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Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833].

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rung, den Thyrsus und die Schlange schwingend, durch die Berge
stürmen; ihre Träume wiederholten die fantastischen Bilder, deren ihr
ahnendes Gemüth voll war; sie träumte in der Nacht vor der
Hochzeit, es umtose sie ein mächtiges Gewitter, und der Blitz fahre
flammend in ihren Schooß, daraus dann ein wildes Feuer her-
vorbreche, und in weit und weiter zehrenden Flammen ver-
schwinde 21a). -- So schien das Schicksal aus der Vereinigung
der äußersten Gegensätze, zu denen das Griechenthum sich entwickelt
hatte, den erzeugen zu wollen, in welchem dem Griechischen Geiste die
Welt zu überwinden und sich zu erfüllen bestimmt war 22). Und
wenn die Sage berichtet, daß außer vielen anderen Zeichen in der
Nacht, da Alexander geboren wurde, der Dianentempel zu Ephesus,
nach Griechischer Ansicht das eigentlich Morgenländische Heiligthum,
niedergebrannt sei, daß ferner der König Philipp die Nachricht von
der Geburt des Sohnes zu gleicher Zeit mit dreien Siegesbotschaf-
ten erhielt, so spricht sie bedeutungsvoll den Sinn des reichsten Hel-
denlebens und den großen Gedanken eines Zusammenhanges aus,
wie ihn die Geschichte nachzuweisen sich oft umsonst bemüht und
öfter überhoben hat.

Und doch zeigt gerade Alexanders Leben von der ersten Kind-
heit an diesen Zusammenhang aller Verhältnisse eben so unleugbar
wie überraschend. Man muß eingestehen, daß Philipps Blick bei
aller Klarheit und Schärfe, die ihn über die Verhältnisse der Ge-
genwart mit rascher Sicherheit entscheiden und zu deren weiten
und weiteren Folgen hinauseilen ließ, dennoch nicht weiter zu rei-
chen vermochte, als bis zu dem unbestimmten Gedanken eines Per-
serkrieges, den er für die Aufgabe seines Lebens hielt; wohl erkannte
er jenseits des Meeres das Land der Siege und der Zukunft Ma-
cedoniens, dann aber trübte sich sein Blick, und seine Pläne wichen
den unbestimmten Gestaltungen seiner Wünsche. Dasselbe Verlan-
gen nach jenem großen Werke theilte von ihm sich seinen Umgebun-

21a) Plut. l. c.
22) Ueber die Zeit seiner Geburt genügt
es auf Idler's Abhandlung über das Todesjahr Alexanders (in den
Abhandl. der Berl. Academie 1820 u. 1821) zu verweisen. Es fällt
Alexanders Geburt auf den Boedromion Ol. 106. 1. d. i. 356 v. Ch.
zwischen den 15. Sept. und 14. Oct. (Meton. Cyclus).

rung, den Thyrſus und die Schlange ſchwingend, durch die Berge
ſtürmen; ihre Träume wiederholten die fantaſtiſchen Bilder, deren ihr
ahnendes Gemüth voll war; ſie träumte in der Nacht vor der
Hochzeit, es umtoſe ſie ein mächtiges Gewitter, und der Blitz fahre
flammend in ihren Schooß, daraus dann ein wildes Feuer her-
vorbreche, und in weit und weiter zehrenden Flammen ver-
ſchwinde 21a). — So ſchien das Schickſal aus der Vereinigung
der äußerſten Gegenſätze, zu denen das Griechenthum ſich entwickelt
hatte, den erzeugen zu wollen, in welchem dem Griechiſchen Geiſte die
Welt zu überwinden und ſich zu erfüllen beſtimmt war 22). Und
wenn die Sage berichtet, daß außer vielen anderen Zeichen in der
Nacht, da Alexander geboren wurde, der Dianentempel zu Epheſus,
nach Griechiſcher Anſicht das eigentlich Morgenländiſche Heiligthum,
niedergebrannt ſei, daß ferner der König Philipp die Nachricht von
der Geburt des Sohnes zu gleicher Zeit mit dreien Siegesbotſchaf-
ten erhielt, ſo ſpricht ſie bedeutungsvoll den Sinn des reichſten Hel-
denlebens und den großen Gedanken eines Zuſammenhanges aus,
wie ihn die Geſchichte nachzuweiſen ſich oft umſonſt bemüht und
öfter überhoben hat.

