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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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Feuersbrünste. XV.
so liess General Staveley ein Stück der südlichen Stadtmauer ein-
reissen; der kürzeste Weg führte durch diese Bresche. Nach eini-
gen Tagen erschien eine Deputation bei dem General: er gebe durch
Niederlegung der Mauer die Stadt der Vernichtung preis; denn die
Genien des Feuers stürmten aus Süden heran und verzehrten Alles,
was auf der graden Linie ihres Weges läge. -- In der That haben
alle südlich gewendeten Stadtthore in China keinen directen Zu-
gang von dieser Seite; immer ist ein Hof vorgebaut, in den man
seitlich von Osten oder Westen einbiegt, so dass der Weg eine
Schlangenlinie beschreibt. Nun waren unmittelbar nach Nieder-
legung jenes Mauerstückes sieben Feuersbrünste im Innern der Stadt
ausgebrochen, und, des alten Aberglaubens eingedenk, gerieth die
Bevölkerung in arge Bestürzung. General Staveley wurde gebeten,
wenigstens einen Hof mit seitlichem Eingang vor die Oeffnung bauen
zu lassen, überliess das aber den Chinesen, die sich nach Belieben
schützen möchten.

Feuersbrünste gab es bei der starken Hitze vielfach. So
gingen in der Nacht zum 7. Mai die französischen Artillerie-Ställe
jenseit des Flusses in Flammen auf. Obwohl Hülfe gleich zur
Hand war, verbrannten neunundzwanzig Pferde; andere, die man
loskoppelte, rasten scheu durch die Gassen und rannten viele Chi-
nesen um. Zum Glück war die Munition der beiden Batterieen, bis
dahin in einem Hause neben den Ställen untergebracht, das gleich-
falls abbrannte, den Tag vorher zum Transport nach Ta-ku in
eine Dschunke verladen worden; so entging die Stadt einer grossen
Gefahr. -- Am 12. Juni Mittags brach Feuer im Messlocal des
englischen 67. Regimentes aus und wuchs so schnell, dass weder
Tischgeräth noch Vorräthe zu retten waren. Das grosse Matten-
dach über dem Hofe brannte, von der Sonne ausgedörrt, wie Zun-
der lichterloh und strahlte solche Hitze, dass binnen einer halben
Stunde alle umliegenden Gebäude, -- die Mess- und Leseräume,
Küchen und Vorrathshäuser -- Aschenhaufen wurden. Das Offi-
ciercorps verlor dabei herrliche Tafelaufsätze aus der Beute des
Sommerpalastes. -- Die Chinesen, die grosse Passion für Feuers-
brünste haben, erschienen zum Löschen in dichten Haufen und ar-
beiteten tapfer, lärmten aber noch mehr. Es geht dabei sehr lustig
zu: vor jeder von zwei Mann getragenen Feuerspritze tanzen ein
Dutzend Burschen in buntester Tracht, die rasend auf ihre
Gongs schlagen, rothe Fahnen schwenken und brüllend die wil-

Feuersbrünste. XV.
so liess General Staveley ein Stück der südlichen Stadtmauer ein-
reissen; der kürzeste Weg führte durch diese Bresche. Nach eini-
gen Tagen erschien eine Deputation bei dem General: er gebe durch
Niederlegung der Mauer die Stadt der Vernichtung preis; denn die
Genien des Feuers stürmten aus Süden heran und verzehrten Alles,
was auf der graden Linie ihres Weges läge. — In der That haben
alle südlich gewendeten Stadtthore in China keinen directen Zu-
gang von dieser Seite; immer ist ein Hof vorgebaut, in den man
seitlich von Osten oder Westen einbiegt, so dass der Weg eine
Schlangenlinie beschreibt. Nun waren unmittelbar nach Nieder-
legung jenes Mauerstückes sieben Feuersbrünste im Innern der Stadt
ausgebrochen, und, des alten Aberglaubens eingedenk, gerieth die
Bevölkerung in arge Bestürzung. General Staveley wurde gebeten,
wenigstens einen Hof mit seitlichem Eingang vor die Oeffnung bauen
zu lassen, überliess das aber den Chinesen, die sich nach Belieben
schützen möchten.

