und in noch weit höherem Masse die Erfindung der Dampfmaschine, des Dampfschiffes und der Lokomotive haben ähnlich eingreifend auf das Leben wie das Papier gewirkt; doch auch sie in bedeutend ge- ringerem Grade, da selbst die Ausgestaltung der Lokomotion -- durch welche die Welt (wie früher durch den Buchdruck die Gedanken) einem Jeden zugänglich gemacht worden ist -- nicht direkt, sondern nur indirekt zur Vermehrung des geistigen Besitzes beiträgt. Doch bin ich über- zeugt, dass der aufmerksame Beobachter überall jene selben Anlagen am Werke finden wird, die uns hier, bei der Geschichte des Papiers, so glänzend entgegentraten. Und so mag es denn genügen, wenn an diesem einen Beispiel nicht allein die wichtigste Errungenschaft, sondern zugleich die entscheidenden individuellen Eigenschaften der Industrie in unserer neuen Welt hervorgehoben worden sind.
4. Wirtschaft (vom Lombardischen Städtebund bis zu Robert Owen, dem Begründer der Kooperation).
Vor wenigen Seiten citierte ich den Ausspruch eines namhaftenKooperation und Monopol. Sozialökonomen, wonach es "fast hoffnungslos" sein soll, die wirt- schaftlichen Zustände vergangener Jahrhunderte verstehen zu wollen. Das dort Ausgeführte brauche ich nicht zu wiederholen. Doch hat gerade das Gefühl von der kaleidoskopartigen Mannigfaltigkeit, von der vergänglichen Beschaffenheit dieser Verhältnisse mir die Frage auf- gedrängt, ob trotz alledem sich nicht ein einheitliches Lebenselement auffinden liesse, ich meine irgend ein in den verschiedensten Formen sich stets gleichbleibendes Lebensprinzip unserer ewig veränderlichen wirtschaftlichen Verhältnisse. In den Schriften eines Adam Smith, eines Proudhon, eines Karl Marx, eines John Stuart Mill, eines Carey, eines Stanley Jevons, eines Böhm-Bawerk und Anderer habe ich es nicht ge- funden; denn diese Gelehrten reden (und zwar von ihrem Standpunkte aus mit Recht) von Kapital und Arbeit, Wert, Nachfrage u. s. w., in ähnlicher Weise wie früher die Juristen von Naturrecht und göttlichem Recht, als ob das für sich seiende, übermenschliche Wesenheiten wären, die über uns allen thronen, während es mir im Gegenteil sehr wesent- lich darauf anzukommen scheint, "wer" das Kapital besitzt und "wer" die Arbeit leistet und "wer" einen Wert zu schätzen hat. Luther lehrt: nicht die Werke machen den Menschen, sondern der Mensch macht die
Wirtschaft.
und in noch weit höherem Masse die Erfindung der Dampfmaschine, des Dampfschiffes und der Lokomotive haben ähnlich eingreifend auf das Leben wie das Papier gewirkt; doch auch sie in bedeutend ge- ringerem Grade, da selbst die Ausgestaltung der Lokomotion — durch welche die Welt (wie früher durch den Buchdruck die Gedanken) einem Jeden zugänglich gemacht worden ist — nicht direkt, sondern nur indirekt zur Vermehrung des geistigen Besitzes beiträgt. Doch bin ich über- zeugt, dass der aufmerksame Beobachter überall jene selben Anlagen am Werke finden wird, die uns hier, bei der Geschichte des Papiers, so glänzend entgegentraten. Und so mag es denn genügen, wenn an diesem einen Beispiel nicht allein die wichtigste Errungenschaft, sondern zugleich die entscheidenden individuellen Eigenschaften der Industrie in unserer neuen Welt hervorgehoben worden sind.
