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Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.

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Hauptstrasse der Chinesenstadt. XVII.
Jenseit der Marmorbrücke theilt sich die Strasse in zwei Arme, die halb-
kreisförmig den Vorhof des Himmelsthores umfassen: eine Buden-
reihe am Sockel der Mauer wetteifert in prachtvoller Ausstattung
mit den gegenüberliegenden Läden; hier wirkt die Fülle des bunten
phantastischen Zierraths fast verwirrend, aber in seiner willkür-
lichen Anordnung höchst malerisch, In dieser Gegend wohnen die
vornehmsten Trödler, bei welchen manches Prachtstück zu finden
war: Schnitzereien in Holz und Bambus, in Jade, Serpentin, Cor-
nalin und Bergkrystall, Arbeiten von Lack, Bronce, Email und Por-
celan. Vieles stammte aus Yuan-min-yuan, wo chinesische Diebe
die reichste Nachlese hielten. Die Preise waren höher als in Tien
tsin
,
besonders für Raritäten; für eine Schüssel aus der Min-Zeit,
etwa anderthalb Fuss im Durchmesser, auf welcher nur ein Baum-
zweig gemalt war, forderte man 120 Dollars. Es giebt eben in
China sammelnde Liebhaber wie bei uns; zudem verlangten die
Händler immer weit höhere Preise als sie nehmen wollten. Die
Engländer von der Gesandtschaft pflegten nur ein Viertel oder ein
Drittel des Geforderten zu bieten und selten die Hälfte zu zahlen.
Sie hatten aber selbst durch diese Art zu feilschen die Händler
zu übermässigem Fordern getrieben, und gestanden, dass in Läden
der Vorstädte, wo man ihre Art nicht kannte, die Ueberforderungen
nicht ungebührlich waren. Feilschen will jeder chinesische Krämer;
erhält er den genannten Preis, so bereut er unfehlbar keinen höheren
verlangt zu haben. Der Geldwerth der bei den Trödlern in Pe-
kin
angehäuften Schätze muss ansehnlich sein; die kostbarsten Ge-
genstände bewahren sie -- der Diebesgefahr wegen -- in rückwärts
liegenden Gemächern, zu denen man aus dem vorderen Laden über
ein enges Höfchen gelangt; dieses hat eine gitterartige Bedachung
entweder aus starken Latten oder aus Drahtgeflecht, an welchen
Hunderte von Glöckchen -- gegen Diebe hängen. -- Sonderbar
überrascht es, unter den chinesischen Raritäten zuweilen europäische
Fabricate, alte Fernrohre, Jagdflinten, Degen, Pistolen u. s. w. zu
finden; auch Revolver und Enfieldbüchsen, die von der Niederlage
bei Taku 1859 herrühren, sieht man zuweilen. -- Viele der werth-
vollsten Stücke in den Kaufläden waren nicht Eigenthum der
Trödler, sondern von den Besitzern zum Verkauf dort ausgestellt.
In Folge der Invasion der Alliirten und der Flucht des Kaisers ge-
riethen nämlich die vornehmsten Tartaren-Familien, welche ihre
Einkünfte aus den Hofkassen bezogen, in arge Geldnoth, der sie

Hauptstrasse der Chinesenstadt. XVII.
Jenseit der Marmorbrücke theilt sich die Strasse in zwei Arme, die halb-
kreisförmig den Vorhof des Himmelsthores umfassen: eine Buden-
reihe am Sockel der Mauer wetteifert in prachtvoller Ausstattung
mit den gegenüberliegenden Läden; hier wirkt die Fülle des bunten
phantastischen Zierraths fast verwirrend, aber in seiner willkür-
lichen Anordnung höchst malerisch, In dieser Gegend wohnen die
vornehmsten Trödler, bei welchen manches Prachtstück zu finden
war: Schnitzereien in Holz und Bambus, in Jade, Serpentin, Cor-
nalin und Bergkrystall, Arbeiten von Lack, Bronce, Email und Por-
celan. Vieles stammte aus Yuaṅ-miṅ-yuaṅ, wo chinesische Diebe
die reichste Nachlese hielten. Die Preise waren höher als in Tien
tsin
,
besonders für Raritäten; für eine Schüssel aus der Miṅ-Zeit,
etwa anderthalb Fuss im Durchmesser, auf welcher nur ein Baum-
zweig gemalt war, forderte man 120 Dollars. Es giebt eben in
China sammelnde Liebhaber wie bei uns; zudem verlangten die
Händler immer weit höhere Preise als sie nehmen wollten. Die
Engländer von der Gesandtschaft pflegten nur ein Viertel oder ein
Drittel des Geforderten zu bieten und selten die Hälfte zu zahlen.
Sie hatten aber selbst durch diese Art zu feilschen die Händler
zu übermässigem Fordern getrieben, und gestanden, dass in Läden
der Vorstädte, wo man ihre Art nicht kannte, die Ueberforderungen
nicht ungebührlich waren. Feilschen will jeder chinesische Krämer;
erhält er den genannten Preis, so bereut er unfehlbar keinen höheren
verlangt zu haben. Der Geldwerth der bei den Trödlern in Pe-
kiṅ
angehäuften Schätze muss ansehnlich sein; die kostbarsten Ge-
genstände bewahren sie — der Diebesgefahr wegen — in rückwärts
liegenden Gemächern, zu denen man aus dem vorderen Laden über
ein enges Höfchen gelangt; dieses hat eine gitterartige Bedachung
entweder aus starken Latten oder aus Drahtgeflecht, an welchen
Hunderte von Glöckchen — gegen Diebe hängen. — Sonderbar
überrascht es, unter den chinesischen Raritäten zuweilen europäische
Fabricate, alte Fernrohre, Jagdflinten, Degen, Pistolen u. s. w. zu
finden; auch Revolver und Enfieldbüchsen, die von der Niederlage
bei Taku 1859 herrühren, sieht man zuweilen. — Viele der werth-
vollsten Stücke in den Kaufläden waren nicht Eigenthum der
Trödler, sondern von den Besitzern zum Verkauf dort ausgestellt.
In Folge der Invasion der Alliirten und der Flucht des Kaisers ge-
riethen nämlich die vornehmsten Tartaren-Familien, welche ihre
Einkünfte aus den Hofkassen bezogen, in arge Geldnoth, der sie

