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Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907.

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des Gaumenreflexes, eines Stigmas der Minderwertigkeit des Nahrungs-
traktes.

Fall der Frau Nadja J. Litt bis vor 4 Jahren an hysterischen
Anfällen, die mit Bewußtlosigkeit einhergingen. Auf der rechten Wange,
in der Höhe der Nasenöffnung, etwa 2 cm seitwärts der Nase, sitzt
ein Naevus pigmentosus. Die Mutter ist vor 2 Monaten wegen eines
Karzinoms des linken Oberkiefers operiert worden. Hier handelt es sich
offenbar um eine segmentäre (siehe später) Minderwertigkeit in der Ge-
gend des Oberkiefers, deren Vorhandensein im Stammbaum sich bei
Mutter und Tochter verrät.

Zum Schlusse will ich noch kurz darauf hinweisen, daß die über-
wiegende Mehrzahl der Karzinome sich an solchen Stellen findet, die
von Freud als erogene Zonen besonders namhaft gemacht und in engste
Beziehung zu den Neurosen gebracht wurden. Es sind dies Mund, After,
Mamma, Genitalsphäre etc. Den Zusammenhang der Neurosen mit min-
derwertigen Organen besprechen wir an anderer Stelle.

In der gleichen Weise dürften sich die anderen Geschwülste der
Hereditätslehre einreihen lassen. Myome habe ich selbst bei Mutter und
Tochter, bei Schwestern vorgefunden. Hält man sich an die obigen
Ausführungen, so wird sich die Minderwertigkeit des Organes im Stamm-
baum häufig nachweisen lassen.

Ich übergehe die ganze Reihe der als hereditär anerkannten Er-
krankungen, muß aber summarisch darauf hinweisen, daß bei einer
großen Zahl derselben von verläßlichen Beobachtern nicht etwa bloß im
Krankheitsherd, sondern auch im Bereich der anscheinend gesund ge-
bliebenen Organteile Veränderungen atrophischer oder hypertrophischer
Natur nachgewiesen worden sind. Man wird derartige Nachweise nicht
unbedingt fordern können. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß
bei der der Vererbung unterworfenen Organminderwertigkeit nicht bloß
ein einziger zum Krankheitsherd prädestinierter Teil des Organes, son-
dern auch angrenzende oder entferntere Bestände des minderwertigen
Organes die Charaktere der Minderwertigkeit aufweisen, rein oder über-
wertig nach Funktion oder Morphologie, welch letztere Erscheinung als
Reaktion des minderwertigen Materiales auf die relativ größeren Lebens-
reize aufzufassen ist. Nun wäre nichts gefehlter, als wenn man sich
darauf steifen wollte, bei einer Untersuchung über das Wesen und den
Umfang der Heredität alle Anomalien der Vorfahren in der gleichen
Weise bei einem der Nachkommen wiederzufinden. Ebenso wie sich die
Heredität an verschiedenen Stellen des Organes geltend machen kann,
wo wir sie dann in der Form einer funktionellen oder morphologischen

des Gaumenreflexes, eines Stigmas der Minderwertigkeit des Nahrungs-
traktes.

Fall der Frau Nadja J. Litt bis vor 4 Jahren an hysterischen
Anfällen, die mit Bewußtlosigkeit einhergingen. Auf der rechten Wange,
in der Höhe der Nasenöffnung, etwa 2 cm seitwärts der Nase, sitzt
ein Naevus pigmentosus. Die Mutter ist vor 2 Monaten wegen eines
Karzinoms des linken Oberkiefers operiert worden. Hier handelt es sich
offenbar um eine segmentäre (siehe später) Minderwertigkeit in der Ge-
gend des Oberkiefers, deren Vorhandensein im Stammbaum sich bei
Mutter und Tochter verrät.

Zum Schlusse will ich noch kurz darauf hinweisen, daß die über-
wiegende Mehrzahl der Karzinome sich an solchen Stellen findet, die
von Freud als erogene Zonen besonders namhaft gemacht und in engste
Beziehung zu den Neurosen gebracht wurden. Es sind dies Mund, After,
Mamma, Genitalsphäre etc. Den Zusammenhang der Neurosen mit min-
derwertigen Organen besprechen wir an anderer Stelle.

In der gleichen Weise dürften sich die anderen Geschwülste der
Hereditätslehre einreihen lassen. Myome habe ich selbst bei Mutter und
Tochter, bei Schwestern vorgefunden. Hält man sich an die obigen
Ausführungen, so wird sich die Minderwertigkeit des Organes im Stamm-
baum häufig nachweisen lassen.

