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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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die Anregung zu seiner großen Arbeit empfangen und gleich1. Abschnitt.
nach der Heimkehr dieselbe begonnen habe; allein wie
Manche unter den 200,000 Rompilgern jenes Jahres
mögen ihm an Begabung und Richtung ähnlich gewesen
sein und haben doch die Geschichte ihrer Städte nicht ge-
schrieben! Denn nicht Jeder konnte so trostvoll beifügen:
"Rom ist im Sinken, meine Vaterstadt aber im Aufsteigen
und zur Ausführung großer Dinge bereit, und darum habe
ich ihre ganze Vergangenheit aufzeichnen wollen und gedenke
damit fortzufahren bis auf die Gegenwart und so weit ich
noch die Ereignisse erleben werde." Und außer dem Zeug-
niß von seinem Lebensgange erreichte Florenz durch seine
Geschichtschreiber noch etwas Weiteres: einen größeren Ruhm
als irgend ein anderer Staat von Italien 1).

Nicht die Geschichte dieses denkwürdigen Staates, nurObjectives
politisches Be-
wußtsein,

einige Andeutungen über die geistige Freiheit und Objecti-
vität, welche durch diese Geschichte in den Florentinern
wach geworden, sind hier unsere Aufgabe.

Um das Jahr 1300 beschrieb Dino Compagni die
städtischen Kämpfe seiner Tage. Die politische Lage der
Stadt, die innern Triebfedern der Parteien, die Charactere
der Führer, genug das ganze Gewebe von nähern und ent-
ferntern Ursachen und Wirkungen sind hier so geschildert,
daß man die allgemeine Superiorität des florentinischen Ur-
theilens und Schilderns mit Händen greift. Und das
größte Opfer dieser Krisen, Dante Alighieri, welch ein Po-
litiker, gereift durch Heimath und Exil! Er hat den Hohn
über das beständige Aendern und Experimentiren an der
Verfassung in eherne Terzinen gegossen 2), welche sprich-
wörtlich bleiben werden wo irgend Aehnliches vorkommen
will; er hat seine Heimath mit Trotz und mit Sehnsucht
angeredet, daß den Florentinern das Herz beben mußte.

1) Dieß schon um 1470 constatirt bei Vespasiano Fiorent. p. 554.
2) Purgatorio VI, Ende.

die Anregung zu ſeiner großen Arbeit empfangen und gleich1. Abſchnitt.
nach der Heimkehr dieſelbe begonnen habe; allein wie
Manche unter den 200,000 Rompilgern jenes Jahres
mögen ihm an Begabung und Richtung ähnlich geweſen
ſein und haben doch die Geſchichte ihrer Städte nicht ge-
ſchrieben! Denn nicht Jeder konnte ſo troſtvoll beifügen:
„Rom iſt im Sinken, meine Vaterſtadt aber im Aufſteigen
und zur Ausführung großer Dinge bereit, und darum habe
ich ihre ganze Vergangenheit aufzeichnen wollen und gedenke
damit fortzufahren bis auf die Gegenwart und ſo weit ich
noch die Ereigniſſe erleben werde.“ Und außer dem Zeug-
niß von ſeinem Lebensgange erreichte Florenz durch ſeine
Geſchichtſchreiber noch etwas Weiteres: einen größeren Ruhm
als irgend ein anderer Staat von Italien 1).

Nicht die Geſchichte dieſes denkwürdigen Staates, nurObjectives
politiſches Be-
wußtſein,

einige Andeutungen über die geiſtige Freiheit und Objecti-
vität, welche durch dieſe Geſchichte in den Florentinern
wach geworden, ſind hier unſere Aufgabe.

Um das Jahr 1300 beſchrieb Dino Compagni die
ſtädtiſchen Kämpfe ſeiner Tage. Die politiſche Lage der
Stadt, die innern Triebfedern der Parteien, die Charactere
der Führer, genug das ganze Gewebe von nähern und ent-
ferntern Urſachen und Wirkungen ſind hier ſo geſchildert,
daß man die allgemeine Superiorität des florentiniſchen Ur-
theilens und Schilderns mit Händen greift. Und das
größte Opfer dieſer Kriſen, Dante Alighieri, welch ein Po-
litiker, gereift durch Heimath und Exil! Er hat den Hohn
über das beſtändige Aendern und Experimentiren an der
Verfaſſung in eherne Terzinen gegoſſen 2), welche ſprich-
wörtlich bleiben werden wo irgend Aehnliches vorkommen
will; er hat ſeine Heimath mit Trotz und mit Sehnſucht
angeredet, daß den Florentinern das Herz beben mußte.

1) Dieß ſchon um 1470 conſtatirt bei Vespaſiano Fiorent. p. 554.
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[75/0085] die Anregung zu ſeiner großen Arbeit empfangen und gleich nach der Heimkehr dieſelbe begonnen habe; allein wie Manche unter den 200,000 Rompilgern jenes Jahres mögen ihm an Begabung und Richtung ähnlich geweſen ſein und haben doch die Geſchichte ihrer Städte nicht ge- ſchrieben! Denn nicht Jeder konnte ſo troſtvoll beifügen: „Rom iſt im Sinken, meine Vaterſtadt aber im Aufſteigen und zur Ausführung großer Dinge bereit, und darum habe ich ihre ganze Vergangenheit aufzeichnen wollen und gedenke damit fortzufahren bis auf die Gegenwart und ſo weit ich noch die Ereigniſſe erleben werde.“ Und außer dem Zeug- niß von ſeinem Lebensgange erreichte Florenz durch ſeine Geſchichtſchreiber noch etwas Weiteres: einen größeren Ruhm als irgend ein anderer Staat von Italien 1). 1. Abſchnitt. Nicht die Geſchichte dieſes denkwürdigen Staates, nur einige Andeutungen über die geiſtige Freiheit und Objecti- vität, welche durch dieſe Geſchichte in den Florentinern wach geworden, ſind hier unſere Aufgabe. Objectives politiſches Be- wußtſein, Um das Jahr 1300 beſchrieb Dino Compagni die ſtädtiſchen Kämpfe ſeiner Tage. Die politiſche Lage der Stadt, die innern Triebfedern der Parteien, die Charactere der Führer, genug das ganze Gewebe von nähern und ent- ferntern Urſachen und Wirkungen ſind hier ſo geſchildert, daß man die allgemeine Superiorität des florentiniſchen Ur- theilens und Schilderns mit Händen greift. Und das größte Opfer dieſer Kriſen, Dante Alighieri, welch ein Po- litiker, gereift durch Heimath und Exil! Er hat den Hohn über das beſtändige Aendern und Experimentiren an der Verfaſſung in eherne Terzinen gegoſſen 2), welche ſprich- wörtlich bleiben werden wo irgend Aehnliches vorkommen will; er hat ſeine Heimath mit Trotz und mit Sehnſucht angeredet, daß den Florentinern das Herz beben mußte. 1) Dieß ſchon um 1470 conſtatirt bei Vespaſiano Fiorent. p. 554. 2) Purgatorio VI, Ende.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 75. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/85>, abgerufen am 24.09.2020.