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[114/0128] Hauptstrasse der Chinesenstadt. XVII. Jenseit der Marmorbrücke theilt sich die Strasse in zwei Arme, die halb- kreisförmig den Vorhof des Himmelsthores umfassen: eine Buden- reihe am Sockel der Mauer wetteifert in prachtvoller Ausstattung mit den gegenüberliegenden Läden; hier wirkt die Fülle des bunten phantastischen Zierraths fast verwirrend, aber in seiner willkür- lichen Anordnung höchst malerisch, In dieser Gegend wohnen die vornehmsten Trödler, bei welchen manches Prachtstück zu finden war: Schnitzereien in Holz und Bambus, in Jade, Serpentin, Cor- nalin und Bergkrystall, Arbeiten von Lack, Bronce, Email und Por- celan. Vieles stammte aus Yuaṅ-miṅ-yuaṅ, wo chinesische Diebe die reichste Nachlese hielten. Die Preise waren höher als in Tien tsin, besonders für Raritäten; für eine Schüssel aus der Miṅ-Zeit, etwa anderthalb Fuss im Durchmesser, auf welcher nur ein Baum- zweig gemalt war, forderte man 120 Dollars. Es giebt eben in China sammelnde Liebhaber wie bei uns; zudem verlangten die Händler immer weit höhere Preise als sie nehmen wollten. Die Engländer von der Gesandtschaft pflegten nur ein Viertel oder ein Drittel des Geforderten zu bieten und selten die Hälfte zu zahlen. Sie hatten aber selbst durch diese Art zu feilschen die Händler zu übermässigem Fordern getrieben, und gestanden, dass in Läden der Vorstädte, wo man ihre Art nicht kannte, die Ueberforderungen nicht ungebührlich waren. Feilschen will jeder chinesische Krämer; erhält er den genannten Preis, so bereut er unfehlbar keinen höheren verlangt zu haben. Der Geldwerth der bei den Trödlern in Pe- kiṅ angehäuften Schätze muss ansehnlich sein; die kostbarsten Ge- genstände bewahren sie — der Diebesgefahr wegen — in rückwärts liegenden Gemächern, zu denen man aus dem vorderen Laden über ein enges Höfchen gelangt; dieses hat eine gitterartige Bedachung entweder aus starken Latten oder aus Drahtgeflecht, an welchen Hunderte von Glöckchen — gegen Diebe hängen. — Sonderbar überrascht es, unter den chinesischen Raritäten zuweilen europäische Fabricate, alte Fernrohre, Jagdflinten, Degen, Pistolen u. s. w. zu finden; auch Revolver und Enfieldbüchsen, die von der Niederlage bei Taku 1859 herrühren, sieht man zuweilen. — Viele der werth- vollsten Stücke in den Kaufläden waren nicht Eigenthum der Trödler, sondern von den Besitzern zum Verkauf dort ausgestellt. In Folge der Invasion der Alliirten und der Flucht des Kaisers ge- riethen nämlich die vornehmsten Tartaren-Familien, welche ihre Einkünfte aus den Hofkassen bezogen, in arge Geldnoth, der sie

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Zitationshilfe: Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873, S. 114. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien04_1873/128>, abgerufen am 17.10.2019.