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Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833].

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ken der neuen Zeit, deren Keime schon in den Formen des heroi-
schen Königthumes lagen, mit dem, was es selbst bewahrt hatte,
vereinigen und erfüllen, und so das verwirklichen, was die größten
Denker im Hellenischen Volke als das Höchste volksthümlicher Ver-
fassung darstellten.

Dieß Neue und Zeitgemäße mußte Macedonien, so lag es in
der Natur der Sache, durch die Vermittelung seiner Könige er-
halten; und in der That, seitdem diese durch die Perserkriege, die
ja in allen Hellenen das Bewußtsein und Bedürfniß der Einheit
erwachen ließen, mit in den großen Verband des Hellenischen Le-
bens eingetreten waren 5), verfolgten sie mit mehr oder minder
Bewußtsein, Geschick und Kraft diesen Plan, ihr Volk, unbeschadet
der hergebrachten Rechte und Verhältnisse, in unmittelbaren Zu-
sammenhang mit den Staaten von Hellas und zur Theilnahme an
der gemeinsamen Hellenischen Bildung zu bringen. Die Nähe der
reichen und handelkundigen Colonien in Chalcidice, die durch sie
veranlaßten vielfältigen Berührungen mit den Hauptmächten von
Hellas, die um ihren Besitz kämpften, und den Einfluß Macedo-
niens suchten oder fürchteten, die fast ununterbrochenen Kämpfe in
Hellas selbst, welche manchen berühmten Namen die Heimath zu
meiden und an dem reichen Hofe von Pella Ruhe und Ehre zu
suchen veranlaßten, das alles begünstigte die ruhigen und sicheren
Fortschritte Macedoniens. Vor allen wichtig und erfolgreich war
die Zeit des weisen Königs Archelaos, und während das übrige
Hellas von dem Peloponnesischen Kriege verwirrt und zerrissen
wurde, verbreitete sich unter seiner weisen Leitung das Licht höherer
und zeitgemäßer Bildung bis in die entferntesten Thäler seines
schönen Landes; sein Hof, der Sammelplatz von Dichtern und Künst-
lern aller Art 6) und der glückliche Vereinigungspunkt des Mace-
donischen Adels, wurde das Vorbild für das Volk und dessen fort-
schreitende Entwickelung; Archelaos selbst galt in dem Munde der
Zeitgenossen für den reichsten und glücklichsten Mann von der Welt 7).

Indeß scheint durch die wichtigen und erfolgreichen Neuerun-

5) In den Olympischen Spielen; cf. Herod. V. 22.
6) Thucyd.
II. 100. Gellius. XV. 20. Aelian. XIV. 17. II.
21.
7) Plato
Gorgias, p. 83. ed. Heind.

ken der neuen Zeit, deren Keime ſchon in den Formen des heroi-
ſchen Königthumes lagen, mit dem, was es ſelbſt bewahrt hatte,
vereinigen und erfüllen, und ſo das verwirklichen, was die größten
Denker im Helleniſchen Volke als das Höchſte volksthümlicher Ver-
faſſung darſtellten.

Dieß Neue und Zeitgemäße mußte Macedonien, ſo lag es in
der Natur der Sache, durch die Vermittelung ſeiner Könige er-
halten; und in der That, ſeitdem dieſe durch die Perſerkriege, die
ja in allen Hellenen das Bewußtſein und Bedürfniß der Einheit
erwachen ließen, mit in den großen Verband des Helleniſchen Le-
bens eingetreten waren 5), verfolgten ſie mit mehr oder minder
Bewußtſein, Geſchick und Kraft dieſen Plan, ihr Volk, unbeſchadet
der hergebrachten Rechte und Verhältniſſe, in unmittelbaren Zu-
ſammenhang mit den Staaten von Hellas und zur Theilnahme an
der gemeinſamen Helleniſchen Bildung zu bringen. Die Nähe der
reichen und handelkundigen Colonien in Chalcidice, die durch ſie
veranlaßten vielfältigen Berührungen mit den Hauptmächten von
Hellas, die um ihren Beſitz kämpften, und den Einfluß Macedo-
niens ſuchten oder fürchteten, die faſt ununterbrochenen Kämpfe in
Hellas ſelbſt, welche manchen berühmten Namen die Heimath zu
meiden und an dem reichen Hofe von Pella Ruhe und Ehre zu
ſuchen veranlaßten, das alles begünſtigte die ruhigen und ſicheren
Fortſchritte Macedoniens. Vor allen wichtig und erfolgreich war
die Zeit des weiſen Königs Archelaos, und während das übrige
Hellas von dem Peloponneſiſchen Kriege verwirrt und zerriſſen
wurde, verbreitete ſich unter ſeiner weiſen Leitung das Licht höherer
und zeitgemäßer Bildung bis in die entfernteſten Thäler ſeines
ſchönen Landes; ſein Hof, der Sammelplatz von Dichtern und Künſt-
lern aller Art 6) und der glückliche Vereinigungspunkt des Mace-
doniſchen Adels, wurde das Vorbild für das Volk und deſſen fort-
ſchreitende Entwickelung; Archelaos ſelbſt galt in dem Munde der
Zeitgenoſſen für den reichſten und glücklichſten Mann von der Welt 7).

