schönheit weinend abgewendet, So gnadenlos ist unsre Zeit.
O Einfalt gut in frommen Herzen, Du züchtig schöne Gottesbraut! Dich schlugen sie mit frechen Scherzen, Weil Dir vor ihrer Klugheit graut.
Wo find'st Du nun ein Haus, vertrieben, Wo man Dir Deine Wunder läßt, Das treue Thun, das schöne Lieben, Des Lebens fromm vergnüglich Fest?
Wo findest Du den alten Garten, Dein Spielzeug, wunderbares Kind, Der Sterne heil'ge Redensarten, Das Morgenroth, den frischen Wind?
Wie hat die Sonne schön geschienen! Nun ist so alt und schwach die Zeit; Wie steh'st so jung Du unter ihnen, Wie wird mein Herz mir stark und weit!
An die Dichter.
Wo treues Wollen, redlich Streben Und rechten Sinn der Rechte ſpuͤrt, Das muß die Seele ihm erheben, Das hat mich jedesmal geruͤhrt.
Das Reich des Glaubens iſt geendet, Zerſtoͤrt die alte Herrlichkeit, Die Schoͤnheit weinend abgewendet, So gnadenlos iſt unſre Zeit.
O Einfalt gut in frommen Herzen, Du zuͤchtig ſchoͤne Gottesbraut! Dich ſchlugen ſie mit frechen Scherzen, Weil Dir vor ihrer Klugheit graut.
Wo find'ſt Du nun ein Haus, vertrieben, Wo man Dir Deine Wunder laͤßt, Das treue Thun, das ſchoͤne Lieben, Des Lebens fromm vergnuͤglich Feſt?
Wo findeſt Du den alten Garten, Dein Spielzeug, wunderbares Kind, Der Sterne heil'ge Redensarten, Das Morgenroth, den friſchen Wind?
Wie hat die Sonne ſchoͤn geſchienen! Nun iſt ſo alt und ſchwach die Zeit; Wie ſteh'ſt ſo jung Du unter ihnen, Wie wird mein Herz mir ſtark und weit!
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><pbfacs="#f0141"n="123"/></div><divn="2"><head><hirendition="#b #g">An die Dichter</hi><hirendition="#b">.</hi><lb/></head><lgtype="poem"><l><hirendition="#in">W</hi>o treues Wollen, redlich Streben</l><lb/><l>Und rechten Sinn der Rechte ſpuͤrt,</l><lb/><l>Das muß die Seele ihm erheben,</l><lb/><l>Das hat mich jedesmal geruͤhrt.</l><lb/></lg><lgtype="poem"><l>Das Reich des Glaubens iſt geendet,</l><lb/><l>Zerſtoͤrt die alte Herrlichkeit,</l><lb/><l>Die Schoͤnheit weinend abgewendet,</l><lb/><l>So gnadenlos iſt unſre Zeit.</l><lb/></lg><lgtype="poem"><l>O Einfalt gut in frommen Herzen,</l><lb/><l>Du zuͤchtig ſchoͤne Gottesbraut!</l><lb/><l>Dich ſchlugen ſie mit frechen Scherzen,</l><lb/><l>Weil Dir vor ihrer Klugheit graut.</l><lb/></lg><lgtype="poem"><l>Wo find'ſt Du nun ein Haus, vertrieben,</l><lb/><l>Wo man Dir Deine Wunder laͤßt,</l><lb/><l>Das treue Thun, das ſchoͤne Lieben,</l><lb/><l>Des Lebens fromm vergnuͤglich Feſt?</l><lb/></lg><lgtype="poem"><l>Wo findeſt Du den alten Garten,</l><lb/><l>Dein Spielzeug, wunderbares Kind,</l><lb/><l>Der Sterne heil'ge Redensarten,</l><lb/><l>Das Morgenroth, den friſchen Wind?</l><lb/></lg><lgtype="poem"><l>Wie hat die Sonne ſchoͤn geſchienen!</l><lb/><l>Nun iſt ſo alt und ſchwach die Zeit;</l><lb/><l>Wie ſteh'ſt ſo jung Du unter ihnen,</l><lb/><l>Wie wird mein Herz mir ſtark und weit!</l><lb/></lg></div></div></body></text></TEI>
[123/0141]
An die Dichter.
Wo treues Wollen, redlich Streben
Und rechten Sinn der Rechte ſpuͤrt,
Das muß die Seele ihm erheben,
Das hat mich jedesmal geruͤhrt.
Das Reich des Glaubens iſt geendet,
Zerſtoͤrt die alte Herrlichkeit,
Die Schoͤnheit weinend abgewendet,
So gnadenlos iſt unſre Zeit.
O Einfalt gut in frommen Herzen,
Du zuͤchtig ſchoͤne Gottesbraut!
Dich ſchlugen ſie mit frechen Scherzen,
Weil Dir vor ihrer Klugheit graut.
Wo find'ſt Du nun ein Haus, vertrieben,
Wo man Dir Deine Wunder laͤßt,
Das treue Thun, das ſchoͤne Lieben,
Des Lebens fromm vergnuͤglich Feſt?
Wo findeſt Du den alten Garten,
Dein Spielzeug, wunderbares Kind,
Der Sterne heil'ge Redensarten,
Das Morgenroth, den friſchen Wind?
Wie hat die Sonne ſchoͤn geſchienen!
Nun iſt ſo alt und ſchwach die Zeit;
Wie ſteh'ſt ſo jung Du unter ihnen,
Wie wird mein Herz mir ſtark und weit!
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend
gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien
von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem
DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.
Eichendorff, Joseph von: Gedichte. Berlin, 1837, S. 123. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/eichendorff_gedichte_1837/141>, abgerufen am 26.02.2025.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2025 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
(Kontakt).
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2025. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.