Feuersbrünste gab es bei der starken Hitze vielfach. So
gingen in der Nacht zum 7. Mai die französischen Artillerie-Ställe
jenseit des Flusses in Flammen auf. Obwohl Hülfe gleich zur
Hand war, verbrannten neunundzwanzig Pferde; andere, die man
loskoppelte, rasten scheu durch die Gassen und rannten viele Chi-
nesen um. Zum Glück war die Munition der beiden Batterieen, bis
dahin in einem Hause neben den Ställen untergebracht, das gleich-
falls abbrannte, den Tag vorher zum Transport nach Ta-ku in
eine Dschunke verladen worden; so entging die Stadt einer grossen
Gefahr. — Am 12. Juni Mittags brach Feuer im Messlocal des
englischen 67. Regimentes aus und wuchs so schnell, dass weder
Tischgeräth noch Vorräthe zu retten waren. Das grosse Matten-
dach über dem Hofe brannte, von der Sonne ausgedörrt, wie Zun-
der lichterloh und strahlte solche Hitze, dass binnen einer halben
Stunde alle umliegenden Gebäude, — die Mess- und Leseräume,
Küchen und Vorrathshäuser — Aschenhaufen wurden. Das Offi-
ciercorps verlor dabei herrliche Tafelaufsätze aus der Beute des
Sommerpalastes. — Die Chinesen, die grosse Passion für Feuers-
brünste haben, erschienen zum Löschen in dichten Haufen und ar-
beiteten tapfer, lärmten aber noch mehr. Es geht dabei sehr lustig
zu: vor jeder von zwei Mann getragenen Feuerspritze tanzen ein
Dutzend Burschen in buntester Tracht, die rasend auf ihre
Gongs schlagen, rothe Fahnen schwenken und brüllend die wil-

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[30/0044] Feuersbrünste. XV. so liess General Staveley ein Stück der südlichen Stadtmauer ein- reissen; der kürzeste Weg führte durch diese Bresche. Nach eini- gen Tagen erschien eine Deputation bei dem General: er gebe durch Niederlegung der Mauer die Stadt der Vernichtung preis; denn die Genien des Feuers stürmten aus Süden heran und verzehrten Alles, was auf der graden Linie ihres Weges läge. — In der That haben alle südlich gewendeten Stadtthore in China keinen directen Zu- gang von dieser Seite; immer ist ein Hof vorgebaut, in den man seitlich von Osten oder Westen einbiegt, so dass der Weg eine Schlangenlinie beschreibt. Nun waren unmittelbar nach Nieder- legung jenes Mauerstückes sieben Feuersbrünste im Innern der Stadt ausgebrochen, und, des alten Aberglaubens eingedenk, gerieth die Bevölkerung in arge Bestürzung. General Staveley wurde gebeten, wenigstens einen Hof mit seitlichem Eingang vor die Oeffnung bauen zu lassen, überliess das aber den Chinesen, die sich nach Belieben schützen möchten. Feuersbrünste gab es bei der starken Hitze vielfach. So gingen in der Nacht zum 7. Mai die französischen Artillerie-Ställe jenseit des Flusses in Flammen auf. Obwohl Hülfe gleich zur Hand war, verbrannten neunundzwanzig Pferde; andere, die man loskoppelte, rasten scheu durch die Gassen und rannten viele Chi- nesen um. Zum Glück war die Munition der beiden Batterieen, bis dahin in einem Hause neben den Ställen untergebracht, das gleich- falls abbrannte, den Tag vorher zum Transport nach Ta-ku in eine Dschunke verladen worden; so entging die Stadt einer grossen Gefahr. — Am 12. Juni Mittags brach Feuer im Messlocal des englischen 67. Regimentes aus und wuchs so schnell, dass weder Tischgeräth noch Vorräthe zu retten waren. Das grosse Matten- dach über dem Hofe brannte, von der Sonne ausgedörrt, wie Zun- der lichterloh und strahlte solche Hitze, dass binnen einer halben Stunde alle umliegenden Gebäude, — die Mess- und Leseräume, Küchen und Vorrathshäuser — Aschenhaufen wurden. Das Offi- ciercorps verlor dabei herrliche Tafelaufsätze aus der Beute des Sommerpalastes. — Die Chinesen, die grosse Passion für Feuers- brünste haben, erschienen zum Löschen in dichten Haufen und ar- beiteten tapfer, lärmten aber noch mehr. Es geht dabei sehr lustig zu: vor jeder von zwei Mann getragenen Feuerspritze tanzen ein Dutzend Burschen in buntester Tracht, die rasend auf ihre Gongs schlagen, rothe Fahnen schwenken und brüllend die wil-

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/44>, abgerufen am 17.09.2019.