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Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

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Sodann zeigte sich für das Papstthum, sobald es ein-1. Abschnitt.
mal tief im Leiden war, eine Sympathie theils politischerVerhältniß zu
Carl V.

theils kirchlicher Art. Die Könige konnten nicht dulden,
daß einer von ihnen sich ein besonderes Kerkermeister-Amt
über den Papst anmaßte und schlossen u. a. zu dessen Be-
freiung den Vertrag von Amiens (18. Aug. 1527). Sie
beuteten damit wenigstens die Gehässigkeit aus, welche auf
der That der kaiserlichen Truppen ruhte. Zugleich aber
kam der Kaiser in Spanien selbst empfindlich ins Gedränge,
indem seine Prälaten und Granden ihm die nachdrücklichsten
Vorstellungen machten so oft sie ihn zu sehen bekamen.
Als eine große allgemeine Aufwartung von Geistlichen und
Weltlichen in Trauerkleidern bevorstand, gerieth Carl in
Sorgen, es möchte daraus etwas Gefährliches entstehen in
der Art des vor wenigen Jahren gebändigten Comunidaden-
Aufruhrs; die Sache wurde untersagt 1). Er hätte nicht
nur die Mißhandlung des Papstes auf keine Weise ver-
längern dürfen, sondern es war, abgesehen von aller aus-
wärtigen Politik, die stärkste Nothwendigkeit für ihn vor-
handen, sich mit dem furchtbar gekränkten Papstthum zu
versöhnen. Denn auf die Stimmung Deutschlands, welche
ihm wohl einen andern Weg gewiesen hätte, wollte er sich
so wenig stützen als auf die deutschen Verhältnisse über-
haupt. Es ist auch möglich, daß er sich, wie ein Venezianer
meint, durch die Erinnerung an die Verheerung Roms in
seinem Gewissen beschwert fand 2), und deßhalb jene SühneDas Sühngeld.
beschleunigte, welche besiegelt werden mußte durch die blei-
bende Unterwerfung der Florentiner unter das Haus des
Papstes, die Medici. Der Nepot und neue Herzog, Alessandro
Medici, wird vermählt mit der natürlichen Tochter des
Kaisers.

1) Lettere di principi, I, 72. Castiglione an den Papst, Burgos
10. Dec. 1527.
2) Tommaso Gar, relaz. della corte di Roma I, 299.

Sodann zeigte ſich für das Papſtthum, ſobald es ein-1. Abſchnitt.
mal tief im Leiden war, eine Sympathie theils politiſcherVerhältniß zu
Carl V.

theils kirchlicher Art. Die Könige konnten nicht dulden,
daß einer von ihnen ſich ein beſonderes Kerkermeiſter-Amt
über den Papſt anmaßte und ſchloſſen u. a. zu deſſen Be-
freiung den Vertrag von Amiens (18. Aug. 1527). Sie
beuteten damit wenigſtens die Gehäſſigkeit aus, welche auf
der That der kaiſerlichen Truppen ruhte. Zugleich aber
kam der Kaiſer in Spanien ſelbſt empfindlich ins Gedränge,
indem ſeine Prälaten und Granden ihm die nachdrücklichſten
Vorſtellungen machten ſo oft ſie ihn zu ſehen bekamen.
Als eine große allgemeine Aufwartung von Geiſtlichen und
Weltlichen in Trauerkleidern bevorſtand, gerieth Carl in
Sorgen, es möchte daraus etwas Gefährliches entſtehen in
der Art des vor wenigen Jahren gebändigten Comunidaden-
Aufruhrs; die Sache wurde unterſagt 1). Er hätte nicht
nur die Mißhandlung des Papſtes auf keine Weiſe ver-
längern dürfen, ſondern es war, abgeſehen von aller aus-
wärtigen Politik, die ſtärkſte Nothwendigkeit für ihn vor-
handen, ſich mit dem furchtbar gekränkten Papſtthum zu
verſöhnen. Denn auf die Stimmung Deutſchlands, welche
ihm wohl einen andern Weg gewieſen hätte, wollte er ſich
ſo wenig ſtützen als auf die deutſchen Verhältniſſe über-
haupt. Es iſt auch möglich, daß er ſich, wie ein Venezianer
meint, durch die Erinnerung an die Verheerung Roms in
ſeinem Gewiſſen beſchwert fand 2), und deßhalb jene SühneDas Sühngeld.
beſchleunigte, welche beſiegelt werden mußte durch die blei-
bende Unterwerfung der Florentiner unter das Haus des
Papſtes, die Medici. Der Nepot und neue Herzog, Aleſſandro
Medici, wird vermählt mit der natürlichen Tochter des
Kaiſers.

1) Lettere di principi, I, 72. Caſtiglione an den Papſt, Burgos
10. Dec. 1527.
2) Tommaso Gar, relaz. della corte di Roma I, 299.
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[127/0137] Sodann zeigte ſich für das Papſtthum, ſobald es ein- mal tief im Leiden war, eine Sympathie theils politiſcher theils kirchlicher Art. Die Könige konnten nicht dulden, daß einer von ihnen ſich ein beſonderes Kerkermeiſter-Amt über den Papſt anmaßte und ſchloſſen u. a. zu deſſen Be- freiung den Vertrag von Amiens (18. Aug. 1527). Sie beuteten damit wenigſtens die Gehäſſigkeit aus, welche auf der That der kaiſerlichen Truppen ruhte. Zugleich aber kam der Kaiſer in Spanien ſelbſt empfindlich ins Gedränge, indem ſeine Prälaten und Granden ihm die nachdrücklichſten Vorſtellungen machten ſo oft ſie ihn zu ſehen bekamen. Als eine große allgemeine Aufwartung von Geiſtlichen und Weltlichen in Trauerkleidern bevorſtand, gerieth Carl in Sorgen, es möchte daraus etwas Gefährliches entſtehen in der Art des vor wenigen Jahren gebändigten Comunidaden- Aufruhrs; die Sache wurde unterſagt 1). Er hätte nicht nur die Mißhandlung des Papſtes auf keine Weiſe ver- längern dürfen, ſondern es war, abgeſehen von aller aus- wärtigen Politik, die ſtärkſte Nothwendigkeit für ihn vor- handen, ſich mit dem furchtbar gekränkten Papſtthum zu verſöhnen. Denn auf die Stimmung Deutſchlands, welche ihm wohl einen andern Weg gewieſen hätte, wollte er ſich ſo wenig ſtützen als auf die deutſchen Verhältniſſe über- haupt. Es iſt auch möglich, daß er ſich, wie ein Venezianer meint, durch die Erinnerung an die Verheerung Roms in ſeinem Gewiſſen beſchwert fand 2), und deßhalb jene Sühne beſchleunigte, welche beſiegelt werden mußte durch die blei- bende Unterwerfung der Florentiner unter das Haus des Papſtes, die Medici. Der Nepot und neue Herzog, Aleſſandro Medici, wird vermählt mit der natürlichen Tochter des Kaiſers. 1. Abſchnitt. Verhältniß zu Carl V. Das Sühngeld. 1) Lettere di principi, I, 72. Caſtiglione an den Papſt, Burgos 10. Dec. 1527. 2) Tommaso Gar, relaz. della corte di Roma I, 299.

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Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 127. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/137>, abgerufen am 25.09.2020.