Indeß ſcheint durch die wichtigen und erfolgreichen Neuerun-

5) In den Olympiſchen Spielen; cf. Herod. V. 22.
6) Thucyd.
II. 100. Gellius. XV. 20. Aelian. XIV. 17. II.
21.
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[37/0051] ken der neuen Zeit, deren Keime ſchon in den Formen des heroi- ſchen Königthumes lagen, mit dem, was es ſelbſt bewahrt hatte, vereinigen und erfüllen, und ſo das verwirklichen, was die größten Denker im Helleniſchen Volke als das Höchſte volksthümlicher Ver- faſſung darſtellten. Dieß Neue und Zeitgemäße mußte Macedonien, ſo lag es in der Natur der Sache, durch die Vermittelung ſeiner Könige er- halten; und in der That, ſeitdem dieſe durch die Perſerkriege, die ja in allen Hellenen das Bewußtſein und Bedürfniß der Einheit erwachen ließen, mit in den großen Verband des Helleniſchen Le- bens eingetreten waren 5), verfolgten ſie mit mehr oder minder Bewußtſein, Geſchick und Kraft dieſen Plan, ihr Volk, unbeſchadet der hergebrachten Rechte und Verhältniſſe, in unmittelbaren Zu- ſammenhang mit den Staaten von Hellas und zur Theilnahme an der gemeinſamen Helleniſchen Bildung zu bringen. Die Nähe der reichen und handelkundigen Colonien in Chalcidice, die durch ſie veranlaßten vielfältigen Berührungen mit den Hauptmächten von Hellas, die um ihren Beſitz kämpften, und den Einfluß Macedo- niens ſuchten oder fürchteten, die faſt ununterbrochenen Kämpfe in Hellas ſelbſt, welche manchen berühmten Namen die Heimath zu meiden und an dem reichen Hofe von Pella Ruhe und Ehre zu ſuchen veranlaßten, das alles begünſtigte die ruhigen und ſicheren Fortſchritte Macedoniens. Vor allen wichtig und erfolgreich war die Zeit des weiſen Königs Archelaos, und während das übrige Hellas von dem Peloponneſiſchen Kriege verwirrt und zerriſſen wurde, verbreitete ſich unter ſeiner weiſen Leitung das Licht höherer und zeitgemäßer Bildung bis in die entfernteſten Thäler ſeines ſchönen Landes; ſein Hof, der Sammelplatz von Dichtern und Künſt- lern aller Art 6) und der glückliche Vereinigungspunkt des Mace- doniſchen Adels, wurde das Vorbild für das Volk und deſſen fort- ſchreitende Entwickelung; Archelaos ſelbſt galt in dem Munde der Zeitgenoſſen für den reichſten und glücklichſten Mann von der Welt 7). Indeß ſcheint durch die wichtigen und erfolgreichen Neuerun- 5) In den Olympiſchen Spielen; cf. Herod. V. 22. 6) Thucyd. II. 100. Gellius. XV. 20. Aelian. XIV. 17. II. 21. 7) Plato Gorgias, p. 83. ed. Heind.

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Zitationshilfe: Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg, [1833], S. 37. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/droysen_alexander_1833/51>, abgerufen am 05.08.2020.