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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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Trödelbuden. XV.
ein schöner bis zu den Knieen herabhangender Zopf, gleichviel ob
falsch oder echt, ist der Stolz jedes Chinesen.

Uns fesselten nur die Trödelbuden, wo Gegenstände von
Bronce, Lack, Porcelan, Glasfluss, Email, Jade und anderem kost-
barem Stein zu Kauf standen. Manchmal fand man werthvolle
Stücke; die Anhäufung von Gegenständen aus den verschiedensten
Blütheperioden war lehrreich für die Kenntniss des chinesischen
Kunsthandwerks. Da standen neben einander Gefässe aus der Zeit
der älteren Dynastieen, der Min und der Tsin, jede Periode mit
deutlich ausgeprägtem Typus der Form, Zeichnung und Malerei.
In grosser Menge waren die früher gebräuchlichen Mandarinen-
Scepter von grünem Jade, Sandelholz oder rothem Lack vorhan-
den, viele von ausgesuchter Arbeit. Theekannen von Thon, Por-
celan, Metall spielten auch hier eine Rolle; die Broncen, meist
fratzenhafte Thiergestalten und Götzen, Rauch- und Kohlengefässe,
kommen an Schönheit weder der Form und Arbeit, noch des Me-
talles den japanischen gleich. Von Jade, dem kostbaren Stein aus
Turkestan, welchen der härteste Stahl nicht ritzt, sahen wir voll-
endete Arbeiten, die jeder Sammlung würdig, aber sehr theuer
waren; der Werth richtet sich in China vorzüglich nach der Farbe,
welche milchig weiss, gelblich, hell- oder dunkelgrün ist; am mei-
sten schätzt man den Farbenton frisch angeschnittenen Speckes.
Aus diesem Stein und aus Porcelan gefertigt standen in jeder Trö-
delbude Hunderte kleiner Fläschchen von der Länge und Dicke eines
Daumens: das sind die chinesischen Schnupftabaksdosen, in denen
grosser Luxus getrieben wird Sie veranlassten in neuerer Zeit
einige Aufregung unter den Aegyptologen, da Alterthumshändler
in Kairo solche unter dem Vorgeben verkauften, dass sie aus an-
tiken Gräbern stammten. Nun lässt sich aber der viel neuere Ur-
sprung dieser Gefässe durch Vergleichung nachweisen, und es
möchte schwerlich gültiges Zeugniss beizubringen sein, dass deren
wirklich in Gräbern gefunden wurden. Der Verkehr beider Länder
in uralter Zeit, den man daraus folgern wollte, ist gewiss eine Fa-
bel; und wenn solche Fläschchen vor Einführung des Tabaks
in China anderen Zwecken dienten, so mögen deren durch ara-
bische Reisende nach Aegypten gelangt sein, aber nicht früher.

Wir sahen Porcelan, auch Craquelee der verschiedensten Art:
da waren ältere Gefässe von einfacher, fast strenger Form mit
steifer markiger Zeichnung, italienischem Trecento ähnlich; dann

Trödelbuden. XV.
ein schöner bis zu den Knieen herabhangender Zopf, gleichviel ob
falsch oder echt, ist der Stolz jedes Chinesen.

Uns fesselten nur die Trödelbuden, wo Gegenstände von
Bronce, Lack, Porcelan, Glasfluss, Email, Jade und anderem kost-
barem Stein zu Kauf standen. Manchmal fand man werthvolle
Stücke; die Anhäufung von Gegenständen aus den verschiedensten
Blütheperioden war lehrreich für die Kenntniss des chinesischen
Kunsthandwerks. Da standen neben einander Gefässe aus der Zeit
der älteren Dynastieen, der Miṅ und der Tsiṅ, jede Periode mit
deutlich ausgeprägtem Typus der Form, Zeichnung und Malerei.
In grosser Menge waren die früher gebräuchlichen Mandarinen-
Scepter von grünem Jade, Sandelholz oder rothem Lack vorhan-
den, viele von ausgesuchter Arbeit. Theekannen von Thon, Por-
celan, Metall spielten auch hier eine Rolle; die Broncen, meist
fratzenhafte Thiergestalten und Götzen, Rauch- und Kohlengefässe,
kommen an Schönheit weder der Form und Arbeit, noch des Me-
talles den japanischen gleich. Von Jade, dem kostbaren Stein aus
Turkestan, welchen der härteste Stahl nicht ritzt, sahen wir voll-
endete Arbeiten, die jeder Sammlung würdig, aber sehr theuer
waren; der Werth richtet sich in China vorzüglich nach der Farbe,
welche milchig weiss, gelblich, hell- oder dunkelgrün ist; am mei-
sten schätzt man den Farbenton frisch angeschnittenen Speckes.
Aus diesem Stein und aus Porcelan gefertigt standen in jeder Trö-
delbude Hunderte kleiner Fläschchen von der Länge und Dicke eines
Daumens: das sind die chinesischen Schnupftabaksdosen, in denen
grosser Luxus getrieben wird Sie veranlassten in neuerer Zeit
einige Aufregung unter den Aegyptologen, da Alterthumshändler
in Kaïro solche unter dem Vorgeben verkauften, dass sie aus an-
tiken Gräbern stammten. Nun lässt sich aber der viel neuere Ur-
sprung dieser Gefässe durch Vergleichung nachweisen, und es
möchte schwerlich gültiges Zeugniss beizubringen sein, dass deren
wirklich in Gräbern gefunden wurden. Der Verkehr beider Länder
in uralter Zeit, den man daraus folgern wollte, ist gewiss eine Fa-
bel; und wenn solche Fläschchen vor Einführung des Tabaks
in China anderen Zwecken dienten, so mögen deren durch ara-
bische Reisende nach Aegypten gelangt sein, aber nicht früher.