Ich übergehe die ganze Reihe der als hereditär anerkannten Er-
krankungen, muß aber summarisch darauf hinweisen, daß bei einer
großen Zahl derselben von verläßlichen Beobachtern nicht etwa bloß im
Krankheitsherd, sondern auch im Bereich der anscheinend gesund ge-
bliebenen Organteile Veränderungen atrophischer oder hypertrophischer
Natur nachgewiesen worden sind. Man wird derartige Nachweise nicht
unbedingt fordern können. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß
bei der der Vererbung unterworfenen Organminderwertigkeit nicht bloß
ein einziger zum Krankheitsherd prädestinierter Teil des Organes, son-
dern auch angrenzende oder entferntere Bestände des minderwertigen
Organes die Charaktere der Minderwertigkeit aufweisen, rein oder über-
wertig nach Funktion oder Morphologie, welch letztere Erscheinung als
Reaktion des minderwertigen Materiales auf die relativ größeren Lebens-
reize aufzufassen ist. Nun wäre nichts gefehlter, als wenn man sich
darauf steifen wollte, bei einer Untersuchung über das Wesen und den
Umfang der Heredität alle Anomalien der Vorfahren in der gleichen
Weise bei einem der Nachkommen wiederzufinden. Ebenso wie sich die
Heredität an verschiedenen Stellen des Organes geltend machen kann,
wo wir sie dann in der Form einer funktionellen oder morphologischen

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[25/0037] des Gaumenreflexes, eines Stigmas der Minderwertigkeit des Nahrungs- traktes. Fall der Frau Nadja J. Litt bis vor 4 Jahren an hysterischen Anfällen, die mit Bewußtlosigkeit einhergingen. Auf der rechten Wange, in der Höhe der Nasenöffnung, etwa 2 cm seitwärts der Nase, sitzt ein Naevus pigmentosus. Die Mutter ist vor 2 Monaten wegen eines Karzinoms des linken Oberkiefers operiert worden. Hier handelt es sich offenbar um eine segmentäre (siehe später) Minderwertigkeit in der Ge- gend des Oberkiefers, deren Vorhandensein im Stammbaum sich bei Mutter und Tochter verrät. Zum Schlusse will ich noch kurz darauf hinweisen, daß die über- wiegende Mehrzahl der Karzinome sich an solchen Stellen findet, die von Freud als erogene Zonen besonders namhaft gemacht und in engste Beziehung zu den Neurosen gebracht wurden. Es sind dies Mund, After, Mamma, Genitalsphäre etc. Den Zusammenhang der Neurosen mit min- derwertigen Organen besprechen wir an anderer Stelle. In der gleichen Weise dürften sich die anderen Geschwülste der Hereditätslehre einreihen lassen. Myome habe ich selbst bei Mutter und Tochter, bei Schwestern vorgefunden. Hält man sich an die obigen Ausführungen, so wird sich die Minderwertigkeit des Organes im Stamm- baum häufig nachweisen lassen. Ich übergehe die ganze Reihe der als hereditär anerkannten Er- krankungen, muß aber summarisch darauf hinweisen, daß bei einer großen Zahl derselben von verläßlichen Beobachtern nicht etwa bloß im Krankheitsherd, sondern auch im Bereich der anscheinend gesund ge- bliebenen Organteile Veränderungen atrophischer oder hypertrophischer Natur nachgewiesen worden sind. Man wird derartige Nachweise nicht unbedingt fordern können. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß bei der der Vererbung unterworfenen Organminderwertigkeit nicht bloß ein einziger zum Krankheitsherd prädestinierter Teil des Organes, son- dern auch angrenzende oder entferntere Bestände des minderwertigen Organes die Charaktere der Minderwertigkeit aufweisen, rein oder über- wertig nach Funktion oder Morphologie, welch letztere Erscheinung als Reaktion des minderwertigen Materiales auf die relativ größeren Lebens- reize aufzufassen ist. Nun wäre nichts gefehlter, als wenn man sich darauf steifen wollte, bei einer Untersuchung über das Wesen und den Umfang der Heredität alle Anomalien der Vorfahren in der gleichen Weise bei einem der Nachkommen wiederzufinden. Ebenso wie sich die Heredität an verschiedenen Stellen des Organes geltend machen kann, wo wir sie dann in der Form einer funktionellen oder morphologischen

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Zitationshilfe: Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Berlin u. a., 1907, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/adler_studie_1907/37>, abgerufen am 30.09.2020.