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Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885.

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den Ausdruck "constituirende Lautgesetze" gebrauchen. Diese
Art von Lautveränderung könnte man am ehesten mit Natur-
veränderungen vergleichen. Es unterliegt keinem Zweifel,
dass in gewissen Perioden gewisse Laute bestimmten Völkern
oder Volksstämmen völlig ausgingen, so dass für die Einzel-
nen die Notwendigkeit entstand, solche altüberlieferte
Laute in einer bestimmten Weise umzuwandeln, oder unter
Umständen auch ganz fallen zu lassen. Sehr verschieden aber
sind von den eben geschilderten Lautverwandelungen die klei-
nen Auslassungen von Vocalen und Consonanten im Auslaut
wie im Anlaut, die inneren Anbequemungen der Laute an
einander, Quantitätsveränderungen und andres der Art, was
bis vor kurzem unter den Begriff des Lautgesetzes überhaupt
nie gebracht worden war, weil man diesen Namen -- und
gewiss mit Recht -- für Vorgänge aufsparte, die als in wei-
tem Umfange constant erwiesen waren. Ich finde diesen Ge-
danken sehr treffend ausgesprochen von L. Tobler in der
schon erwähnten Recension von Pauls "Principien der Sprach-
geschichte" im Litteraturbl. für german. u. roman. Philologie
(1881 Nr. 4). Es heisst dort: "Sind die zahlreichen kleineren
Erscheinungen des Abfalls und des Zusatzes von Lauten am
Anfang und am Ende von Wörtern, auch ihre Ausstossung,
Einschiebung und Umstellung in der Mitte, ferner das ganze
Gebiet der sogenannten Lautschwächung in den Endsilben,
das verschiedene Mass, in welchem der Trieb zu Assimilatio-
nen, wie der Umlaut, durchgedrungen ist, räumlich und zeit-
lich genug abgegrenzt, alle entweder aus strengen Gesetzen
der einzelnen Localdialekte bereits erklärt, oder ist Aussicht
vorhanden, dass die Wissenschaft jemals mit den zwei oder
drei Principien alle vorliegenden Thatsachen erklären werde?
Sollte es eine Sprache geben, für die man es wirklich als ein
Naturgesetz nachweisen könnte, ein auslautendes e oder i nie-
mals abzuwerfen, von zwei anlautenden Consonanten sich nie-
mals den ersten zu erlassen?" In warmer Uebereinstimmung

den Ausdruck „constituirende Lautgesetze“ gebrauchen. Diese
Art von Lautveränderung könnte man am ehesten mit Natur-
veränderungen vergleichen. Es unterliegt keinem Zweifel,
dass in gewissen Perioden gewisse Laute bestimmten Völkern
oder Volksstämmen völlig ausgingen, so dass für die Einzel-
nen die Notwendigkeit entstand, solche altüberlieferte
Laute in einer bestimmten Weise umzuwandeln, oder unter
Umständen auch ganz fallen zu lassen. Sehr verschieden aber
sind von den eben geschilderten Lautverwandelungen die klei-
nen Auslassungen von Vocalen und Consonanten im Auslaut
wie im Anlaut, die inneren Anbequemungen der Laute an
einander, Quantitätsveränderungen und andres der Art, was
bis vor kurzem unter den Begriff des Lautgesetzes überhaupt
nie gebracht worden war, weil man diesen Namen — und
gewiss mit Recht — für Vorgänge aufsparte, die als in wei-
tem Umfange constant erwiesen waren. Ich finde diesen Ge-
danken sehr treffend ausgesprochen von L. Tobler in der
schon erwähnten Recension von Pauls „Principien der Sprach-
geschichte“ im Litteraturbl. für german. u. roman. Philologie
(1881 Nr. 4). Es heisst dort: „Sind die zahlreichen kleineren
Erscheinungen des Abfalls und des Zusatzes von Lauten am
Anfang und am Ende von Wörtern, auch ihre Ausstossung,
Einschiebung und Umstellung in der Mitte, ferner das ganze
Gebiet der sogenannten Lautschwächung in den Endsilben,
das verschiedene Mass, in welchem der Trieb zu Assimilatio-
nen, wie der Umlaut, durchgedrungen ist, räumlich und zeit-
lich genug abgegrenzt, alle entweder aus strengen Gesetzen
der einzelnen Localdialekte bereits erklärt, oder ist Aussicht
vorhanden, dass die Wissenschaft jemals mit den zwei oder
drei Principien alle vorliegenden Thatsachen erklären werde?
Sollte es eine Sprache geben, für die man es wirklich als ein
Naturgesetz nachweisen könnte, ein auslautendes oder nie-
mals abzuwerfen, von zwei anlautenden Consonanten sich nie-
mals den ersten zu erlassen?“ In warmer Uebereinstimmung

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[23/0031] den Ausdruck „constituirende Lautgesetze“ gebrauchen. Diese Art von Lautveränderung könnte man am ehesten mit Natur- veränderungen vergleichen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass in gewissen Perioden gewisse Laute bestimmten Völkern oder Volksstämmen völlig ausgingen, so dass für die Einzel- nen die Notwendigkeit entstand, solche altüberlieferte Laute in einer bestimmten Weise umzuwandeln, oder unter Umständen auch ganz fallen zu lassen. Sehr verschieden aber sind von den eben geschilderten Lautverwandelungen die klei- nen Auslassungen von Vocalen und Consonanten im Auslaut wie im Anlaut, die inneren Anbequemungen der Laute an einander, Quantitätsveränderungen und andres der Art, was bis vor kurzem unter den Begriff des Lautgesetzes überhaupt nie gebracht worden war, weil man diesen Namen — und gewiss mit Recht — für Vorgänge aufsparte, die als in wei- tem Umfange constant erwiesen waren. Ich finde diesen Ge- danken sehr treffend ausgesprochen von L. Tobler in der schon erwähnten Recension von Pauls „Principien der Sprach- geschichte“ im Litteraturbl. für german. u. roman. Philologie (1881 Nr. 4). Es heisst dort: „Sind die zahlreichen kleineren Erscheinungen des Abfalls und des Zusatzes von Lauten am Anfang und am Ende von Wörtern, auch ihre Ausstossung, Einschiebung und Umstellung in der Mitte, ferner das ganze Gebiet der sogenannten Lautschwächung in den Endsilben, das verschiedene Mass, in welchem der Trieb zu Assimilatio- nen, wie der Umlaut, durchgedrungen ist, räumlich und zeit- lich genug abgegrenzt, alle entweder aus strengen Gesetzen der einzelnen Localdialekte bereits erklärt, oder ist Aussicht vorhanden, dass die Wissenschaft jemals mit den zwei oder drei Principien alle vorliegenden Thatsachen erklären werde? Sollte es eine Sprache geben, für die man es wirklich als ein Naturgesetz nachweisen könnte, ein auslautendes ĕ oder ĭ nie- mals abzuwerfen, von zwei anlautenden Consonanten sich nie- mals den ersten zu erlassen?“ In warmer Uebereinstimmung

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Zitationshilfe: Curtius, Georg: Zur Kritik der neuesten Sprachforschung. Leipzig, 1885, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/curtius_sprachforschung_1885/31>, abgerufen am 14.10.2019.