Wir sahen Porcelan, auch Craquelée der verschiedensten Art:
da waren ältere Gefässe von einfacher, fast strenger Form mit
steifer markiger Zeichnung, italienischem Trecento ähnlich; dann

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[26/0040] Trödelbuden. XV. ein schöner bis zu den Knieen herabhangender Zopf, gleichviel ob falsch oder echt, ist der Stolz jedes Chinesen. Uns fesselten nur die Trödelbuden, wo Gegenstände von Bronce, Lack, Porcelan, Glasfluss, Email, Jade und anderem kost- barem Stein zu Kauf standen. Manchmal fand man werthvolle Stücke; die Anhäufung von Gegenständen aus den verschiedensten Blütheperioden war lehrreich für die Kenntniss des chinesischen Kunsthandwerks. Da standen neben einander Gefässe aus der Zeit der älteren Dynastieen, der Miṅ und der Tsiṅ, jede Periode mit deutlich ausgeprägtem Typus der Form, Zeichnung und Malerei. In grosser Menge waren die früher gebräuchlichen Mandarinen- Scepter von grünem Jade, Sandelholz oder rothem Lack vorhan- den, viele von ausgesuchter Arbeit. Theekannen von Thon, Por- celan, Metall spielten auch hier eine Rolle; die Broncen, meist fratzenhafte Thiergestalten und Götzen, Rauch- und Kohlengefässe, kommen an Schönheit weder der Form und Arbeit, noch des Me- talles den japanischen gleich. Von Jade, dem kostbaren Stein aus Turkestan, welchen der härteste Stahl nicht ritzt, sahen wir voll- endete Arbeiten, die jeder Sammlung würdig, aber sehr theuer waren; der Werth richtet sich in China vorzüglich nach der Farbe, welche milchig weiss, gelblich, hell- oder dunkelgrün ist; am mei- sten schätzt man den Farbenton frisch angeschnittenen Speckes. Aus diesem Stein und aus Porcelan gefertigt standen in jeder Trö- delbude Hunderte kleiner Fläschchen von der Länge und Dicke eines Daumens: das sind die chinesischen Schnupftabaksdosen, in denen grosser Luxus getrieben wird Sie veranlassten in neuerer Zeit einige Aufregung unter den Aegyptologen, da Alterthumshändler in Kaïro solche unter dem Vorgeben verkauften, dass sie aus an- tiken Gräbern stammten. Nun lässt sich aber der viel neuere Ur- sprung dieser Gefässe durch Vergleichung nachweisen, und es möchte schwerlich gültiges Zeugniss beizubringen sein, dass deren wirklich in Gräbern gefunden wurden. Der Verkehr beider Länder in uralter Zeit, den man daraus folgern wollte, ist gewiss eine Fa- bel; und wenn solche Fläschchen vor Einführung des Tabaks in China anderen Zwecken dienten, so mögen deren durch ara- bische Reisende nach Aegypten gelangt sein, aber nicht früher. Wir sahen Porcelan, auch Craquelée der verschiedensten Art: da waren ältere Gefässe von einfacher, fast strenger Form mit steifer markiger Zeichnung, italienischem Trecento ähnlich; dann

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/40>, abgerufen am 22.09.2019.