Und doch zeigt gerade Alexanders Leben von der erſten Kind-
heit an dieſen Zuſammenhang aller Verhältniſſe eben ſo unleugbar
wie überraſchend. Man muß eingeſtehen, daß Philipps Blick bei
aller Klarheit und Schärfe, die ihn über die Verhältniſſe der Ge-
genwart mit raſcher Sicherheit entſcheiden und zu deren weiten
und weiteren Folgen hinauseilen ließ, dennoch nicht weiter zu rei-
chen vermochte, als bis zu dem unbeſtimmten Gedanken eines Per-
ſerkrieges, den er für die Aufgabe ſeines Lebens hielt; wohl erkannte
er jenſeits des Meeres das Land der Siege und der Zukunft Ma-
cedoniens, dann aber trübte ſich ſein Blick, und ſeine Pläne wichen
den unbeſtimmten Geſtaltungen ſeiner Wünſche. Daſſelbe Verlan-
gen nach jenem großen Werke theilte von ihm ſich ſeinen Umgebun-

21a) Plut. l. c.
22) Ueber die Zeit ſeiner Geburt genügt
es auf Idler’s Abhandlung über das Todesjahr Alexanders (in den
Abhandl. der Berl. Academie 1820 u. 1821) zu verweiſen. Es fällt
Alexanders Geburt auf den Boedromion Ol. 106. 1. d. i. 356 v. Ch.
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[46/0060] rung, den Thyrſus und die Schlange ſchwingend, durch die Berge ſtürmen; ihre Träume wiederholten die fantaſtiſchen Bilder, deren ihr ahnendes Gemüth voll war; ſie träumte in der Nacht vor der Hochzeit, es umtoſe ſie ein mächtiges Gewitter, und der Blitz fahre flammend in ihren Schooß, daraus dann ein wildes Feuer her- vorbreche, und in weit und weiter zehrenden Flammen ver- ſchwinde 21a). — So ſchien das Schickſal aus der Vereinigung der äußerſten Gegenſätze, zu denen das Griechenthum ſich entwickelt hatte, den erzeugen zu wollen, in welchem dem Griechiſchen Geiſte die Welt zu überwinden und ſich zu erfüllen beſtimmt war 22). Und wenn die Sage berichtet, daß außer vielen anderen Zeichen in der Nacht, da Alexander geboren wurde, der Dianentempel zu Epheſus, nach Griechiſcher Anſicht das eigentlich Morgenländiſche Heiligthum, niedergebrannt ſei, daß ferner der König Philipp die Nachricht von der Geburt des Sohnes zu gleicher Zeit mit dreien Siegesbotſchaf- ten erhielt, ſo ſpricht ſie bedeutungsvoll den Sinn des reichſten Hel- denlebens und den großen Gedanken eines Zuſammenhanges aus, wie ihn die Geſchichte nachzuweiſen ſich oft umſonſt bemüht und öfter überhoben hat. Und doch zeigt gerade Alexanders Leben von der erſten Kind- heit an dieſen Zuſammenhang aller Verhältniſſe eben ſo unleugbar wie überraſchend. Man muß eingeſtehen, daß Philipps Blick bei aller Klarheit und Schärfe, die ihn über die Verhältniſſe der Ge- genwart mit raſcher Sicherheit entſcheiden und zu deren weiten und weiteren Folgen hinauseilen ließ, dennoch nicht weiter zu rei- chen vermochte, als bis zu dem unbeſtimmten Gedanken eines Per- ſerkrieges, den er für die Aufgabe ſeines Lebens hielt; wohl erkannte er jenſeits des Meeres das Land der Siege und der Zukunft Ma- cedoniens, dann aber trübte ſich ſein Blick, und ſeine Pläne wichen den unbeſtimmten Geſtaltungen ſeiner Wünſche. Daſſelbe Verlan- gen nach jenem großen Werke theilte von ihm ſich ſeinen Umgebun- 21a) Plut. l. c. 22) Ueber die Zeit ſeiner Geburt genügt es auf Idler’s Abhandlung über das Todesjahr Alexanders (in den Abhandl. der Berl. Academie 1820 u. 1821) zu verweiſen. Es fällt Alexanders Geburt auf den Boedromion Ol. 106. 1. d. i. 356 v. Ch. zwiſchen den 15. Sept. und 14. Oct. (Meton. Cyclus).

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Zitationshilfe: Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833], S. 46. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/60>, abgerufen am 03.08.2020.