4. Wirtschaft (vom Lombardischen Städtebund bis zu Robert Owen, dem Begründer der Kooperation).
Vor wenigen Seiten citierte ich den Ausspruch eines namhaftenKooperation und Monopol. Sozialökonomen, wonach es »fast hoffnungslos« sein soll, die wirt- schaftlichen Zustände vergangener Jahrhunderte verstehen zu wollen. Das dort Ausgeführte brauche ich nicht zu wiederholen. Doch hat gerade das Gefühl von der kaleidoskopartigen Mannigfaltigkeit, von der vergänglichen Beschaffenheit dieser Verhältnisse mir die Frage auf- gedrängt, ob trotz alledem sich nicht ein einheitliches Lebenselement auffinden liesse, ich meine irgend ein in den verschiedensten Formen sich stets gleichbleibendes Lebensprinzip unserer ewig veränderlichen wirtschaftlichen Verhältnisse. In den Schriften eines Adam Smith, eines Proudhon, eines Karl Marx, eines John Stuart Mill, eines Carey, eines Stanley Jevons, eines Böhm-Bawerk und Anderer habe ich es nicht ge- funden; denn diese Gelehrten reden (und zwar von ihrem Standpunkte aus mit Recht) von Kapital und Arbeit, Wert, Nachfrage u. s. w., in ähnlicher Weise wie früher die Juristen von Naturrecht und göttlichem Recht, als ob das für sich seiende, übermenschliche Wesenheiten wären, die über uns allen thronen, während es mir im Gegenteil sehr wesent- lich darauf anzukommen scheint, »wer« das Kapital besitzt und »wer« die Arbeit leistet und »wer« einen Wert zu schätzen hat. Luther lehrt: nicht die Werke machen den Menschen, sondern der Mensch macht die
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und in noch weit höherem Masse die Erfindung der Dampfmaschine,
des Dampfschiffes und der Lokomotive haben ähnlich eingreifend auf
das Leben wie das Papier gewirkt; doch auch sie in bedeutend ge-
ringerem Grade, da selbst die Ausgestaltung der Lokomotion — durch
welche die Welt (wie früher durch den Buchdruck die Gedanken) einem
Jeden zugänglich gemacht worden ist — nicht direkt, sondern nur indirekt
zur Vermehrung des geistigen Besitzes beiträgt. Doch bin ich über-
zeugt, dass der aufmerksame Beobachter überall jene selben Anlagen
am Werke finden wird, die uns hier, bei der Geschichte des Papiers,
so glänzend entgegentraten. Und so mag es denn genügen, wenn an
diesem einen Beispiel nicht allein die wichtigste Errungenschaft, sondern
zugleich die entscheidenden individuellen Eigenschaften der Industrie
in unserer neuen Welt hervorgehoben worden sind.
4. Wirtschaft (vom Lombardischen Städtebund bis zu Robert Owen,
dem Begründer der Kooperation).
Vor wenigen Seiten citierte ich den Ausspruch eines namhaften
Sozialökonomen, wonach es »fast hoffnungslos« sein soll, die wirt-
schaftlichen Zustände vergangener Jahrhunderte verstehen zu wollen.
Das dort Ausgeführte brauche ich nicht zu wiederholen. Doch hat
gerade das Gefühl von der kaleidoskopartigen Mannigfaltigkeit, von
der vergänglichen Beschaffenheit dieser Verhältnisse mir die Frage auf-
gedrängt, ob trotz alledem sich nicht ein einheitliches Lebenselement
auffinden liesse, ich meine irgend ein in den verschiedensten Formen
sich stets gleichbleibendes Lebensprinzip unserer ewig veränderlichen
wirtschaftlichen Verhältnisse. In den Schriften eines Adam Smith, eines
Proudhon, eines Karl Marx, eines John Stuart Mill, eines Carey, eines
Stanley Jevons, eines Böhm-Bawerk und Anderer habe ich es nicht ge-
funden; denn diese Gelehrten reden (und zwar von ihrem Standpunkte
aus mit Recht) von Kapital und Arbeit, Wert, Nachfrage u. s. w., in
ähnlicher Weise wie früher die Juristen von Naturrecht und göttlichem
Recht, als ob das für sich seiende, übermenschliche Wesenheiten wären,
die über uns allen thronen, während es mir im Gegenteil sehr wesent-
lich darauf anzukommen scheint, »wer« das Kapital besitzt und »wer«
die Arbeit leistet und »wer« einen Wert zu schätzen hat. Luther lehrt:
nicht die Werke machen den Menschen, sondern der Mensch macht die
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und Monopol.
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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. 821. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/300>, abgerufen am 27.02.2025.
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